Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Jokols Schiff lag der Länge nach festgemacht an einem Steg und bot einen völlig ungewohnten Anblick. Es war gut vierzig Fuß lang, in der Mitte gerundet und ausladend wie die Hüften einer Frau. An beiden Enden lief es spitz zu, in jeweils einem hoch aufgeschwungenen Bug, der mit ineinander greifenden Seevögeln beschnitzt war. Es besaß nur ein einzelnes Deck. Während der Reise waren die Passagiere offensichtlich schutzlos den Elementen ausgesetzt. Im Augenblick allerdings war über der hinteren Hälfte ein großes Zelt aufgestellt worden.
Für den Fluss sah das Schiff groß genug aus, doch es erschien Ingrey aberwitzig, sich in so einem winzigen Gefährt hinaus aufs Meer zu wagen. Es wirkte sogar noch kleiner, als der Bär an Bord trottete, umherschnüffelte und sich dann mit einem tiefen, erschöpften Seufzer mitten auf Deck zu Boden fallen ließ, wo sich offenbar sein gewohnter Aufenthaltsort befand. Das Boot schaukelte heftig und beruhigte sich dann wieder, während Jokol die Kette an einen Haken am Mast befestigte. Mit einem besorgten Lächeln bedeutete Ottovin Ingrey, auf die wackelige Planke zu treten, die als Landungssteg diente, und sprang dann hinter ihm aufs Deck. In der Dämmerung schimmerten die Lampen aus dem Zelt einladend, und Ingrey fühlte sich an die kleinen Holzbötchen erinnert, die er und sein Vater mit Kerzen bestückt zum Tag des Sohnes auf dem Birkbach hatten schwimmen lassen … in glücklicheren Zeiten, bevor die Wölfe ihre Welt verschlungen hatten.
Vielleicht zwei Dutzend Besatzungsmitglieder hießen ihren Fürsten glücklich willkommen, und den Bären vielleicht nicht glücklich, aber zumindest als vertrauten Anblick. Sie alle sahen kräftig aus, wenn auch keiner so groß war wie ihr Anführer: Die meisten waren jung, doch einige zeigten ein verwittertes Aussehen. Ein paar trugen ihr Haar zu Pferdeschwänzen zurückgebunden, andere geflochten, und einer hatte sich den Kopf rasiert. Nach seiner blassen, rot gefleckten Kopfhaut zu urteilen konnte es allerdings auch ein verzweifelter Versuch sein, irgendwelches Ungeziefer loszuwerden. Keiner von ihnen war schlecht gekleidet, und niemand war schlecht ausgerüstet, wie Ingrey mit raschem Blick auf die Waffen feststellte, die ordentlich mitsamt den Rudern entlang der Bordwand verstaut waren. Diener, Krieger, Seeleute, Ruderer? Alle Männer hier taten alle Arbeiten, nahm Ingrey an. Bei rauer See gab es auf diesem Boot keinen Platz für sinnlose Unterscheidungen.
Jetzt, wo der Bär abgeliefert war, dachte Ingrey über seinen Rückzug nach. Doch als Hetwars Dienstmann sollte er wohl besser Prinz Jokols Schale annehmen, damit er für keine Beleidigung sorgte, die auf den Siegelbewahrer zurückfallen konnte. Er ging davon aus, dass es sich nur um eine kurze Förmlichkeit handelte. Jokol lud Ingrey in das Zelt ein, das eine geräumige Halle bildete. Es war aus Wolle gefertigt, die man mit Fett gegen Wasser abgedichtet hatte. Ingrey sagte sich, dass seine Nase sich bald an den Geruch gewöhnen würde. Zwei Tischplatten waren im Innern aufgebockt worden, mit Bänken davor, und eine weitere Bank stand an der Seite. Dorthin führte Jokol Ingrey und setzte sich dann an seine Seite, während Ottovin auf der anderen Platz nahm. Die übrigen Männer schwärmten umher und verteilten rasch Bestecke und Essen.
Ein rotblonder junger Mann mit üppigem roten Vollbart verbeugte sich vor den dreien und verteilte hölzerne Schalen. Ein weiterer Mann kam mit einem Krug hinterher, aus dem er eine trübe Flüssigkeit ausschenkte, erst dem Gast, dann dem Fürsten und dann Ottovin. Ein dunstiger Hauch stieg von dem Gebräu auf. Ottovin, dessen Wealdisch holpriger war als das Jokols, gab Ingrey zu verstehen — unterstrichen von verwirrenden Gesten —, dass dieser Trunk aus Stutenmilch gemacht war oder vielleicht aus Pferdeblut. Oder Pferdepisse, befand Ingrey nach dem ersten Schluck. Wenn dieses Geräusch ein Wiehern hatte sein sollen, hatten Pferde jedenfalls irgendetwas damit zu tun. Nun, er würde diese eine Schale der Höflichkeit halber herunterwürgen und sich dann verabschieden. Er konnte auf seine Pflicht gegenüber Hetwar verweisen und sich höflich zurückziehen.
