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Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]

Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:

Lord Ingrey wird in die Ländereien Prinz Bolesos entsandt, in einer delikaten, höchst unangenehmen Mission. Jemand hat den Prinzen umgebracht! Da er der Thronerbe war und der König im Sterben liegt, soll Ingrey die Wogen der Aufregung glätten, die Leiche des Prinzen überführen und die mutmaßliche Mörderin vor Gericht bringen. Damit das Königreich nicht in falsche Hände fällt, muss er dunkle Geheimnisse enthüllen und einen fürchterlichen „Blutpreis“ aus der Vergangenheit. In sich abgeschlossener Roman aus der Reihe „Die magischen Messer“.
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Ängstlich zog der Pförtner den Kopf ein. »Der Junge wird gleich zurück sein und Euch auf Euer Gemach bringen, Herr.«

Ingrey schnaubte und erwiderte: »Nur keine Eile. Wenn dieser Ort nun meiner Obhut untersteht, schaue ich mich am besten erst einmal um.« Er schritt durch den nächsten Durchgang.

Das Haus wirkte überschaubar. Keller und Erdgeschoss dienten als Lagerfläche und enthielten eine Küche mit einem Vorraum sowie Pritschen für den Koch und den Küchenknecht, dazu einen Speiseraum, einen Salon und ein Kämmerchen unter der Treppe, in dem der Pförtner hauste. Ingrey blickte durch die einzige Hintertür hinaus, die auf einen Innenhof mit abgedecktem Brunnen führte. Das erste Obergeschoss bestand aus einem Raum, der möglicherweise als Arbeitszimmer gedacht war, sowie aus zwei Schlafräumen. Im Stockwerk darüber kam Ingrey an den Türen ähnlich zugeschnittener Räume vorbei, hinter denen er leise Frauenstimmen vernahm: Ijada und ihre Begleiterin. Das oberste Stockwerk schließlich war in kleinere Räumlichkeiten für die Diener unterteilt.

Er stieg die Treppe wieder hinunter und traf auf den Pförtnerjungen, der gerade seine Satteltaschen in einen der Schlafräume im ersten Stock schleppte. Die Einrichtung dort war karg — ein schmales Bett, ein Waschtischchen, ein einzelner Stuhl, ein zerkratzter alter Schrank. Ingrey fragte sich, ob der Raum wohl vermietet gewesen war, bis Rossflutens Boten gestern Abend das Gebäude beansprucht hatten. Die leisen, unverwechselbaren Schritte und das Knarren eines Bettes über ihm verrieten, wo Ijada sich aufhielt. Diese Nähe war beruhigend und irritierend zugleich. Als er ihre Schritte auf der Treppe hörte, machte er sich ebenfalls auf den Weg.

Er öffnete die Tür, als sie gerade davorstand, die Hand zum Klopfen erhoben. In der anderen Hand hielt sie den Brief der Gelehrten Hallana, der inzwischen leicht zerknittert aussah. Ihre Zofe — oder Wenzels Aufpasserin? — drückte sich dicht hinter ihr herum und spähte ihr misstrauisch über die Schulter.

»Lord Ingrey«, begann Ijada und sprach wieder ganz förmlich. »Die Gelehrte Hallana hat Euch aufgetragen, dies hier zu überbringen. Werdet Ihr das tun?« Ihre reglosen Augen schienen sich in die seinen zu bohren und ermahnten ihn wortlos daran, was die Zauberin sonst noch gesagt hatte: Dem Empfänger, und niemand anderen.

Er nahm den Brief entgegen und schaute auf den dahingekritzelten Adressaten. »Wisst Ihr, wer dieser …«, er sah noch einmal genauer hin, »dieser Gelehrte Lewko ist?«

»Nein. Aber wenn Hallana ihm vertraut, wird er kein Dummkopf sein.«

Und was beweist das? Hallana hat mir vertraut. Und ein Mann der Kirche, auch wenn er kein Dummkopf und aufrichtig war, musste noch lange nicht ihr Freund sein.

Trotzdem empfand Ingrey eine bohrende Neugierde, was Hallana wohl über ihn geschrieben hatte und über die außergewöhnlichen Begebenheiten in Rottwall. Und wenn er den Brief nicht selbst öffnen wollte, gab es nur einen Weg, mehr darüber herauszufinden: Er musste dabei sein, wenn der Brief aufgemacht wurde. Er konnte ihn auf dem Weg zu Hetwars Palast abgeben und musste ihn dann möglicherweise seinem Herrn gegenüber auch nicht mehr verbergen oder darüber lügen. Hetwar würde den Brief nicht länger von ihm einfordern können. Wenn er deswegen getadelt wurde, konnte Ingrey immer noch so tun, als wäre diese getreuliche Zustellung genau die Art von Tugendhaftigkeit, die Hetwar von einem seiner Gefolgsmänner erwarten konnte.

»Ich werde dieser Verpflichtung nachkommen.«

Ijada nickte bedächtig, und er fragte sich, ob sie ihm wohl seine gewundenen Gedankengänge an den Augen ablas oder nicht oder ob sie ihm so unbekümmert vertraute wie Hallana.

