Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Einen triftigen Grund, mich von Skopka fernzuhalten, hatte ich nicht, alles fing vollkommen harmlos an. Und Skopka war seit langem sowieso für die unterschiedlichsten Facetten meiner Ausbildung verantwortlich. Einen Fotografen hatte er aus mir zwar nicht gemacht, ich wußte aber genau, was man in der Dunkelkammer zu tun hat und was dort wie funktioniert — eben von Skopka. Ich hatte ebenfalls nicht vor, ein Kosmonaut zu werden, die in der Zukunft liegende Kosmoseroberung wurde aber auch zu meinem Anliegen. Und hier schließt sich teilweise der Kreis: Kosmoseroberung ist, wie man weiß, ohne gewaltige Verbrennungsprozesse nicht denkbar. Und Petr Skopka war — das kann ich nicht ganz leugnen — ein Experte auch in Sachen flammender und sonstiger Zerstörung. Natürlich war es seine Idee gewesen, eine Straßenbahn auf eine kurze Fahrt über die Pflastersteine zu schicken und zu beobachten, wie gut sie dort ohne Stromfluß vorwärtskäme.
— Eine Explosion, beruhigte er mich einmal, ist nichts anderes als eine harmlose Verbrennung, die Oxidation erfolgt dabei nur ungeheuerlich schnell. Und ein Verkehrsunfall ist — streng physikalisch gesehen — nichts anderes als Bremsen, also mal mehr oder weniger materialschädigend, versteht sich.
Skopka besuchte zweimal die Woche, volle zwei Jahre lang, einen geheimnisumwitterten Chemiezirkel und war auch in seiner Freizeit ganz bei der Sache. In mir nährte ernebenbei kontinuierlich die Begeisterung für Explosivstoffe, bis ich mich bei dem Zirkel schließlich auch anmeldete. Dort langweilte ich mich aber fürchterlich, litt vor allem darunter, mich nicht an der frischen Luft bewegen zu können. Und ich sah absolut nicht ein, warum ich das und jenes miteinander mischen sollte, was mir äußerlich überhaupt nichts sagte, optisch auch nach gar nichts aussah. Die meisten der verwendeten Substanzen verrieten nicht annähernd, was in ihnen steckte. Sogar wenn man sie angefaßt hatte — was man dummerweise gar nicht sollte — , geschah in der Regel nichts. Chemie war auf dieser Stufe der Beschäftigung absolut unsinnlich, undurchschaubar, unspektakulär. Nachdem aber Skopka immer neue Geheimnisse erfahren und mit ihnen heimliche Experimente angestellt hatte, hatte ich doch Feuer gefangen und wurde nach einer gründlichen Schulung als Assistent engagiert. Eine Einweisung bestand zum Beispiel darin, daß er mir zeigte, wie man chemische Substanzen mit dem Geruchssinn erkundete — ohne sich der Gefahr der Schleimhautverätzung auszusetzen.
— NIEMALS an die Fläschchenöffnung direkt mit der Nase herangehen, die Ausdünstungen NIEMALS direkt in die Nasenlöcher einziehen! Den Kopf immer nur in sicherem Abstand halten, mit der freien Hand oberhalb des Flaschenhalses wedeln und die dadurch verdünnten, eventuell ätzenden Dämpfe vorsichtig prüfen.
Die ersten wirklich gefährlichen Experimente starteten wir mit Säuren — manche hatte Petr bei den Zirkelnachmittagen abgezapft, also geklaut, manche waren damals frei verkäuflich. Salzsäure war in den Drogerien in unbegrenzter Menge zu haben.
— Jungs, wofür braucht ihr das? Warum so viel?
— Für die Toilettenschüsseln zu Hause, für das ganze Haus. Unsere Mütter wollen innen alles weiß haben, bis nach unten in den Siphon.Wir testeten zum Beispiel, was in den Säuren zischte und sich auflöste und was nicht, wir sprangen zur Seite, wenn die Reaktionen zu heftig wurden. Skopkas Arbeitstisch und dessen Umgebung gerieten oft unter Spritzerbeschuß, alles war voller Spuren der säuerlichen Freßgier. Der stark kurzsichtige Petr trug zum Glück eine Brille, sein Körper, Kopf und seine Kleidung schützten mich als seinen immer in der zweiten Reihe stehenden Assistenten vor dem Schlimmsten. Skopkas Hosen und Hemden waren natürlich dauernd voller Löcher. Daß irgendwelche Abwasserleitungen in seinem Haus Lecks bekamen und es dadurch zu einer fäkalen Überschwemmung des halben Kellers kam, war wahrscheinlich unsere Schuld. Als ich einige Jahre zuvor einen langweiligen Spielkasten» Der junge Chemiker «bekommen hatte, ahnte ich nicht, was die Chemie in Wirklichkeit alles bewirken konnte.
