Die Vereinigung jiddischer Polizisten
- Автор: Чабон Майкл
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: dtv
- ISBN: 978-3-423-13793-5
- Переводчик: Andrea Fischer
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
Ein Knurren, ein wildes Grollen in der Kehle, tief und halbmenschlich, ein warnendes oder düster mahnendes Rumpeln: einer der Schwarzhüte neben dem Auto hat eine Journalistenfrage falsch verstanden. Vielleicht hat er auch alle falsch verstanden, genau wie die Art, auf die sie gestellt werden. Landsman sieht den zornigen Schwarzhut, breit, blond, ohne Krawatte, flattrige Hemdschöße, und erkennt Dovid Sussman, den Jid, der Berko Shemets auf Verbov Island neckte. Ein Klotz von Mann mit einer Ausbuchtung im Kiefergelenk und einer zweiten unter der linken Achsel. Sussman schlingt einen Arm um den Hals von Dennis Brennan, den Jämmerlichen, und würgt ihm die Luft ab. Mit den Zähnen an Brennans Ohr hält er ihm einen Vortrag und zieht ihn nach hinten, der Familie aus dem Weg, die durch das Tor kommt.
Da tritt ein Latke vor. Er schreitet ein, das ist schließlich seine Aufgabe. Aber weil er Angst hat — der Knabe sieht wirklich verängstigt aus —, setzt er seinen Schlagstock vielleicht ein wenig zu heftig an Dovid Sussmans Schädel ein. Man hört ein ekliges Schnappen, dann löst sich Sussman auf und zerfließt zu den Füßen des Latkes.
Kurz halten die Menschenmenge, der Nachmittag und die große weite Welt der Juden die Luft an und vergessen, wieder auszuatmen. Dann bricht der reinste Wahnsinn los, ein jüdischer Krawall, ein Hand- und Wortgemenge, das vor maßlosen Anschuldigungen und unversöhnlichen Flüchen strotzt. Hautkrankheiten werden angerufen, Verdammungen und Blutungen. Gekreische, aufbrausende Schwarzhüte, Stöcke und Schläge, Geschrei und Gebrüll, wie Kreuzfahrerflaggen wehende Bärte, Flüche, der Geruch von aufgewühltem Schlamm, von Blut und gebügelten Hosen. Zwei Männer tragen ein zwischen zwei Stangen gespanntes Banner, auf dem sie von ihrem verlorenen Prinzen Menachem Abschied nehmen. Plötzlich schnappt sich jemand die eine Stange und ein anderer die zweite. Das Banner reißt auseinander und gerät ins Zahnrad der Masse. Kiefer und Schädel der Polizisten bekommen die Stangen zu spüren. Das mühevoll auf den Stoff geschriebene Wort ABSCHIED wird herausgerissen und fortgeworfen. Über den Köpfen von Trauergästen und Polizisten, Ganoven und Frommen, Lebenden und Toten, schwebt es durch die Luft.
Landsman verliert den Rebbe aus dem Blick, aber er sieht, wie eine Horde Rudashevskys die Mutter, Batsheva, in den Fond der Limousine schiebt. Der Chauffeur greift nach der Fahrertür und springt auf seinen Sitz wie ein Turner. Die Rudashevskys hämmern gegen das Auto und rufen los los los. Und Landsman, der immer noch in der Tasche nach der glänzenden Münze einer guten Frage gräbt, sieht zu, und dabei fällt ihm eine Reihe von Kleinigkeiten auf. Der Filipino-Chauffeur ist nervös. Er legt keinen Sicherheitsgurt an. Mit der Hupe lässt er keinen kräftigen, viehvertreibenden Tusch ertönen. Und der kleine Pin des Schlosses auf der Türverkleidung senkt sich nicht nach unten. Der Chauffeur legt einfach den Gang der langen Limousine ein und rollt voran, bald zu schnell für eine so belebte Umgebung.
Landsman geht zur Seite, als der Wagen auf ihn zugeschossen kommt. Eine Strähne Trauernder löst sich aus dem großen schwarzen Zopf und schleppt sich hinter Batsheva Shpilmans Stretchlimousine her. Ein Sog des Kummers. Kurz versperren die am Auto hängenden Trauernden den Rudashevskys den Blick auf jeden, der Narr genug ist, in den Wagen zu steigen. Landsman nickt, erfasst den rhythmischen Wahnsinn der Masse und seiner selbst. Kurz sieht er zu und lockert die Finger. Als der Wagen vorbeischaukelt, reißt er die Hintertür auf.
