Die Vereinigung jiddischer Polizisten
- Автор: Чабон Майкл
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: dtv
- ISBN: 978-3-423-13793-5
- Переводчик: Andrea Fischer
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
»Da war sie wohl ziemlich optimistisch«, sagt Landsman. »Sie hat ihre voraussichtliche Ankunftszeit mit Viertel nach sechs angegeben. Eine Dreiviertelstunde nach Einholen der Flugerlaubnis.«
Spiro hat ein Hirn, das von Anomalien angezogen und abgestoßen wird. Er nimmt Landsman den Ordner ab und dreht ihn um. Er blättert durch den Stapel von Unterlagen, die er zusammengesucht und kopiert hat, nachdem er Landsmans Einladung zu einem Steak annahm.
»Sie ist aber wirklich um Viertel nach sechs eingetroffen«, sagt er. »Steht hier im Logbuch des Fluginformationsdienstes. Sechs Uhr siebzehn.«
»Also, entweder — verstehe ich das richtig? Entweder hat sie den Zweistundenflug von Peril Strait nach Yakovy in weniger als 45 Minuten geschafft«, sagt Landsman, »oder … oder sie hat ihren Flugplan geändert, als sie schon unterwegs war. Hat einfach die Richtung geändert.«
Die Steaks kommen; die Kellnerin nimmt ihre Zettel entgegen und lässt die schweren Scheiben kanadischen Rindes auf dem Tisch zurück. Sie riechen gut und sehen gut aus. Spiro ignoriert sie. Er hat sein Getränk vergessen. Er geht noch einmal den Papierstapel durch.
»Also, das hier ist der Tag davor. Sie flog mit drei Passagieren von Sitka nach Peril Strait. Um vier startete sie, um halb sieben meldete sie sich ab. Gut, dann war es also dunkel, als sie da ankam. Sie hat vor, über Nacht zu bleiben. Am nächsten Morgen dann …« Er hält inne. »Hm.«
»Was?«
»Hier ist … ich schätze, das war ihr ursprünglicher Flugplan. Sieht aus, als hätte sie vorgehabt, am nächsten Morgen nach Sitka zu fliegen. Ursprünglich. Nicht nach Yakovy.«
»Mit wie vielen Passagieren?«
»Keinem.«
»Aber dann hat sie, nachdem sie eine Weile geflogen ist, vermeintlich Richtung Sitka und allein, aber tatsächlich mit einem geheimnisvollen Passagier an Bord, plötzlich ihr Ziel geändert und Kurs auf Yakovy genommen.«
»So sieht es aus.«
»Peril Strait«, sagt Landsman. »Was gibt es in Peril Strait?«
»Was soll es dort schon geben? Elche, Bären. Rotwild. Fische. Alles, was ein Jude töten will.«
»Das glaube ich nicht«, sagt Landsman. »Ich glaube nicht, dass das ein Angelausflug war.«
Spiro runzelt die Stirn, dann steht er auf und geht hinüber an die Theke. Er schiebt sich an den amerikanischen Piloten heran und unterhält sich mit ihm. Der Pilot wirkt argwöhnisch, vielleicht ist das eine ihm angeborene Eigenschaft. Aber er nickt und folgt Spiro an den Tisch.
»Rocky Kitka«, sagt Spiro. »Detective Landsman.«
Dann setzt er sich und widmet sich seinem Steak.
Kitka trägt eine schwarze Lederhose und eine passende Weste auf der nackten Haut, die von den Handgelenken bis zur Kehle und bis zum Hosenbund mit tätowierten Indianermotiven bedeckt ist. Wale mit großen Zähnen und Biber, am linken Bizeps eine Schlange oder ein Aal mit verschlagenem Blick.
»Sind Sie Pilot?«, fragt Landsman.
»Nein, ich bin Polizist.« Kitka lacht mit rührender Freude über diese Kostprobe seines Witzes.
»Peril Strait«, sagt Landsman. »Waren Sie da schon mal?«
Kitka schüttelt den Kopf, aber Landsman ist sich sofort sicher, dass das nicht stimmt.
»Wissen Sie was darüber?«
»Nur wie es von oben aussieht, Detective.«
»Kitka«, sagt Landsman. »Das ist ein Indianername.«
»Mein Vater ist Tlingit. Meine Mutter ist schottischirisch, deutsch und schwedisch. Außer jüdisch ist bei mir so gut wie alles vertreten.«
»Gibt es viele Indianer in Peril Strait?«
»Ausschließlich.« Kitka sagt es mit schlichter Autorität und erinnert sich dann an seine Behauptung, nichts über Peril Strait zu wissen. Sein Blick weicht Landsman aus, fällt auf das Steak. Er wirkt extrem hungrig.
»Keine Weißen?«
»Ein oder zwei vielleicht, versteckt in den Buchten.«
»Und Juden?«, fragt Landsman.
Kitka bekommt einen harten Gesichtsausdruck, einen sich schützenden Blick.