Mit Säuren- und Basen-Experimenten war es irgendwann zu Ende, wir gingen zum Herstellen von praktisch nutzbaren Endprodukten über — das war viel interessanter. Die interessantesten von ihnen waren eindeutig die Sprengstoffe. Alle Zutaten wie Azeton, Nitroverdünnung und irgendwelche Mittel gegen Unkraut (»Gras-Ex«) — also alles, was wir brauchten — gab es damals frei im Handel. Bei einem der Rezepte war auch Wasserstoffperoxid dabei. Dank der emsigen Islamisten kennt solche Rezepte für Flüssigsprengstoff heutzutage jedes Kind. Die drei oder vier benötigten Zutaten mußte man sich allerdings auch damals — trotz der Ahnungslosigkeit der Drogisten — zeitversetzt und möglichst in unterschiedlichen Geschäften besorgen. Wir betraten die Läden einzeln, jeder von uns kaufte grundsätzlich nur eine einzige Zutat. Danach trugen wir den Stoff nach Hause, wechselten uns beim Kanistertragen ab. Mit dem ausgewaschenen Gefäß gingen wir später zur nächsten Drogerie.
Als Reaktionsgefäße dienten uns große Gurkengläser, die in unseren Zimmern frei herumstanden und fürchterlichstanken — jedesmal mehrere Tage lang. Kein Erwachsener beschwerte sich, niemand fragte nach dem Sinn und Zweck des geheimnisvoll reifenden Mischinhalts. Das aus mehreren Litern bestehende Wasserstoffperoxid-Azeton-usw.-Gemisch sonderte beispielsweise eine dünne Schicht weißlicher Flocken ab, die auf dem Glasboden liegenblieben. Wir wollten — teilwissend und vollkommen unschuldig, wie wir waren — keine Gebäude in die Luft jagen, wir brauchten ausschließlich dieses Konzentrat, Derivat, diese Salzabsonderung oder was es war. Die Flocken mußten nach dem Ende der Reaktionszeit nur noch abgefiltert werden, die für uns uninteressante Flüssigkeit wanderte in die Toilette. Wir rauchten damals noch nicht und schmissen zum Glück keine Kippen in die inzwischen tatsächlich schneeweißen Kloschüsseln. Als die zu Pulver zerfallenen Flocken auf dem Filterpapier getrocknet waren, wurde diese Kostbarkeit auf Papierquadrate verteilt. Auf jedes Pulverhäubchen legten wir eine Stahlkugel, zogen die vier Papierenden in die Höhe und verpaßten jeder dieser Wurfgranaten einen gedrehten Schweif. Das Geschoß war hochexplosiv, zur Zündung reichte der einfache Aufprall der schweren Kugel. Der Krach — draußen auf den Straßen, versteht sich — war trotz der knapp bemessenen Dosierung jedesmal gewaltig. So etwas wie Blindgänger produzierten wir nicht. Leider wollte Skopka aus Übermut auch mal eine primitive Zündschnur testen, bis ihm eine warm gewordene Granate zwei Finger und einen Daumen zerfetzte. Er trug, wie gesagt, zum Glück eine Brille. Beim Arzt versuchte er zu behaupten, er sei im Gebüsch auf Glasscherben gefallen. Man lachte ihn aus. Als ein Jahr später die chinesischen Vitrinen zum ersten Mal hochgingen und abbrannten, wurden wir von der Polizei sofort aufs Revier geholt.
Letzten Endes ging in dieser mit chemischen Experimenten verbrachten Phase unseres Lebens alles gut aus. Wir verloren bei den feierlichen Explosionen keine lebenswichtigen Organe, unsere Häuser oder Häuserblocks brannten nicht aus, wir brachten niemanden um und wurden von unseren Familien in keine Besserungsanstalten gesteckt. Und bei den Anschlägen auf die Chinesen waren wir eindeutig unschuldig. Das Innenministerium soll die Polizei angeblich sowieso bald angewiesen haben, die Täter nicht allzu intensiv zu suchen. Heute weiß ich, da ich einige Tiefenrecherchen angestellt hatte, über die Hintergründe der beiden Angriffe noch mehr: Den ersten veranlaßte eine Abteilung des Innenministeriums, den zweiten leisteten sich irgendwelche Diplomaten aus Nahost. Eine angrenzende arabische Botschaft fühlte sich von den Propagandaorgien der Chinesen gestört.