Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Der» Tod in Schuhen «gehörte allerdings schon früh zu unserem Alltag. In unserer Gegend wohnten einige brutale Typen, die sich ab und an aus Übermut und aus tiefdunkler Wut mit Pflastersteinen bewarfen. Und als einer am Kopf getroffen wurde, lag er kurze Zeit ausgestreckt auf der Straße — und war wie tot. Er regte sich nicht, zuckte nicht, und ob er atmete, konnte man nicht sehen. Einige Wochen später lief er wieder herum, wurde aber nie der Alte. Wenn er schneller vorwärtskommen wollte, hüpfte er immer mit einem kindlich wirkenden Einfuß-Doppelsprung — abwechselnd jeweils auf dem linken und dem rechten Fuß. Oft blickte er ins Ungewisse und verkehrte außerdem nicht mehr mit seinen alten Kumpanen. Seine alteingeschworene Bande war noch schlimmer als die sogenannte Affenbande, aber auch vor der Affenbande unseres unberechenbaren Dschagarow hatte man Angst zu haben. Hauptoperationsgebiet der Affenclique waren zum Glück die steilen Hänge des Hirschgrabens. Die Wildnis dieser tiefen Hradschiner Schlucht auf der Burg-Rückseite gehörte teilweise schon zur bewachten Umgebung des präsidialen Gartens und seiner Wohnresidenz und lag außerhalb unseres üblichen Bewegungsradius. Daher kamen uns beispielsweise die Affen in der Nähe unseres barocken Stadttores nur selten in die Quere.
Eines Tages passierte etwas, wovor wir immer schon gewarnt worden waren. Einer von uns war leichtsinnig und fiel von unserem geländerlosen Tor auf die Straße. Er fiel vom frontalen Sims direkt auf die Pflasterung und starb tatsächlich bald. Damit hatten wir in dem nie offen ausgebrochenen Rivalitätskampf mit der Affenbande einen großen Pluspunkt gemacht. An sich war dieser luftige Flug aber vollkommen harmlos und unspektakulär, ihm ging überhaupt keine aggressive Auseinandersetzung voraus. Ein buntes Stoffbündel segelte durch die Luft, man hörte keinen Schrei, wegen des Straßenlärms fiel auch der Aufschlag wie geräuschlos aus. Der Bursche, der nicht zu meinen näheren Freunden zählte, sah äußerlich unverletzt aus, seine Augen betrachteten uns ruhig eine ganze Weile. Er wirkte etwas leidend, hielt sich am Bauch fest, klagte aber nicht. Sein bester Freund streichelte ihn so lange, bis die Sanitäter kamen.
die affenbande war schneller als das blut
Wenn ich unsere Familienetage verließ, fühlte ich mich wie befreit und atmete auf. Draußen auf der Straße war ich das chaotische Geliebtwerden für eine Weile los, und hier hatte vieles eine gewisse, wenn auch nur sozialistisch bescheidene Ordnung. Der Staat billigte seinen Untertanen kein wirkliches Mitspracherecht zu, mußte aber trotzdem mit einer begrenzten öffentlichen Kontrolle rechnen. Als die Bezirksverwaltung alle vorhandenen Geländer der denkmalgeschützten Gegend bunt anstreichen ließ, gab es bei uns so etwas wie einen Bürgeraufstand. Das vom Dreck erschwarzte und stark rostende Metall der Geländerrohre erstrahlte plötzlich zwischen den einzelnen Pfosten in den Farben gelb, rot, grün — gelb, rot, grün — gelb, rot, grün… und abwechselnd immer so weiter. Allerdings hatten sich die Anstreicher an zwei Stellen verzählt.
Mehrere Straßen der Umgebung — nicht nur meine — waren nur einseitig bebaut und hießen nicht» Straße«, sondern» Basta«, was Bollwerk bedeutet. Die unbebaute Seite der jeweiligen Basta bildete eine nach unten zum Verteidigungsgraben fallende Backsteinmauer. Und auf den aus Stein gemeißelten Kronen dieser Mauern zogen sich aus Sicherheitsgründen die gerade beschriebenen Geländerstrecken hin. Wenn das Demonstrationsrecht — realsozialistisch das» Recht auf Straßenumzüge und Manifestationen «genannt — damals nicht nur auf dem Papier existiert hätte, hätten sich die Menschen sicher Parolen wie» Wir sind keine Papageien «oder» Ab nach Bolivien «einfallen lassen. Das Murren des Volkes war nach dem Pinselstreich der Verwaltung zum Glück laut genug — und die gelben und grünen Abschnitte wurden nach und nach rot überpinselt, bis alles einheitlich Signalrot war.
Eigentlich will ich aber auf etwas vollkommen Konträres hinaus: In unserer Gegend umgab mich insgesamt viel mehr Harmonie und Schönheit, als sie in unserer Wohnung zu finden waren. Die Rudimente meines Sinns für Ästhetik formten sich eventuell dort unter freiem Himmel und nicht in irgendwelchen Museen oder Galerien. Inmitten unseres häuslichen Gebrauchtmöbellagers war ästhetische Erziehung sowieso nur als eine negativistische Widerstandsschulung möglich. Aber aufgepaßt: Obwohl meine schöne Gegend unendlich viele Vorzüge hatte und in der Nachkriegszeit nur geringfügig verschandelt wurde, war ihre Harmonie trügerisch. Die äußere Aura, die ihr während der vergangenen Jahrhunderte verliehen worden war und mit der sie alle Pragliebhaber problemlos beeindrucken konnte, verdeckte einiges ausgesprochen geschickt.
