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Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:

Mit Detective Meyer Landsman, Polizist im Morddezernat des jüdischen Distrikts Sitka in Alaska, geht es bergab: Seine Ehe ist am Ende, er trinkt, beruflich steckt er in einer Sackgasse. Und nun wurde in dem schäbigen Hotel, in dem er neuerdings wohnt, auch noch ein Mord begangen. Landsman soll ermitteln. Scheinbar eine reine Routinesache. Doch der Tote ist der drogensüchtige Sohn des Rabbis von Sitka, in dem man den Messias vermutete. Der Fall strotzt vor Ungereimtheiten. Als von oben die Anweisung kommt, den Fall unverzüglich zu den Akten zu legen, recherchiert Landsman auf eigene Faust und gerät bald in ein Wespennest aus politischen Intrigen und religiösem Wahn. Denn der Mord wurde in politisch brisanten Zeiten begangen: Sitka soll in Kürze seinen eigenständigen Status verlieren, den Bewohnern droht erneut Vertreibung und Heimatlosigkeit.
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
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»Ich habe meinen Sohn, meinen Mendel, seit über zwanzig Jahren nicht gesehen«, sagt sie. »Und werde es auch nie wieder.«

»Aber warum, Mrs. Shpilman? Was ist passiert? Warum hat er die Verbover verlassen? Was hat er getan? Gab es einen offenen Bruch? Einen Streit?«

Eine geschlagene Minute antwortet sie nicht, so als kämpfe sie gegen die alte Gewohnheit an, niemandem ein Wort über Mendel zu sagen, schon gar nicht einem profanen Polizisten. Vielleicht kämpft sie aber auch gegen das wachsende Gefühl der Freude, die es ihr gegen ihren Willen bereiten wird, sich laut vernehmlich ihres Sohnes zu erinnern.

»So eine gute Partie hatte ich für ihn gefunden«, sagt sie.

25.

Tausend Gäste, manche von Orten so weit entfernt wie Miami Beach und Buenos Aires. Sieben Container vom Catering Service und ein Volvo-Laster voller Lebensmittel und Wein. Berge von Geschenken, Girlanden und Achtungsbezeigungen, die es mit den Baranof-Bergen aufnehmen können. Drei Tage fasten und beten. Die gesamte Musikantenfamilie der Klezmer, genug für ein halbes Symphonieorchester. Sämtliche Rudashevskys bis hin zum Urgroßvater, der halb betrunken mit einem alten Nagant-Revolver in die Luft schießt. In der Woche vor dem großen Tag eine Schlange von Menschen im Flur, die durch die Tür hinaus-, um die Ecke und zwei Querstraßen die Ringelblum Avenue hinunterreicht, und alle hoffen auf einen Segen des königlichen Bräutigams. Tagsüber und nachts ein Lärm im Haus, als wolle der Pöbel eine Revolution anzetteln.

Eine Stunde vor der Hochzeit waren noch alle da, warteten auf ihn, die Straße voller Hüte und nasser Regenschirme. Unwahrscheinlich, dass er sie so spät noch sah oder ihr Flehen und Wehklagen hörte. Aber man konnte nie wissen. Das Unberechenbare war schon immer Mendels Art gewesen.

Sie spähte durch die Vorhänge auf die Bittsteller, als das Mädchen hereinkam und sagte, Mendel sei fort und zwei Damen wollten mit ihr sprechen. Mrs. Shpilmans Schlafzimmer ging seitlich auf den Hof, doch konnte sie an den Nachbarhäusern vorbei bis zur Straße schauen: Hüte und Schirme, glänzend vor Regen. Juden, Schulter an Schulter, gemeinsam durchnässt in ihrer Sehnsucht, einen Blick auf Mendel zu erhaschen.

Hochzeitstag, Bestattungstag.

