Die Vereinigung jiddischer Polizisten
- Автор: Чабон Майкл
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: dtv
- ISBN: 978-3-423-13793-5
- Переводчик: Andrea Fischer
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
Sie rollte ihre Strümpfe hoch, zog ihr Kleid an, rückte den Slip zurecht. Sie setzte ihre Perücke auf, die sie zum Preis von dreitausend Dollar eigens für die Hochzeit hatte anfertigen lassen. Es war ein Meisterwerk, aschblond mit roten und goldenen Reflexen, aufgetürmte Zöpfe, so wie sie ihr Haar als junge Frau getragen hatte. Erst als sie diese schimmernde Bonzenhaube auf ihren kurzgeschorenen Schädel gepflanzt hatte, überkam sie Panik.
Auf einem Holztischchen stand ein schwarzes Telefon ohne Wählscheibe. Wenn sie den Hörer hob, klingelte ein identischer Apparat im Büro ihres Gatten. In den zehn Jahren, die sie in diesem Haus wohnte, hatte sie das Telefon nur dreimal benutzt, einmal vor Schmerz und zweimal vor Wut. Über dem Apparat hing ein gerahmtes Foto, das ihren Großvater, den achten Rebbe, ihre Großmutter und ihre Mutter im Alter von fünf oder sechs Jahren gemeinsam unter einer papiernen Weide am Ufer eines aufgemalten Stroms zeigte. Schwarze Kleidung, die verträumte Wolke des großväterlichen Barts, und über allem die strahlende Asche der Zeit, die sich über die Toten auf alten Bildern legt. Es fehlte der Bruder ihrer Mutter, dessen Name eine Art Fluch war, so mächtig, dass er nicht ausgesprochen werden durfte. Ihr blieb seine Abtrünnigkeit, obwohl berüchtigt, stets verborgen. Sie wusste nur, dass sie mit einem in einer Schublade versteckten Buch namens Die geheimnisvolle Insel begonnen hatte und in dem Bericht gipfelte, man habe ihren Onkel auf einer Straße in Warschau gesehen, ohne Bart, aber mit einem Strohhut auf dem Kopf, skandalöser als jeder französische Roman.
Sie legte ihre Hand auf den Telefonhörer. Panik in den Organen, Panik in den Zähnen.
»Ich würde nicht drangehen, selbst wenn ich könnte«, sagte ihr Gatte direkt hinter ihr. »Wenn du schon den Sabbat brechen musst, dann soll es sich für die Sünde auch lohnen.«
Obgleich ihr Mann damals noch nicht so mondförmig war, wie er später wurde, war sein Anblick in ihrem Schlafzimmer Grund genug zum Wundern, so als gehe ein zweiter Mond am Himmel auf. Er musterte die mit Nadelspitze verzierten Stühle, den grünen Volant, die satinweiße Leere ihres Bettes, die Tiegelchen und Töpfchen. Sie sah, dass er mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen kämpfte. Doch die Miene, die er zustande brachte, war zugleich leidenschaftlich und abgestoßen. Sie erinnerte sie an das Lächeln, mit dem ihr Gatte einmal einen Botschafter von einem fernen Hof in Äthiopien oder aus dem Jemen empfangen hatte, einen schlehäugigen Rabbi in einem grellbunten Kaftan. Jener unmögliche schwarze Rabbi mit seiner fremdartigen Thora, diese Welt der Frauen: Es waren Launen Gottes, Windungen in Gottes Gedanken, dass es fast schon Ketzerei war, sie sich vorzustellen oder verstehen zu wollen.
Je länger ihr Gatte dort stand, desto weniger belustigt und umso verlorener schien er zu sein. Schließlich rührte sie das Mitleid. Er gehörte nicht hierher. Es war ein Maßstab für den sich ausbreitenden Makel von Verkehrtheit an diesem Tag, dass er auf seiner Mission so weit gezogen war — bis in ihr Reich von Troddelkissen und Rosenwasser.
»Setz dich«, sagte sie. »Bitte.«
Dankbar begann er, sich einem Stuhl gefährlich zu nähern.
»Man wird ihn finden«, sagte ihr Mann mit weicher, drohender Stimme.
Sein Anblick gefiel ihr nicht. Wohl wissend, dass er anderen oft ungepflegt erschien, war er doch ein Mann ordentlicher Gewohnheiten. Doch jetzt saßen seine Strümpfe schief, war sein Hemd falsch geknöpft. Seine Wangen waren vor Erschöpfung gesprenkelt, sein Schnurrbart stand ab, als habe er daran gezogen.
