Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Jokol stieß einen leisen Pfiff aus und schnalzte mitfühlend mit der Zunge. »Das ist eine schlimme Geschichte. Und doch klingt es nach einem guten, starken Mädchen. Meine liebliche Breiga und Ottovin haben einmal zwei Pferdediebe erschlagen, die auf den Hof ihres Vaters kamen. Ottovin war damals noch kleiner.«
So viel zu den Beichten. »Wie ging es aus?«
»Nun, ich habe um ihre Hand angehalten.« Jokol grinste. »Es waren meine Pferde. Das Wergeld für die Diebe wurde gemindert, wegen ihrer ehrlosen Tat. Den Betrag habe ich dem Brautpreis zugeschlagen, um ihrem Vater zu gefallen.« Wohlwollend schaute er zu Ottovin hinüber — seinem künftigen Schwager? —, der kurz zuvor von der Bank gerutscht war und jetzt halb darüber lag. Er hatte den Kopf auf den Arm gelegt und schnarchte leise.
»Im Weald ist die Rechtsprechung nicht so einfach.« Ingrey seufzte. »Und das Wergeld für einen Prinzen übersteigt meine Möglichkeiten bei weitem.«
»Ihr besitzt kein Land, Lord Ingorry?«, fragte Jokol mit interessiertem Blick.
»Nein. Ich habe nur meinen Schwertarm. Soweit noch intakt.« Missmutig beugte Ingrey seine bandagierte Rechte. »Mehr habe ich nicht aufzubieten.«
»Ich glaube, eines mehr habt Ihr doch, Ingorry.« Jokol tippte sich an die Seite seines Kopfes. »Ich habe ein gutes Ohr. Ich weiß, was ich gehört habe, als mein Fafa vor dir auf die Knie sank.«
Ingrey erstarrte. Im ersten Augenblick wollte er alles abstreiten, doch unter Jokols scharfem Blick erstarben ihm die Worte auf den Lippen. Trotzdem musste er weiteren Klatsch über dieses Thema verhindern, wie gut die Geschichte auch sein mochte. »Das«, er drückte seine Hand gegen die Lippen und legte sie dann auf sein Herz, um anzudeuten, was er nicht laut auszusprechen wagte, »muss unter uns bleiben, oder die Kirche wird mich ächten.«
Jokol schürzte die Lippen, richtete sich ein wenig weiter auf und blickte finster drein, während er diese Worte verarbeitete.
Ingreys leicht verflüssigte Gedanken schwappten in seinem Kopf herum und spülten eine neue Furcht an die Gestade seines Bewusstseins. Jokols Gesicht zeigte keine Spur von Entsetzen oder Abscheu, wohl aber von größtem Interesse. Und doch würde selbst das beste Ohr nicht wiedererkennen, was es nie zuvor gehört hatte. »Das hier, früher«, er berührte seine Kehle und fuhr dann mit der Hand hinunter zu seinem Körper, »habt Ihr je etwas Ähnliches gehört?«
»O ja.« Jokol nickte.
»Wie? Wo?«
Jokol zuckte die Achseln. »Als ich die singende Frau vom Waldrand bat, meine Reise zu segnen, gab sie mir Worte in genauso einer Zauberstimme.«
Die Formulierung schien durch Ingreys Kopf zu gleiten, stechend wie der Duft von Kiefernnadeln. Die singende Frau vom Waldrand. Die singende Frau vom … Und doch wirkte Jokol vom Übernatürlichen unberührt. Er war nicht von dämonischen Ausdünstungen umgeben, keine Tierseele lag in ihm verborgen, und es hatte sich auch kein Bann wie ein zerstörerischer Parasit an ihn gehangen. Er erwiderte Ingreys Blick mit einer freundlichen Offenheit, die man leicht — und verhängnisvollerweise — mit Dummheit verwechseln konnte.
Ein dumpfer Knall klang vom Deck außerhalb des Zeltes, gefolgt vom hellen Klirren von Kettengliedern, einem tiefen Grollen und einem unterdrückten Schrei.
»Zumindest Fafa verschläft seine Wache nicht«, stellte Jokol zufrieden fest und erhob sich. Er stieß Ottovin mit der Stiefelspitze an, doch sein künftiger Verwandter murmelte nur etwas Unverständliches und bewegte sich kaum. Jokol schob eine kräftige Hand unter Ingreys Ellbogen und drückte ihn hoch.
»Ich brauche keine …«, setzte Ingrey an. »Holla.« Das Deck des Schiffes rollte und schwankte unter seinen Füßen, obwohl die Seitenwände des Zeltes in der windstillen und wellenlosen Nacht schlaff herabhingen. Die Lampen waren tief heruntergebrannt. Jokols Mundwinkel zuckten. Liebenswürdig hielt er Ingrey am Arm und geleitete ihn auf die Zeltklappe zu. Sie traten in die goldgerahmten Schatten der Nacht hinaus und fanden dort Fafa vor, der schnüffelnd und an der straff gespannten Kette zerrend vor einer reglosen Gestalt stand, die sich an eine Ruderbank drückte.
