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Der Arzt von Stalingrad

Электронная книга - «Der Arzt von Stalingrad». Краткое содержание книги:

Das große Epos der Kriegsgefangenschaft: Mitten in der Hölle des Plenni-lagers sucht ein Arzt die Würde seines Berufs, die Würde des Menschen zu wahren. Vor dem Hintergrund des riesigen Lagers von Stalingrad spielt sich das erregende und erschütternde Geschehen ab. Dem Lagerarzt Dr. Böhler glückt jene legendäre Operation, die mit Windeseile in allen Gefangenenbaracken von Odessa bis Astrachan mythischen Ruhm gewinnt. Bei Petroleumbeleuchtung in einer eisumtosten russischen Bauernkate, mit nichts ausgerüstet als mit einem Drillbohrer, einem Schlosserhammer, einem Stemmeisen und dem alten Taschenmesser eines Landsers, hatte er die komplizierte Schädeloperation gewagt.
Sonderausgabe mit Genehmigung der Lichtenberg Verlag GmbH, München Printed in Western Germany • BK Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ©
FÜR ALLE, DIE NICHT ZURÜCKKEHRTEN FÜR ALLE, VON DEREN SCHICKSAL NIEMAND WEISS...
GEDULD IST DIE KUNST ZU HOFFEN VAUVENARGUES
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Noch saß er nebenan bei Leutnant Markow.

Noch! Doch was war, wenn er herausbekam, was geschehen war? Wenn er Grosse verhörte? Würde dann die Angst vor den Russen nicht doch stärker sein?

In diesem Augenblick wünschte sich Dr. Böhler, daß Walter Grosse nie wieder erwacht wäre. Er sah die Schwäche, auf die er baute, und wußte, daß Grosse dem Druck Kuwakinos nicht standhalten würde.

Die Lage begann kritisch zu werden, als am Abend des gleichen Tages das Lagerorchester zusammenkam und die Ouvertüre der Operette durchproben wollte. Peter Fischer suchte seine von Julius Kerner geerbte Trompete, jeder suchte sein Instrument in der großen Saalbaracke, der Stolowaja, wie der Russe sie nannte. Aber dort, wo man sie abgestellt hatte, war der Platz leer - selbst die Notenständer, aus Knüppeln gezimmert, waren verschwunden. Der Dirigent des Orchesters, ehemaliger Kapellmeister der Krefelder Oper, sah sich um.

»Die haben unsere Instrumente weggenommen«, sagte er hilflos. »Anders ist es nicht zu erklären.«

Betreten standen die Musiker herum, bis Karl Georg, der Schlagzeug spielte, von draußen wieder hereinkam. Sein Gesicht war wutverzerrt.

»Der Posten sagt - beschlagnahmt!« schrie er. »Wegen der Sache mit Grosse! So lange beschlagnahmt, bis sich die Täter melden! Außerdem ist es verboten, weiter zu proben! Es gibt keine Bibliothek mehr, nur noch halbes Essen für das ganze Lager, keine Zeitungen, ab neun Uhr - das ist in 20 Minuten - kein Licht mehr! Zum Kotzen ist das!«

Peter Fischer hockte auf einem Schemel, ein Häuflein Unglück.

»Das hätte sich der Kerner mit seiner Trompete nicht gefallen lassen. Er wäre zu Worotilow gegangen.«

»Dann geh doch, du Idiot!« schrie Karl Georg. »Dir fehlt auch so 'ne Nase wie dem Sauerbrunn seine.«

Der Dirigent ordnete die handgeschriebenen Noten; dann verteilte er sie nach Instrumenten. »Proben wir so«, sagte er. »Jeder kennt sein Instrument . üben wir jetzt bloß die Einsätze. Ich markiere die Instrumentalgruppen.« Er hob den Taktstock - aus einer Birke geschnitten, weiß, lang, zart. »Die Bläser beginnen. Tata ... tata. Erst die Trompeten . dann nach sieben Takten die Flöten und Klarinetten. Nach Takt zwölf Einsatz der Pauke.«

Die Musiker umstanden den Dirigenten. In ihren Ohren klangen die Melodien, während sie stumm auf die Noten starrten, die Takte zählten und auf den Taktstock achteten, der die Tempi angab, während die linke Hand den Instrumenten den Einsatz zuwinkte. Es war eine gespenstische Szene - 32 Männer, stumm, Noten in den Händen, und ein Dirigent, der voll dirigierte.

Um neun Uhr erlosch das Licht. Dunkel, feindlich lagen die Baracken im Schnee unter dem kalten Himmel. Nur im Lazarett brannten die Lampen.

Peter Fischer ging zu dem Ofen, den man in der Ecke des Saales angesteckt hatte, und hielt einen Holzkloben in die Glut. Als das Scheit brannte, zog er es heraus und hielt es hoch über seinen Kopf. Flammendes Licht umspielte die stummen Musiker und warf zuk-kende Schatten gegen die Wände.

»Proben wir weiter«, sagte der Dirigent. Seine Stimme war brüchig vor Ergriffenheit. »Zweiter Teil, ab Takt 34. Die ersten Geigen setzen ein. Langsamer Bogenstrich, singend. Und genau auf die Tempi achten, da gleich die Celli einsetzen.«

Dreimal wechselte Peter Fischer das brennende Scheit, dann hat-te der Posten dem Major gemeldet, daß in der Stolowaja die Gefangenen trotz Dunkelheit und ohne Instrumente probten. Worotilow hatte den Russen ungläubig angesehen und war ein Stück mitgekommen. Vor der Baracke hatte er durch das Fenster geblickt und das stumme Orchester mit dem fackelschwingenden Peter Fischer beobachtet. Er hatte dem Posten zugenickt und war zurück in seine Kommandantur gegangen. Lange stand er zögernd vor dem Hauptschalter. Nur ein Griff - und im Lager war Licht. Worotilow hatte schon die Hand ausgestreckt, hastig zog er sie wieder zurück.

