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Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:

Mit Detective Meyer Landsman, Polizist im Morddezernat des jüdischen Distrikts Sitka in Alaska, geht es bergab: Seine Ehe ist am Ende, er trinkt, beruflich steckt er in einer Sackgasse. Und nun wurde in dem schäbigen Hotel, in dem er neuerdings wohnt, auch noch ein Mord begangen. Landsman soll ermitteln. Scheinbar eine reine Routinesache. Doch der Tote ist der drogensüchtige Sohn des Rabbis von Sitka, in dem man den Messias vermutete. Der Fall strotzt vor Ungereimtheiten. Als von oben die Anweisung kommt, den Fall unverzüglich zu den Akten zu legen, recherchiert Landsman auf eigene Faust und gerät bald in ein Wespennest aus politischen Intrigen und religiösem Wahn. Denn der Mord wurde in politisch brisanten Zeiten begangen: Sitka soll in Kürze seinen eigenständigen Status verlieren, den Bewohnern droht erneut Vertreibung und Heimatlosigkeit.
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
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»Ganz oben«, sagt Landsman. »So weit oben, wie man beispielsweise sein muss, um die Genehmigung für ein jüdisches Rehabilitationszentrum auf Indianerland zu bekommen?«

»Zu weit oben für mich«, sagt Spiro. Er schlägt die Akte zu und schiebt sie sich unter den Arm. »Ich kann nicht länger bleiben, Landsman. Tut mir leid. Danke für das Steak.«

Als er gegangen ist, holt Landsman sein Mobiltelefon hervor und wählt eine Nummer mit der Vorwahl von Alaska. Als sich am anderen Ende eine Frau meldet, sagt er: »Wilfred Dick, bitte.«

»Heiliger Josef!«, sagt Kitka. »Passen Sie auf!«

Aber Landsman bekommt nur einen Sergeant an den Apparat.

»Der Inspector is’ nicht da«, sagt der Sergeant. »Worum geht’s, Detective Landsman?«

»Haben Sie vielleicht mal was gehört, keine Ahnung, über eine Besserungsanstalt draußen in Peril Strait?«, sagt Landsman. »Ärzte mit Bärten?«

»Beth Tikkun?«, sagt der Sergeant, als handele es sich um ein amerikanisches Mädchen, dessen Nachname sich auf »chicken« reimt. »Kenne ich.«

Dieses Wissen, verrät sein Ton, hat ihm bisher keine Freude beschert und wird es auch in nächster Zeit wohl nicht tun.

»Ich will denen vielleicht einen kleinen Besuch abstatten«, sagt Landsman. »Sagen wir, morgen. Meinen Sie, das wäre in Ordnung?«

Der Sergeant scheint keine angemessene Erwiderung auf diese offenbar einfache Frage zu finden.

»Morgen«, sagt er schließlich.

»Ja, ich dachte, ich könnte rüberfliegen. Mich da mal umsehen.«

»Hm.«

»Was ist los, Sergeant? Dieses Beth Tikkun, ist das eine ehrliche Sache?«

»Um die Frage zu beantworten, müsste ich eine Meinung haben, Detective«, sagt der Sergeant. »Aber das will Inspector Dick nicht. Ich sag ihm auf jeden Fall, dass Sie angerufen haben.«

»Haben Sie ein eigenes Flugzeug, Rocky?«, fragt Landsman und beendet das Gespräch mit dem Mittelfinger.

»Hab ich verloren«, sagt Kitka. »Beim Pokern. Deshalb arbeite ich für einen jüdischen Besitzer.«

»Nichts für ungut.«

»Stimmt«, sagt Kitka. »Nichts für ungut.«

»Sagen wir mal, ich würde diesem Tempel der Heilung da draußen in Peril Strait einen Besuch abstatten wollen.«

»Ich muss morgen jemanden abholen«, sagt Kitka. »Drüben in Freshwater Bay. Auf dem Weg dahin könnte ich einen kleinen Abstecher nach rechts machen. Aber ich bleibe nicht mit laufender Uhr stehen und warte auf Sie.« Er grinst ein Biberzahngrinsen. »Und es kostet Sie eine ganze Stange mehr als ein Steak.«

29.

Eine Brosche aus Gras, ein an das Schlüsselbein eines Berges geheftetes grünes Abzeichen auf einem weiten schwarzen Mantel aus Tannen. In der Mitte der Lichtung steht ein runder Brunnen, um den speichenförmig ein halbes Dutzend in braune Schindeln gekleidete Gebäude gruppiert sind, verbunden durch Pfade und getrennt durch wattierte Rasen- und Kiesflächen. Am hinteren Ende ein Spielfeld, abgekreidet für Fußball, umrundet von einer ovalen Laufbahn. Das Ganze hat die Atmosphäre eines Internats, einer hinterwäldlerischen Akademie für ungeratene Söhne aus besseren Kreisen. Ein halbes Dutzend Männer in kurzen Hosen und Sweatshirts kreist über die Laufbahn. Andere sitzen oder liegen ausgestreckt auf dem Rasen, dehnen sich vor dem Training, Arme und Beine im Winkel auf dem Boden. Ein über ein grünes Blatt verstreutes Alphabet junger Männer. Als das Flugzeug über dem Spielfeld eine Tragfläche senkt, richten sich die Kapuzen der Sweatshirts wie die Mündungen einer Flugabwehrkanone auf seinen Rumpf. Von oben ist es schwer zu sehen, aber nach Landsmans Urteil dehnen diese Männer ihre blassen langen Beine und bewegen sich, als wären sie jung und bei hervorragender Gesundheit. Ein weiterer Mann in einem dunklen Overall kommt aus den Falten des Waldes. Er verfolgt den Flug der Cessna. Den rechten Arm im Ellenbogen angewinkelt und gegen das Gesicht gedrückt, gibt er den Ruf aus: Wir haben Gesellschaft. Hinter den Wäldern erhascht Landsman ein Flackern fernen Grüns, ein Dach, vereinzelte weiße Klumpen, die auch Schneehaufen sein können.

