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Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:

Mit Detective Meyer Landsman, Polizist im Morddezernat des jüdischen Distrikts Sitka in Alaska, geht es bergab: Seine Ehe ist am Ende, er trinkt, beruflich steckt er in einer Sackgasse. Und nun wurde in dem schäbigen Hotel, in dem er neuerdings wohnt, auch noch ein Mord begangen. Landsman soll ermitteln. Scheinbar eine reine Routinesache. Doch der Tote ist der drogensüchtige Sohn des Rabbis von Sitka, in dem man den Messias vermutete. Der Fall strotzt vor Ungereimtheiten. Als von oben die Anweisung kommt, den Fall unverzüglich zu den Akten zu legen, recherchiert Landsman auf eigene Faust und gerät bald in ein Wespennest aus politischen Intrigen und religiösem Wahn. Denn der Mord wurde in politisch brisanten Zeiten begangen: Sitka soll in Kürze seinen eigenständigen Status verlieren, den Bewohnern droht erneut Vertreibung und Heimatlosigkeit.
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
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Nachdem sie ein oder zwei Minuten lang geweint hatte, erhob sich die altmodische Witwe von dem anderen Lehnstuhl und stellte sich neben Mrs. Shpilman.

»Bitte«, sagte sie mit schwerer Stimme und legte eine plumpe Hand auf Mrs. Shpilmans Arm, eine Hand, deren Fingerknöchel mit feinem goldenem Haar bedeckt waren. Es war schwer zu glauben, dass Mrs. Shpilman diese Hand vor nur zwanzig Jahren ganz in den Mund hatte stecken können.

»Du spielst mit mir«, sagte sie, sobald sie die Macht der Vernunft zurückgewonnen hatte. Im Fahrwasser des ersten Schocks, der ihr Herz aussetzen ließ, empfand sie ein sonderbares Gefühl der Erleichterung. Wenn Mendel aus neun Schichten bestand, so waren die ersten acht Schichten reine Güte. Eine viel größere Güte, als sie und ihr Gatte, harte Menschen, die in einer harten Welt überlebt und Erfolg gehabt hatten, ohne göttliche Fürsprache aus ihrem Fleisch erzeugt haben konnten. Aber die innerste Schicht, die neunte Schicht von Mendel Shpilman, war immer schon der Teufel gewesen, ein Schejgetz, der seiner Mutter gerne Herzinfarkte bescherte. »Du spielst mit mir!«

»Nein.«

Er lüpfte den Schleier und ließ sie seinen Schmerz, seine Unsicherheit sehen. Sie merkte, dass er fürchtete, einen großen Fehler zu begehen. Die Entschlossenheit, mit der er gewillt war, ihn zu machen, erkannte sie als ihre eigene.

»Nein, Mama«, sagte Mendel. »Ich wollte mich verabschieden.« Als er ihren Gesichtsausdruck sah, fügte er mit unsicherem Lächeln hinzu: »Und nein, ich bin kein Transvestit.«

»Wirklich nicht?«

»Nein!«

»Du siehst mir wie ein Transvestit aus.«

»Die berühmte Expertin.«

»Ich will, dass du das Haus verlässt.« Aber sie wollte nur, dass er blieb, versteckt auf ihrer Seite des Hauses, verkleidet in diese Lumpen, ihr Baby, ihr Prinzchen, ihr teuflischer Junge.

»Ich gehe.«

»Ich will dich nie wiedersehen. Ich will dich nicht anrufen, ich will nicht, dass du mich anrufst. Ich will nicht wissen, wo du bist.«

Sie müsste jetzt nur ihren Mann rufen, dann würde ihr Junge für immer bleiben. Irgendwie, auf irgendeine Weise, die nicht undenkbarer war als die ihrem bequemen Leben zugrunde liegenden Tatsachen, würde man ihn zum Bleiben zwingen.

»Gut, Mama«, sagte er.

»Nenn mich nicht so.«

»Gut, Mrs. Shpilman«, sagte er, und aus seinem Mund klang es liebevoll, vertraulich. Wieder begann sie zu weinen. »Nur damit du es weißt. Ich wohne bei einem Freund.«

Hatte er eine Geliebte? War es möglich, dass er ein zweites Leben im Geheimen geführt hatte?

»Einem ›Freund‹?«, sagte sie.

»Ein alter Freund. Er hilft mir nur. Mrs. Brukh hier hilft mir auch.«

»Mendel hat mir das Leben gerettet«, sagte Mrs. Brukh. »Vor sehr langer Zeit.«

»Na, toll«, sagte Mrs. Shpilman. »Er hat Ihnen also das Leben gerettet. Man sieht ja, was er davon hat.«

»Mrs. Shpilman«, sagte Mendel. Er nahm ihre Hände und drückte sie fest zwischen seine warmen Handteller. Seine Haut brannte zwei Grad wärmer als die anderer Menschen. Wenn man ihm die Temperatur maß, zeigte das Thermometer 38 Grad.

»Nimm deine Hände weg«, brachte sie heraus. »Sofort.«

Er küsste sie auf den Kopf, und selbst durch die Schicht fremden Haars schien der Abdruck seines Kusses haften zu bleiben. Dann ließ er ihre Hände los, senkte den Schleier und trampelte mit rutschenden Strümpfen aus dem Zimmer, und die Brukh eilte ihm nach.

