Бесплатная библиотека
Читайте книгу на сайте или телефоне
Georgs Sorggen um die Vergangenheit - Читать Любимую Русскую Полную Книгу 👉 Read-E-Book.com

Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
1 ... 46 47 48 49 50 51 52 53 54 ... 141
Перейти на страницу:

Wie bereits beschrieben führte mein Weg zur Schule an einem Hunderte von Metern langen Zaun der chinesischenBotschaft entlang. Ob breitere Schichten der Prager Bevölkerung von den dort hängenden Durchblick-Öffnungen in den fernen Osten viel mitbekamen, weiß ich nicht, ich und ein Teil meiner Mitschüler konnten uns diesem Vitrinen-Unterricht aber kaum entziehen. Und wir wollten es auch nicht. Es ging abwechselnd um alles mögliche, das für die Chinesen als erfolgreich, schön und prächtig galt, womit sich also das große chinesische Volk und seine Partei brüsten konnten. Die Bilder erzählten uns vor allem über die wirtschaftlichen Fortschritte in der Volksrepublik, zeigten uns aber auch die wunderschöne Natur des Großreiches und stellten uns ihre Menschen vor — das heißt die unterschiedlichen, in Liebe und Respekt miteinander koexistierenden Volksgruppen. Großen Raum nahmen dabei immer Großauftritte von Folklore-Kleinensembles und — Riesenensembles ein. Nachdem die Umwälzungen während der KULTURREVOLUTION an der Reihe waren, sollten die Prager offenbar gleich mitinfiziert werden. Die Präsentationen wurden nicht nur weiter perfektioniert, sie wurden immer penetranter.

Daß diese marxistisch-maoistische Propagandamaschine — mitten im sowjetischen Machtblock — eindeutig etwas Subversives hatte, machte sie für uns um so interessanter. Farbfotos waren für uns damals eine absolute Seltenheit, die Chinesen stellten aber ausschließlich Farbfotos aus. Und was für welche! Sie kamen aus der irgendwo offenbar doch existierenden, unwirklich leuchtenden Kodakwelt, die wir bis dahin höchstens nur dem Namen nach kannten. Die Farben waren schreiend klar, wirkten aber nicht unecht. Vorherrschend war natürlich — auf dem Hintergrund der blau-, grau-oder grünuniformierten Massen — das Rot der synchron geschwenkten Fahnen. Wir verstanden vieles nicht, studierten die Fotos deswegen gründlich — vor allem auch die in einwandfreiem Tschechisch verfaßten Bildunterschriften, Kommentare und längeren informativen Zusammenfassungen. Fanatismus hatten wir in den Gesichtern unserer leibhaftigen Mitmenschen damals nie zu sehen bekommen, entdeckten ihn zum ersten Mal an den chinesischen Massenmenschen und bildeten uns damit in gewaltigen Schritten fort. Das alles war uns aber nicht nur unverständlich und fremd. Die stumme, emotionsgeladene Pantomimik der Abgebildeten war durchaus nachvollziehbar — und wir fühlten, daß vieles davon, was diese Menschen uns sagen wollten, nicht nur gelogen oder nur für die Kameras einstudiert war. Einiges davon geschah im fernen China wirklich.

Während der Kulturrevolution erfuhren wir natürlich auch ALLES über Mao Tse-tung. Mao stand jetzt unangefochten im Zentrum der Berichterstattung, sein Kopf und sein Körper waren proportional immer die größten, kompositorisch wurde ER auf den einzelnen Bildern ebenfalls immer unmißverständlich dominant plaziert. Die Ausstrahlung seiner Güte und seiner Gemütsruhe war bestechend. Die Fotografen und Retuscheure hatten immer ganze Arbeit geleistet. Auch Nie Yuanzi sah immer vollkommen aus — wie eine unsterbliche Göttin, deren Kraft nie nachlassen würde. Sie ist heute — vierzig Jahre später — leider eine gebrochene einsame Frau, die unter anderem auch aufgrund ihrer insgesamt siebzehn Jahre Haft erkannt hat, gewaltige und zu sprunghafte Fehler begangen zu haben.

Daß Mao in China geistig der Größte war, wollten wir den Chinesen gern lassen. Daß er gleichzeitig auch der größte Wissenschaftler, der ausdauerndste Schwimmer und der begabteste Schriftsteller des Landes war, konnten wir den Propagandisten aber nicht ganz abnehmen. Ich kann mich an das Bild des schwimmenden dicken Mao im Jang-tse erinnern. Bei seiner Planscherei wurde er von schönen Rotgardistinnen begleitet, diese schwammen im Kreis um ihn herum und schafften es, nebenbei noch die roten Fahnen hochzuhalten und nicht naß werden zu lassen. Dieeigentlichen Rekordhalterinnen waren eigentlich sie, die es auf der Wasseroberfläche viel schwerer hatten. Waren wir klüger als die Propagandaspezialisten des chinesischen Außenministeriums? Wurde die Intelligenz des tschechischen Volkes etwa unterschätzt? Zuverlässige Detailinformationen bekam ich erst vierzig Jahre später. Inzwischen weiß ich beispielsweise, daß der stinkig-ungewaschene Mao seine jungen Begleiterinnen gern der Reihe nach beschlief. Und zwar wirklich ausdauernd. Außerhalb seiner großen Auftritte war der dicke Mann dagegen ein fauler Müßiggänger, der gern unterwegs war. Er ließ sich in seinem privaten Luxuszug oft einfach durchs Land fahren.

