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Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]

Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:

Lord Ingrey wird in die Ländereien Prinz Bolesos entsandt, in einer delikaten, höchst unangenehmen Mission. Jemand hat den Prinzen umgebracht! Da er der Thronerbe war und der König im Sterben liegt, soll Ingrey die Wogen der Aufregung glätten, die Leiche des Prinzen überführen und die mutmaßliche Mörderin vor Gericht bringen. Damit das Königreich nicht in falsche Hände fällt, muss er dunkle Geheimnisse enthüllen und einen fürchterlichen „Blutpreis“ aus der Vergangenheit. In sich abgeschlossener Roman aus der Reihe „Die magischen Messer“.
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Dieser Mann war eine fast ebenso beeindruckende Erscheinung wie der Bär. Seine breiten Schultern passten zu seiner hünenhaften Größe, und sein Haar war zu einem dichten, roten Pferdeschwanz geflochten. Dicke Silberspangen hielten den Schopf zusammen, und noch dickere Silberreifen umspannten die Arme. Die hellblauen Augen zeigten einen Ausdruck wohlmeinender Verständnislosigkeit, bei dem Ingrey sich nicht sicher war, ob er auf Überlegenheit oder Dummheit zurückzuführen war. Die Kleidung des Mannes — Tunika, Hose, ein weiter Mantel — war vom Zuschnitt schlicht und einfach, aber prachtvoll gefärbt und mit aufwendigen Stickereien verziert. Die schweren Stiefel waren mit silbernen Ornamenten beschlagen, und am Griff seines Langschwerts funkelten grob geschliffene Edelsteine. In der Gürtelschlaufe am Rücken steckte kein Messer, sondern eine Streitaxt. Sie war ebenfalls mit kunstvollen Einlegearbeiten verziert, und die Schneide glänzte messerscharf.

Ein braunhaariger Mann in ähnlichen, aber nicht ganz so bunten Kleidern lehnte mit verschränkten Armen an einer Säule. Er war gut einen Kopf kleiner als sein Begleiter, aber immer noch groß, und verfolgte die Zeremonie mit einem zweifelnden Ausdruck. Einige der Tierpfleger warfen, ihm flehentliche Blicke zu, die er standhaft missachtete.

Ingrey löste seine Aufmerksamkeit von diesem eigenartigen Schauspiel, als er eine ältere Frau in den weißen Gewändern des Bastards erblickte, mit der verflochtenen Tresse einer Geistlichen auf der Schulter. Sie trug einen Stapel gefalteter Tücher auf dem Arm und huschte über den Hof, den sie anscheinend als Abkürzung gebrauchen wollte. Ingrey erwischte sie gerade noch am Ärmel, als sie an ihm vorübereilte. Abrupt blieb sie stehen und beäugte ihn ungnädig.

»Verzeiht mir, Hochwürden. Ich trage einen Brief an den Gelehrten Lewko bei mir, den ich ihm persönlich überbringen soll.«

Ihre Miene änderte sich augenblicklich; sie wurde zwar nicht freundlicher, aber deutlich interessierter. Die Frau musterte Ingrey von oben bis unten. Vermutlich sah er zurzeit wie ein abgekämpfter Bote aus.

»Dann folgt mir«, sagte die Frau und änderte unvermittelt die Richtung. Obwohl Ingrey längere Beine hatte als sie, musste er rasch ausschreiten, um Schritt zu halten.

Sie führte ihn durch eine unauffällige Seitenpforte, ein paar Treppen hinauf und hinab, hinten zum Tempel hinaus und vorüber am Palast des Erzprälaten in die angrenzende Straße. Durch eine weitere schmale Gasse gelangten sie zu einem langen, zwei Stockwerke hohen Steingebäude. Durch eine Seitentür traten sie ein und erklommen weitere Treppen. Sie durchquerten eine Reihe gut erleuchteter Räume, die anscheinend als Skriptorien dienten, dem Kratzen der Federn und den über die Tische gebeugten Köpfen nach zu urteilen.

Schließlich gelangten sie an eine geschlossene Tür in derselben Zimmerflucht. Die Geistliche klopfte, und eine ruhige Männerstimme sagte: »Tretet ein.«

Die Tür öffnete sich und gab den Blick auf eine kleinere Kammer frei. Übervolle Regale säumten die Wände, und zwei Tische quollen über vor Büchern, Papieren, Schriftrollen und einem Wust anderem Kram. In einer Ecke ruhte ein Sattel auf dem Sattelknauf.

Ein Mann saß in einem Stuhl hinter dem Tisch beim Fenster und blickte mit einem Stirnrunzeln von dem Bündel Papiere auf, in dem er gerade gelesen hatte. Er trug ebenfalls das Weiß des Bastards, doch seine Gewänder wirkten schäbig und zeigten keine Kennzeichnung seines Ranges. Er war von mittlerem Alter, hager und ein wenig höher gewachsen als Ingrey, glatt rasiert und mit ergrauendem, kurz geschnittenem Blondhaar. Ingrey hätte ihn für den Schreiber oder Sekretär einer hochgestellten Persönlichkeit gehalten, hätte die Geistliche nicht die Hand auf die Lippen gelegt und in einer Geste tiefster Ehrerbietung den Kopf geneigt, bevor sie wieder das Wort ergriff.

