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Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]

Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:

Lord Ingrey wird in die Ländereien Prinz Bolesos entsandt, in einer delikaten, höchst unangenehmen Mission. Jemand hat den Prinzen umgebracht! Da er der Thronerbe war und der König im Sterben liegt, soll Ingrey die Wogen der Aufregung glätten, die Leiche des Prinzen überführen und die mutmaßliche Mörderin vor Gericht bringen. Damit das Königreich nicht in falsche Hände fällt, muss er dunkle Geheimnisse enthüllen und einen fürchterlichen „Blutpreis“ aus der Vergangenheit. In sich abgeschlossener Roman aus der Reihe „Die magischen Messer“.
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Ein Dutzend Leute rief nun durcheinander und beschuldigte sich gegenseitig der Bestechung und Erpressung, während die Trauergäste sich in zwei Lager spalteten. Anscheinend stand eine Erbschaft auf dem Spiel, den Wortfetzen nach zu urteilen, die Ingrey vernahm, obwohl dieser Teil der Auseinandersetzung sich sogleich mit anderem alten Groll mischte, mit Kränkungen und gegenseitiger Abneigung. Der bedauernswerte Geistliche, der die Bestattungszeremonie geleitet hatte, versuchte vergeblich, für Ruhe zu sorgen, während er gleichzeitig dem Tierpfleger mit Bestrafung drohte. Doch als er in beidem nicht weiterkam, suchte er sich ein leichteres Opfer für seinen Zorn.

Er wirbelte zu Fürst Jokol herum und wies mit zitternder Hand auf den Bären. »Nehmt das Untier zurück«, keifte er.

»Schafft es sofort aus dem Tempel! Und kehrt nicht wieder zurück!«

Der hünenhafte Rothaarige schien den Tränen nahe zu sein. »Aber man hat mir einen Geistlichen versprochen! Wenn ich keinen mit zurück auf meine Insel bringe, wird meine liebliche Breiga mich nicht heiraten!«

Ingrey schob sich mit vorgerecktem Kinn dazwischen und legte alle Autorität des meistgefürchteten Schwertarms von Siegelmeister Hetwar in seine Stimme. »Der Tempel von Ostheim wird Euch einen Missionar im Austausch für Eure Silberbarren geben, Fürst.« Eisig ließ er den Blick auf dem aufgebrachten Geistlichen ruhen.

Mit einer Stimme, die verglichen mit allen anderen Anwesenden beispiellose Gelassenheit erkennen ließ, sagte der Gelehrte Lewko: »Die Kirche wird alles zum Rechten wenden, Fürst, wenn wir erst einmal diesen bedauernswerten internen Fehler hier ausgebügelt haben. Es hat den Anschein, als wäre Euer großartiger Bär das Opfer gottloser Machenschaften. Doch könnt Ihr für den Augenblick Fafa auf Eurem Schiff in sichere Verwahrung nehmen?«

An Ingrey gewandt fügte er halblaut hinzu: »Und Ihr, Lord Ingrey, würdet mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Ihr mitgeht und dafür Sorge tragt, dass sie beide dort ankommen, ohne unterwegs irgendwelche kleinen Kinder zu fressen.«

Ingrey empfand unbeschreibliche Erleichterung bei dem Gedanken, von hier zu entkommen. »Gewiss, Hochwürden.«

Mit gesenkten Augenlidern fügte Lewko hinzu: »Und kümmert Euch darum.«

Ingrey folgte dem Blick. Frisches Blut tropfte in einem dunklen Rinnsal unter dem fleckigen Verband an seiner Rechten hervor und rann die Finger hinunter. Vermutlich war eine halb verheilte Wunde aufgeplatzt, als er den schuldigen Tierpfleger so grob angefasst hatte. Er hatte gar nichts davon gespürt.

Er blickte wieder auf und fand sich selbst von lodernden blauen Augen fixiert. Jokol beugte den Kopf zu einem hastigen, geflüsterten Wortwechsel mit seinem braunhaarigen Begleiter.

Dann sah er wieder auf und bedachte zuerst Lewko, dann Ingrey mit einem knappen Nicken. »Ja. Den mögen wir, was, Ottovin?« Er versetzte seinem Gefährten einen Stoß in die Rippen, der einen schwächer gebauten Mann zu Boden gestreckt hätte, stapfte dann zu seinem Bären hinüber und hob die Silberkette auf. »Komm, Fafa.«

Der Bär winselte und schob sich ein wenig über den Boden, verblieb aber in seiner zusammengekauerten Haltung.

Lewko legte die Hand auf Ingreys Schulter. Fast unhörbar hauchte er ihm ins Ohr: »Lasst ihn wieder aufstehen, Lord Ingrey. Ich glaube, er hat sich beruhigt.«

»Ich …« Ingrey trat dichter an den Bären heran, hob sein Schwert auf und steckte es wieder in die Scheide. Der Bär schob sich noch ein wenig weiter und drückte die schwarze Nase gegen Ingreys Stiefel. Mitleid erregend blickte er zu ihm auf. Ingrey schluckte und brachte mit krächzender Stimme hervor: »Auf.«

Nichts geschah. Der Bär wimmerte.

Ingrey griff tief, sehr tief in jenen Grund in seinem Innern und brachte das Wort noch einmal hervor — doch diesmal als Wort von Gewicht, ein knurrender Laut, der seine Knochen vibrieren ließ: »Auf!«

Das große Tier trottete zu seinem Herrn, und Jokol fiel auf die Knie und streichelte den riesigen Bären, zauste mit den Händen durch den dichten Pelz am Nacken, flüsterte beruhigende Koseworte in einer Sprache, die Ingrey nicht verstand. Der Eisbär rieb den Kopf am bestickten Kittel des Fürsten und verschmierte Speichel und weiße Haare darauf.