Manchmal trauten wir uns sogar auf das chinesische Botschafts- und Residenzterritorium, wurden in einem kleinen Empfangsraum höflich begrüßt und reichlich beschenkt: mit Maos Roten Büchern, Fähnchen, Plakaten, Broschüren. Hinterher amüsierten wir uns über unsere Beute, sind aber nie Feinde des chinesischen Volkes geworden. Wir sahen, wie enorm fleißig die Chinesen waren. Wir staunten über die Bilder der Menschen, die ununterbrochen Tausende Kilometer marschieren konnten, wir bewunderten unermüdliche Feldarbeiter, die beim Ackern gleichzeitig sogar lesen lernten. Jeder von ihnen trug am Rücken ein großes, auf Leinen gemaltes Schriftzeichen, so daß die anderen Lernenden und gleichzeitig Arbeitenden immer ein oder mehrere dieser Zeichen vor Augen hatten — und sie konnten sie sich nach und nach gut einprägen. Wir kannten auch die Legende von einem armen Jungen aus der vorrevolutionären Zeit, der nur nachts — und bei nur schwacher Leuchtkäfer-Beleuchtung — hatte studieren können, bis er ein blinder revolutionärer Gelehrter geworden war.

Vaters Mutter Ludmila hatte mir oft geraten, mich von Skopka fernzuhalten. Daß ich so begeistert von seiner wißbegierigen Besessenheit erzählte, und natürlich auch vonseinem Drang, die engen Grenzen unseres Alltags — ideologiefrei, nur technikgestützt — zu sprengen, behagte ihr einfach nicht. Sicher hatte sie dabei die falsch gewählten Freunde ihres Sohnes, meines mißratenen Vaters, vor Augen. RÜHRE DAS NICHT AN, RÜHRE JENES NICHT AN! warnte sie mich. Aber ausgerechnet mein Freund Petr Skopka rührte alles mögliche an, was andere Menschen in Ruhe ließen — entweder aus Vorsicht oder aus Mangel an Phantasie. Großmutter Ludmila hatte, was Petr betrifft, nicht ganz unrecht. Seine zusätzliche große Begabung bestand ausgerechnet darin, auch äußerlich harmlosen Dingen — wenn es der Wissenschaft diente — ein gewisses Sprengpotential zu entlocken. Skopka war der erste Mensch, dem ich mich wegen seiner Außergewöhnlichkeit und seines Einfallsreichtums absolut nicht entziehen konnte. Er war mir dauernd meilenweit voraus. Und daher durfte ich ihn, wenn ich die Zeichen der Zeit nicht verschlafen wollte, auf keinen Fall aus den Augen lassen. Er hatte Ideen, die ich selbst auch gern gehabt hätte — sie aber einfach nicht bekam. Zum Tausch dieser Rollen kam es zwischen uns nie. Skopkas Ideen zündeten in mir aber wenigstens heiß und intensiv, wenn auch erst mit einer kleinen Verspätung.

So war es schließlich nicht verwunderlich, daß ich an der Seite dieses Verführers einer der ersten Flüssigbomben-Terroristen von Prag wurde — beinah jedenfalls. Natürlich hatte dies eine längere Vorgeschichte. Meine Mutter hatte mir etliche Jahre davor — etwa um das Jahr 1960 — über den algerischen Befreiungskampf und den gnadenlosen, auch in Frankreich ausgetragenen Bombenterror viel erzählt, berichtete mir auch über den langgezogenen tiefen Konflikt zwischen Sartre und Camus. Mich interessierte das Ganze besonders deswegen, weil von dem algerischen Befreiungsterror auch meine ERSTE Liebe unmittelbar betroffen war. Eva H-ovä, in die ich Mitte der fünfziger Jahre — es war in der ersten Klasse — verliebt gewesen war, lebte ausgerechnetin den Zeiten des Bombenkriegs der FLN mit ihrem Diplomatenvater in Paris. In Prag liefen die düsteren fünfziger Jahre allmählich aus, bei uns zu Hause sprach man trotzdem dauernd über irgendwelche politischen Katastrophen — natürlich auch über die algerischen Bomben, die Menschen töteten. Und ich erfuhr von meiner Mutter und aus dem» Spiegel «recht früh über diese Art von Machtausübung — also die Möglichkeit, seinen Machtanspruch laut genug und blutig anzumelden.

1 ... 46 47 48 49 50 51 52 53 54 ... 141
Перейти на страницу:
0
Сюжет
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Атмосфера
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Главный герой
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Общее впечатление
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
Итоговая оценка: 0.0 из 10 (голосов: 0 / История оценок)