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Der Arzt von Stalingrad

Электронная книга - «Der Arzt von Stalingrad». Краткое содержание книги:

Das große Epos der Kriegsgefangenschaft: Mitten in der Hölle des Plenni-lagers sucht ein Arzt die Würde seines Berufs, die Würde des Menschen zu wahren. Vor dem Hintergrund des riesigen Lagers von Stalingrad spielt sich das erregende und erschütternde Geschehen ab. Dem Lagerarzt Dr. Böhler glückt jene legendäre Operation, die mit Windeseile in allen Gefangenenbaracken von Odessa bis Astrachan mythischen Ruhm gewinnt. Bei Petroleumbeleuchtung in einer eisumtosten russischen Bauernkate, mit nichts ausgerüstet als mit einem Drillbohrer, einem Schlosserhammer, einem Stemmeisen und dem alten Taschenmesser eines Landsers, hatte er die komplizierte Schädeloperation gewagt.
Sonderausgabe mit Genehmigung der Lichtenberg Verlag GmbH, München Printed in Western Germany • BK Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ©
FÜR ALLE, DIE NICHT ZURÜCKKEHRTEN FÜR ALLE, VON DEREN SCHICKSAL NIEMAND WEISS...
GEDULD IST DIE KUNST ZU HOFFEN VAUVENARGUES
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Ingeborg Waiden trat an das Bett und nahm Grosse sanft die Hände von den Augen. »Sei still«, sagte sie fast zärtlich. »Du bist doch in Sicherheit.«

Beim Klang der Frauenstimme öffnete Walter Grosse die Augen. Er starrte die Schwester ungläubig an und wandte den Kopf zu Dr. Schultheiß.

»Herr Doktor.«, stammelte er. Er tastete nach seiner Hand und hielt sie ganz fest. In seinen Augen flackerte wieder die Angst. »Sie werden mir nichts wieder tun.?«

»Nein. Hier sind Sie in Sicherheit.«

»Sie wollten mich in der Latrine ersäufen!« Walter Grosse schluchzte und drehte den Kopf zur Seite. »Sie haben mich in die Scheiße geworfen und wollten mich mit Stangen unter den Brei stoßen. O mein Gott ... mein Gott.« Er weinte wie ein kleines Kind, hell, plärrend, unterbrochen von lautem Schluchzen.

Dr. Schultheiß nickte Ingeborg Waiden zu. Sie verließ leise das Zimmer, um Dr. Böhler zu benachrichtigen. Der Arzt drehte den Kopf des Wimmernden wieder zu sich herum.

»Nun ist alles gut, Walter. Wir haben dich gerettet, und nun lebst du weiter.«

»Wie lange noch?«

»Bis deine Zeit abgelaufen ist.«

Grosse klammerte sich an den Armen des Arztes fest. Seine Augen bettelten.

»Werden sie mir bestimmt nichts mehr tun?« Sein Atem keuchte. »Sie werden mich wieder in die Latrine stoßen, wenn ich aus dem Lazarett komme.« Er ließ sich zurückfallen ins Bett und weinte wieder. »Ich habe solche Angst.«

So lag er einige Zeit, bis sich die Tür öffnete und Dr. Böhler eintrat. Walter Grosse kreischte auf. Er konnte vom Bett aus nicht sehen, wer hereinkam.

»Sie kommen mich holen! Hilfe! Hilfe!« Er wollte aus dem Bett springen, aber Ingeborg Waiden trat in den Lichtkreis. Das beruhigte Grosse, er ließ sich zurückgleiten. Dr. Böhler trat an das Bett.

Mit einem Nicken erhob sich Dr. Schultheiß und verließ mit In-geborg Waiden das Zimmer.

Dr. Böhler nahm Grosses schlaffe Hand. »Nun sind wir allein, Walter Grosse, ganz allein. Du kennst mich?«

»Ja, Herr Stabsarzt.« Grosse nickte beruhigt. »Sie haben mich gerettet, Sie sind gut.«

»Warum hat man dich in die Latrine geworfen?« fragte Dr. Böhler hart. »Bist du so ein Schwein, daß man dich ersäufen muß? Nun sag die Wahrheit, Walter Grosse.«

In die Augen des Geretteten trat ein gehetzter Blick. Wie ein getretenes Tier sah er Dr. Böhler an.

»Sie auch?« stammelte er ängstlich.

»Ich habe dich gerettet, weil ich Arzt bin. Jetzt bist du außer Gefahr . und jetzt frage ich dich als Plenni! Als einer deiner Kameraden, die bei Stalingrad gefangen wurden und seit fünf Jahren auf die Heimkehr hoffen. Ein Plenni wie du. Oder bist du gar kein Plen-ni, Walter Grosse?«

Der Mann im Bett zitterte, als werfe ihn ein eisiger Sturm hin und her. Seine Zähne klapperten hörbar vor Angst und Entsetzen.

»Antwort!« herrschte Dr. Böhler ihn an.

»Doch! Doch!« Walter Grosse weinte wieder. »Ich bin ein Plenni. Aber der Kommissar.«

»Wadislav Kuwakino.«

»Ja. Er legte mir eine Liste vor, die er aus Deutschland bekommen hatte. Er wußte jetzt, daß ich einmal Kreisorganisationsleiter in Stuttgart war, Politischer Leiter, und daß man mich in Stuttgart bei den Amis angezeigt hatte, ich hätte 1943 russische Fremdarbeiter geschlagen.« Grosse hob beide Arme. »Ich schwöre bei Gott: Es ist nicht wahr!«

»Weiter!« sagte Dr. Böhler ungerührt.