»Komm, mein Freund. Fafas Freund!«, sagte Jokol und erhob sich mit einer ausladenden Geste zu Ingrey. »Komm, teile eine Schale mit mir.« Er schüttelte kurz die Silberkette. Sein Blick glitt über die immer noch streitende Menge hinweg, und mit einem verächtlichen Schnauben wandte er sich dem Ausgang zu. Ottovin verzog das Gesicht und folgte. Ingrey beeilte sich, sie einzuholen, und achtete darauf, dass Jokol zwischen ihm und dem Bären blieb.

Das kurze, eigenartige Defilee zog aus dem Tempel und überließ es dem Gelehrten Lewko, mit der Unruhe fertig zu werden, die sie zurückließen. Ingrey hörte Lewkos scharfe Stimme, die an den immer noch wehklagenden Tierpfleger und jeden anderen in Hörweite gerichtet war: »… dann muss es eine Täuschung durch das Licht gewesen sein.« Als Ingrey ein letztes Mal über die Schulter blickte, kreuzte sich sein Blick mit dem Lewkos, und dessen Lippen bildeten das Wort Morgen. Ingrey fand dieses Versprechen beunruhigend, aber glaubwürdig.

Seine Augen glänzten silbern, und seine Stimme trug einen furchtbaren Zauber in sich … Ingrey durchfuhr ein vertrauter Schmerz, und er erkannte, dass er mit seinem noch nicht verheilten Rücken einige unkluge Dinge angestellt hatte, ebenso mit der Hand. Nur das Klingeln in seinen Ohren und die Enge in seiner rauen Kehle waren neu.

Unangenehme Erinnerungen an all die Qualen, die er in Birkenhain hatte erdulden müssen, stiegen in ihm auf. Wie sein Kopf in den Birkbach getaucht wurde und seine Lungen vor Schmerzen zu bersten drohten. In der atemlosen Kälte hatte er nicht mal einen Schrei hervorgebracht. Von allen Schindereien, die man an ihm ausprobiert hatte, war diese die wirksamste gewesen; deshalb hatten seine ratlosen Betreuer auch oft davon Gebrauch gemacht, bis er wieder bei Sinnen gewesen war. Die Kraft seines Schweigens, die so verbissen gewirkt hatte, als er ein Kind gewesen war, war in diesem eisigen Strom geschmiedet und gehärtet worden, bis sie stärker war als seine Peiniger, stärker als seine Furcht vor dem Tod.

Er löste sich von diesen beunruhigenden Erinnerungen und widmete sich der Aufgabe, die Seeleute zurück zum Hafen der Königsstadt zu bringen und dabei die am wenigsten bevölkerten Gassen auszuwählen. Lewkos Besorgnis wirkte kaum noch wie ein Scherz, als sie einen Rattenschwanz aufgeregter Kinder hinter sich herzogen, die auf den Bären zeigten und aufgeregt riefen und schwatzten. Jokol grinste ihnen zu. Ingrey schaute finster drein und verscheuchte die Kinder. Allmählich schwächten seine übernatürlich geschärften Sinne sich ab, und auch sein Herz beruhigte sich wieder. Jokol und Ottovin unterhielten sich in ihrer eigenen Sprache und warfen Ingrey häufig Blicke zu.

Jokol ließ sich zurückfallen und ging neben Ingrey her. »Ich danke dir, weil du dem armen Fafa geholfen hast, Lord, Lord Ingriry. Ingorry?«

»Ingrey.«

Jokol verzog entschuldigend das Gesicht. »Ich fürchte, in eurer Sprache bin ich sehr dumm. Nun, meine Zunge wird lernen.«

»Ihr sprecht sehr gut Wealdisch«, stellte Ingrey taktvoll fest. »Mein Darthacan ist kaum besser, und Eure Sprache beherrsche ich überhaupt nicht.«

»Ah, Darthacan.« Jokol zuckte die Achseln. »Eine schwere Sprache.« Er kniff die blauen Augen zusammen. »Schreibst du?«

»Ja.«

»Das ist gut. Ich kann es nicht.« Der hünenhafte Mann seufzte trübsinnig. »Da drin zerbrechen alle Federn.« Er streckte seine massige Hand aus, damit Ingrey sie betrachten konnte. Ingrey nickte und bemühte sich, ein wenig Mitgefühl zu zeigen. Er hatte nicht den geringsten Zweifel an Jokols Worten.

Sie folgten dem langsamen Trott des Eisbären und erreichten schließlich das Tor in den Mauern der Königsstadt, das hinaus auf den steinernen Uferdamm führte, von wo man zu den hölzernen Anlagestellen gelangte. Ein Wald von Masten und Spieren zeichnete sich als schwarzes, verflochtenes Netz vor dem helleren Abendhimmel ab. Die Lastkähne der Flussschiffer waren größtenteils flach und einfach gebaut. Doch zwischen ihnen sah man auch einige schnittige Fahrzeuge, die von der Mündung des Storchenflusses heraufgefahren waren. Oberhalb von Ostheim gab es keine Schiffe, denn zwischen den Anhöhen bildeten sich unüberwindliche Stromschnellen. Allerdings ließ man regelmäßig Holz und andere Waren mit Flößen oder in Fässern den Fluss hinabtreiben, wann immer das Wasser hoch genug stand.

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