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Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:

Mit Detective Meyer Landsman, Polizist im Morddezernat des jüdischen Distrikts Sitka in Alaska, geht es bergab: Seine Ehe ist am Ende, er trinkt, beruflich steckt er in einer Sackgasse. Und nun wurde in dem schäbigen Hotel, in dem er neuerdings wohnt, auch noch ein Mord begangen. Landsman soll ermitteln. Scheinbar eine reine Routinesache. Doch der Tote ist der drogensüchtige Sohn des Rabbis von Sitka, in dem man den Messias vermutete. Der Fall strotzt vor Ungereimtheiten. Als von oben die Anweisung kommt, den Fall unverzüglich zu den Akten zu legen, recherchiert Landsman auf eigene Faust und gerät bald in ein Wespennest aus politischen Intrigen und religiösem Wahn. Denn der Mord wurde in politisch brisanten Zeiten begangen: Sitka soll in Kürze seinen eigenständigen Status verlieren, den Bewohnern droht erneut Vertreibung und Heimatlosigkeit.
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
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»Mehr verlange ich nicht von Mendel«, fuhr er fort. »Was ein Mann denken oder fühlen mag, ist nicht von Interesse, nicht von Bedeutung für mich oder Gott. Dem Wind ist es egal, ob die Fahne rot oder blau ist.«

»Oder rosa.«

Wieder folgte Schweigen. Diesmal war es irgendwie schwächer, als käme ihr Mann zu einer Schlussfolgerung oder erinnerte sich, wie es einst gewesen war, wenn ihn ein kleiner Scherz von ihr belustigte.

»Ich werde ihn finden«, sagte er. »Dann nehme ich ihn mir zur Brust und sage ihm, was ich denke. Erkläre ihm, dass hier Platz für ihn ist, solange er Gott gehorcht, seine Gebote befolgt und rechtschaffen ist. Dass ich ihm nicht als Erster den Rücken zuwenden werde. Dass es seine Entscheidung ist, uns zu verlassen.«

»Kann ein Mann ein Tzaddik ha-Dor sein, aber sich vor sich selbst und allen um sich herum verstecken?«

»Ein Tzaddik ha-Dor ist immer versteckt. Das gehört zum Wesen eines Tzaddik. Vielleicht sollte ich ihm das erklären. Ihm sagen, dass diese … diese Gefühle …, die er verspürt und gegen die er kämpft, auf gewisse Weise der Beweis für seine Eignung zum Regieren sind.«

»Vielleicht läuft er gar nicht vor der Hochzeit mit diesem Mädchen davon«, sagte sie. »Vielleicht ist es gar nicht das, was ihm Angst macht. Womit er nicht leben kann.« Der Satz, den sie gegenüber ihrem Mann nie ausgesprochen hatte, nahm seinen gewohnten Posten auf ihrer Zungenspitze ein. In den vergangenen vierzig Jahren hatte sie ihn verfasst und verfeinert und Elemente herausgestrichen, so wie ein Gefangener, dem Papier und Stift verwehrt sind, die Strophen eines Gedichts verfasst. »Vielleicht gibt es noch eine andere Selbsttäuschung, mit der zu leben er sich nicht anfreunden kann.«

»Er hat keine Wahl«, sagte ihr Mann. »Selbst wenn er in Unglauben gefallen ist. Selbst wenn er Heuchelei und Scheinheiligkeit riskiert, weil er hierbleibt. Ein Mann mit seinen Gaben, seinen Talenten darf nicht durch die Gegend ziehen und arbeiten und sein Schicksal da draußen, in der unreinen Welt, aufs Spiel setzen. Er wäre eine Gefahr für jeden. Insbesondere für sich selbst.«

»Das ist nicht die Selbsttäuschung, die ich meine. Ich meine die Art, in der … in der sich alle Verbover üben.«

Stille. Dann drohend, weder schwer noch leicht, das gewaltige Schweigen eines Luftschiffs vor der statischen Entladung.

»Mir ist keine andere Selbsttäuschung bewusst, die ihn betrifft.«

Sie ließ ihren Satz fallen; zu lange lief sie da schon durch die Luft, um längere Zeit nach unten sehen zu können.

»Dann müssen wir ihn also hier festhalten«, sagte sie. »Mit oder ohne sein Einverständnis.«

»Glaube mir, meine Liebe. Und versteh mich richtig. Die Alternative wäre weitaus schlimmer.«

Kurz wankte sie, dann stürzte sie aus ihrem Ankleidezimmer, um zu sehen, was in den Augen ihres Mannes war, als er, wie sie es damals verstand, das Leben seines eigenen Sohnes bedrohte für die Sünde, das zu sein, wozu Gott ihn gemacht hatte. Doch still wie ein Luftschiff war er davongeschwebt. Sie fand nur Betty vor, die zurückgekommen war, um erneut die Bitte der Besucher vorzutragen. Betty war ein gutes Dienstmädchen, aber sie hatte die Schwäche der Filipinos, sich unbändig an Skandalen zu ergötzen. Es fiel ihr schwer, ihre Wonne über die Botschaft zu verbergen, die sie nun überbrachte.

»Missus, eine Dame sagt, sie bringt Nachricht von Mendel«, sagte Betty. »Sagt, er kommt leider nicht nach Hause. Keine Hochzeit heute!«

»Er kommt nach Hause«, sagte Mrs. Shpilman und kämpfte gegen den Drang, Betty ins Gesicht zu schlagen. »Mendel würde nie …« Sie hielt inne, bevor sie die Worte ausgesprochen hatte: Mendel würde nie gehen, ohne sich zu verabschieden.

