Die Vereinigung jiddischer Polizisten
- Автор: Чабон Майкл
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: dtv
- ISBN: 978-3-423-13793-5
- Переводчик: Andrea Fischer
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
»Waisen einer Tragödie«, sagte Naomi eines Abends, als sie in einem alten Fotoalbum blätterte. Die Seiten waren aus gewachstem Karton und mit einer knittrigen Polyurethanfolie überzogen, damit die Bilder nicht herausfielen. Die Plastikschicht verlieh der im Album dargestellten Familie etwas Konserviertes, als sei sie wie ein Asservat aufbewahrt worden. »Zwei liebenswerte Blagen suchen ein Zuhause.«
»Bloß war Freydl da noch nicht tot«, sagte Landsman, wohl wissend, dass er seiner Schwester damit eine dicke Vorlage gab. Ihre Mutter war nach kurzem, erbitterten Kampf gegen den Krebs gestorben, hatte gerade so lange gelebt, dass Naomi ihr mit dem Abgang vom College das Herz brechen konnte.
Naomi sagte: »Musst du gerade sagen.«
Wenn Landsman in letzter Zeit diese Bilder betrachtet, kommt es ihm vor, als wollte er seine Schwester festhalten, sie davor bewahren, fortzufliegen und an einem Berg zu zerschellen.
Naomi war ein robustes Kind, viel robuster, als Landsman je sein musste. Sie war zwei Jahre jünger, also nah genug dran, um alles, was Landsman tat oder sagte, als Leistungsmarke zu sehen, die übertrumpft, oder als Theorie, die widerlegt werden musste. Sie war jungenhaft als Mädchen und männlich als Frau. Wenn ein betrunkener Narr sie fragte, ob sie lesbisch sei, antwortete sie gerne: »In jeder Hinsicht, nur nicht sexuell.«
Und tatsächlich hatte sie sich von einem frühen Freund den Fliegervirus eingefangen. Landsman fragte Naomi nie, was sie daran so attraktiv fand, warum sie so lange und hart gearbeitet hatte, um die Fluglizenz zu bekommen und die homophobe Welt männlicher Buschpiloten zu erschüttern. Für nutzlose Spekulationen war sie nicht zu haben, seine forsche Schwester. Aber so wie Landsman es versteht, kämpfen die Tragflächen eines Flugzeugs unablässig gegen die sie umschließende Luft, krümmen, täuschen und verwinden sie, drücken und weisen sie ab. Bekämpfen die Luft, so wie der Lachs gegen die Strömung des Flusses kämpft, in dem er sterben wird. Wie beim Lachs — jener Zionist des Wassers mit seinem ewigen Traum von der tödlichen Heimat — war es Naomis Art, ihre Kraft und Energie im Kampf zu verbrennen.
Aber nicht dass sich diese Anstrengung je in ihrer gradlinigen Art, ihrem anmaßenden Auftreten, ihrem Lächeln niedergeschlagen hätte. Wie Errol Flynn machte sie nur bei Scherzen ein ernstes Gesicht und grinste wie ein Lottogewinner, wenn es richtig ernst wurde. Hätte man dieser Jüdin einen kleinen Bleistiftschnurrbart angemalt, hätte sie sich, den Säbel in der Hand, vom Rigg eines Dreimasters schwingen können. Sie war unkompliziert, Landsmans kleine Schwester, und in dieser Hinsicht einzigartig unter den Frauen, die er kannte.
»Die war total durchgedreht«, sagt der Flugverkehrsleiter vom Informationsdienst des Flugplatzes Yakovy. Er heißt Larry Spiro, ein magerer, buckliger Jude aus Short Hills, New Jersey. Ein »Mexikaner«, wie die Juden von Sitka ihre Verwandten aus dem Süden nennen; die Mexikaner wiederum nennen die Sitka-Juden »Eisberge« oder auch »die Eiserwählten«. Spiros dicke Brille gleicht eine Hornhautverkrümmung aus, seine Augen dahinter flackern skeptisch. Drahtiges, graues Haar steht ihm vom Kopf ab wie Zornesstrahlen in einem Zeitungscomic. Er trägt ein weißes Oxfordhemd mit seinem Monogramm auf der Brusttasche und eine rote Krawatte mit goldenen Streifen. In Erwartung des Whiskeys vor sich schiebt er langsam die Ärmel hoch. Seine Zähne haben dieselbe Farbe wie sein Hemdkragen.