Es sind Gefangene ... es sind Verdammte! Der Sieger ist Rußland! Sie haben zu gehorchen. Er starrte auf den schwarzen Hebel - zögernd wandte er sich ab und ging in sein Zimmer.

Am nächsten Morgen wurden nur die halben Portionen ausgeteilt. Michail Pjatjal ließ sich bei den Essenholern nicht blicken - er schickte Bascha Tarrasowa vor und ließ sie die Flüche der Plennis anhören. »Ihr freßt euch dick und hurt wie die Karnickelböcke!« schrie einer der Essenholer. »Und wir sollen bei 300 Gramm Brot und 'nem halben Liter Suppe arbeiten können!«

»Befehlll von Majorr!« sagte Bascha und lächelte vielsagend.

»Leck mich am Arsch!« Die Kohlwassersuppe wurde in die großen Kessel gefüllt. Man tat es mit Wut... oft spritzte die Suppe über den Kesselrand in den Schnee. Michail Pjatjal, der Küchenleiter, beobachtete es von seinem Zimmerfenster aus und grinste. »Was überläuft, abziehen, Bascha!« rief er dem Mädchen auf russisch zu. »Die Kerle werden sonst zu fett.«

»Da ist ja der alte Hurenbock!« rief einer aus der Schlange. »Dir schlagen sie auch noch mal die weiche Birne ein!«

Pjatjal lächelte und schloß die Fenster. Er dachte an den schönen Rinderbraten, der in der Küche bruzzelte.

Im Lazarett stand Dr. Böhler vor seinem Sanitätspersonal. Er blickte von einem zum anderen - Dr. Schultheiß, Ingeborg Waiden, Martha Kreutz, Erna Bordner, Emil Pelz und vier Hilfssanitäter. Sein

Gesicht war sehr ernst.

»Worotilow läßt nur halbe Portionen ausgeben«, sagte er langsam. »Das bedeutet, daß wir innerhalb von drei Wochen die ersten Fälle von Hungerödem bekommen. Von Herzschäden ganz zu schweigen! Ich bin gewillt, diese Strafmaßnahme nicht hinzunehmen!«

Ingeborg Waiden sah ihren Chef verblüfft an.

»Was wollen Sie dagegen tun?« fragte sie kleinlaut.

»Ich werde das Lazarett schließen.«

»Was werden Sie?« Dr. Schultheiß schüttelte den Kopf. »Das geht doch nicht! Wir haben voll belegt. Leutnant Markow liegt hier.«

»Um den kann sich Dr. Kresin kümmern. Außerdem haben die Russen ja die Kasalinsskaja und die Tschurilowa! Wenn ihr alle Mut habt, ein wenig Zivilcourage und bereit seid, die Folgen zu tragen, legen wir ab heute die Arbeit nieder, bis wieder normale Verhältnisse im Lager herrschen. Ich nehme es allein auf mich: Ihr habt alle nur unter meinem Befehl gehandelt.«

Dr. Schultheiß trat vor. Sein junges Gesicht mit den blonden Haaren darüber war gerötet. »Wir lassen Sie nicht allein, Herr Stabsarzt!«

»Dann kann ich dem Major melden, daß wir nicht mehr arbeiten?«

»Ja, Herr Stabsarzt.«

Dr. Böhler wandte sich ab und verließ das Lazarett. Bevor er aber zu Worotilow ging, schrieb er noch einen Brief und gab ihn Dr. Schultheiß. »Bewahren Sie ihn gut«, sagte er mit belegter Stimme. »Es kann sein, daß ich nicht zurückkomme. In diesem Falle behalten Sie den Brief und geben ihn meiner Frau, wenn Sie dazu Gelegenheit haben. Einmal werden Sie ja doch aus Rußland herauskommen.«

Dr. Schultheiß legte den Brief zur Seite auf den Tisch. Seine Augen glänzten. »Ich lasse Sie nicht allein gehen, Herr Stabsarzt! Ich gehe mit zu Worotilow!«

»Sie bleiben! Einer muß doch auf Ordnung sehen. Und meinen Brief müssen Sie an die Adresse meiner Frau besorgen. Das ist mir wichtiger als Ihr Heldentum! Vergessen Sie das nicht.«

Dr. Schultheiß zögerte. In seinen Zügen arbeitete es. »Nein«, sagte er stockend. »Ich werde es nicht vergessen.«

Er begleitete Dr. Böhler bis zur Treppe des Lazaretts und blieb dort stehen. Er blickte ihm nach, wie er schlank, in seiner wattierten Jacke, die Klappenmütze auf dem schmalen Kopf, durch den Schnee stapfte, der Kommandantur entgegen. Ein Posten, der von den Türmen kam, sah ihm nach. Einige Gefangene, die aus der Tischlerwerkstatt traten, grüßten stramm. Fast wie auf einem winterlichen Kasernenhof, wären die Türme und der Drahtzaun, die ausgehungerten Gesichter und die Sehnsucht nach der Heimat nicht gewesen.

Dr. Schultheiß sah, wie Dr. Böhler an der Kommandantur seine Stiefel abklopfte und die Tür aufriß. Dann war er im Innern verschwunden, und Dr. Schultheiß hatte das Gefühl, er werde ihn nie wiedersehen.

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