»Bleibt im Haus«, fügte er noch hinzu. »Bleibt in Sicherheit. Schließt Eure Zimmertüren ab. Was immer dieses Haus an Annehmlichkeiten zu bieten hat — es dürfte Euch zur Verfügung stehen.« Er ließ seinen Blick zu der Frau wandern, die ihr als Zofe und Wärterin zugleich diente, und sie bestätigte die Worte mit einem leichten Knicks. »Ich weiß nicht, was Lord Hetwar heute Abend noch von mir will, also esst, wann es Euch beliebt. Ich komme zurück, sobald ich kann.«

Er verstaute den Brief unter seinem Wams, verabschiedete sich mit einer höflichen Verbeugung von ihr und stieg die Treppen hinunter. Er wünschte sich ein Bad, saubere Kleidung und etwas zu essen, in eben dieser Reihenfolge. Doch alle diese Annehmlichkeiten mussten warten.

Ingrey ließ beim Pförtner Anweisungen für seinen Burschen zurück, für den Fall, dass Tesko vor seiner Rückkehr hier auftauchte. Dann ging er in die Stadt.

Die vertrauten Gerüche und Eindrücke beruhigten ihn ein wenig. Er suchte sich seinen Weg durch die gepflasterten Gassen der Königsstadt und über das Flüsschen; dann stieg er die steilen Stufen des Hanges der Tempelstadt empor. Zwei Serpentinen und zehn Minuten erschöpfenden Weges brachten ihn zu dem Tordurchgang, der sich verwinkelt unter einem Turm und zwei Häusern hindurchschlängelte und in die obere Stadt führte. In einem finsteren Winkel an der Biegung des Weges stand ein kleiner Schrein für die Sicherheit der Stadt. Ein paar Kerzen, von welken Girlanden umrahmt, flackerten im schwachen Lufthauch. Gedankenlos schlug er im Vorübergehen die heilige Geste. Er gelangte wieder in das Licht des späten Nachmittags und bog nach rechts ab.

Nach einigen weiteren Minuten erreichte er den Tempelplatz und schritt unter dem säulengetragenen Vordach hindurch in den geheiligten Bezirk.

Der Innenhof war nicht überdacht, und in seiner Mitte brannte das Heilige Herdfeuer ruhig auf seinem Sockel. Durch einen Torbogen konnte Ingrey in eine der fünf gemauerten Kuppelhallen blicken, die den Hof umgaben. Dort begann soeben eine Zeremonie — eine Bestattung, wie Ingrey an der Bahre erkannte, die, von unruhigen Trauergästen umgeben, vor dem Altar des Vaters abgestellt wurde. In ein paar Tagen würde hier auch für Prinz Bolesos sterbliche Überreste eine solche Zeremonie abgehalten werden.

Auf der anderen Seite des Hofes geleiteten die Hüter der heiligen Tiere ihre Schützlinge zum kleinen Wunder der Erwählung. Ein jedes Geschöpf würde von einem Pfleger, der die Farben der entsprechenden Kirche trug, an die Bahre geführt, und der Geistliche würde anhand des Verhaltens der Tiere entscheiden, welcher Gott die Seele des kürzlich Verstorbenen aufgenommen hatte. Diese Entscheidung leitete nicht nur die Gebete der Trauernden ein, sondern auch die Opferriten, die dem Schrein und der Kirche des jeweiligen Gottes galten. Ingrey wäre diesbezüglich skeptischer gewesen, hätte er nicht mehr als einmal Ergebnisse beobachtet, die ganz offensichtlich alle Beteiligten überrascht hatten.

Eine Frau im Grün der Mutter trug einen großen grünen Vogel auf der Schulter, der aufgeregt krächzte. Ein Mädchen im Blau der Tochter hielt eine junge Henne mit blauvioletten Federn fest unterm Arm. Ein grauer Hund mit dichtem Fell hockte nahe bei den grauen Gewändern eines ältlichen Tierpflegers aus der Kirche des Vaters. Ein junger Mann im Rot und Braun des Sohnes führte ein unruhiges, kastanienbraunes Fohlen, dessen Fell zu einem Kupferglanz gebürstet worden war und das wild mit den Augen rollte. Das Tier schnaubte und tänzelte und riss den Pfleger fast von den Füßen. Im nächsten Augenblick erkannte Ingrey den Grund dafür.

Dicht hinter den anderen rückte der gewaltigste weiße Eisbär bedrohlich näher, den Ingrey je gesehen hatte. Die Kreatur war so groß wie ein Pony und doppelt so breit. Seine kleinen Äuglein zeigten die Farbe vom gefrorenem Urin und waren ebenso kalt. Am anderen Ende einer langen, dicken, silberglänzenden Kette folgte der Hüter des Tieres, gekleidet in die weißen Gewänder der Kirche des Bastards. Der junge Mann hielt mühsam seine Panik im Zaum; seine Blicke huschten verzweifelt zwischen dem ihm anvertrauten Schützling und einem hochgewachsenen Mann hin und her, der ihm folgte und beruhigend auf ihn einflüsterte.

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