»Fort«, sagte sie. Sie wandte sich nicht vom Fenster ab. Sie empfand ein Gefühl von Sinnlosigkeit und Erfüllung, das man aus Träumen kennt. Die Frage war müßig, und doch war es das Einzige, was sie hervorbrachte. »Fort wohin?«

»Niemand weiß es, Missus. Niemand ihn gesehen seit gestern Abend.«

»Gestern Abend.«

»Heute Morgen.«

Am vergangenen Abend hatte Mrs. Shpilman ein Forschpiel für die Tochter des Shtrakenzer Rebbe organisiert. Sie war eine hervorragende Partie. Eine fähige, talentierte Braut, wunderschön und mit einer feurigen Ader, die Mendels Schwestern abging, aber die ihr Sohn an seiner Mutter bewunderte, wie sie wusste. Selbstredend war die Shtrakenzer Braut zwar perfekt, aber nicht angemessen; auch das wusste Mrs. Shpilman. Lange bevor das Hausmädchen kam und sagte, man könne Mendel nicht finden, er sei irgendwann im Lauf der Nacht verschwunden, hatte Mrs. Shpilman gewusst, dass auch noch so viel Talent, Schönheit und Feuer in einem Mädchen ihrem Sohn niemals angemessen wären. Aber irgendein Defizit gab es immer, nicht wahr? Zwischen der Vereinigung, die sich der Heilige Eine vorstellte — gelobt sei Er —, und der realen Situation unter der Chuppa. Zwischen Geboten und deren Einhaltung, zwischen Himmel und Erde, Mann und Weib, Zion und Jude. Dieses Defizit nennt man »die Welt«. Erst mit der Ankunft von Messias würde diese Bresche geschlossen werden, würden alle Trennungen, Unterscheidungen und Zwischenräume in sich zusammenfallen. Bis dahin vermochten — Seinem Namen sei Dank — nur Funken, helle Funken, diese Schlucht zu überspringen wie zwischen elektrischen Polen. Und der Mensch musste dankbar sein für ihr flüchtiges Licht.

So hatte sie es Mendel nahelegen wollen, falls er sie je um Rat fragen sollte, was seine Verlobung mit der Tochter des Shtrakenzer Rebbe anging.

»Ihr Mann sehr böse«, sagte das Mädchen, Betty, eine Filipina wie alle Hausmädchen.

»Was hat er gesagt?«

»Hat nichts gesagt, Missus. Deshalb ich weiß, dass er böse. Hat Leute geschickt, müssen überall suchen. Hat den Bürgermeister angerufen.«

Mrs. Shpilman wandte sich vom Fenster ab. Der Satz Sie mussten die Hochzeit absagen metastasierte in ihrem Magen. Betty sammelte Seidenpapierfetzen vom Perserteppich.

»Was für Damen?«, fragte Mrs. Shpilman. »Wer sind sie? Verbover?«

»Eine vielleicht. Andere nicht. Sagen nur, möchten mit Ihnen sprechen.«

»Wo sind sie?«

»Unten, in Ihr Büro. Eine Dame ganz in schwarze Sachen, Schleier vor Gesicht. Vielleicht ihr Mann gerade gestorben.«

Mrs. Shpilman konnte sich nicht mehr erinnern, wann die ersten hoffnungslosen Männer und Todkranken vorbeigekommen waren, um Mendel zu sehen. Wahrscheinlich kamen sie anfangs heimlich, zur Hintertür, ermutigt von Berichten des einen oder anderen Hausmädchens. Es gab eines, deren Unterleib in jungen Jahren durch eine verpfuschte Operation in Cebu unfruchtbar geworden war. Mendel nahm eine dieser Puppen, die er aus Filz und Wäscheklammern für seine Schwestern fertigte, steckte einen Segensspruch aus Kreide zwischen die hölzernen Schenkel und schob dem Mädchen die Klammer in die Tasche. Zehn Monate später gebar Remedios einen Sohn. Dann gab es Dov-Ber Gursky, den Chauffeur, der bei einem russischen Fingerbrecher mit zehntausend Dollar in der Kreide stand. Mendel schenkte Gursky eine Fünfdollarnote, unaufgefordert, und sagte, sie würde hoffentlich helfen. Zwei Tage später schrieb ein Anwalt aus St. Louis und teilte Gursky mit, er habe von einem Onkel, den er gar nicht kannte, eine halbe Million geerbt. Bei Mendels Bar-Mizwa waren die Kranken und Sterbenden, die Beraubten, die Eltern verdammter Kinder schon fast zu einer regelrechten Plage geworden. Zu jeder Tages- und Nachtzeit standen sie vor der Tür. Klagten und flehten. Sie hatte Maßnahmen ergriffen, Mendel zu schützen, hatte Sprechzeiten und Bedingungen festgesetzt. Aber der Junge hatte eine Gabe. Und es lag in der Natur einer Gabe, dass sie endlos gegeben werde.