Die Frau, die eine Nachricht von ihrem Sohn überbrachte, war keine Verbover. Sie war eine moderne Jüdin, aus Respekt vor der Gegend bescheiden in einen langen, gemusterten Rock und einen schicken dunklen Mantel gekleidet. Zehn oder fünfzehn Jahre älter als Mrs. Shpilman. Eine schwarzäugige, schwarzhaarige Frau, die einmal sehr schön gewesen sein musste. Als Mrs. Shpilman eintrat, sprang sie vom Lehnstuhl am Fenster auf und gab ihren Namen mit Brukh an. Ihre Freundin war ein plumpes Ding, offenbar sehr fromm, vielleicht eine Satmarerin, in einem langen schwarzen Kleid, schwarzen Strümpfen und einem breitkrempigen, tief über den minderwertigen Schajtl gezogenen Hut. Die Strümpfe waren ausgeleiert, und die Strassschnalle an ihrem Hutband löste sich langsam, die Arme. Der Schleier war oben links auf eine Art hochgebauscht, die Mrs. Shpilman mitleiderregend fand. Beim Blick auf dieses hilflose Wesen vergaß sie für einen Moment die furchtbare Neuigkeit, die diese beiden Frauen in ihr Haus geführt hatte. Ein Segensspruch wallte mit solcher Macht und Dringlichkeit in ihr auf, dass sie ihn kaum zurückhalten konnte. Sie wollte die schäbige Frau in die Arme nehmen und sie so küssen, dass es haften blieb, dass ihre Traurigkeit vertrieben wurde. Sie fragte sich, ob es sich so anfühlte, Mendel zu sein.

»Was soll dieser Unfug?«, sagte sie. »Setzen Sie sich.«

»Es tut mir sehr leid, Mrs. Shpilman«, sagte die Brukh und nahm wieder Platz, hockte auf der Kante, als wolle sie zeigen, dass sie nicht zu bleiben beabsichtige.

»Haben Sie Mendel gesehen?«

»Ja.«

»Und wo ist er?«

»Bei einem Freund. Er wird nicht lange dort bleiben.«

»Er kommt natürlich zurück.«

»Nein. Nein, es tut mir leid, Mrs. Shpilman. Aber Sie werden Mendel nur durch diese Person erreichen können. Wann immer es nötig ist. Wohin er auch geht.«

»Was für eine Person, bitte? Wer ist dieser Freund?«

»Wenn ich Ihnen das sage, müssen Sie versprechen, dieses Wissen ganz für sich zu behalten. Sonst, sagt Mendel —« Sie warf ihrer Freundin einen Blick zu, als hoffe sie auf moralische Unterstützung, um die nächsten sieben Wörter herauszubekommen. » — werden Sie nie wieder von ihm hören.«

»Aber meine Liebe, ich will nie wieder von ihm hören«, sagte sie. »Es ist also ganz überflüssig, mir zu sagen, wo er ist, nicht wahr?«

»Ich denke nicht.«

»Nur dass ich Sie, wenn Sie mir nicht sagen, wo er ist, zur Garage der Rudashevskys bringen lasse, wo man Ihnen Informationen entlocken wird, wie man es dort gerne tut, und das ist kein Spaß.«

»Oh, ich habe keine Angst vor Ihnen«, sagte die Brukh mit einem erstaunlichen, angedeuteten Lächeln in der Stimme.

»Nein? Und warum nicht?«

»Weil Mendel mir gesagt hat, dass ich keine Angst zu haben brauche.«

Und sie spürte die Selbstsicherheit, vernahm deren Echo in der Stimme und Haltung dieser Brukh. Dieses Necken, diese Verspieltheit, die Mendel im Umgang mit seiner Mutter an den Tag legte, auch mit seinem ehrwürdigen Vater. Mrs. Shpilman hatte dieses Verhalten immer auf den Teufel in ihm geschoben, aber nun sah sie, dass es vielleicht nur ein Mittel zum Überleben war, ein Selbstschutz. Federn für das Vögelchen.

»Er hat gut reden: keine Angst haben. Läuft vor seiner Aufgabe und seiner Familie davon. Warum versucht er es nicht bei sich mit seinem Zauber? Können Sie mir das sagen? Warum bringt er seine armselige, feige Gestalt nicht hierher und erspart seiner Familie diese Schande und die Peinlichkeit, ganz zu schweigen von dem schönen, unschuldigen Mädchen?«

»Das würde er, wenn er könnte«, sagte die Brukh, und die Witwe neben ihr, die bisher geschwiegen hatte, seufzte auf. »Das glaube ich wirklich, Mrs. Shpilman.«

»Und warum kann er nicht? Verraten Sie mir das.«

»Das wissen Sie.«

»Ich weiß gar nichts.«

Aber sie wusste es. Und offenbar wussten es auch diese seltsamen Frauen, die gekommen waren, um sie weinen zu sehen. Mrs. Shpilman ließ sich auf das bestickte Kissen eines geweißten Louis-XIV-Stuhls fallen, ohne darauf zu achten, dass die Seide ihres Kleides durch das plötzliche Herabsinken Knitterfalten bekam. Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte. Wegen der Schande, der Demütigung. Wegen der Zerstörung von monatelangem, ach, jahrelangem Planen und Hoffen und Diskutieren, von endlosen Botschaften, die zwischen den Höfen von Verbov und Shtrakenz ausgetauscht worden waren. Doch am meisten, gesteht sie, weinte sie um sich selbst. Weil sie mit ihrer ihr eigenen Entschlossenheit bestimmt hatte, dass sie ihren einzigen Sohn, ihren geliebten, niederträchtigen Sohn, niemals wiedersehen würde. Was für eine selbstsüchtige Frau! Erst später brachte sie ein wenig Bedauern für die Welt auf, die nun nicht mehr von Mendel erlöst werden würde.

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