Augenblicklich wird die Motorkraft in seinen Beinen in Panik übersetzt. Es ist wie ein Beweis für die Physik seiner Dummheit, der unentrinnbaren Wucht seines eigenen Pechs. Während er ungefähr fünf Meter vom Wagen mitgeschleift wird, findet er Zeit, sich zu fragen, ob so auch seine Schwester ihr Ende fand, durch eine knappe Demonstration von Erdanziehungskraft und Masse. Seine Handgelenke spannen die Sehnen. Dann gelingt es ihm, ein Knie in das Innere der Limousine zu schieben, und er purzelt hinein.
24.
Eine dunkle Höhle, beleuchtet von blauen Dioden. Kühl, trocken, der Duft eines Zitronendeodorants. Landsman spürt in sich einen Nachhall dieses Geruchs, einen zitronigen Hauch grenzenloser Hoffnung und Energie. Das hier ist vielleicht das Dümmste, was er je getan hat, aber es musste getan werden, und das Gefühl, es getan zu haben, ist fürs Erste die Antwort auf die einzige Frage, die er zu stellen weiß.
»Wir haben Ginger Ale«, sagt die Königin von Verbov Island. Sie sitzt, gefaltet wie ein Zierteppich, zusammengerollt in der schattenhaften hinteren Ecke. Ihr Kleid ist einfach, aber aus gutem Stoff, und im Futter ihres Regenmantels blitzt ein modisches Logo. »Trinken Sie, ich will nicht.«
Doch Landsman widmet all seine Aufmerksamkeit dem ins Wageninnere weisenden Sitz neben dem Chauffeur, wo der wahrscheinlichste Quell von Ärger lauert. Dort sitzen ein Meter achtzig und vielleicht zweihundert Pfund Weiblichkeit in einem schwarzen Haifischhautanzug und einem reinweißen, kragenlosen Hemd. Die Augen dieser furchterregenden Person sind grau und hart. Sie erinnern Landsman an die Rücken von zwei angelaufenen Löffeln. Die Frau trägt einen weißen Knopf im Ohr, dessen Befestigung sich um den Flansch ihres linken Ohres windet. Ihr tomatenrotes Haar ist so kurz wie das eines Mannes.
»Ich wusste gar nicht, dass es Rudashevskys auch in weiblicher Ausführung gibt«, sagt Landsman. Im Raum zwischen den gegenüberliegenden Sitzbänken kauert er auf den Zehen.
»Das ist Shprintzl«, sagt seine Gastgeberin im Fond des Wagens. Dann hebt Batsheva Shpilman den Schleier. Ihr Körper ist zerbrechlich, vielleicht sogar hager, aber der Grund dafür kann nicht ihr Alter sein, denn ihr fein geschnittenes Gesicht ist zwar eingefallen, aber glatt und wunderschön anzusehen. Sie hat weit auseinanderstehende Augen von einem Blau, das halb herzzerreißend, halb verhängnisvoll ist. Ihre Lippen sind ungeschminkt und doch voll und rot. Die Nüstern ihrer langen, geraden Nase sind geschwungen wie zwei Flügel. Ihr Gesicht ist so ausdrucksstark und lieblich und ihre Gestalt so verfallen, dass ihr Anblick verstörend wirkt. Wie ein fremdartiger Parasit sitzt ihr Kopf auf dem geäderten Hals und zehrt von ihrem Körper. »Ich möchte, dass Sie sich darüber im Klaren sind, dass Shprintzl Sie noch nicht umgebracht hat.«
»Vielen Dank, Shprintzl«, sagt Landsman.
»No problem«, sagt Shprintzl Rudashevsky. Ihre Stimme erinnert an eine in einem Eimer rollende Zwiebel.
Batsheva Shpilman weist auf das andere Ende der Rückbank. Ihre Hand ist in schwarzen Samt gehüllt, an der Manschette mit drei schwarzen Samenperlen geknöpft. Landsman nimmt ihren Vorschlag an und erhebt sich. Der Sitz ist sehr bequem. Er fühlt den kalten Schweiß eines imaginären Highballs an seinen Fingerspitzen.
»Außerdem hat sie keinen ihrer Brüder oder Cousins in den anderen Wagen benachrichtigt, obwohl sie, wie Sie sehen können, mit ihnen über Funk verbunden ist.«
»Eng verbundener Haufen, diese Rudashevskys«, sagt Landsman, doch er versteht, was sie ihm damit sagen will. »Sie möchten mit mir sprechen.«
»Ach ja?«, sagt Batsheva Shpilman, und ihre Lippen erwägen kurz, sich ein wenig zu heben, entscheiden sich aber dagegen. »Sie waren es doch, der sich Zutritt zu meinem Wagen verschafft hat.«
»Ach, das ist ein Auto? Mein Fehler, ich dachte, es wäre die Linie 61.«
Shprintzl Rudashevskys breites Gesicht bekommt eine philosophische, ja mystische Leere. Sie sieht aus, als mache sie sich in die Hose und genieße die Wärme.