»Entschuldige, Liebling«, sagte sie. Sie öffnete die Tür zum Ankleideraum und ging hinein. Batsheva verachtete die dunklen Farben, die von den Verbover Frauen ihrer Generation bevorzugt wurden. Das Zimmer, in das sie sich zurückzog, war indigoblau, violett und lavendel ausgestattet. Sie setzte sich auf einen kleinen Toilettenstuhl mit einer fransigen Schürze. Sie streckte einen bestrumpften Zeh vor und gab der Tür einen Schubs, bis sie nur noch zwei Zentimeter offen stand. »Ich hoffe, es stört dich nicht. Es ist besser so.«
»Man wird ihn finden«, wiederholte ihr Mann nun sachlicher, versuchte nunmehr, seine Frau zu beruhigen, nicht sich selbst.
»Wäre besser für ihn«, sagte sie. »Damit ich ihn umbringen kann.«
»Beruhige dich.«
»Ich sage das ganz ruhig. Ist er betrunken? Wurde getrunken?«
»Er hat gefastet. Es ging ihm gut. Welch eine Lehre hat er uns gestern Abend noch erteilt, über Parschat Chajei Sarah. Es war elektrisierend. Jedes Herz hätte wieder angefangen zu schlagen. Aber als er fertig war, hatte er Tränen in den Augen. Er sagte, er brauche Luft. Seitdem hat ihn niemand mehr gesehen.«
»Ich bringe ihn um«, sagte sie.
Es kam keine Antwort aus dem Schlafzimmer, nur ein raspelndes Atmen, gleichmäßig, unbeirrbar. Sie bedauerte ihre Drohung. In ihrem Mund war sie rhetorisch, aber in seinem Kopf, dieser Bibliothek inmitten einer Beingrube, nahm sie die gefährliche Farbe aktiver Umsetzung an.
»Weißt du vielleicht zufällig, wo er ist?«, fragte ihr Mann nach einer Pause, und auch in der Leichtigkeit seines Tonfalls schwang Gefahr.
»Woher soll ich das wissen?«
»Er spricht mit dir. Er sucht dich auf, hier.«
»Nie.«
»Ich weiß es.«
»Woher willst du das wissen? Doch wohl nur, wenn du die Hausmädchen zu Spionen gemacht hast.«
Sein Schweigen bestätigte das Ausmaß von Korruption in ihrem Haushalt. Sie verspürte das glorreiche Gefühl des Entschlusses, ihr Ankleidezimmer nie mehr zu verlassen.
»Ich bin nicht hergekommen, um mich zu streiten oder dich zu rügen. Ganz im Gegenteil, ich hatte gehofft, dass ich vielleicht eine Tasse deiner sonst üblichen Ruhe und Vernunft bekäme. Aber da ich jetzt hier bin, fühle ich mich entgegen meines Urteils als Rabbi und als Mann, doch mit der vollen Überzeugung meines Selbstverständnisses als Vater gezwungen, dich zu tadeln.«
»Weshalb?«
»Für seine Verwirrung. Seine Unberechenbarkeit. Den Schatten auf seiner Seele. Das ist deine Schuld. So ein Sohn ist die Frucht des mütterlichen Baumes.«
»Geh zum Fenster«, befahl sie ihm. »Schau durch den Vorhang. Sieh dir diese armen Bittsteller und Narren und gebrochenen Jids an, die hergekommen sind, um einen Segen zu erhalten, den du, mit all deiner Macht und all deiner Gelehrtheit, niemals würdest spenden können, ehrlich nicht. Nicht dass diese Unfähigkeit dich bisher davon abhielt, ihn zu erteilen.«
»Ich kann auf andere Weise segnen.«
»Schau sie dir an!«
»Schau du sie an. Komm aus deinem Schrank und schau.«
»Ich habe sie gesehen«, brachte sie durch die Zähne hervor. »Und die haben alle einen Schatten auf der Seele.«
»Aber sie verbergen ihn. Aus Bescheidenheit und Demut und Gottesfurcht verhüllen sie ihn. Gott gebietet uns, in seiner Anwesenheit die Köpfe zu bedecken. Nicht barhäuptig herumzustehen.«
Sie hörte das Ächzen und Kratzen des Stuhlbeins und das Schlurfen seiner Pantoffeln. Sie hörte das morsche Gelenk seiner linken Hüfte krachen und einrasten. Er stöhnte vor Schmerz.