Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Ingrey zog das Schwert und stürmte vor. Schliddernd kam er vor dem wütenden Tier zum Stehen. Aus dem Augenwinkel bemerkte er Fürst Jokol, der von seinem Begleiter zurückgehalten wurde und auf ihn zustürzen wollte. »Nein, nein, nein!«, rief der Rothaarige besorgt. »Fafa dachte doch nur, sie bringen ihm etwas zu Fressen! Nein, tut ihm nichts!«
Mit ihm, erkannte Ingrey, meinte Jokol den Bären …
Der Bär ließ seine Beute fallen und richtete sich auf. Richtete sich höher auf. Und noch höher … Ingrey legte den Kopf in den Nacken und riss die Augen auf beim Anblick der gewaltigen Kiefer, der breiten Schultern und der riesigen Pranken mit den gefährlich aussehenden Krallen, die über ihm schwebten.
Alles um ihn her schien sich zu verlangsamen. Ingreys Sinne schärften sich im düsteren Frohlocken des Wolfes, der aufstieg und die Oberhand über ihn gewann, als würde er vom Herzen in seinen aufgewühlten Verstand gepumpt. Der Lärm im Innenhof wurde zu einem fernen Grollen. Das Schwert in Ingreys Hand fühlte sich gewichtslos an; die Spitze hob sich und schwang dann glitzernd zu einer Ausholbewegung zurück. Schon sah Ingrey im Geiste, wie der Stahl in das Herz des Bären drang und wieder hervorkam, ehe das Tier — gefangen in jener anderen, trägeren Zeit — reagieren konnte.
Und dann fühlte er mehr, als dass er es sah, dass der Bär göttliches Licht versprühte, wie die Funken einer Katze, wenn sie an einem finsteren Winterabend gestreichelt wurde. Die Schönheit dieses Lichts verwirrte Ingrey und brannte ihm in den Augen. Seine geschärften Sinne streckten sich danach, griffen nach dem entschwindenden Gott — und plötzlich fand sein Verstand sich in dem des Bären wieder.
Er sah sich selbst, perspektivisch verkürzt: Das überlagerte Bild eines in Leder gehüllten Mannes mit Schwert und eines großen, schattenhaften Wolfes mit glänzendem, silberspitzigem Fell, von dem eine Aureole aus Licht ausging. Wie sein eigenes Herz nach dem göttlichen Licht strebte, so strebten die benommenen Sinne des Bären zu ihm, und einen Augenblick lang entstand zwischen diesen drei Punkten ein vollendeter Kreis.
Eine belustigte Stimme in seinem Innern murmelte: »Wie ich sehe, hat der Welpe meines Bruders sich entwickelt. Gut. Mach ruhig weiter …« Ingreys Verstand schien unter der Last und dem Druck dieser Worte zu explodieren.
Einen Moment lang teilte er die verschwommenen, wortlosen Erinnerungen des Bären. Die vorangegangene Prozession in die Halle des Vaters, mit den anderen Tieren um ihn her. Die Aufregung des Pflegers, der Gestank seiner Angst, aber auch der vertraute Geruch und die Stimme im Hintergrund, die ihm Halt und Ruhe in dieser verwirrenden Welt aus Stein boten. Stimmen, deren monotones Summen um ihn her immer weiter und weiter ging … und dann dehnte sich sein Bärenherz und verging unter der alles überwältigenden Ankunft des Gottes, gefolgt von einer glücklichen Gewissheit, mit der er auf die Bahre zustrebte. Und dann Verwirrung und Schmerz. Der kleine Mann, der am Ende seiner Kette hing, zerrte ihn zurück, riss an dem Halsband, bestrafte ihn für das, was er tat, versagte ihm sein Glück. In dem Bemühen, seine gottgegebene Aufgabe zu vollenden, sprang er vor. Weitere der winzigen Gestalten liefen ihm in den Weg. Wilder Zorn stieg in seinem Geist auf wie eine Woge, und er packte diesen kalten, eigentümlich riechenden Klumpen aus Fleisch und tappte damit auf das lachende Licht zu, das ihn rief und überall und nirgends zugleich war.
Die gewaltige Kreatur knurrte vor Schmerz und Zorn, ragte wie ein Berg aus Fell und Muskeln über Ingrey auf.
Ingrey schien tief in seine Brust, seinen Bauch, seine Eingeweide zu greifen und brachte ein einziges Wort hervor: »Platz!« Der Befehl flog gleichsam durch die Luft, mit der Wucht eines Steines, von einem Katapult abgefeuert.
