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Der Arzt von Stalingrad

Электронная книга - «Der Arzt von Stalingrad». Краткое содержание книги:

Das große Epos der Kriegsgefangenschaft: Mitten in der Hölle des Plenni-lagers sucht ein Arzt die Würde seines Berufs, die Würde des Menschen zu wahren. Vor dem Hintergrund des riesigen Lagers von Stalingrad spielt sich das erregende und erschütternde Geschehen ab. Dem Lagerarzt Dr. Böhler glückt jene legendäre Operation, die mit Windeseile in allen Gefangenenbaracken von Odessa bis Astrachan mythischen Ruhm gewinnt. Bei Petroleumbeleuchtung in einer eisumtosten russischen Bauernkate, mit nichts ausgerüstet als mit einem Drillbohrer, einem Schlosserhammer, einem Stemmeisen und dem alten Taschenmesser eines Landsers, hatte er die komplizierte Schädeloperation gewagt.
Sonderausgabe mit Genehmigung der Lichtenberg Verlag GmbH, München Printed in Western Germany • BK Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ©
FÜR ALLE, DIE NICHT ZURÜCKKEHRTEN FÜR ALLE, VON DEREN SCHICKSAL NIEMAND WEISS...
GEDULD IST DIE KUNST ZU HOFFEN VAUVENARGUES
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Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Ingeborg Waiden stand hinter ihm. Sie hatte Tränen in den Augen.

»Ich habe Angst«, sagte sie leise.

»Ich auch, kleine Schwester.« Er legte den Arm um ihre Schulter. »Aber das Leben wird weitergehen, wenn es sein muß, auch ohne den Chef. Tausende brauchen uns, wie wir Dr. Böhler brauchen.« Er strich ihr mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen und zog sie in die Baracke.

Am Fenster des Nebengebäudes stand Janina Salja und beobachtete sie. Sie sah, wie er sie umfaßte, wie seine Hand über ihre Wangen strich. Ihre Augen brannten, rote Flecke zeichneten sich auf ihrer blaßgelben Haut ab.

Die deutsche Schwester! Diese verfluchte, hübsche Deutsche!

Sie trat zurück in ihr Zimmer und griff unter das Kopfpolster des Bettes. Eine kleine Pistole lag in ihrer Hand. Sie betrachtete sie nachdenklich, ehe sie die Waffe in die Tasche ihres Morgenrockes steckte. Dann trat sie an die Tür und rief in den Gang hinaus: »Dr. Schultheiß soll kommen!«

Füße trappelten. Ein Sanitäter lief, den Arzt zu holen.

In der Tasche des Morgenrockes hielt Janina den Griff der Waffe umklammert, ihr Körper bebte.

Sie hörte durch den Spalt der geöffneten Tür auf dem Gang seinen schnellen, festen Schritt.

Jens, dachte sie. Jetzt geht er in den Tod . aber nicht allein. Ich gehe mit ihm.

Wenn die Tür öffnet, werde ich abdrücken ... erst er, dann ich. Dann haben wir Ruhe, soviel Ruhe. Und seine Liebe gehört nur mir allein.

Mit einem Ruck wurde die Tür aufgerissen. Die Pistole in ihrer Hand fuhr empor. In der Tür stand Dr. Kresin.

Major Worotilow stand am Fenster und starrte auf die verschneiten Baracken. Er stand mit dem Rücken zu Dr. Böhler, der am Tisch saß und eine von Worotilows türkischen Zigaretten rauchte. Die Finger des Majors trommelten nervös auf die vereiste Scheibe . es war das einzige Geräusch, das im Zimmer zu hören war.

»Ich muß Ihre Meuterei nach Moskau melden«, sagte Worotilow plötzlich. Seine Stimme zerriß die Stille. Fast erschrocken über diesen plötzlichen Laut blickte Dr. Böhler auf.

»Das sollen Sie auch.«

»Man wird Sie nach 5110/36 bringen. Nach Workuta am Eismeer! Dort haben Sie keinerlei Hoffnung mehr, Köln je wiederzusehen. In Workuta sind bis jetzt 300.000 Sträflinge gestorben.«

»Und darauf sind Sie als Russe stolz!«

Worotilow wich einer Antwort aus - er trommelte wieder gegen die Scheibe. »Es wird sich nichts ändern, wenn Sie weg sind. Ich werde die halben Portionen ausgeben und alle Vergünstigungen sperren, bis sich die Täter gemeldet haben! Wir kommen auch ohne einen Dr. Böhler aus.«

»Das glaube ich gern. Darum möchte ich auch gehen. Ich will nicht zusehen, wie Tausende vor die Hunde gehen, nur weil ein russischer Major die Wahnidee hat, daß das Grauen, daß die Grausamkeit al-lein Sieger über den Menschen ist! Sie sind Russe, aber Sie sind auch Offizier. Und davon kommen Sie nicht los . das ist die Tragik Ihres Lebens! Sie müssen ein Sowjet sein - und wären doch lieber ein Soldat im Sinne von Clausewitz.«

»Halten Sie den Mund!« schrie Worotilow vom Fenster her. »Ich habe bereits Kommissar Kuwakino von Ihrer Meuterei berichtet -genügt Ihnen das?! Ihre Stelle wird Dr. von Sellnow einnehmen, der übermorgen von Stalingrad-Stadt geholt wird! Dr. Schultheiß bleibt auch, die deutschen Schwestern.«

»Dr. Schultheiß, die Schwestern und das gesamte Sanitätspersonal legen gleichfalls die Arbeit nieder.«