»Gelehrter Lewko, hier ist ein Mann mit einem Brief für Euch.« Sie blickte Ingrey an. »Wie lautet Euer Name?«

»Ingrey von Wolfengrund.«

Der Frau blieb unbeeindruckt, der Hagere jedoch merkte auf. »Ich danke dir, Marda«, sagte er, und sein Tonfall zeigte an, dass die Frau entlassen war. Wieder berührte sie die Lippen und zog sich zurück. Die Tür hinter Ingrey fiel zu.

»Die Gelehrte Hallana trug mir auf, Euch diesen Brief zu überbringen«, verkündete Ingrey, trat zu dem Tisch und überreichte das Schreiben.

Der Gelehrte Lewko legte rasch das Bündel Papiere ab und richtete sich auf, um nach dem Brief zu greifen. »Hallana! Ich hoffe, es sind keine schlechten Nachrichten?«

»Nein … das heißt, zumindest ging es ihr gut, als ich sie zuletzt gesehen habe.«

Lewko beäugte den Brief argwöhnisch. »Eine schwierige Angelegenheit? «

Ingrey dachte kurz nach, bevor er antwortete. »Sie hat mir den Brief anvertraut, aber nicht dessen Inhalt.«

Lewko seufzte. »Wenn es nicht noch ein Eisbär ist! Ich glaube nicht, dass sie mir einen Eisbär schenken würde. Hoffe ich.«

Ingrey ließ sich kurz ablenken. »Ich habe einen Eisbären im Innenhof gesehen, als ich in den Tempel kam. Er war … äh, überaus beeindruckend.«

»Furchterregend trifft es wohl besser. Die Tierpfleger waren ganz aufgelöst. Versuchen sie tatsächlich, ihn bei einer Bestattung zu verwenden?«

»Es hatte ganz den Anschein.«

»Wir hätten uns beim Fürsten bedanken sollen und den Bären dann in eine Menagerie schaffen lassen. Irgendwo draußen auf dem Land.«

»Wie ist er hierher gelangt?«

»Überraschend. Und mit einem Boot.«

»Wie groß war dieses Boot

Lewko musste bei Ingreys Tonfall grinsen. Das ließ ihn unvermittelt sehr viel jünger aussehen. »Ich sah es gestern im Hafen der Königsstadt vertäut liegen. Es ist nicht annähernd so groß, wie man annehmen würde.« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Das Tier war ein Geschenk, oder vielleicht auch eine Bestechung. Dieser rothaarige Hüne hat es von irgendeiner Insel auf der kalten Seite des südlichen Ozeans mitgebracht. Er ist entweder ein Fürst oder ein Pirat — das kann man bei diesen Leuten nie so genau sagen. Fürst Jokol, von seinen treuen Männern liebevoll auch Jokol Schädelspalter genannt, wie ich gehört habe. Ich hätte nicht gedacht, dass man diese weißen Bären zähmen kann, aber anscheinend hat er diese Kreatur als Haustier gehalten, seit es ein Junges war. Das dürfte die Gabe noch kostbarer machen. Jedenfalls, ich kann mir kaum vorstellen, was das für eine Reise gewesen sein muss. Sie haben von Stürmen berichtet. Auf jeden Fall brachte Jokol große Barren aus lauterem Silber mit, um davon den Unterhalt des Bären zu bestreiten. Die Barren haben den Oberaufseher der kirchlichen Menagerie offenbar so sehr geblendet, dass er nicht daran dachte, das Geschenk abzulehnen. Oder die Bestechung.«

»Bestechung wofür?«

»Der Schädelspalter will einen Geistlichen anstelle des Bären auf seine gletscherbedeckte Heimatinsel entführen. Das wäre eine heilige Mission zur Verbreitung des Glaubens, die jeden Priester mit Stolz erfüllen sollte. Man hat bereits nach Freiwilligen gefragt. Zweimal. Wenn keiner sich gemeldet hat, bis der Fürst wieder ablegen möchte, wird man einen finden müssen. Unter einem Bett hervorziehen, vermutlich.« Wieder grinste er kurz. »Ich kann es mir erlauben, Witze darüber zu machen. Mich können Sie nicht schicken. Nun gut.« Er seufzte wieder und legte den Brief vor sich auf den Tisch, mit dem Siegel nach oben, und beugte sich darüber.

Die Belustigung schwand, und Ingrey war plötzlich angespannt. Sein Blut — jenes Blut — schien mit einem Mal zu brodeln. Lewko trug nicht die Tresse eines Zauberers, und er roch auch nicht nach einem Dämon, und doch standen die Zauberer der Kirche ihm Rede und Antwort …? Kamen sie zu ihm, wenn sie nicht weiterwussten?

Lewko legte die Hand auf das Wachssiegel und schloss kurz die Augen. Irgendetwas erstrahlte um ihn her. Ingrey sah es nicht und roch es auch nicht, und doch stellten sich ihm die Nackenhaare auf. Er hatte diese tiefe Ehrfurcht schon einmal empfunden, von einem stärkeren Quell, jedoch zu einer Zeit, als seine spirituellen Sinne noch sehr viel schwächer ausgeprägt gewesen waren. Am Ende seiner ergebnislosen Pilgerfahrt nach Darthaca, in der Gegenwart eines kleinen, untersetzten, mitgenommen wirkenden Burschen, der ganz normal aussah, ruhig dasaß und sich einem Gott öffnete, damit dieser durch ihn in die grobmaterielle Welt hineinreichen konnte.

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