Am anderen Ende des Zeltes wurden eine Feuerpfanne und eine provisorische Küche aufgestellt. Der Geruch nach gebratenem Fleisch ließ Ingrey das Wasser im Mund zusammenlaufen. »Bald werden wir viel essen«, versicherte Jokol ihm mit dem Lächeln des eifrigen Gastgebers.
Ingrey würde irgendwann etwas essen müssen, so viel war sicher; außerdem schien es eine gewagte Ausschweifung zu sein, unmittelbar vor einer Unterredung mit dem Siegelbewahrer dieses scharfe Gebräu auf nüchternen Magen zu trinken. Er nickte. Jokol klopfte ihm auf den Rücken und grinste.
Jokols Lächeln verschwand, als sein Auge auf Ingreys blutige Rechte fiel. Der Fürst fasste einen seiner Begleiter am Ärmel und flüsterte ihm einen Befehl zu. Kurz darauf kam einer der älteren Männer mit einer Waschschüssel, Tüchern und einem Packen herbei. Er verbannte Ottovin von der Bank und gab Ingrey zu verstehen, dass er ihm die verletzte Hand reichen solle. Als er die schmutzige Bandage abnahm, zuckte der Mann beim Anblick des neuen Risses und der älteren, dunkelroten Schürfwunden zusammen. Ottovin, der sich über sie beugte, um zuzusehen, pfiff kurz und sagte irgendetwas, das Jokol in helles Gelächter ausbrechen ließ. Jokol reichte Ingrey höflich die Trinkschale an, bevor der grauhaarige Krieger erneut an seinem Fleisch herumstocherte und nähte. Als die Hand verbunden war, packte der Bursche die Ausrüstung wieder zusammen und verschwand mit einem Nicken. Ingrey kämpfte gegen das starke Bedürfnis an, in einem Schwindelanfall den Kopf nach vorn zwischen die Knie sinken zu lassen. Es war offensichtlich, dass er im Augenblick nirgendwo hingehen würde.
Wie versprochen gab es bald Essen, und zwar reichlich. Zum Glück gehörte kein Dörrfisch dazu, auch kein steinhartes, haltbares Brot oder irgendwelche andere abstoßende Seefahrerkost. Stattdessen schien man die Zutaten des Mahls frisch auf dem Markt gekauft zu haben. Die Köche der edlen Häuser von Ostheim brachten vielleicht raffiniertere Speisen zustande, aber das Essen war gut, weit besser als die Lagerküche, die Ingrey erwartet hatte. Er widmete dem Mahl die Aufmerksamkeit, die es verdiente, und schaffte es nicht, den Burschen abzuwehren, der ihm immer wieder das Trinkgefäß nachfüllte, sobald es halb leer war.
Es war Nacht geworden, als die Männer sich ernsthaft den Versuchen ihrer vergnügten Kameraden widersetzten, neue Speisen auf ihre Teller zu laden. Ingreys Plan, durch die Zeit und das Essen so weit auszunüchtern, dass er aufstehen und den Palast des Siegelbewahrers aufsuchen konnte, brauchte noch mehr Zeit. Oder weniger Essen … Die Lampen strahlten hell auf die geröteten, schimmernden Gesichter ringsum.
Aus einem Stimmengewirr trat schließlich ein einzelner Mann hervor und richtete eine Bitte an den Fürsten. Dieser lächelte und schüttelte den Kopf, schien sich dann aber auf einen Kompromiss einzulassen, für den er wohl irgendwie Ottovin ausliefern musste.
»Sie wollen Geschichten«, flüsterte Jokol Ingrey zu, während Ottovin aufstand, einen bestiefelten Fuß auf die Bank setzte und sich räusperte. »Wir werden heute Nacht viele hören.«
Inzwischen wurde ein neues Getränk angeboten. Ingrey nippte vorsichtig daran. Dieses hier schmeckte nach Kiefernnadeln und Lampenöl, und selbst Jokols Männer tranken es aus kleinen Gläsern.