Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
»Hallana hat davon geredet. Anscheinend ist er sehr schwer auszumachen.«
»Nicht von innen betrachtet. Der Unterschied ist deutlich. Doch die Kluft zwischen einem Mann, der seine Macht für seine Zwecke einsetzt, und einer Macht, die den Mann für die ihren benutzt, dieser Unterschied ist mitunter so schmal wie ein Haarriss. Ich weiß es. Ich habe mich eine Zeit lang selbst gefährlich nahe an dieser Linie bewegt. Ich glaube fest daran, dass nach diesem Desaster, das Euren Vater das Leben kostete und Euch zu dem machte, der Ihr jetzt seid, Cumril von seinem Dämon überwältigt wurde. Ob die Verzweiflung ihn schwach werden ließ oder ob er von Anfang an überfordert war, kann ich nicht mehr sagen. Aber ich bin überzeugt, dass das Abfassen dieses Geständnisses Cumrils letzte Tat war und das Verbrennen desselben die erste Tat des Dämons.«
Ingrey öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er hatte stets Cumril in der Rolle des Verräters gesehen. Der Gedanke bereitete ihm Unbehagen, dass der junge Zauberer auf irgendeine schwer zu verstehende Weise womöglich auch ein Opfer gewesen sein mochte.
»Ihr versteht also«, erklärte Lewko sanft, »dass Cumrils Schicksal mich beunruhigt. Mehr noch, es plagt mich. Ich fürchte, ich kann Euch nicht gegenüberstehen, ohne mich daran erinnert zu fühlen.«
»Hat die Kirche je herausgefunden, ob er noch lebte oder gestorben war?«
»Nein. Es gab einen Bericht über einen abtrünnigen Zauberer in den Kantonen, vor ungefähr fünf Jahren. Das könnte er gewesen sein. Danach verlor sich jede Spur.«
Ingreys Lippen formten schon das Wort wer, aber schließlich fragte er: »Was seid Ihr?«
Lewko öffnete die Hand. »Inzwischen bin ich nur noch ein kleiner Aufsichtsbeamter der Kirche.«
Aufsicht wovon? Vielleicht von allen Tempelzauberern des Weald? Nur schien kaum der richtige Ausdruck dafür zu sein, genauso wenig wie einfach.
Dieser Mann kann mir sehr gefährlich werden, ermahnte sich Ingrey. Er weiß bereits zu viel.
Und unglücklicherweise würde er noch mehr erfahren, denn er schaute wieder auf das Blatt hinab und bat Ingrey, ihm die Ereignisse in Rottwall zu beschreiben. Das war keine große Überraschung. Ingrey hatte damit gerechnet, dass zumindest diese Begebenheiten in dem Brief Erwähnung fanden.
Er kam der Bitte nach, vollständig und aufrichtig, jedoch so knapp, wie er konnte, ohne unverständlich zu werden. Das Verhängnis lauerte in den Einzelheiten; mit jedem Satz bewegte er sich auf schmalen Pfaden durch einen Morast weiterer Fragen. Doch seine spärlichen Erklärungen schienen den Geistlichen zufrieden zu stellen oder zumindest keine weiteren Fragen über die sichere Verwahrung von Ingreys Wolf aufzubringen.
»Wer glaubt Ihr, hat diesen mordlüsternen Zwang auf Euch gelegt, diesen merkwürdigen Bannfluch, Lord Ingrey?«
»Das wüsste ich auch gerne.«
»Nun, dann sind wir schon zwei.«
»Ich bin froh, das zu hören«, sagte Ingrey und stellte überrascht fest, dass er die Wahrheit sprach.
Dann fragte Lewko: »Was denkt Ihr von Lady Ijada?«
Ingrey schluckte. Sein Verstand geriet ins Trudeln wie ein Vogel, den man im Flug aus der Luft geschossen hatte. Er hat mich gefragt, was ich von ihr denke, nicht, was ich für sie empfinde, rief er sich ins Gedächtnis. »Ohne Zweifel hat sie Boleso den Schädel eingeschlagen. Und ohne Zweifel hat er das verdient.«
Von diesem knappen Nachruf schien eine unangenehme Stille auszugehen. Verstand Lewko ebenfalls die Bedeutung des Unausgesprochenen? »Lord Hetwar, mein Herr, wollte die Gerüchte nicht, die sich um die Tat ranken«, fügte Ingrey hinzu. »Ich glaube, er schätzt Schwierigkeiten noch viel weniger als Ihr.«
Das Schweigen hielt an. »Sie trug diesen Leopardengeist davon. Er … passt gut zu ihr.« Bei den fünf Göttern, ich muss etwas sagen, das sie beschützt. »Ich glaube, sie ist mehr von den Göttern berührt, als sie ahnt.«
Lewko blickte auf; seine Augen wirkten plötzlich kühler und aufmerksamer. »Woher wisst Ihr das?«
Ingrey reckte das Kinn vor, um dieser Herausforderung zu begegnen. »Auf dieselbe Weise, wie ich weiß, dass es auch auf Euch zutrifft, Gesegneter. Ich fühle es in meinem Blut.«
Die Erschütterung zwischen ihnen brachte Ingrey zu der Überzeugung, dass er zu weit gegangen war. Doch Lewko lehnte sich wieder zurück und legte bedächtig die Fingerspitzen aneinander. »Ist das so?«
»Ich bin kein völliger Dummkopf, Hochwürden.«
»Ich glaube nicht, dass Ihr überhaupt ein Dummkopf seid, Lord Ingrey.« Lewko tippte mit den Fingern auf den Brief, schaute einen Augenblick beiseite und blickte dann wieder auf Ingrey. »Ja. Ich werde Hallanas Marschbefehl folgen und diese junge Frau in Augenschein nehmen. Wo wird sie festgehalten?«
»Eher untergebracht als festgehalten.« Ingrey beschrieb den Weg zu dem schmalen Gebäude im Kaufmannsviertel.