»Christ!« Wie die meisten im Distrikt arbeitenden Mexikaner klammert sich Spiro unheimlich an die englische Sprache. Für einen Ostküstenjuden ist der Distrikt Sitka das Exil aller Exile, Hotzeplotz, der Hinterhof von Nirgendwo. Englisch zu sprechen bedeutet für einen Juden wie Spiro, weiter in der realen Welt zu leben, sich selbst zu versprechen, dass er bald zurückkehren wird. Er lächelt. »Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die so viel Ärger hatte.«
Sie sitzen in Ernie’s Skagway Bar and Grill in dem flachen Aluminiumklotz, der das Terminal beherbergte, als der Flughafen noch eine Piste am Rande der Wildnis war. In einer weiter hinten gelegenen Ecke warten sie auf ihre Steaks. Viele behaupten, dass es bei Ernie’s Skagway das einzig vernünftige Steak zwischen Anchorage und Vancouver gebe. Ernie fliegt das Fleisch täglich von Kanada ein, blutig und auf Eis gepackt. Die Einrichtung ist so minimalistisch wie in einer Pommesbude: Vinyl, Laminat und Stahl. Die Teller sind aus Plastik, die Servietten so knittrig wie das Papier auf dem Untersuchungstisch eines Arztes. Man bestellt das Essen an der Theke und setzt sich mit einem Zettel, auf dem eine Nummer steht, an einen Tisch. Die Kellnerinnen sind berühmt für ihr fortgeschrittenes Alter, ihre schlechte Laune und die körperliche Ähnlichkeit mit dem Führerhaus eines Trucks. Die Atmosphäre des Etablissements ist das Ergebnis seiner Schankerlaubnis und seiner Stammgäste: Piloten, Jäger und Fischer und die übliche Yakovy-Mischung aus Schtarkern und Untergrundtricksern. An einem Freitagabend in der Hochsaison kann man von Elchfleisch bis zu Ketaminen alles kaufen oder verkaufen und einige der unglaublichsten Lügen hören, die je ersonnen wurden.
Um sechs Uhr an einem Montagabend sind es hauptsächlich Flughafenmitarbeiter und ein paar vereinzelte Piloten, die die Bar am Laufen halten. Ruhige Juden, hart arbeitende Menschen, Männer mit Strickkrawatten und ein mäßig Jiddisch sprechender amerikanischer Buschpilot, der gerne behauptet, er habe einmal erst nach dreihundert Meilen gemerkt, dass er auf dem Kopf flog. Die Theke selbst ist ein unförmiger Koloss aus Eiche, pseudo-viktorianisch, gerettet aus dem ruinierten Franchise-Betrieb einer amerikanischen Steakhauskette mit Cowboymotto unten in Sitka.
»Ärger«, sagt Landsman. »Bis zum bitteren Ende.« Spiro runzelt die Stirn. Er war in Yakovy der Verantwortliche vom Dienst, als Naomis Flugzeug gegen Mount Dunkelblum prallte. Spiro hätte nichts tun können, um den Absturz zu verhindern, aber das Thema tut ihm weh. Er zieht seine Nylonaktentasche auf und holt einen dicken blauen Ordner hervor. Er enthält ein von einer großen Büroklammer zusammengehaltenes dickes Dokument und einige lose Blätter.
»Ich habe mir die Zusammenfassung noch mal angeguckt«, sagt er in feierlichem Tonfall. »Das Wetter war ordentlich. Die nächste Wartung ihres Flugzeugs war fällig. Ihre letzte Meldung war Routine.«
»Hm«, sagt Landsman.
»Suchen Sie einen neuen Anhaltspunkt?« In Spiros Ton klingt kein Mitleid mit, aber die Bereitschaft, es im Notfall zu zeigen.
»Ich weiß nicht, Spiro. Ich gucke nur.«
Landsman nimmt den Ordner und blättert schnell durch das dicke Dokument, eine Kopie des Abschlussberichts der Flugaufsichtsbehörde, legt es beiseite und greift zu einem der losen Blätter.
»Das ist der Flugplan, nach dem Sie gefragt haben. Für den Morgen vor dem Absturz.«
Landsman liest das Formular, das die Absicht der Pilotin Naomi Landsman bekräftigt, ihre Piper Super Cub mit einem Passagier von Peril Strait in Alaska nach Yakovy, Distrikt Sitka, zu fliegen. Das Formular sieht wie ein Computerausdruck aus, die Kästchen säuberlich gefüllt in Times New Roman, 12 Punkt.
»Sie hat den Flug also telefonisch angemeldet, ja?« Landsman prüft die Zeitangaben. »Am Morgen, fünf Uhr dreißig.«
»Sie hat das automatische System benutzt, ja. Machen die meisten.«
»Peril Strait«, sagt Landsman. »Das ist wo? Draußen bei Tenakee, oder?«
»Südlich davon.«
»Das heißt, wir sprechen hier von — was, einem Zweistundenflug von dort nach hier?«
»Mehr oder weniger.«