Jokol murmelte seinem Haustier beruhigende Worte in seiner eigenen Sprache zu, und der Bär verlor das Interesse an seiner Beute und ließ sich wieder am Mast nieder. Ingrey taumelte, als das Schiff diesmal wirklich schaukelte, und Jokol hielt ihn fester.
»Lord Ingrey«, erklang Gescas erstickte Stimme aus der Dunkelheit. Er räusperte sich, richtete sich wieder auf und trat in das orangerote Licht der Laterne, die an einem Haken neben dem Laufsteg hing. Er wirkte ein wenig blass um die Nase, als er wieder zu Fafa schaute.
»Oh«, sagte Ingrey. »Gesca. Pass auf den Bären auf. Ja. Ich war gerade zu Lord Hewwar unterwegs, Het-war.«
Gesca gewann seine Würde zurück und antwortete in frostigem Tonfalclass="underline" »Lord Hetwar ist bereits zu Bett gegangen. Er hat mir aufgetragen, Euch wissen zu lassen — wenn ich Euch erst einmal gefunden habe —, dass Ihr als Erstes morgen früh bei ihm vorsprechen sollt.«
»Oh«, murmelte Ingrey. Autsch. »Dann sollte ich wohl erst mal was schlafen, stimmt’s?«
»Solange Ihr könnt«, sagte Gesca.
»Ein Freund?«, wollte Jokol mit einem Nicken zu Gesca wissen.
»Mehr oder weniger«, erwiderte Ingrey und fragte sich, was von beidem zutraf. Doch Jokol schien ihn beim Wort zu nehmen und übergab Ingrey in die Obhut des Offiziers. »Ich brauche keine …«
»Lord Ingorry, ich danke dir für deine Gesellschaft. Und auch für alles andere. Wer meinen Ottovin von der Bank trinken kann, ist auf meinem Schiff stets willkommen. Ich hoffe, wir sehen uns noch einmal in Ostheim.«
»Ihr … ich auch. Und Grüße an den lieben Fafa.« Er tastete mit seiner tauben Zunge nach weiteren geeigneten, fürstlichen Abschiedsworten, doch Gesca schob ihn bereits auf den Laufsteg zu.
Der Steg erwies sich als Herausforderung, denn er war von derselben Schaukelbewegung erfasst wie das Schiff, nur dass er sehr viel schmaler war. Nach kurzem Nachdenken löste Ingrey dieses Problem, indem er auf allen vieren darüber kroch. Nachdem er auf der anderen Seite angekommen war, ohne in den Storchenfluss zu fallen, blieb er triumphierend auf dem Anleger sitzen.
»Siehst du?«, ließ er Gesca wissen. »Bin nicht so betrunken. Jokol ist ‘n Fürst, weißt du. ‘s alles für die Diplomatie!«
Mit einem Knurren zerrte Gesca Ingrey auf die Füße und legte sich dessen Arm über die Schulter. »Großartig. Das alles könnt Ihr morgen dem Siegelmeister erklären. Ich möchte gern schlafen gehen. Los jetzt.«
Ingrey fühlte sich im Kopf ein wenig nüchterner, auch wenn sein Körper noch hinterherhinkte. Eine Zeit lang war er voll und ganz damit beschäftigt, einen Fuß vor den anderen zu setzen, während sie erst durch die Tore gingen und sich dann einen Weg durch die dunklen Gassen der Königsstadt suchten.
In verärgertem Tonfall erklärte Gesca: »Ich habe in der ganzen Stadt nach Euch gesucht. Beim Haus ließ man mich wissen, Ihr wärt zum Tempel gegangen. Im Tempel hieß es, ein Pirat hätte Euch davongeschleppt.«
»Nein. Schlimmer.« Ingrey kicherte. »Ein Poet.«
Gesca fuhr herum. Selbst in der Dunkelheit konnte Ingrey erkennen, dass der Offizier ihn anblickte, als hätte er sich soeben den Kopf verkehrt herum auf die Schultern gesetzt.
»Drei Leute dort haben erzählt, Ihr hättet einen riesigen Eisbären verzaubert. Einer hielt es für ein Wunder des Bastards. Zwei andere waren davon überzeugt, dass es nichts dergleichen war.«
Ingrey erinnerte sich an die Stimme in seinem Kopf und erschauderte. »Du weißt, was für Gerüchte in einer aufgeregten Menschenmenge entstehen können.« Allmählich fühlte er sich wieder ein wenig sicherer auf den Füßen und nahm den Arm von Gescas Schulter. Wie auch immer: Solange er nicht wieder mitten in einer Bestattungszeremonie einem bedrohlichen Bären gegenüberstand, war es sehr unwahrscheinlich, dass so etwas noch einmal geschah. Jetzt gab es keine göttliche Stimme mehr, die ihn erschütterte, und Tiere waren ohnehin etwas ganz anderes als Menschen. »Du solltest nicht so leichtgläubig sein, Gesca. Es ist ja nicht so, als könnte ich einfach sagen«, er tastete tief in seinem Innern nach jenem kraftvollen, leisen Grollen, »halt, und du müsstest dann plötzlich …«