Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Mon petit sauvage«, begrüßte sie Jamie. »Ich habe da jemanden, den du unbedingt kennenlernen musst. Eigentlich sogar mehrere Jemande.« Wie ein Porzellanpüppchen kippte sie den Kopf in die Richtung einer Gruppe von Männern, die um ein Schachbrett in der Ecke versammelt waren und erhitzt über irgendetwas diskutierten. Ich erkannte den Duc d’Orléans und Gérard Gobelin, einen prominenten Bankier. Eine einflussreiche Gruppe also.
»Komm doch und spiel Schach für sie«, drängte ihn Annalise und legte Jamie die Hand auf den Arm, als landete eine Motte darauf. »Es wird gut sein, wenn dich Seine Majestät später dort antrifft.«
Der König wurde im Anschluss an ein Abendessen erwartet, dem er beiwohnte, irgendwann in den nächsten ein, zwei Stunden. Unterdessen wanderten die Gäste hin und her und plauderten, bewunderten die Gemälde an den Wänden, flirteten hinter vorgehaltenen Fächern, verzehrten Confits, Törtchen und Wein und verschwanden in mehr oder weniger diskreten Abständen hinter den Vorhängen der seltsamen kleinen Alkoven. Diese waren sehr einfallsreich in die hölzerne Wandverkleidung der Gemächer eingelassen, so dass man sie kaum bemerkte, es sei denn, man kam nah genug heran, um die Geräusche im Inneren zu hören.
Jamie zögerte, und Annalise zerrte ein wenig fester an ihm.
»Komm schon«, drängte sie erneut. »Hab keine Angst um deine Frau«, sie warf einen beifälligen Blick auf mein Kleid, »sie wird nicht lange allein bleiben.«
»Genau das befürchte ich ja«, murmelte Jamie. »Also schön, einen Moment.« Er löste sich kurz aus Annalises Griff und beugte sich vor, um mir ins Ohr zu flüstern.
»Wenn ich dich in einem dieser Alkoven finde, Sassenach, ist der Mann in deiner Begleitung tot. Und was dich betrifft …« Seine Hände zuckten unbewusst in die Richtung seines Schwertgürtels.
»Oh nein, das tust du nicht«, sagte ich. »Du hast auf deinen Dolch geschworen, dass du mich nie wieder schlagen würdest. Heiliges Eisen und so weiter, hm?«
Ein widerstrebendes Grinsen zupfte an seinem Mund.
»Nein, ich werde dich nicht schlagen, so gern ich das täte.«
»Gut. Was hast du denn dann vor?«, zog ich ihn auf.
»Mir fällt schon etwas ein«, erwiderte er nicht ohne Grimm. »Ich weiß noch nicht, was, aber es wird dir nicht gefallen.«
Und mit einem letzten Blick auf meine Umgebung und einer besitzergreifenden Berührung meiner Schulter ließ er sich von Annalise davonführen wie eine widerstrebende Barkasse von einem kleinen, aber zielstrebigen Schleppboot.
Annalise hatte recht. Nicht länger durch Jamies bedrohliche Gegenwart abgeschreckt, stürzten sich die Herren des Hofes auf mich wie ein Papageienschwarm auf eine reife Passionsfrucht.
Man küsste mir wiederholt die Hand, um sie dann etwas zu lange festzuhalten, machte mir Dutzende blumiger Komplimente und brachte mir einen Becher Gewürzwein nach dem anderen. Nach einer halben Stunde begannen meine Füße zu schmerzen. Ebenso mein Gesicht, vom vielen Lächeln. Und meine Hand, vom Hantieren mit dem Fächer.
Ich musste zugeben, dass ich Jamie für seine Hartnäckigkeit in Bezug auf den Fächer dankbar war. Aus Rücksicht auf seine Gefühle hatte ich das größte Exemplar mitgebracht, das ich besaß, ein Dreißig-Zentimeter-Mordsding, das mit etwas bemalt war, was schottische Hirsche darstellen sollte, die mit großen Sätzen durch das Heidekraut sprangen. Jamie hatte sich zwar kritisch über die künstlerische Darstellung geäußert, jedoch lobend über die Größe. Nachdem ich die Aufmerksamkeit eines glühenden jungen Verehrers in Lila anmutig beiseite gefächelt hatte, breitete ich mir das Accessoire unauffällig unter dem Kinn aus, um mich nicht vollzukrümeln, während ich an einem Stückchen Lachstoast knabberte.
