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Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]

Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:

Lord Ingrey wird in die Ländereien Prinz Bolesos entsandt, in einer delikaten, höchst unangenehmen Mission. Jemand hat den Prinzen umgebracht! Da er der Thronerbe war und der König im Sterben liegt, soll Ingrey die Wogen der Aufregung glätten, die Leiche des Prinzen überführen und die mutmaßliche Mörderin vor Gericht bringen. Damit das Königreich nicht in falsche Hände fällt, muss er dunkle Geheimnisse enthüllen und einen fürchterlichen „Blutpreis“ aus der Vergangenheit. In sich abgeschlossener Roman aus der Reihe „Die magischen Messer“.
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Ottovin setzte zu einem Vortrag an, in der volltönenden Redeweise der Inseln, die von einem abwechslungsreichen Versmaß getragen zwischen den Zeltplanen umherzuspringen schien. Irritierenderweise schien der Dialekt gerade so weit von Ingreys Verständnis entfernt zu liegen, dass er dann und wann ein bekanntes Wort aus dem Strom emportauchen hörte, insgesamt dem Vortrag aber doch nicht folgen konnte. Ob es dem Wealdischen verwandte Begriffe oder nur zufällige Klangähnlichkeiten waren, wusste Ingrey nicht zu sagen.

»Er erzählt die Geschichte von Yetta und den drei Kühen«, flüsterte Jokol Ingrey zu. »Sie ist sehr beliebt.«

»Könnt Ihr sie mir übersetzen?«, flüsterte Ingrey zurück.

»O nein!«

»Zu schwierig?«

Jokol blickte verlegen drein und errötete. »Zu unanständig.«

»Was? Und auf dem Gebiet fehlt Euch der Wortschatz?«

Jokol kicherte fröhlich, lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. Im Takt von Ottovins Stimme klopfte er sich mit der Hand aufs Knie. Ingrey erkannte, dass er soeben einen Scherz zustande gebracht hatte. Über alle sprachlichen Hürden hinweg. Und ohne jemanden zu beleidigen. Er lächelte benommen und nahm einen weiteren Schluck von den flüssigen Kiefernnadeln. Die Männer, die sich auf den Bänken drängten oder am Rand des Zeltes aufgereiht standen, lachten dröhnend, und Ottovin verbeugte sich und nahm wieder Platz. Dann holte er das versäumte Trinken nach; anscheinend war es üblich, den Becher auf einen Zug zu lehren. Die Seeleute applaudierten und riefen nach ihrem Fürsten, der schließlich nachgab und sich erhob. Nach kurzem Scharren und Murmeln wurde es so still im Zelt, dass Ingrey die Wellen des Flusses leise gegen die Bordwand schlagen hörte.

Jokol holte tief Luft und begann. Nach den ersten Sätzen erkannte Ingrey, dass er einer Versdichtung lauschte, die aus Stabreimen bestand. Einige Minuten später wurde ihm klar, dass es weder ein kurzer noch einfacher Vortrag werden würde.

»Es ist eine Heldengeschichte«, vertraute Ottovin Ingrey im üblichen Flüstern an. »In letzter Zeit hört man von ihm nur noch Geschichten mit Liebe.«

Das Geräusch von Jokols Stimme lullte Ingrey ein wie das Schaukeln eines Bootes, einer Wiege oder eines Pferdes. Der Rhythmus geriet nie ins Stocken, nie schien er innehalten zu müssen, um nach einem Wort oder einem Ausdruck zu suchen. Mitunter kicherten seine Zuhörer, manchmal schnappten sie nach Luft, aber meistens saßen sie mit offenem Mund da wie verzaubert. Das Lampenlicht spielte über ihre Gesichter und brachte die Augen zum Glänzen.

»Hat er das alles auswendig gelernt?«, flüsterte Ingrey verwundert. Als Ottovin ihn verständnislos ansah, wiederholte er mit einer Geste gegen seine Stirn: »Sind die Worte alle in seinem Kopf?«

Ottovin lächelte stolz. »Die und noch hundertmal hundert mehr. Warum nennen wir ihn denn Schädelspalter? Er lässt unsere Köpfe bersten mit seinen Geschichten. Meine Schwester Breiga wird die glücklichste aller Frauen, ja.«

Ingrey lehnte sich auf der Bank zurück und schluckte ein paar weitere Kiefernnadeln. Dabei dachte er über die Fallstricke der Sprache nach. Und über voreilige Annahmen.

Nach einer verblüffend langen Zeit kam Jokol zum Ende, begleitet vom begeisterten Applaus seiner Männer. Sie jubelten, als er seinen Schnaps hinunterstürzte. Er grinste verlegen und winkte ab, als sie sofort mehr hören wollten und lautstark darüber diskutierten, was als Nächstes folgen sollte. »Bald, bald! Bald bin ich wieder für euch da«, versprach er, legte den Finger auf die Lippen und setzte sich kurz hin. Er lächelte abwesend.

Einer der anderen Männer ergriff nun das Wort, wenn auch diesmal nicht in Versform. Dem Gejohle nach zu urteilen war es wieder eine Geschichte, die Fürst Jokol aus Schüchternheit nicht übersetzen würde.

