Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Die vielen seltsamen Kraftwellen, die auf mich in meiner Kindheit einschlugen, in diesem Text zu sortieren und gegeneinander abzuwägen, wird mich noch einige Mühe kosten. Die asiatischen Einflüsse mehrten sich sogar. Nicht nur daß meine Mutter die Besetzung Tibets durch die Chinesen noch frisch in Erinnerung hatte und mit mir darüber weiter trauerte, an unserer Grundschule tauchte eines Tages ein echter asiatischer Prinz auf. Er kam aus Kambodscha, und sein Name war Norodom Sihamoni. Prinz Sihamoni, der Sohn des Königs Sihanouk, kam in die Tschechoslowakei, um in meiner Stadt europäische Ausbildung zu genießen. Er wurde mein Mitschüler, war plötzlich einer von uns — gleichzeitig aber auch nicht. Er schwebte zwischen und über uns, blieb ein anderer. Er lernte allerdings sehr schnell Tschechisch, seine eigenhändig gebundenen Schleifen an seinen maßgefertigten Schnürstiefeln sahen auch bald passabel aus. Ausgerechnet als ich dieses Kapitel zu schreiben begann, wurde Sihamoni vom kambodschanischen Kronrat zum König von Kambodscha gewählt — ohne es unbedingt zu wollen.
Norodom war ungeheuer schön, war eindeutig der Schönste von uns, in seiner aristokratischen Vornehmheit blieb er sowieso konkurrenzlos. Die Roten Khmer gab es damals noch nicht, von der Ausrottung von Bewohnern ganzer Städte konnte man zu diesem Zeitpunkt noch nichts ahnen. Pol Pot war nach seinem erfolglosen Studium in Paris allerdings wieder in die Heimat zurückgekehrt. Für mich stand mein Prinz wider besseres Wissen eher für einen exilierten Tibeter — für einen Mitkämpfer und Leidensgenossen des Dalai Lama.
Prag war während meiner Kindheit sowieso voller Exilanten, sie gehörten zum Straßenbild. In die Tschechoslowakei kamen nach dem Aufstand der griechischen Kommunisten — Ende der 40er Jahre, also noch vor meiner Geburt — viele griechische Kinder, nach dem Militärputsch von 1967 folgten weitere Griechen. Nach dem Bruch ihres Landes mit der Sowjetunion waren bei uns viele stalingläubige Jugoslawen geblieben, die zu ihrem verräterischen Tito nicht zurückkehren wollten oder konnten. Nach und nach schwappten immer wieder kleinere Emigrantenwellen zu uns herüber, begreiflicherweise aus Ländern, in denen der Sozialismus trotz der tüchtigen Hilfe der Sowjetunion und der anderen Bruderländer noch nicht gesiegt hatte, seine Errichtung also vorerst gescheitert war. In der Regel handelte es sich bei diesen» Wellen «aber nur um die Kerncliquen der jeweiligen Befreiungsbewegungen oder um die Kreise der radikalsten Fortschrittsbringer. Nachdem in Indonesien unter Suhartos Kommando Hunderttausende echte oder vielmehr angebliche Kommunisten (zusätzlich auch noch Chinesen) abgeschlachtet worden waren — meine Mutter berichtete mir detailliert darüber — , kamen leider kaum Indonesier zu uns, obwohl an den Vorbereitungen des Aufstands auch tschechische Berater beteiligt gewesen waren. Für eineFlucht war Prag einfach zu weit, China war näher — und der Bruch zwischen dem Sowjetblock und China war damals schon vollzogen.
Zu uns strömten dafür viele ebenfalls fortschrittliche Kräfte aus ganz anderen Teilen der Welt. So füllte sich die Tschechoslowakei mit explosiven Bewußtseinsinhalten von Widerständlern aller Haut- und Haarfarben. Dank der gemeinsamen Idee der Weltrevolution wuchs damit aber gleichzeitig auch so etwas wie ein einheitliches Riesenkorps zusammen. Dafür hatten jedenfalls die in Prag residierenden Referenten und Agenten aus der Sowjetunion zu sorgen. Die sowjetische Botschaft lag unweit meiner Schule, das Territorium der Residenz und der Handelsvertretung am Sibirischen Platz, das ständig erweitert und ausgebaut wurde, lag sogar neben und gegenüber unserem Schulgebäude — die Russen umringten und umfaßten uns bei ihren Geländegewinnen wuchtiger als die Chinesen, regelrecht physisch und vollkommen vitrinenlos.