Lange Zeit saß Mrs. Shpilman auf dem Louis-XIV-Stuhl, Stunden, Jahre. Eine Kälte erfüllte sie, ein eisiger Ekel vor der Schöpfung, vor Gott und seinem verkorksten Werk. Zuerst schien sich das Grauen, das sie verspürte, auf ihren Sohn und seine Sünde zu richten, dass er sich zu kapitulieren weigerte, doch dann wurde daraus ein Grauen vor sich selbst. Sie dachte an die Verbrechen und Verletzungen, die zu ihrem Vorteil begangen worden waren, und all das Böse war nur ein Tropfen Wasser in einem großen schwarzen Meer. Ein schrecklicher Ort, dieses Meer, dieser Golf zwischen Absicht und Tat, den die Menschen »Welt« nannten. Mendels Flucht war nicht die Weigerung zu kapitulieren; sie war eine Kapitulation. Der Tzaddik ha-Dor reichte seinen Rücktritt ein. Er konnte nicht das sein, was die Welt und die Juden mit ihrem Kummer und ihren Regenschirmen von ihm wollten, was seine Mutter und sein Vater von ihm wollten. Er konnte nicht einmal sein, was er selbst sein wollte. Sie hoffte — das betete sie, dort sitzend —, dass er eines Tages immerhin einen Weg finden würde zu sein, was er war.

Kaum war das Gebet ihrem Herzen entflogen, vermisste sie ihren Sohn. Sie sehnte sich nach ihrem Sohn. Sie machte sich bittere Vorwürfe, Mendel fortgeschickt zu haben, ohne in Erfahrung zu bringen, wo er sich aufhielt, wohin er gehen würde, wie sie ihn von Zeit zu Zeit sehen oder nur seine Stimme hören könne. Dann nahm sie die Hände auseinander, die er ein letztes Mal in den seinen gehalten hatte, und fand, zusammengerollt auf ihrem rechten Handteller, einen kleinen Faden.

26.

»Ja«, sagt sie, »ich habe von ihm gehört. Hin und wieder. Ich möchte nicht, dass es zynisch klingt, Detective, aber es war meistens, wenn er Ärger hatte oder Geld brauchte. Umstände, die in seinem Fall — möge sein Name zum Segen sein — oft gemeinsam auftraten.«

»Wann war das letzte Mal?«

»Früher im Jahr. Im Frühling. Ja, jetzt weiß ich wieder, dass es der Tag vor Erew Pessach war.«

»Im April also. So um —«

Madame Rudashevsky holt ein schickes Masik-Shoyfer hervor, drückt auf mehrere Tasten und nennt das Datum des Tages vor dem ersten Abend von Pessach. Ein wenig überrascht stellt Landsman fest, dass es ebenfalls der letzte vollständige Tag im Leben seiner Schwester war.

»Von wo aus rief er an?«

»Vielleicht aus einem Krankenhaus. Ich weiß es nicht. Ich konnte eine Ansage hören, einen Lautsprecher im Hintergrund. Mendel sagte, er würde untertauchen. Er müsse eine Weile fort, er würde nicht anrufen können. Er bat mich, Geld an einen Briefkasten in Povorotny zu schicken, den er manchmal benutzte.«

»Hörte es sich an, als hätte er Angst?«

Der Schleier zittert wie ein Theatervorhang, die Bewegungen dahinter bleiben verborgen. Langsam nickt Mrs. Shpilman.

»Hat er gesagt, warum er untertauchen müsse? Hat er gesagt, er würde verfolgt?«

»Ich glaube nicht. Nein. Nur dass er Geld brauchte und verschwinden würde.«

»Und das war’s.«

»Soweit ich weiß — nein. Ich habe ihn gefragt, ob er etwas gegessen hätte. Manchmal … vergessen sie zu essen.«

»Ich weiß.«

»Und er sagte, keine Sorge, meinte er, ich hab gerade ein riesengroßes Stück Kirschkuchen gegessen.«

»Kuchen«, wiederholt Landsman. »Kirschkuchen.«

»Sagt Ihnen das etwas?«

»Man weiß nie«, sagt er, aber er spürt, wie sein Brustkorb unter seinem hämmernden Herzen vibriert.

»Mrs. Shpilman, Sie haben gerade erzählt, Sie hörten im Hintergrund eine Ansage. Halten Sie es für möglich, dass er von einem Flughafen aus anrief?«

»Jetzt, wo Sie fragen: ja.«

Das Auto wird langsamer und hält an. Landsman rückt vor und blickt durch das geschwärzte Glas. Sie stehen vor dem Hotel Zamenhof. Mrs. Shpilman fährt ihr Fenster mit einem Schalter herunter, und der graue Nachmittag weht in den Wagen. Sie hebt den Schleier und späht die Hotelfassade hinauf. Lange betrachtet sie das Gebäude. Zwei kaputte Kerle, Alkoholiker, schwanken aus der Hotellobby, halten einander umschlungen, ein menschliches Bollwerk gegen den Regen. Landsman hielt den einen mal davon ab, versehentlich dem anderen in den Hosenaufschlag zu pinkeln. Sie führen eine kleine Tanznummer mit einem Zeitungsblatt und dem Wind auf, dann taumeln sie weiter in die Nacht, zwei verbrannte Motten. Die Königin von Verbov Island lässt ihren Schleier wieder hinunter und fährt die Scheibe hoch. Landsman spürt die vorwurfsvollen Fragen durch den schwarzen Stoff brennen. Wie kann er in so einem Drecksloch leben? Warum hat er nicht besser auf ihren Sohn aufgepasst?

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