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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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Marco hatte die Verlegenheit in des Kapitäns Worten gespürt. Er war, ohne Trost gefunden zu haben, weggegangen. Giannina hatte er nichts von diesem Besuch erzählt, weil er sie nicht traurig stimmen wollte.

Marco setzte sich an den Frühstückstisch und aß ohne Appetit. Schweigend ließ er es geschehen, daß Maria abräumte. Auch Maria hielt sich, wie es schien, von ihm fern. Früher hatte sie gern mit ihm geplaudert. Jetzt kam es selten über ein «Ja, junger Herr!», «Nein, junger Herr!» hinaus.

Er breitete seine Schreibutensilien aus, nahm den Federkiel zur Hand und begann sich darin zu üben, seine Gedanken und Beobachtungen niederzuschreiben. Die Unterrichtsstunden bei Bruder Lorenzo besuchte er nur noch unregelmäßig, und der Alte war ärgerlich darüber. Auch Tiberius, der Pudel, hatte darunter zu leiden; es kam vor, daß Marco sogar vergaß, die begehrten Knochen mitzubringen. Er hatte seine Besuche bei Bruder Lorenzo nicht deshalb eingeschränkt, weil sein Interesse an den Wissenschaften erloschen war, sondern weil Pietro Bocco ihm mit heftigen Worten befohlen hatte, die Unterrichtsstunden pünktlich einzuhalten. Er spürte instinktiv, daß sich hinter Pietro Boccos Interesse an seinen Studien eine besondere Absicht verbarg, die bestimmt nicht der Fürsorge um das Fortkommen des Neffen entsprang.

Hinzu kam, daß Bruder Lorenzo mehr und mehr Gewicht auf das Auswendiglernen von Klosterregeln und Psaltern legte, stundenlang von dem Leben der Kirchenväter und Heiligen erzählte und in beredten Worten das gottesfürchtige Leben in den Klöstern pries. Einmal war Marco während des Unterrichts eingeschlafen und erst durch die zornige Stimme des Alten und Tiberius' Bellen aufgeweckt worden.

Marco liebte es, allein an seinem Tisch zu sitzen und das gelbe Papier mit den krausen Buchstaben zu bedecken. Es war schwierig, das auszudrücken, was in ihm und um ihn geschah. Aber er ließ in seinen Übungen nicht nach und merkte, wie es von Tag zu Tag besser ging. Da hatte er zum Beispiel seine Fahrt mit dem Barcarole zum Lido geschildert. Als er es jetzt noch einmal durchlas, empfand er mit Stolz, wie gut es ihm gelungen war.

Das Großartige beim Schreiben bestand darin, daß man auf dem Papier für alle Zeiten aufbewahren konnte, was einst nur ein flüchtiger Gedanke im Kopf eines Menschen gewesen war.

Es gab übrigens in den Blättern, die er jedesmal sorgsam verschloß, auch Beschreibungen einzelner Erlebnisse in Murano. Hier und da konnte man die Namen «Giannina» und «Giovanni» finden. Er hätte es den Freunden gern einmal vorgelesen, aber wie sie jetzt miteinander standen, war das wohl nicht möglich.

Das Alleinsein hatte gute und schlechte Seiten.

Der Herbst war bald vorüber, und auch die kurzen Wintermonate würden vergehen. In dieser Zeit war noch viel zu tun, damit bis zum Frühjahr alles vorbereitet war für die große Fahrt.

Paolo, mit dem er sich hätte beraten können, war nicht mehr bei ihm. Vielleicht wäre er sogar mitgekommen. Auf jeden Fall wäre er der einzige gewesen, dem er sich hätte anvertrauen können.

Er hatte nun keinen Menschen mehr. Nur Pietro Bocco kümmerte sich in aufdringlicher Weise um ihn. Der, den er haßte, kümmerte sich um ihn.

Marco legte die Ellenbogen auf den Tisch und stützte den Kopf in die Hände. Gestern war er auf dem Friedhof von San Michele gewesen. Eine dunkle Zypresse stand neben dem Grab der Mutter; rote, gelbe und violette Blumen welkten über silbergrauem Moos. Er hatte sich an den Stamm der Zypresse gelehnt und mit blicklosen Augen über die verwitterten Steine hinweggesehen. Eine alte Frau war vorbeigegangen und hatte sich über den einsamen Jungen gewundert. Ein Friedhof ist nichts für junge Leute, dachte sie wohl.

Marco besuchte die Mutter jede Woche. Die Reue war in ihm erwacht; er verstand jetzt, daß er ihr früher ungewollt viel Schmerz bereitet hatte. Das, was er als Fessel empfunden hatte, war Liebe und Angst um sein Schicksal gewesen, geboren in den Stunden, da sie müde und krank von der Sehnsucht nach dem Gatten im Lehnstuhl am Fenster gesessen hatte. Er sprach mit ihr und glaubte manchmal, daß sie seine Worte höre.