Kitka zieht das Flugzeug mit einem Schaudern, einem Rasseln und einem Stöhnen herum, dann fallen sie urplötzlich vom Himmel, danach nur noch langsam, und schließlich treffen sie mit einem letzten Klatschen auf dem Wasser auf. Vielleicht war es Landsman, der gestöhnt hat.

»Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde«, sagt Kitka, als er den Lycoming-Motor in Leerlauf schaltet und die beiden ihre eigenen Gedanken hören können. »Aber sechshundert Dollar scheinen mir doch nicht genug zu sein.«

Eine halbe Stunde hinter Yakovy beschloss Landsman, den gemeinsamen Flug durch eine wohlüberlegte Gabe Erbrochenes zu würzen. Die Kabine wurde von einem Geruch nach zwanzig Jahre altem, fauligem Elchfleisch und Landsman von Gewissensbissen gepeinigt, seinen nach Naomis Tod abgelegten Schwur gebrochen zu haben, nämlich von Reisen in sehr kleinen Flugzeugen Abstand zu nehmen. Seine Demonstration von Luftkrankheit ist bemerkenswert angesichts der Tatsache, wie wenig er in den letzten Tagen gegessen hat.

»Tut mir leid, Rocky«, sagt Landsman und versucht, seine Stimme aus seinen Socken zu holen. »Ich denke, ich war noch nicht wieder bereit zum Fliegen.«

Seine letzte Flugreise unternahm Landsman in der Super Cub seiner Schwester, ohne irgendeine nachteilige Wirkung. Aber das war ein ordentliches Flugzeug, und Naomi war eine geschickte Pilotin, das Wetter war gut und Landsman betrunken. Diesmal forderte er den Himmel in einem bitteren Zustand der Nüchternheit heraus. Drei Becher schlechten Motelkaffees attackierten sein Nervensystem. Er war der vereinten Gnade einer vom Yukon hereinwehenden steifen Brise und eines schlechten Piloten ausgesetzt, dessen Vorsicht ihn leichtsinnig und dessen Selbstzweifel ihn kühn machten. Landsman schaukelte im Segeltuchgewebe der müden alten 206, die die Geschäftsleitung von Türkei Regional Airways als geeignet erachtete, sie Rocky Kitka anzuvertrauen. Das Flugzeug rumpelte, vibrierte und zitterte. Alle Dübel und Bolzen in Landsmans Skelett lösten sich, sein Kopf wurde nach hinten gedreht, die Arme fielen ihm ab, sein Augapfel rollte unter die Kabinenheizung. Irgendwo über den Moore Mountains kam Landsmans Vorsatz ins Stocken.

Kitka wirft die Tür auf und springt mit der Festmacherleine auf die schwimmende Plattform. Landsman schwankt aus der Kabine und stürzt auf die ergrauten Zedernplanken. Da steht er, blinzelt, taumelt, atmet in tiefen Zügen die Luft mit ihrem reinigenden Geruch von Kiefernnadeln und Seetang ein. Er richtet seine Krawatte und setzt den Hut auf den Kopf.

Peril Strait ist eine Ansammlung von Booten, eine Zapfsäule und eine Reihe verwitterter Häuser von der Farbe verrosteter Motoren. Die Häuser hocken auf ihren Pfählen wie dünnbeinige Damen. Ein schäbiger Plankenweg tastet sich an den Häusern vorbei, um zu der Slipanlage dahinter hinabzuwandern und sich dort zur Ruhe zu begeben. Alles scheint von einem Gewirr aus Trossen, verhedderten Angelschnüren und einem zerrissenen Ringwadennetz mit verkrusteten Schwimmern zusammengehalten zu werden. Das gesamte Dorf mag lediglich aus Treibholz und Draht bestehen, Strandgut einer fernen, versunkenen Stadt.

Der Flugzeugponton hat offenbar nichts mit dem Holzsteg oder dem Dorf Peril Strait zu tun. Er ist solide, kräftig gebaut und wirkt neu, weißer Beton und grau gestrichene Planken. Stolz kündet er von der Ingenieurskunst und den logistischen Bedürfnissen reicher Männer. Am Ufer endet er vor einem Stahltor. Hinter dem Tor ist eine Metalltreppe in den Hang gestickt, die sich bis zu einer Lichtung hinaufwindet. Entlang der Treppe schneidet sich eine steile Eisenbahn geradewegs bergauf. Eine mit einem Geländer umgrenzte Plattform soll nach oben befördern, was nicht die Treppe nehmen kann. Ein kleines, in die Reling des Pontons geschraubtes Metallschild verkündet auf Jiddisch und Englisch REFUGIUM BETH TIKKUN, darunter, nur auf Englisch: PRIVAT-BESITZ. Landsman fixiert die jiddischen Buchstaben. An diesem wilden Flecken von Baranof Island wirken sie fehl am Platz und erinnern an zu Hause, eine Versammlung torkelnder kleiner jüdischer Polizisten in schwarzen Anzügen und Filzhüten.

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