»Wie gesagt. Ich kenne es nur vom Vorbeifliegen.«
»Ich mache eine kleine Ermittlung«, sagt Landsman. »Es sieht aus, als gebe es da was, das einen Juden aus Sitka interessieren könnte.«
»Da ist man in Alaska«, sagt Kitka. »Ein jüdischer Bulle, bei allem Respekt, Detective, aber der kann dort den ganzen Tag Fragen stellen. Da ist keiner, der darauf antworten müsste.«
Landsman macht Platz auf der Bank.
»Komm, mein Schejner«, sagt er auf Jiddisch. »Nimm es. Es gehört dir. Ich habe es nicht angefasst.«
»Wollen Sie es nicht essen?«
»Ich habe keinen Appetit, weiß auch nicht, warum.«
»Das ist das New York Steak, oder? Das New York mag ich besonders gerne.«
Kitka setzt sich, und Landsman schiebt ihm den Teller zu. Er trinkt seinen Kaffee und beobachtet, wie die beiden Männer ihr Essen vertilgen. Als Kitka fertig ist, sieht er deutlich glücklicher aus und weniger argwöhnisch, weniger besorgt, hereingelegt zu werden.
»Verdammt, ist das Fleisch gut«, sagt er und trinkt einen großen Schluck Eiswasser aus einem roten Plastikhumpen. Er sieht Spiro an, dann zur Seite, dann Landsman, dann wieder zur Seite. Er starrt in das Wasserglas.
»Preis des Essens«, sagt er bitter. Dann: »Es gibt da so eine Art Besserungsanstalt. Habe ich gehört. Für gläubige Juden, die abhängig von Drogen oder wer weiß was sind. Ich schätze, selbst die mit den langen Bärten geraten manchmal an Drogen und Alkohol und begehen Bagatelldelikte.«
»Leuchtet ein, dass sie es irgendwo weitab vom Schuss machen«, sagt Spiro. »So etwas ist eine ziemlich große Schande.«
»Ich weiß nicht«, sagt Landsman. »Es ist nicht einfach, die Erlaubnis zu bekommen, jenseits der Grenze ein jüdisches Unternehmen aufzuziehen. Nicht mal eine wohltätige Einrichtung.«
»Wie gesagt«, sagt Kitka. »Ich hab nur dies und das gehört. Ist wahrscheinlich Blödsinn.«
»Seltsam«, sagt Spiro. Er ist wieder in der Welt des Dossiers versunken, blättert vor und zurück.
Landsman sagt: »Was ist seltsam?«
»Hm, ich guck das hier durch, und wissen Sie, was ich nicht finde? Ich finde nicht den Flugplan für … für den tödlichen Flug. Von Yakovy zurück nach Sitka.« Er holt sein Shoyfer hervor und drückt auf zwei Tasten, wartet. »Ich weiß, dass sie ihn abgegeben hat. Ich kann mich erinnern, ihn gesehen zu haben. Bella? Hier Spiro. Hast du kurz Zeit? Hm, ja. Gut. Hör zu. Kannst du kurz etwas für mich nachsehen? Du müsstest mir einen Flugplan aus dem Computer holen.« Er nennt der diensthabenden Kollegin Naomis Namen sowie Datum und Uhrzeit ihres letzten Fluges. »Kannst du das eingeben? Ja.«
»Kannten Sie meine Schwester, Mr. Kitka?«, fragt Landsman.
»Kann man so sagen«, sagt Kitka. »Hat mir mal in den Arsch getreten.«
»Willkommen im Club«, sagt Landsman.
»Das kann nicht sein«, sagt Spiro in angespanntem Tonfall. »Kannst du noch mal gucken?«
Jetzt spricht keiner mehr. Sie sehen nur noch zu, wie Spiro Bella am anderen Ende der Leitung lauscht.
»Da stimmt was nicht, Bella«, sagt Spiro schließlich. »Ich komme rüber.«
Spiro legt auf. Er sieht aus, als würde ihm das gute Steak wieder hochkommen.
»Was ist?«, fragt Landsman. »Spiro, was ist los?«
»Sie kann den Flugplan im Computer nicht finden.« Er steht auf und sammelt die verstreuten Blätter von Naomis Akte ein. »Aber ich weiß, dass das nicht sein kann, weil die Nummer hier im Absturzbericht steht.« Er hält inne. »Oder auch nicht.«
Wieder schlägt er die eng betippten Blätter des dicken, geklammerten Bündels vor und zurück, das die Ermittlungsergebnisse der Flugaufsichtsbehörde im Fall von Naomis tödlicher Begegnung mit dem Nordwesthang von Mount Dunkelblum umfasst.
»Da ist einer dran gewesen«, sagt er schließlich, zuerst unwillig, sein Mund ein Schlitz. Als die Schlussfolgerung sich in seinem Kopf ausbreitet, entspannt er sich ein wenig. Wird lockerer. »Jemand ganz oben.«