Von der wachsenden Präsenz der Russen bekamen die vielen Schwarzafrikaner, Iraner, Palästinenser oder Portugiesen, die in der Goldenen Stadt glücklich angekommen waren, nicht unbedingt etwas mit, sie hatten andere Sorgen. Ihre Bewegungen mußten weiterfinanziert, die zurückgelassenen Kampfgenossen außerdem mit Waffen versorgt werden. Unser friedliches Land verdiente nebenbei mit Waffengeschäften recht gut, unsere traditionsreiche Rüstungsindustrie war auf Weltniveau. Der damalige Exportschlager — der heißbegehrte Plastiksprengstoff» Semtex«- war in aller Munde. Wir hatten aber noch viel mehr zu bieten: mehrere Panzertypen, gepanzerte Truppentransporter OT-64 SKOT (das beliebteste Transportmittel von Idi Amin Dada!), leichte und schwere Kanonen, Flakgeschütze 30 mm und die Nachfolgemodelle der legendären leichten Maschinengewehre BREN. Natürlich auch unsere vorzüglichen 9-mm- oder 7,65-mm-Pistolen. Und wenn auch vieleder leichteren Waffen bereits gebraucht waren, waren sie alle gut konserviert und gepflegt worden. Die in rauhen Mengen produzierte Qualitätsmunition unterschiedlichster Kaliber dürfte bei dieser Aufzählung auch nicht vergessen werden. Später kamen noch die fortschrittlichen Mini-Kalaschnikows» Skorpion «hinzu, die tschechische Variante von» UZI submashine gun«. Man bot diese zusammenklappbare Neuigkeit auch heimlich und preiswert auf dem Weltmarkt an. Bald interessierten sich für dieses tschechische Qualitätserzeugnis auch Gangsterkartelle aus den USA und die Mafia.
Unser aus hegemonialer Sicht unverdächtiges Land hatte besonders in Afrika einen hervorragenden Ruf, dort war die Tschechoslowakei eine Art Lieferweltmacht; als eine solche war sie aus kommerziellen Gründen auch mal bereit, die eine wie die andere kriegführende Seite zu beliefern. Und meine goldstaubige Stadt war — wen würde das wundern — in den Kreisen der aktiven Revolutionsplaner ausgesprochen beliebt. Vor den leblosen und kältedurchströmten Straßen von Ostberlin hatten die Revolutionäre offenbar fast so viel Angst wie vor den Folterkellern in der alten Heimat. Prag entwickelte sich so zu einem globusweiten Drehkreuz und wurde neben Moskau eines der Sammelbecken aller möglichen Politträumer. Natürlich kamen diese warmblütigen und Wärme gewohnten Menschen nicht nur wegen der Schönheit der Stadt und der Freundlichkeit unserer Parteifunktionäre zu uns. Die relativ weltoffene Metropole bot viel mehr Tarnmöglichkeiten als zum Beispiel Wladiwostok, Minsk oder Greifswald. Und die Westgrenzen waren nicht weit. Für diese Sorte unserer ausländischen Gäste wurde in Prag sogar eine besondere Universität gegründet — die» Universität des 17. Novembers«- sowie andere geheimdienstliche Trainings- und Ausbildungslager der Spitzenklasse. Die sechs mächtigen Außenhandelsfirmen waren vom Geheimdiensteifer knisternde Ameisenhaufen. Ähnlichemsig ging es in der Weltföderation der Gewerkschaftsbewegung SOF und in der Zentrale des Internationalen Studentenverbandes zu diese beiden Niederlassungen lagen am Rande der Altstadt, und ihre munteren Funktionäre hatten die allerbeste Sicht auf den Sockel des 1962 abgerissenen Stalindenkmals. Speziell in der» Universität des 17. Novembers «bekamen die Studenten nicht nur ihre zusätzliche marxistische Überbauorientierung, man bildete in ihnen gleichzeitig zukünftige Putschisten und Politoffiziere aus, die irgendwann später Regierungsmitglieder oder sogar Regierungschefs werden sollten. Ihr heimatliches Einsatzgebiet sollte in der Zukunft radikal umgebaut werden und unbedingt dem aktuellen Stand der Weltrevolution entsprechen. Die Ausbildungsstätte der in unserem Land weilenden libyschen Staatsterroristen befand sich unweit des Schlachtfeldes vom Weißen Berg. Diese Männer hatten in dem studentischen Milieu von Prag einen Sonderstatus. Und vollkommen außerhalb der offiziellen Realität lebten bei uns radikale italienische Kommunisten, die mit ihrem geheimgehaltenen Sender die ersehnte italienische Revolution vorantreiben wollten. In ihrer Heimat drohten ihnen Gefängnisstrafen. Einem von ihnen auch wegen der Hinrichtung von Mussolini, die seinerzeit spontan auf die Partisanenart, also nicht ganz rechtsstaatlich erfolgt war.