»Wann soll sie sich der Anklage stellen?«
»Nicht vor Bolesos Bestattung, nehme ich an, weil es bis dahin nicht mehr lange hin ist. Ich werde mehr wissen, sobald ich mit Siegelbewahrer Hetwar gesprochen habe, zu dem meine Pflicht mich als Nächstes führen wird.« Ingrey wollte aus diesem Zimmer, bevor Lewkos Fragen noch bohrender wurden. Er erhob sich.
»Ich werde versuchen, morgen vorbeizukommen«, sagte Lewko.
Ingrey entgegnete höflich: »Danke. Ich erwarte Euch dann.« Nach einer Verbeugung entfernte er sich aus dem Gemach, schloss die Tür hinter sich und atmete tief durch. War dieser Lewko ein möglicher Helfer oder eine Gefahr? Er erinnerte sich an Wenzels Abschiedsworte: Wenn Euer Leben Euch etwas bedeutet, so wahrt Eure Geheimnisse und die meinen. War das eine Drohung gewesen oder eine Warnung?
Immerhin war es ihm gelungen, bei dieser ersten Befragung mit keinem Wort den Grafen von Rossfluten zu erwähnen. Auch in dem Brief konnte sich kein Hinweis auf Wenzel finden: Sein Vetter war erst nach der Begegnung mit Hallana in Ingreys Leben getreten — zum Glück. Aber was war morgen? Was war in einer halben Stunde, wenn er noch mit Straßenstaub bedeckt vor Hetwar stand und ihm Bericht über die Reise und sämtliche Vorfälle erstatten musste?
Von Rossfluten. Hallana. Gesca. Und jetzt Lewko. Hetwar. Ingrey verlor allmählich den Überblick, was er alles wem verschwiegen hatte.
Er orientierte sich und ging den Weg zur Abkürzung durch den Tempel zurück, wobei er versuchte, so gelassen wie möglich auszuschreiten.
Erst jetzt wurde ihm klar, dass er sich selbst auch ohne Zauber oder Bann gleich mit ausgeliefert hatte, als er Hallanas Brief an Lewko überbrachte.
Kapitel Elf
Als Ingrey dem Flur zur Seitentür auf den Tempelhof folgte, gellte ein Entsetzensschrei zwischen den Mauern wider. Er beschleunigte seine Schritte, erst von Neugier, dann von Besorgnis getrieben, als weitere Schreie folgten. Bestürzte Rufe wurden laut. Ingrey fasste nach dem Griff seines Schwertes und stürmte auf den Platz. Seine Blicke zuckten hin und her auf der Suche nach der Ursache des Aufruhrs.
Ein absonderliches Getümmel drängte sich durch den Torbogen, der zum Schrein des Vaters führte. Zuvorderst kam der große Eisbär. Zwischen den Kiefern hielt er den Fuß des Verstorbenen, einem bejahrten Mann, der die Kleidung eines wohlhabenden Kaufmanns trug. Als der Bär knurrte und den Kopf schüttelte, wurde der steife Leichnam hin- und hergeschleudert wie eine große Puppe. Am Ende der Silberkette, die am Halsband des Bären befestigt war, stolperte der Tierpfleger. Einige der mutigeren oder verzweifelteren Trauergäste liefen hinterdrein und riefen dem Pfleger wild durcheinander Ratschläge zu.
Der verängstigte Pfleger rückte näher an den Bären heran, zerrte an der Kette, griff dann nach dem Arm des Leichnams und zog. Der Bär erhob sich halb auf die Hinterbeine und schlug mit einer mächtigen Pranke zu. Der Tierpfleger taumelte zurück, kreischte lauthals und hielt sich die Seite. Rote Tropfen fielen zu Boden.