»Ich kann sie jetzt nicht empfangen«, sagte Mrs. Shpilman und setzte sich auf ihr schmales Bett mit der weißen Tagesdecke aus Chenille und den Kopfkissen, die sie vor Mendels Geburt bestickt hatte. »Diese Damen da.« Wenn die Frauen Mendels nicht habhaft wurden, kamen sie manchmal zu ihr, zur Rebbetzin, dann segnete sie alle, so gut sie konnte, mit den wenigen Mitteln, die ihr für diese Aufgabe zur Verfügung standen. »Ich muss mich anziehen. In einer Stunde ist die Hochzeit, Betty. Eine Stunde! Die finden ihn schon.«

Seit Jahren, seit sie begriffen hatte, dass er war, was er war, rechnete sie damit, dass er Verrat an ihr üben würde. Welch beängstigendes Wort für eine Mutter, diese Andeutung von Zerbrechlichkeit, von Verwundbarkeit — und nichts schützte das Vögelchen außer seinen Federn. Und das Fliegen. Und die Flucht natürlich. Das hatte sie begriffen, lange bevor er selbst es erkannte. Hatte es aus der weichen Falte seines Babynackens gesogen. Hatte es wie eine Geheimbotschaft in seinen flaumbewachsenen Knubbelknien in der kurzen Hose gelesen. Ein Anflug von Mädchenhaftigkeit in der Art, wie er den Blick senkte, wenn er gelobt wurde. Und als er älter wurde, kam sie nicht umhin zu bemerken, wie unwohl er sich fühlte, wann immer ein Rudashevsky oder gewisse Cousins das Zimmer betraten, auch wenn er es noch so zu verbergen suchte, sein Feuer noch so mit Asche bedeckte.

Während der Ehestiftung, der Verlobungszeit und der Hochzeitsvorbereitungen hatte sie Mendele auf ein Zeichen von Besorgnis oder Unwillen belauert. Aber er blieb seiner Pflicht und ihren Plänen treu. Gelegentlich sarkastisch, das schon, sogar respektlos verspottete er seine Mutter für ihren unerschütterlichen Glauben, dass der Heilige Name, gelobt sei Er, wie ein altes Mütterchen die Zeit damit verbringe, Ehen zwischen den Seelen der noch Ungeborenen zu stiften. Einmal hatte Mendel sich einen Fetzen weißen Tülls geschnappt, den ihre Töchter im Salon vergessen hatten, hatte seinen Kopf damit bedeckt und in einer Stimme, die unheimlich an die seiner Verlobten erinnerte, eine Liste der körperlichen Unzulänglichkeiten Mendel Shpilmans vorgetragen. Alle hatten gelacht, doch im Herzen der Mutter flatterte ein Vögelchen der Furcht. Abgesehen von dem Zwischenfall schien er so zu bleiben, wie er gewesen war, unverbrüchlich in seiner Treue zu den sechshundertdreizehn Geboten, dem Studium von Thora und Talmud, zu seinen Eltern und den Gläubigen, deren Stern er war. Sicher würde Mendel auch jetzt gefunden werden.

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