Die Schwertspitze beschrieb einen Bogen und wies in funkelndem Halbkreis zum Pflaster vor seinen Füßen. Die Schnauze des Bären folgte der Bewegung nach unten, und weiter nach unten, bis das riesige Tier vor Ingreys Stiefeln kauerte und die Schnauze gegen die Steine presste, die Pranken dicht an den Kopf gelegt. Seine fülligen Hüften ragten hinter ihm empor. Die gelblichen Augen blickten ihn in bärenhaftem Erstaunen und Ehrfurcht an.
Ingrey sah sich finster um, bis er den geweihten Tierpfleger erblickte, der auf Händen und Knien davonkroch. Seine Gewänder waren blutig, die Augen bei Ingreys Anblick noch furchtsamer aufgerissen als zuvor beim Anblick des Bären. Die Klauen hatten seine Rippen kaum gestreift, sonst hätte der Hieb ihm durchaus die Eingeweide herausreißen können. Die Wut des Bären brodelte noch immer in Ingreys Verstand. Mit einem Scheppern ließ er das Schwert zu Boden fallen, ging zu dem Mann, hob ihn vorn an der Kleidung hoch und rammte ihn gegen den Sockel des heiligen Herdfeuers. Der Mann war so groß wie Ingrey und in den Hüften noch breiter, doch in Ingreys Griff schien er zu schweben. Ingrey beugte ihn zurück über die Feuersglut. Die Füße des Tierpflegers zappelten, und sein Kreischen wurde schriller und verstummte dann.
»Was hat man dir bezahlt, um den Segen deines Gottes zu hintertreiben? Wer hat diesen Frevel begangen?«, rief Ingrey dem Pfleger in das verzerrte Gesicht.
»Es … es tut mir Leid!«, wimmerte der Tierpfleger. »Arpan hat gesagt … hat gesagt, es würde niemandem schaden …«
»Er lügt!«, rief der Pfleger in den Farben des Vaters. Er zerrte den verängstigten grauen Hund an der Leine hinter sich her, in einem weiten Bogen um den immer noch am Boden kauernden Bären.
Die Augen des weiß gekleideten Tierpflegers blickten wie gebannt auf die von Ingrey, die nur Zentimeter vor seinem Gesicht schwebten. Er holte tief Luft und rief: »Ich gestehe! Tut es nicht …«
Was nicht tun? Mühsam beherrscht richtete Ingrey sich auf, öffnete die Hände und ließ den Mann wieder auf die Füße fallen. Doch er sank zu Boden, mit weichen Knien, bis er als blutiges Bündel schluchzend am Fuß des Sockels kauerte.
»Nij, du Dummkopf!«, rief der Pfleger des Vaters. »Halt die Klappe!«
»Ich konnte nicht anders!«, erwiderte der Tierpfleger des Bastards unter Tränen. Er duckte sich von Ingrey weg. »Seine Augen glänzten silbern, und seine Stimme trug einen furchtbaren Zauber in sich!«
»Dann hast du ihm hoffentlich gut zugehört«, sagte eine kalte Stimme an Ingreys Seite.
Ingrey zuckte zurück und bemerkte den Gelehrten Lewko, der außer Atem neben ihm stand und sich das Durcheinander anschaute. Seine fest zusammengebissenen Zähne verrieten seine Verärgerung.
Ingrey atmete tief durch und versuchte verzweifelt, seinen rasenden Puls zu mäßigen, die Zeit in ihren normalen Gang zurückzuzwingen und seine geschärften Sinne zu beruhigen. Licht, Schatten, Farben, Geräusche — all das prasselte auf ihn ein wie Axthiebe, und die Menschen um ihn her glosten wie Feuer. Allmählich wurde ihm bewusst, wie viele Menschen ihn anstarrten, die Münder weit aufgerissen: ungefähr dreißig Trauergäste, der Geistliche, der die Andacht geleitet hatte, alle fünf geweihten Tierpfleger, Prinz Jokol und sein sprachloser Freund und jetzt auch noch der Gelehrte Lewko, der nicht im mindesten sprachlos wirkte.
Ich habe meinen Wolf losgelassen, stellte Ingrey benommen fest. Vor vierzig Zeugen, mitten auf dem Hof des großen Tempels von Ostheim.
Aber zumindest habe ich den weißen Gott damit erheitert …
»Hochwürden. Hochwürden, helft mir. Gnade …«, murmelte der verwundete Tierpfleger, kroch zu Lewkos Füßen und griff nach dem Saum seines Gewandes. Das aber schien Lewkos Ärger nur weiter zu entfachen.