Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Und unser Prinz? Er war noch ein Kind und hatte mit derartig fortschrittlichen Umtrieben überhaupt nichts zu tun. Norodom Sihamoni sollte bei uns einfach umfassend und erstklassig ausgebildet werden — wie ich auch — , und er wollte sowieso kein Revolutionär, sondern ein Tänzer werden. Der sozialismusfreundliche König hatte seinen ersten Sohn nach Moskau und den zweiten nach Peking geschickt — erst der vierte ging später nach Paris. Prinz Sihamoni war in meiner Schule — diese war nach dem kraftvollen Rebellen und Selbstmörder Majakowski benannt — natürlich der absolute Star. Schon wegen Norodoms edlerGesichtszüge waren wir im Vergleich zu ihm nur die graue Volksmasse, und wir blieben es die ganze Zeit. Ich hatte aber überhaupt nichts dagegen. Er war einfach etwas Höheres, ich wäre sogar gern sein Untertan geworden, wenn ich unter seiner Führung beispielsweise gegen die Chinesen in Tibet hätte kämpfen können. Daß ich ihn als ein höher angesiedeltes Wesen anerkannte, hatte sicher auch damit zu tun, daß ich mich dank meiner Herkunft eher als ein Paria, Ghettomensch und potentiell Sonderzubehandelnder zu fühlen hatte. Norodom war immer tadellos gekleidet, bewegte sich im Gegensatz zu mir anmutig, und sein Rücken war immer gerade. Ich hatte schon damals eine starke Skoliose und fand zu Norodom leider — trotz seiner enormen Freundlichkeit — keinen wirklichen Zugang. Unser klassenschlimmster bulgarischer Rebell Dschagarow verschaffte sich ihn mit seinen subversiven Angeboten aber auch nicht. Er versuchte den Prinzen zu verrohen, zeigte ihm, wie man schuleigenes Eßbesteck bricht, um mit den Stummeln verriegelte Fenster zu öffnen, führte ihm beim Mittagessen vor, wie sich mit einem Messer, wenn man es unter die Tischplatte schob, maschinengewehrähnliche Vibrier-Salven produzieren ließen. Norodom sah sich alles höflich an, mehr nicht. Dschagarow hoffte eine ganze Weile, bessere Karten als wir alle zu haben, und zeigte gelegentlich auf eine Weltkarte an der Wand. Bulgarien lag von Kambodscha etwas weniger weit entfernt als die Tschechoslowakei.
— Kommst du Fußball spielen? fragte ich den zukünftigen König einmal.
— Nein, tut mir leid, Georg, ich habe Ballettunterricht. Vielen Dank für die Einladung.
Bei Schulfesten trat Norodom dann tatsächlich — es war exotisch und vollkommen unüblich bei uns — als Solotänzer auf. Und er tanzte zu einer Musik, wie wir sie noch nie zuvor gehört hatten. Seine Auftritte stellten alle anderen Festbeiträge in den Schatten und enthüllten damit gleichzeitig deren Primitivität. Was wir — die Hoffnung der sozialistischen Republik — vorführten, war eingetrichterter Schwachsinn, mit dem man uns an den Pioniernachmittagen gequält hatte. Norodom trug beim Tanzen selbstverständlich keine Pionieruniform wie wir, sondern ein enganliegendes, glitzerndes Kostüm mit fein gestickten Mustern. Zu allen seinen unerreichbaren Vorzügen kam noch hinzu, daß ihn eine persönliche Freundschaft mit der kultivierten Direktorin der Schule verband. Es wurde oft darüber gesprochen, daß er sie auch privat besuchte, regelmäßig bei ihr zu Hause speiste, mit ihr ins Theater und in die Oper ging. Wahrscheinlich sollte sie — auftragsgemäß, versteht sich — versuchen, ihm die königliche Familie zu ersetzen, die selbstverständlich in Kambodscha geblieben war. Zu den Chinesen ging der Prinz mit uns nie.
Daß ich von angehenden afrikanischen Bürgerkriegstreibern, haßerfüllten portugiesischen Kommunisten oder von iranischen Schah-Gegnern umgeben war, daß ich diese aktuellen, zukünftigen oder ehemaligen Wüteriche der Weltgeschichte ununterbrochen vor Augen hatte, war an meinem Werden natürlich auch beteiligt, egal wie begrenzt. Einige von diesen Leuten waren eher ruhigere Zeitgenossen, die sich einfach nur zur Ruhe setzen wollten und froh waren, keinen sinnlosen Kampf mehr führen zu müssen. Eine etwas kleinwüchsige iranische Widerstandstochter liebte ich heimlich, ihre Eltern, die ich auch kannte, hoben meine schöne Stadt in den Himmel, vom Haß auf ihren bösen Schah Resa Pahlewi war in dieser Familie nicht viel zu spüren.