Wie brisant die Lage und die weitergefaßte Topographie des Umfelds meiner Straße in Wirklichkeit war, ist mir erst beim Schreiben dieses Kapitels aufgegangen. Bei diesem additiven Rundumblick und beim Sortieren dessen, was zu der sonstigen Gutmütigkeit der Gegend absolut nicht passen wollte, sind sogar die noch zu beschreibenden Kommandoeinsätze der städtischen Müllarmee verblaßt. Und die Selbstgefährdung beim Balancieren auf dem Kranzgesims des Stadttors hat auch stark an Gewicht verloren. Je länger ich heute an die Umgebung meiner Wohnung denke, desto klarer wird mir, daß ich zwischen realen Explosionsund Implosionsherden oder seelischen Schwärestätten verfangen, von mehreren Pulverfässern regelrecht umstellt war. Tatsächlich befand sich in jeder Himmelsrichtung mindestens eine aktuelle Gefahrenquelle, ein Herd der aktiven Gewaltausübung oder ein Ort, der der passiven Gewalt-Erwartung diente. Dieser konkrete Ort erstreckte sich sogar bis in das Innere unserer Anhöhe und lag so gut wie unterunseren Füßen. Und all das, was ich gerade aufgezählt habe, ist durchaus wortwörtlich und räumlich konkret gemeint. Es gab hier sogar einen Ort, an dem pausenlos Planspiele zur großflächigen Eliminierung feindlicher Völker geschmiedet worden waren. Insgesamt an FÜNF SCHWERPUNKTEN ging es in meiner Nähe, mittelbar oder unmittelbar, um Sterben, Zerstörung oder Auslöschung. Ich bewegte mich damals, habe ich das Gefühl, im Innentrakt eines neuzeitlichen Drudenfußes, auf den geometrisch nicht vorhandenen Achsen eines magischen Fünfzacks. Zufälligerweise bestand ausgerechnet auch meine Straße — weil sie der Festungsmauer folgte — aus fünf Abschnitten.
Über den fünfzackigen Belagerungsring, in dessen Zentrum meine viermal gebrochene Straße stand, jetzt der Reihe nach.
Die Straßenbahnen mußten sich — um von der Burg bis zur Moldau zu kommen — eine stark abschüssige Straße quietschend hinunterbremsen, mußten sich außerdem durch einige scharfe Kurven quälen. Sie schafften es nicht immer problemlos, standen manchmal plötzlich lahm auf den Pflastersteinen der Serpentine und verstellten den Autos den Weg. Einmal lag unter dem Stahlkoloß sogar ein Junge, und es dauerte eine Ewigkeit, bis ein Lastkran kam und die Helfer und Ärzte den Jungen befreien konnten. Beim Warten auf den Kran unterhielten sie sich mit ihm, scherzten vorsichtig, und der Junge versuchte, vorsichtig zurückzulächeln. Die alten Straßenbahnen bestanden aus einem Triebwagen und einem oder zwei Anhängern. Diese angehängten Klapperkisten konnten — weil sie keine eigenen Motoren besaßen — zwar bergauf empfindlich zur Last fallen, sie waren aber nicht in der Lage, unabhängig Bremsstrom zu erzeugen. Die steile Abfahrt war sowieso nicht ungefährlich, da sich beispielsweise in einer der Kurven einige Weichen befanden. Eines Tages passierte das, wasirgendwann passieren mußte. Die Straßenbahn wurde unterhalb des Belvederes (des Lustschlößchens der Königin Anna) immer schneller, und die Fahrerin verließ sich auf die sonst immer zuverlässige Bremsanlage — obwohl diese nicht mit mehreren Bremskreisen ausgestattet war. Ihr schmaler und niedrig liegender Wagentyp — im Volksmund» U-Boot «genannt — hatte etwas kleinere Räder als die rundlicheren Modelle, die Strecke war naß, und beide Wagen waren voll besetzt. Die Fahrerin genoß das Tempo viel zu lange, bis es irgendwann zu spät war. Bei der anschließenden Vollbremsung sprang das Doppelgespann wie ein wütendes Walroß aus der ersten, leider in der Kurve liegenden Weiche, fuhr auf der Pflasterung geradeaus und kippte dabei um. Und bevor der Vorderwagen in die Stützmauer des Berghangs krachte, hatte sich der Anhänger mehrmals überschlagen. Das Blut der Passagiere, die aus den kaputten Fenstern und der offenen Plattform des Anhängers hinausgeschleudert worden waren, verfärbte die Unglückskreuzung in unterschiedlichen Rottönen. Und da es nicht sofort gerann, floß es in kleinen Rinnsalen die abfallende Straße hinunter. Die düsteren Statuen des Mystikers und Symbolisten Frantisek Bilek, die auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung vor Bileks ehemaliger Villa standen und dort immer noch stehen, schauten dem Großereignis hocherregt zu.