»Dann kommen auch sie in ein Straflager!« brüllte Worotilow. »Ich werde das Lazarett mit meinen russischen Ärzten weiterführen, bis ich aus anderen Lagern wieder deutsche Ärzte bekommen habe. Es gibt Tausende von gefangenen Ärzten!«

»Das streite ich nicht ab. Aber auch sie werden nicht anders reagieren, wenn sie sehen, was hier gespielt wird! Man hat einen Verräter, einen Lumpen, einen Spion zu ersäufen versucht. Walter Grosse ist in unseren Augen ein Schwein, auch wenn er unter dem Druck Kuwakinos handelte. Er gab sich aus Feigheit in seine Hand und opferte seiner Angst Hunderte von Kameraden! Ich möchte wissen, Major Worotilow, was man in Rußland täte, würde man solche Männer in den Reihen der Sowjetsoldaten entdecken. Wie würde die Rote Armee handeln, Major Worotilow?!«

»Warum unterhalte ich mich überhaupt mit Ihnen?« Worotilow drehte sich herum. »Sie sind ein Plenni! Das scheinen Sie wohl ganz vergessen zu haben! Machen Sie, daß Sie 'rauskommen!«

Dr. Böhler erhob sich. Er drückte seine Zigarette aus und nahm seine Fellmütze vom Tisch. »Ich werde das Lazarett gleich räumen und mir in einer Baracke eine Schlafstelle suchen.«

»Sie bleiben im Lazarett, bis man Sie abholt!«

»Aber ich werde nicht praktizieren.«

»Sie werden!« Worotilow trat näher. Er griff nach seinem Koppel zog die langläufige Pistole aus dem Futteral und legte sie auf den

Tisch vor Dr. Böhler. »Ich werde neben Ihnen stehen mit dieser Pistole. Und neben dieser Pistole werden Sie operieren!«

»Das werde ich nicht! Eher werden Sie schießen!«

»Ich werde nicht zögern.«

»Dann sind wir uns ja einig.« Dr. Böhler grüßte. »Um halb elf soll eine erfrorene Hand amputiert werden. Ich erwarte Sie um halb elf im Operationszimmer. Mit Pistole, Major. Wenn Sie mich erschossen haben, wird ja wohl Dr. Kresin die Amputation machen.«

Worotilow schüttelte den Kopf. »Nein, Dr. Böhler. Wir werden den Mann mit der erfrorenen Hand wieder zurückbringen.«

»Das wäre sein Tod! Er würde den Brand bekommen!«

»Wenn auch! Sie wollten nicht operieren. Dr. Kresin braucht nicht zu operieren! Einen anderen Chirurgen haben wir nicht da! Also wird der Mann sterben - und nicht nur dieser, sondern alle, die in Zukunft operiert werden müssen. Es wird allein die Schuld von Dr. Böhler sein.«

Der Arzt sah zu Boden. In sein schmales Gesicht stieg heiße Röte. Er sah plötzlich die Auswirkungen seines Entschlusses und erinnerte sich der Worte, die er eben noch Dr. Schultheiß gesagt hatte. Was wird, ist wichtig, nicht das Heldentum! Und gerade er war jetzt dabei, seine Kameraden zu verlassen, sie zu verraten, sie einfach sterben zu lassen, weil er im Zorn über die Strafmaßnahmen der Lagerleitung sein Amt zur Verfügung stellte. Ein Zorn, der nichts änderte, sondern nur alles verschlimmerte und die Plennis tiefer hineinstieß in die Hoffnungslosigkeit als je zuvor. Er hatte gedacht, Wor-otilow mit seinem Verzicht zur Aufgabe der Strafen zu bewegen, und war nun gezwungen, sich selbst zu erniedrigen. Worotilow war der Stärkere, er war der Sieger, er hatte in seinen Händen die Gewalt der Grausamkeit. Es war seine Idee! Und sie war erfolgreich. Das entschied.

Dr. Böhler blickte Worotilow an. »Ich operiere um halb elf.« sagte er leise.

Am Abend brannten um zehn noch die Lampen im Lager, und das Orchester probte in der Stolowaja mit seinen Instrumenten. Nur

das Essen blieb noch um die Hälfte reduziert. Worotilow war mit sich und der Welt sehr zufrieden.

Drei Tage nach diesen Ereignissen kam Kommissar Wadislav Ku-wakino in das Zimmer Dr. Böhlers. Seine weit auseinanderstehenden Augen glänzten vor Triumph.

Dr. Böhler wurde es kalt unter diesen Augen. Angst kroch in ihm hoch, aber er hielt dem Blick des kleinen Asiaten stand. Kuwaki-no faltete die Hände, als wolle er beten. Es war bei ihm eine groteske Geste, und Dr. Böhler mußte sich Mühe geben, nicht zu lächeln - trotz der Gefährlichkeit der Situation.

»So sieht auß Mann, derr komtt in Sumpf!« sagte der Kommissar langsam und betrachtete den Arzt voller Verachtung. »In Sumpf von Kasymsskoje, wo Todd ist.«

Dr. Böhler biß die Zähne zusammen. Was er nie geglaubt hatte, war doch Wahrheit geworden: Worotilow hatte ihn bei Kuwakino angezeigt. Er hatte seine Drohung ausgeführt. Er hatte sich durchgerungen, ein Russe zu sein und nicht ein Freund der Deutschen. Er opferte ihn, um zu beweisen, daß er der Herr der Macht war.

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