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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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Es war wirklich lustig, zu beobachten, wie die Köpfe der Gäste gleichsam zu tanzen begannen, sich zu verdoppeln schienen, zwei Münder, zwei Nasen bekamen und dann wieder zu einem Gesicht zusammenrückten. Freundliche Nebelgeister schienen in Marcos Gehirn am Werke zu sein.

Aus Marinos Unterarm wuchsen zwei Hände heraus, die nach zwei Gläsern griffen. Marco fand diese Verdoppelungen außerordentlich belustigend und kicherte in sich hinein. Fast hatte er vergessen, warum er gekommen war.

Wie lange saß er eigentlich schon hier? Er schloß die Augen in der Hoffnung, daß die seltsamen Erscheinungen verschwunden wären, wenn er sie wieder öffnete. Die freundlichen Nebelgeister begannen jetzt kleine Windräder in Bewegung zu setzen; diese drehten sich, drehten sich immer schneller, wurden groß und größer und drohten, ihn vom Stuhl zu schleudern. Schnell öffnete er die Augen und atmete erleichtert auf, als er bemerkte, daß er noch auf seinem Stuhle saß. Instinktiv hatten sich seine Hände an der Tischplatte festgehalten.

In seinem Kopf sauste es, und vom Magen her schlich ein sonderbares Gefühl den Körper hoch. Marco mußte die Zähne zusammenbeißen.

«Trink ein Glas Wasser!» hörte er aus weiter Ferne die Stimme des Matrosen. Eine Hand schob ihm ein Glas zu; er ergriff es und trank es begierig aus. Köstliches, kühles Zisternenwasser!

«Noch ein Glas», bat er.

Marino schenkte ein. Marco trank. «Ich könnte jetzt immer Wasser trinken», meinte er zu dem Matrosen. Sein Gesicht, das weiß wie ein Schafskäse gewesen war, nahm wieder eine gesunde Farbe an. Er wagte einen Blick in die Runde zu werfen. Anscheinend hatte keiner seine Übelkeit bemerkt. Die Gäste hatten jeweils nur noch eine Nase im Gesicht, und aus Marinos Unterarm wuchsen nicht mehr zwei Hände. Alles hatte wieder seine Ordnung.

Marco hatte das Gefühl, eine große Gefahr bestanden zu haben. Der Tag war wirklich reich an Ereignissen. Nun wußte er auch, wie es war, wenn man Wein trank.

Marino winkte den Wirt heran. «Bring eine Hühnerkeule für ihn», bestellte er.

Nachdem Marco die Hühnerkeule verspeist hatte, war seine Schwäche endgültig überwunden. Er empfand für den Matrosen, der sich so fürsorglich um ihn bemüht hatte, eine ehrliche Zuneigung und nahm sich vor, ihm zu erzählen, warum er ihm nachgelaufen war.

«Ich möchte gern wissen, weshalb du so schnell getrunken hast?» fragte der Matrose.

«Ihr wart so stumm, Marino!» erwiderte Marco. Der Geruch des Weines stieg ihm in die Nase und erinnerte ihn an seine Übelkeit. Er schwor sich, nie wieder einen Tropfen von diesem Teufelszeug zu trinken.

«Bin eben kein Schwätzer», meinte Marino. «Aber nun verrate mir, was dich drückt.»

«Werdet Ihr es niemand weitererzählen?»

«Mit wem sollte ich darüber reden?» Der Matrose legte die Unterarme auf den Tisch und beugte sich vor.

«Hört also zu, Marino», begann Marco mit wichtiger Miene. «Ich will Euch nichts verschweigen, damit Ihr wißt, daß ich es mir reiflich überlegt habe. Als ich sagte, ich sei siebzehn, habe ich Euch beschwindelt.

Fünfzehn Jahre bin ich, aber Ihr seht ja selbst, daß ich nicht schwach bin, nicht wahr?»

Marino nickte ernst. «Ein Riese bist du, möchte nicht gern mit dir anbinden.»

Marco ließ sich nicht beirren. Er setzte die Worte wie ein Geschichtenerzähler auf der Piazzetta, berichtete, daß die Mutter gestorben sei, der Vater schon seit vierzehn Jahren kein Lebenszeichen gegeben habe und der Oheim ihn in eine Klosterschule stecken wolle.

«Was würdet Ihr nun an meiner Stelle tun, Marino?» fragte er.

Der Matrose wiegte in seiner bedächtigen Art den Kopf hin und her. «Da muß ich erst mal einen Wein trinken», sagte er.

Marco bestellte Wein. «Nichts anderes bleibt mir übrig, als wegzulaufen, weit weg», sagte er. «Ich habe mir das genau überlegt. Was meint Ihr dazu?»

