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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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Paolo lächelte. «Nein», erwiderte er, «ich schlafe nicht mehr. Aber tretet doch näher, ich möchte gern mit Euch reden.»

Sie schüttelte den Kopf. «Großvater hat mir verboten, mit Euch zu reden.»

Aber die Neugierde stand in ihrem Gesicht geschrieben. Sie warf einen Blick hinaus, sah, daß Dimitro zum Strand hinunterging, und schlüpfte hinein.

«Nur auf einen Sprung», sagte sie hastig, «sagt, wo kommt Ihr her? Gestern wart Ihr noch nicht hier. Und warum tut Großvater so geheimnisvoll?»

«Ihr dürft doch nicht mit mir reden!» mahnte Paolo. Sie verzog ärgerlich das Gesicht. Da war wieder einer, der sie wie ein kleines Mädchen behandeln wollte. «Dann gehe ich eben, Messer Unbekannt», sagte sie. «Denkt nicht, daß ich neugierig auf Eure Geschichte bin.»

«Bleibt nur», sagte Paolo, «es war doch nur Spaß. Gern will ich Euch erzählen, was mir geschehen ist, wenn Ihr mit keinem Menschen darüber redet.»

Ihr Unmut verflog im Nu. «Erzählt es mir», bat sie eifrig, «von mir wird keiner etwas erfahren. Aber beeilt Euch, ehe der Großvater zurückkommt.»

Sie ließ sich neben seinem Lager nieder und sah ihn mit neugierig funkelnden Augen an.

Paolo meinte, daß es besser sei, ihr nicht die ganze Wahrheit zu sagen. Ihr Mund sah gar zu geschwätzig aus. So erzählte er ihr, er sei während einer nächtlichen Segelfahrt über Bord gespült worden und hätte sich hier mit letzter Kraft an Land gerettet. Es machte ihm Freude, ihr Mienenspiel zu beobachten, das zwischen Mitleid und Enttäuschung schwankte. Mitleid, weil er verletzt worden war und erschöpft vor ihr lag; Enttäuschung, weil sie eine geheimnisvolle Geschichte an Stelle dieser alltäglichen erwartet hatte.

«Nun will ich zum Großvater laufen und ihm sagen, daß Ihr wach seid», sagte sie. Da wurde schon die Tür geöffnet. Dimitro trat herein. Das Mädchen sprang auf. «Eben wollte ich zu Euch kommen, Großvater», rief sie und drückte sich an ihm vorbei.

Der Alte ging wortlos zu Paolos Lager. «Erzähle», sagte er, und Paolo wunderte sich über den kraftvollen Klang seiner Stimme.

Paolo berichtete. Dimitro bereitete ihm indes ein Frühstück. An gelegentlichen Bemerkungen erkannte Paolo, daß er jedes Wort verfolgte.

«Iß erst mal», sagte der Alte, als Paolo geendet hatte. «Wirst Hunger haben!» Er setzte ihm Brot und gedörrten Fisch vor, den er einer Holzkiste in der Ecke entnahm. Paolo, der lange Zeit nichts gegessen und große Anstrengungen hinter sich hatte, verspürte merkwürdigerweise keinen Appetit. Er aß einige Bissen Brot, schob das Essen dann von sich.

«Entschuldigt, Großvater», sagte er, «aber ich kann jetzt nichts essen.» Seine Stirn und seine Wangen glühten, und der Kopf schmerzte ihm.

Dimitro, der ihn beobachtet hatte, befahl ihm, sich umzudrehen. «Brauchst dir keine Sorgen zu machen», sagte er, «ich spreche heute abend mit den anderen. Du bleibst hier, bis du wieder gesund bist. Wir liefern keinen an die Schergen aus, wenn er nicht gerade ein Dieb oder ein Mörder ist… Nun beiß die Zähne zusammen!»

Dimitro untersuchte die verletzte Schulter, bewegte den rechten Arm des Kranken und murmelte unverständliche Worte. Paolo spürte große Schmerzen und eine fliegende Hitze, die den ganzen Körper ergriff.

«Bleib liegen!» befahl der Alte. Er verließ die Hütte und kam bald darauf mit einer Salbe zurück. Wieder die unverständlichen Worte murmelnd, bestrich er die kranke Schulter und band sie mit einem Tuch fest ein.

«Du darfst dich nicht bewegen, Junge», murmelte Dimitro, «ich werde dich wohl längere Zeit beherbergen müssen.»

Am Abend standen fünf Fischer um Paolos Lager und beratschlagten, was zu tun sei. Dimitro hatte ihnen die Geschichte des Fremden erzählt. Sie beschlossen, ihm Obdach zu gewähren, bis er gesund sei, und ihm dann zu helfen, ungesehen fortzukommen. Das schlanke Mädchen, eine Urenkelin des Alten, sollte ihn pflegen.