Mir und meiner Mutter war sowieso klar, daß die vielen neuprager Radikalinskis später, wenn sie in ihrer Heimat zum Zuge kommen sollten, irgendwann wieder gestürzt oder beseitigt werden würden — und sie taten uns leid. Meine Mutter hielt punktuell auch viel von konservativen Traditionalisten, verehrte Herrscher wie den Kaiser Haile Selassie von Äthiopien, sprach mit Bewunderung über historische Gestalten wie den friedliebenden indischen König Asoka, mit dem sie sich wegen eines Artikels über Buddhismus beschäftigt hatte. Leider konnte sie auch Väterchen Stalin nicht ganz aus ihrem Herzen vertreiben — ihr imponierte immer noch, lange nach seinem Tod, daß er an seiner Uniform keine Orden getragen hatte, obwohl er sie sich hätte tonnenweise organisieren können. Und sie zitierte gern — wenn auch mit einem ironischen Lächeln — den berühmtesten seiner Sprüche:»Wir Kommunisten sind Menschen eines besonderen Schlags. «In einem Winkel ihres Herzens zählte sie sich vielleicht immer noch zu dieser schlagkräftigen Sonderklasse Mensch.
Zu den Chinesen hatte meine Mutter selbstverständlich eine sehr differenzierte Meinung — vor ihnen nur Angst haben wollte sie nicht. Sie erzählte mit großer Bewunderung, wie das ganze Riesenvolk irgendwann die Order bekommen hatte, die gesamte Fliegenpopulation totzuklatschen und darüber, daß die bedrohliche Fliegenplage dank der Tag und Nacht um sich schlagenden Chinesen tatsächlich auch besiegt worden war. Leider war meiner Mutter, eventuell aber auch dem» Spiegel «damals entgangen, wie es zu dieser Plage überhaupt gekommen war. Man weiß es inzwischen. Das chinesische Volk sollte, um die sozialistische Ernte vor unberechtigten und nutzlosen Fressern zu schützen, durch Dauertrommeln die Vögelpopulation dezimieren. Die chinesische Bevölkerung hatte auch diese frühere Order befolgt und hatte diszipliniert und ununterbrochen getrommelt — statt zu arbeiten — , trommelte so lange, bis die armen Vögel vor Erschöpfung vom Himmel fielen. Das größte Trommelkonzert der Weltgeschichte war damit zu Ende — bald danach brach die Fliegenplage aus.
Warum erzähle ich das alles? Ich wußte von meiner Mutter einiges, trotzdem nicht alles. Und ich blieb beispielsweise, was den Einblick in meine Seele angeht, bis zu meiner späten Heirat ein Ignorant — ein mitteilungsfeindlicher obendrein. Die Menge von ungelösten Fragen, die ich in mir nur verwahren, höchstens unproduktiv herumwälzen mußte, wurde immer größer, manche meiner Gefühlswunden blieben lange Jahre suppend frisch. Eben dank meiner Unbelecktheit. Ich konnte mir beispielsweise nicht erklären, wieso ich ein so böser Mensch geworden war. Ich wußte nicht, aus welchen Quellen sich die in mir lauernden Aggressionen speisten, warum ich nicht auf irgendwen, sondern ausgerechnet auf meine liebe Mutter bitterböse allergisch bis — und mit der Zeit zunehmend — unversöhnlich wütend werden mußte. Nebenbei fiel mir immer wieder auf, daß ich mich — beim Durchsehen unseres» Spiegels «beispielsweise — von allen möglichen häßlichen und unappetitlichen Bildern angezogen fühlte. Wo auch immer es nach Endzeitstimmung, Auslöschung und nach existentiellen Implosionen aussah oder roch, dort sah ich zuerst hin — und offenbar wollte ich auch gern dahin. Bei einem anderen Lauf der Geschichte hätte ich mich eines Tages vielleicht in einem klassisch ausgestatteten Vernichtungslager wiedergefunden und wäre dort in die mir den Weg weisenden Fußstapfen getreten.