»Der Kommissar sagte mir, damit sei mein Todesurteil bereits gesprochen. Er brauche nur zu winken, dann käme einer ins Zimmer und gäbe mir den Genickschuß. Ich fiel zusammen, ich heulte und kroch auf den Dielen herum. Ich war so feige, so elend feig. Ich woll-te leben! Da sagte der Kommissar, daß er mich retten könnte, wenn ich ein V-Mann zum MWD würde, wenn ich meine Kameraden im Lager bespitzeln und es ihm melden würde und alle anzeigte, die schlecht über Rußland und die Kommunistische Partei sprechen. Ich habe ihm die Hände geküßt und den Schein unterschrieben! Damit war ich frei ... keiner gab mir den Genickschuß, ich bekam sogar in der Küche von Pjatjal mehr zu essen als die anderen. Und ich meldete alles, was ich hörte und sah.«

»Dann warst du doch ein elendes Schwein!«

»Ich bin Vater von vier Kindern. Ich will wieder nach Hause!«

»Und wieviel Familienväter hast du denunziert? Daran hast du nicht gedacht! Nur immer ich! Ich! In der Gefangenschaft heißt es >wir<! Das >wir< ist das große Symbol der Kameradschaft. Du hast es in den Dreck gezogen und solltest im Dreck ersticken. Das war nur gerecht. Siehst du das ein?«

Walter Grosse kroch in sich zusammen. »Ja.«, röchelte er.

Dr. Böhler schob die Hand weg, die zaghaft nach ihm tastete. »Noch etwas«, sagte er hart. »Worotilow wird dich verhören, auch Dr. Kresin, vielleicht auch Kuwakino. Du weißt nicht, wer dich in die Latrine warf!Du hast sie nicht erkannt! Verstanden? Wenn du nur einen Namen nennst, wirst du wieder in die Latrine fliegen . und dann werde ich vergessen, daß ich Arzt bin, und dich nicht retten! Ich werde es auf mein Gewissen vor Gott nehmen, dir jede Hilfe zu verweigern! Hast du mich verstanden?!«

»Ja.« Walter Grosse zitterte, die Tränen rannen über sein Gesicht. »Ich habe es doch nur aus Angst getan. Man wollte mich erschießen . und ich habe vier Kinder.«

Die Tür sprang auf, Major Worotilow stand im Rahmen. Walter Grosse fiel in die Kissen zurück, er wimmerte vor Angst.

»Sie allein mit Grosse?« fragte Worotilow sarkastisch. »Darf ich mich Ihrem Verhör anschließen, Doktor?«

»Ich untersuche nur den Patienten.«

»Seelisch, ich verstehe.«

»Er ist vernehmungsfähig. Aber ich muß als Arzt bemerken, daß sein Herz einen Schock bekommen hat und bei Überanstrengung ein Herzschlag eintreten kann.«

Major Worotilow lachte leise. »Ich verstehe nichts von Medizin, aber so idiotisch bin ich nicht, um nicht zu wissen, daß so ein Schock im Herzen völliger Quatsch ist! Das gibt es nicht. Grosse ist gesund ... vielleicht noch ein wenig nervenschwach. Aber das gibt sich.« Er trat an das Bett. Walter Grosse starrte ihn aus tief in den Höhlen liegenden Augen an. »Nun, du Schwein«, sagte Worotilow. »Schade, daß du nicht mehr Scheiße gefressen hast!« Mit den Beinen angelte er sich einen Schemel heran und setzte sich. Unwillkürlich rückte Walter Grosse in die äußerste Ecke des Bettes.

»Wer hat dich in die Latrine geworfen?«

Grosse starrte Major Worotilow an. »Ich habe sie nicht erkannt.«

»Ich lasse dich erschießen, wenn du mir die Namen nicht nennst!«

»Ich weiß es nicht!« schrie Grosse gellend. Er warf sich aufs Gesicht und krallte die Finger in das Bett. Auf und nieder zuckte sein Körper.

»Er ist nicht mehr vernehmungsfähig«, sagte Dr. Böhler aus seiner Ecke heraus.

Worotilow erhob sich schnell. »Gut haben Sie das gemacht. Sehr gut! Ein wenig Seelenmassage, was? Glauben Sie, daß sie anhält?«

»Ja.«

Worotilow nickte. Er lächelte breit und hob grüßend die Hand. »Wie gut Sie mich damals verstanden haben, Herr Doktor«, sagte er voll scharfen Hohns. »Der Sieg der Macht! Die Macht des Grauens! Ich hätte Sie nicht darüber zu unterrichten brauchen . ich sehe, daß unsere Methode auch in Ihren Händen gut ist!« Er ging zur Tür und öffnete sie. »Erinnern Sie sich Ihrer Zeit in dem Waldlager? Im Sommer? Denken Sie an unsere ideologischen Gespräche?« Er legte die Hand an seine Tellermütze. »Ich grüße jetzt meine Idee in Ihnen, Herr Doktor.«

Als die Tür zuklappte, kaute Dr. Böhler an der Unterlippe. Er schaute auf den weinenden Walter Grosse, den Angst und Grauen schüttelten. Die Angst trieb ihn in das Lager des russischen Geheimdienstes, die Angst trieb ihn zurück zu seinen deutschen Kameraden. Und zwischen diesen Ängsten wurde sein Leben zermahlen - zu Mehl, zu Staub, der im leisesten Wind zerflattern würde. Der ein Nichts werden würde ... die grauenhafte Leere, die hinter der Angst steht.

»Ekelhaft«, sagte Dr. Böhler leise. Denn auch er hatte plötzlich Angst. Ein Name trat in sein Bewußtsein, der ihn zaghaft machte: Wadislav Kuwakino.

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