Dort, wo die Sonne über dem Wasser stand, lag Murano. Warum kam Giovanni nicht mehr zu ihm, jetzt, wo er den Freund brauchte? Seit dem Besuch Kapitän Matteos hatten sie nichts mehr voneinander gehört. Wie im Traum war er damals von ihm gegangen, ohne Gruß, ohne ein gutes Wort. Er war doch schuldlos am Verschwinden Paolos, ihn traf es noch härter als Giannina und Giovanni. Wenn der Freund das nicht einsah, würde es nie mehr Freundschaft zwischen ihnen geben können.

Die schönen Stunden des vergangenen Sommers aber konnten nicht einfach ausgelöscht werden. Die schönen und schweren Stunden! Beides zusammen war das Leben. Eines für sich gab es nicht. Und gerade in den schweren Stunden, wenn einer ganz allein auf sich angewiesen war, mußte man einander helfen.

So grübelte Marco und versank in seinen Erinnerungen, sah, wie sie über die staubige Landstraße nach Aquileja schritten, Paolo, Giovanni und er. Der spitze gelbe Hut des alten Zigeuners tauchte auf, Herkules tanzte nach dem Takt des Tamburins, Pippino, mit seinen roten Hosen, rüttelte an den Stäben des Käfigs. Giannina war wieder bei ihnen. Sie saßen auf ihrem Lieblingsplatz, den Steinstufen der alten römischen Villa, Giovannis strahlende Stimme klang über die Lagune, und Giannina erzählte die Geschichte von Zsusinka, dem kleinen Zigeunermädchen.

Glückliche, sorgenfreie Stunden.

Paolo saß neben ihnen, und sie fühlten sich bei ihm in guter Hut.

Er solle den Mut nicht verlieren, hatte Kapitän Matteo zu Marco gesagt, nirgendwo sei eine Leiche an den Strand geschwemmt worden.

Vieles war geschehen in diesem Jahr, was seinen Schatten auf das Kommende werfen sollte. Aber Marco wuchs daran, und sein Wille, von Träumen und von der Sehnsucht nach der Ferne gespeist, zerbrach nicht. Auch das Alleinsein, das manchmal schwer und schmerzhaft war, konnte ihn von seinen Plänen nicht abbringen.

Marco tauchte den Federkiel ein und malte Buchstaben neben Buchstaben auf das Papier. Im Hause war es etwas lebhafter geworden. Maria räumte die Stuben auf. Heute nachmittag wollte er zum Rialtoplatz gehen, dorthin, wo die großen Lagerspeicher waren und die Handelsschiffe vor Anker lagen, wo Kaufleute und Lastträger Glas, Gold, Tuch, Lebensmittel und andere Waren aus aller Welt verstauten, wo sich Wechselbanken und Hafentavernen befanden.

Marco hörte nicht die leisen Schritte, die sich seiner Tür näherten und zagend verhielten. Als es klopfte, hob er überrascht den Kopf. Wer besuchte ihn? Der Oheim etwa? Der klopfte nicht so zaghaft.

Auf seinen Ruf trat Giannina in das Zimmer.

Marco dachte keinen Augenblick an seine Rede, die er sich für diesen Zweck zurechtgelegt hatte.

«Du bist es, Giannina», sagte er, freudig bewegt. Er legte in Windeseile die Blätter zusammen. «Ich bin gerade fertig mit meiner Arbeit; siehst du, ich packe schon ein. Ich habe da so einiges geschrieben.» Giannina, die seine Freude bemerkte, versuchte zu lächeln. «Setz dich nur, Giannina. Schön, daß du kommst. Ich habe eben über einige Dinge nachgedacht. Wir wohnen nun in einem Hause und sehen uns so selten. In Murano sind wir auch schon lange nicht gewesen…»

Giannina setzte sich auf die Bank. Sie hatte ihm etwas Unangenehmes mitzuteilen. Immer wieder hatte sie es aufgeschoben, aber einmal mußte es doch gesagt werden. Es konnte ja möglich sein, daß Marco es leichter aufnahm, als sie dachte.

Hatte nicht auch Ernesto gemeint, Marco könne es vielleicht verstehen? Sie redete sich ein, daß es im Grunde genommen eine unbedeutende Sache sei.

«Wenn man den ganzen Tag in seiner Stube sitzt», sagte Marco, «kommt einem manches in den Sinn. Eben habe ich an den alten Zigeuner und seine Enkelin Zsusinka gedacht…» Warum er das nur erzählte? Er redete und redete und dachte gar nicht daran, daß er sie damit auch an Paolo erinnerte.

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