»Ah«, sagte Jokol und beugte sich zu Ingrey hinüber, um ihm nachzuschenken. »Du wirkst nicht mehr so niedergeschlagen. Gut! Nun werde ich dich ehren und Ingorrys Geschichte erzählen.«

Er stand wieder auf, schien sich zu sammeln, und sein Gesicht sah plötzlich feierlich aus. Wieder deklamierte er seine Verse, ernst und mitunter sogar düster, den gebannten Blicken seiner Zuhörer nach zu urteilen. Ingrey erkannte sofort, dass Jokol die Geschichte der gestörten Trauerfeier zum Besten gab, wie Ingrey den Bären gerettet und den Tumult beendet hatte, denn Ingreys Name, in Jokols eigentümlicher Aussprache, und der Name von Fafa waren oft herauszuhören. Auch die Bezeichnungen für die Götter waren sehr eindeutig. Und, zu Ingreys Entsetzen, ebenfalls das Wort Zauber. Den misstrauischen Blicken der Männer nach zu urteilen, die zu Ingrey schweiften, bedeutete dieser Ausdruck in der Sprache der Inseln so ziemlich dasselbe wie im Weald.

Ingrey musterte Jokol erneut und überlegte, was für eine Art Mann eine abendliche Katastrophe bis Mitternacht zu einer Heldendichtung umformen konnte. Und aus dem Stegreif vortragen. Oder vielleicht keine Heldendichtung, sondern eher eine Lagerfeuergeschichte — die Art, mit der man die erschreckten Zuhörer ins Bett jagte, aber vom Schlaf fernhielt … Wenn der Klang der Stimme etwas über den Inhalt der Worte aussagte, hatte Jokol bei der ganzen Sache mehr mitbekommen, als Ingrey sich hätte vorstellen können. Obwohl er selbst, als es geschah, nicht ganz bei Sinnen gewesen war. Allerdings schienen in dieser Geschichte keine Wölfe vorzukommen.

Als Jokol diesmal fertig war, folgte kein wilder Applaus, eher ein ehrfurchtsvolles Seufzen. Es ging in ein Gemurmel über, das wohl einen Kommentar ausdrückte und auch — einzelnen Stimmen aus der letzten Reihe nach zu urteilen — eine wohlwollende Kritik von Jokols Geschichte. Jokols Lächeln wirkte diesmal verschmitzt, als er sein Glas hinunterkippte.

Daraufhin verteilte sich die Feier, und es wurden wieder Essen und Getränke herumgereicht. Einige Männer packten ihre Decken aus und ließen sich in irgendwelchen Winkeln nieder. Sie drehten sich auf die Seite und schnarchten los, ungerührt vom Lärm um sie her. Ingrey fragte sich, ob sie bei Stürmen auf hoher See ebenso schliefen. Ottovin erwies sich als fähiger Unterführer und verhinderte ein mögliches Unglück, indem er lebende Ziele für den trunkenen Wettbewerb im Axtwerfen verbot. Jokol reckte sich und ölte seine beanspruchte Stimme mit einem weiteren Schnaps. Er lächelte Ingrey zu, mit einer Neugier, die Ingrey in vollem Maße erwiderte.

»Morgen Abend«, erklärte Jokol, »müssen sie sich eine Liebesgeschichte anhören, zu Ehren meiner lieblichen Breiga. Du bist ein junger Bursche wie ich, Lord Ingorry. Liebst du auch jemanden?«

Ingrey blinzelte ein wenig eulenhaft. Zögerte. Sagte schließlich: »Ja. Ja, das tue ich.« Saß erschrocken da, als er hörte, wie diese Worte aus seinem Mund kamen, hier, an diesem Ort. Verflucht sei diese Pferdepisse.

»Ah! Das ist gut. Glücklicher Mann! Aber du lächelst nicht. Liebt sie dich nicht?«

»Ich … weiß nicht. Aber wir haben andere Probleme.«

Jokol runzelte die Stirn. »Die Eltern wollen nicht?«, erkundigte er sich verständnisvoll.

»Nein, das ist es nicht. Es … ihr … droht vielleicht die Todesstrafe.«

Erschüttert fuhr Jokol zurück. »Nein! Wofür?«

Es lag an seiner trunkenen Benommenheit, entschied Ingrey, dass ihm dieser südländische Verrückte wie ein geeigneter Beichtvater vorkam, wie ein brüderlicher Vertrauter, mit dem er die geheimsten Ängste teilen konnte. Vielleicht … vielleicht würde sich morgen niemand mehr an die Worte erinnern, die hier gesprochen wurden. »Habt Ihr vom Tod des Prinzen Boleso gehört, dem Sohn des Geheiligten Königs?«

»O ja.«

»Sie hat ihm mit seinem eigenen Kriegshammer den Schädel eingeschlagen.« Da ihm dies als Erklärung nicht angemessen erschien, fügte er hinzu: »Er hatte gerade versucht, sie zu vergewaltigen.« Er sah im Augenblick keine Möglichkeit, die übersinnlichen Verwicklungen auch noch zu erklären.

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