Paolo hörte von alledem nichts. Ein heftiges Fieber hatte ihn befallen. Die Fischer hatten ihm zwei Decken gebracht, damit er nicht friere in der Nacht. Sie lagen wie eine Bergeslast auf ihm; er versuchte sie abzuwerfen, aber als er sich aufrichtete, riß ihn ein furchtbarer Schmerz in der Schulter zurück, der eine Feuerlohe über den ganzen Körper jagte.

Ein Tor tat sich auf, davor gähnte ein Abgrund, in dem tosend das Wasser brauste. Er wollte zurückweichen; eine fremde Gewalt zwang ihn, den Fuß vorzusetzen, und als er zu stürzen drohte, wurde es hell. Eine breite Treppe, von Sonne überstrahlt, führte zu einem stillen See, dessen Ufer von Marmor eingefaßt waren. Am Ufer winkten Giovanni, Giannina und Marco. «Komm zu uns, Paolo. Wir warten auf dich. Komm!» Er sprang die Treppe hinunter, die winkenden Kinder wichen zurück, je schneller er lief, um so weiter entfernten sie sich von ihm. «Giannina!» rief er. «Giovanni! Marco! Bleibt doch. Warum rennt ihr weg?»… Es wurde finstere Nacht, der stille See verwandelte sich in ein brüllendes Meer, das über die Ufer trat und sich auf ihn warf. Er versank in dem grundlosen Wasser.

«Giannina», rief er mit letzter Kraft.

Giulia, die Urenkelin des Alten, pflegte ihn. Sie hörte seine Fieberschreie. Wenn er aus seinen Phantasien erwachte und die schweren Lider hob, kam sie zu ihm, um den Verband zu erneuern oder kalte Umschläge auf seine Stirn zu legen, die das innere Feuer, das ihn zu verzehren drohte, bannen sollten. Oder sie flößte ihm kühles Wasser zwischen die rissigen Lippen. Er wollte die Zunge bewegen, um einige Worte zu sagen, und wunderte sich, wieviel Mühe das kostete. Wochen vergingen, bis er wieder richtig sprechen und klar denken konnte.

Er bewegte den rechten Arm und stellte erfreut fest, daß die Schmerzen verschwunden waren. Giulia freute sich mit ihm, als sei sie selbst von der schweren Krankheit genesen. Aber mager war er geworden.

Als das Mädchen die Stube verließ, tastete er mit den Fingern sein Gesicht ab. «Ich muß ja wie ein Totenschädel aussehen», sagte er für sich, «überall spüre ich die Knochen. Und einen Bart habe ich wie ein Seeräuber.»

An den Fischgeruch in der Hütte hatte er sich gewöhnt, der gehörte dazu wie das winzige Fenster mit der Aussicht zum Strand und zur Lagune und die geschickten braunen Hände des alten Dimitro, der abends beim Schein der trüben Ölfunzel am Tisch saß und Heiligenfiguren oder kleine Segelschiffe schnitzte.

Paolo richtete sich von seinem Lager auf, stützte sich auf die Arme und blickte stolz umher. Giulia kam wieder in die Stube und schlug überrascht die Hände zusammen. «Ihr könnt ja schon sitzen», jubelte sie. «Das muß ich dem Großvater erzählen. Ich will Euch gleich das Essen zubereiten. Ihr müßt viel essen, damit Ihr wieder zu Kräften kommt.» Sie kochte ihm eine Fischsuppe, die er mit großem Appetit verzehrte.

Langsam erholte sich der von der Krankheit geschwächte Körper, so daß er daran denken konnte, in den nächsten Tagen aufzubrechen. Er sagte es Dimitro.

«Bleib noch eine Woche, dann kannst du gehen», sagte der Alte. Er hatte Paolo in sein Herz geschlossen und würde ihn gern noch länger beherbergt haben. Aber er spürte mit der Weisheit des Alters, daß Paolo unruhig war, solange er sich auf venezianischem Boden befand.

Giulia hatte ihn die ganze Zeit aufopfernd gepflegt. An einem Abend hatte er ihr auch wahrheitsgetreu erzählt, wie er auf die Schmugglerbarke gekommen war, seinen Kampf mit Kapitän Matteo und den Sprung über Bord geschildert. Sie wußte nun, daß er weggehen würde, um vielleicht niemals zurückzukehren.

Eine Frage quälte sie, die sie nicht länger zurückhalten konnte.

Draußen regnete es. Die Fischer waren mit ihren Booten und Netzen hinausgefahren. Großvater Dimitro war in das nahe Dorf gegangen, um gedörrte Fische zu verkaufen. Paolo saß am Tisch und schaute durch das kleine Fenster auf den verlassenen Strand. Giulia bereitete in einer hölzernen Mulde den Brotteig zu. «Großvater hat mir gesagt, daß Ihr bald weggeht», sagte sie. Paolo nickte.

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