Marino trank den Wein, den der Wirt gebracht hatte, mit einem Zug leer und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. «Du willst also von zu Hause durchbrennen?» meinte er. «Was soll ich aber dabei tun?»

«Ihr sollt mich auf ein Schiff schmuggeln. Ich will nach Damaskus, hab da so einiges zu erledigen.» Marco, froh, daß er sein Anliegen vorgebracht hatte, blickte den Matrosen erwartungsvoll an.

«Nach Damaskus willst du?»

«Es hat Zeit bis zum Frühjahr», warf Marco ein.

«Erwischt dich jemand, wirst du sagen: Marino hat mich auf das Schiff geschmuggelt — und mich legen sie in Ketten…»

«Kein Sterbenswörtchen werde ich sagen. Ich schwöre es Euch!»

«Kann sein, daß der Kapitän dich einfach über Bord werfen läßt. Was dann?»

Marco, der alle Zweifel zerstreuen wollte, unterdrückte ein Angstgefühl und erwiderte großsprecherisch: «Soll er mich nur über Bord werfen. Ich kann ja gut schwimmen…»

Marino lachte. «In Damaskus hast du also einiges zu tun», sagte er dann, «es kann sein, daß ich im Frühjahr mit dem Geschwader der Republik nach Beirut, Damaskus und Palästina fahre…»

Marco konnte seine Freude nicht mehr zurückhalten. «Gleich als ich Euch auf dem Fischmarkt sah, wußte ich, daß Ihr mir helfen würdet!» rief er begeistert.

Marino hob die Hand. «Nicht so stürmisch, mein Junge! Bis zum Frühjahr ist noch eine lange Zeit…»

DER KÖNIG DER FELDER

IM JAHRE 1267 HATTE SICH IN EINEM KLEINEN DORF, das zum Königreich Neapel gehörte, die folgende Geschichte zugetragen. Angiolino, ein armer Bauer mit einem schmalen Streifen Pachtland, borgte sich von seinem Herrn, auf dessen Feldern er vier Tage in der Woche schuftete, einen Esel, um mit seiner Hilfe das Heu von einer entfernt liegenden Wiese einzubringen. Es fiel ihm auf, mit welcher Bereitwilligkeit der Verwalter des Herrn ihm den Esel überließ; er machte sich aber keine Gedanken darüber, sondern zog los, um so schnell wie möglich aus der Rufweite zu kommen; denn es konnte doch sein, daß der Verwalter es sich im letzten Augenblick noch anders überlegte.

Die Sonne schien schon am Morgen sengend heiß vom Himmel hernieder. Angiolino blieb von Zeit zu Zeit stehen und wischte sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn. Das Lavagestein brannte unter seinen nackten Fußsohlen, aber die dicke Hornhaut war so unempfindlich wie die Ledersohle unter dem Stiefel eines vornehmen Herrn. Besorgt betrachtete er den Esel, der aus Gewohnheit Huf vor Huf setzte, bei der Rast jedoch taumelnd stehenblieb und sich nur mühsam aufrecht halten konnte. Als der Bauer einmal zufällig die Nüstern berührte, merkte er, daß sie ganz heiß waren. Was sollte er tun? Das Heu mußte an den beiden Tagen in der Woche, da er keinen Frondienst zu leisten hatte, eingebracht werden, sonst müßte es wieder sechs Tage liegenbleiben, und Gott wußte, wie das Wetter dann sein würde. Auch fehlte ihm der Mut, das Tier wieder zurückzubringen; denn der Verwalter war ein gestrenger Herr und schnell mit Prügel zur Hand. So ging er denn weiter, der Esel setzte gehorsam Huf vor Huf und bewegte sich eben, so gut es ging.

Als Angiolino an den Bach kam, der durch das Weideland des Herrn floß, sagte er sich: Wirst dem Eselchen einen Trunk gönnen und ihm eine Handvoll Gras hinwerfen, damit es wieder zu Kräften kommt. Er führte das Tier also an das Wasser.

«Sauf, Freundchen!» sagte er. «Das Wasser gehört zwar dem Herrn, aber er sieht es ja nicht, und weniger wird es auch nicht, wenn du deinen Durst stillst. Ich werde dir inzwischen eine Handvoll Gras holen…»

Die Luft zitterte vor Hitze. Die Wiese zog sich bis zu einem grauen Lavafelsen hin, hinter dem in einer Riesenschale das Meer gleißte und funkelte und die Sonnenstrahlen hunderttausendfach auf das ausgedörrte Land zurückwarf. Für Angiolino war das ein gewohnter Anblick, der ihn weniger erregte, als es ein Stück fetter Ziegenkäse mit einem Krug brunnenkühlen Wassers getan hätte. Er vergewisserte sich, nach allen Seiten spähend, daß niemand in der Nähe war, beugte sich nieder und rupfte vom Rande des Baches mit geübten Händen das Gras ab.

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