Und der Fächer half nicht nur gegen Krümel. Während Jamie, der mich um einen Fuß überragte, behauptet hatte, aus dieser lichten Höhe meinen Bauchnabel sehen zu können, war mein Umbilicus vor der Betrachtung durch die französischen Höflinge im Großen und Ganzen sicher, denn die meisten von ihnen waren kleiner als ich. Andererseits aber …
Wie gern schmiegte ich mich an Jamies Brust, weil meine Nase bequem in die kleine Mulde in ihrer Mitte passte. Einige der kleineren und dreisteren Seelen unter meinen Bewunderern schienen auf ein ähnliches Erlebnis aus zu sein, und ich war ständig damit beschäftigt, entweder so fest mit dem Fächer zu wedeln, dass es ihnen die Locken aus dem Gesicht wehte, oder, wenn das nicht ausreichte, den Fächer zuzuklappen und sie damit auf den Kopf zu schlagen.
Meine Erleichterung war also beträchtlich, als sich der Bedienstete an der Tür plötzlich aufrichtete und intonierte: »Sa Majesté, Le Roi Louis!«
Der König mochte sich ja im Morgengrauen erheben, doch am Abend erblühte er anscheinend. Er war zwar kaum größer als ich mit meinen eins fünfundsechzig, doch er betrat den Raum mit der Haltung eines weitaus größeren Mannes. Dabei blickte er huldvoll nach links und rechts und nickte seinen sich verneigenden Untertanen zu.
Das, so dachte ich, während ich ihn betrachtete, hatte schon mehr mit meinen Vorstellungen davon zu tun, wie ein König aussehen sollte. Er war zwar nicht besonders attraktiv, verhielt sich aber so, als wäre er es; ein Eindruck, der nicht nur durch seine prunkvolle Kleidung verstärkt wurde, sondern auch durch das Verhalten der Menschen, die ihn umgaben. Seine nach hinten gebundene Perücke entsprach der neuesten Mode, und sein Samtrock war über und über mit Hunderten frivoler Seidenschmetterlinge bestickt. In der Mitte war er ausgeschnitten, um eine Weste aus üppiger cremefarbener Seide mit Diamantknöpfen preiszugeben, die zu den breiten, schmetterlingsförmigen Schnallen seiner Schuhe passten.
Seine dunklen, verhangenen Augen huschten ohne Unterlass über die Menge hinweg, und seine hochmütige Bourbonennase kräuselte sich, als entginge ihr nichts, was von Interesse sein könnte.
Dazu zählte definitiv auch Jamie, der sich wieder zu mir gesellt hatte. Er trug Kilt und Plaid, dazu aber Rock und Weste aus abgesteifter gelber Seide, und das flammende Haar lag bis auf einen einzelnen dünnen Flechtzopf lose auf seinen Schultern. Zumindest dachte ich, es wäre Jamie, der die Aufmerksamkeit des Königs erregt hatte, als Le Roi Louis zielstrebig die Richtung wechselte und auf uns zuschwenkte, wobei er die Menge vor sich teilte wie die Wogen des Roten Meers. Madame Nesle de La Tourelle, die ich von einem anderen Empfang erkannte, folgte dicht hinter ihm wie ein kleines Beiboot.
Ich hatte das rote Kleid vergessen. Seine Majestät hielt unmittelbar vor mir an und verneigte sich extravagant, die Hand vor der Taille.
»Chère Madame«, sagte er. »Wir sind entzückt.«
Ich hörte Jamie tief Luft holen, dann trat er vor und verneigte sich vor dem König.
»Darf ich Euch meine Gemahlin vorstellen, Eure Majestät – Mylady Broch Tuarach.« Er richtete sich auf und trat zurück. Auf ein rasches Flattern seiner Finger hin starrte ich ihn einen Moment verständnislos an, ehe ich plötzlich begriff, dass er mir signalisierte, ich sollte einen Hofknicks machen.
Während ich automatisch die Knie beugte, hielt ich den Blick angestrengt auf den Boden gerichtet und fragte mich, wohin ich wohl schauen würde, wenn ich wieder hochkam. Madame Nesle de La Tourelle stand direkt hinter Louis und beobachtete die Vorstellung mit etwas gelangweilter Miene. Es hieß, dass »Nesle« gegenwärtig Louis’ Favoritin war. Der gängigen Mode nach trug sie ein Kleid, das unterhalb der Brüste ausgeschnitten war. Über diese zog sich ein überflüssiges Stückchen Gaze, das nur der Mode geschuldet sein konnte, da es sie weder wärmen noch irgendetwas verbergen konnte.