Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
Wie fange ich es nur an, überlegte Giannina. Er ist so froh, daß ich zu ihm gekommen bin. Aber bevor ich es nicht gesagt habe, kann ich ihm nicht gerade in die Augen schauen.
«Ich wollte dir schon längst etwas sagen, Marco. Ich hatte nur immer Angst, daß du böse würdest.» Giannina stützte sich mit beiden Händen auf die Bank und ließ die Beine baumeln.
«Warum soll ich denn böse werden?» fragte Marco. «Sag es mir nur.» Ich bin es ja gewöhnt, schlechte Nachrichten entgegenzunehmen, dachte er bitter.
Eine beklemmende Pause entstand, bis Giannina wieder zu sprechen begann: «Giovanni weiß gar nichts davon, wenn sein Vater ihm nichts erzählt hat. - Und es ist auch wirklich nichts Schlimmes», sagte sie, plötzlich lebhaft werdend. «Ich verstehe nicht, warum ich es dir nicht schon längst gesagt habe. Ernesto hat die Kleider zurückgeschickt, die du mir für Giovanni mitgegeben hattest. Das ist es, was ich dir sagen wollte. Er meinte, Giovanni würde sie doch nicht annehmen, und er selbst würde ihm neue kaufen. Du weißt doch, wie die beiden sind; nicht wahr, Marco, du verstehst das… Ich habe sie wieder in die Truhe getan, ganz unten liegen sie.»
Sie lachte verlegen.
Marco hörte das nicht mehr. Es sauste in seinen Ohren, und sein Gesicht verfärbte sich.
«Was hast du denn? Marco!» fragte sie angsterfüllt. Sage es ihm so, daß er sich nicht verletzt fühlt, hörte sie Ernestos Worte. Und nun hatte sie es heruntergeplappert wie eine alltägliche Sache.
Sie sah, wie er um Worte rang. Seine Finger schlossen sich zu Fäusten.
«Du! Giannina!» keuchte er. Er sah die Gegenstände des Zimmers nicht mehr, zitterte am ganzen Körper. Alles, was er in stillem Groll in sich hineingefressen hatte, drängte zum Ausbruch. Die Beleidigungen des Oheims, das Schweigen Giovannis, die Zurückhaltung Gianninas, das war eine Kette von Geschehnissen, die miteinander zusammenhingen, so glaubte er, und steigerte sich in einen besinnungslosen Zorn hinein.
«Geh hinaus!» schrie er das Mädchen an. «Ihr steckt ja alle unter einer Decke. Der Oheim, Giovanni und du! Ihr lügt alle! Ich will keinen mehr sehen. Geh weg von mir!»
Sie sah erschreckt und empört in sein Gesicht; es erschien ihr so fremd, daß sie unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Seine verletzenden, ungerechten Worte kamen ihr erst jetzt zum Bewußtsein. So durfte er nicht mit ihr reden. Sie unterdrückte eine Regung, die um Verständnis für sein Verhalten bat.
«Ja, ich gehe schon. Wenn du das von uns denkst!» sagte sie mit unsicherer Stimme. Sie wartete einen Augenblick, hoffte, daß er widerrufen werde, was er gesagt hatte. Aber er hatte ihre Worte überhaupt nicht gehört.
Da ging sie hinaus.
Die Tür fiel ins Schloß. Marco klammerte sich mit beiden Händen an die Tischplatte, es summte in seinem Kopf von vielen Gedanken. Nun wußte er, warum Giannina ihm aus dem Wege gegangen war. Kein Wort bereute er von dem, was er ihr gesagt hatte. Sie hatten sich alle gegen ihn verschworen, und Giovanni war der Urheber — mit seinem Engelsgesicht. Er haßte ihn. Wenn er jetzt hier wäre, er wüßte nicht, was geschehen würde. Sie konnte ihm hundertmal erzählen, Giovanni hätte nichts gewußt. Er glaubte ihr nicht mehr.
Marco erinnerte sich an seinen letzten Aufenthalt in Murano, damals, als Paolo noch bei ihnen gewesen war: die dunkle Nacht, der breite Lichtstreifen, der aus dem geöffneten Tor der Glashütte auf den Weg fiel, die große Gestalt Paolos, dann Giannina und Giovanni, die Unzertrennlichen, und zum Schluß er, der dumme Marco. Giovanni fror irr dieser windbewegten, kühlen Nacht, weil er noch nicht einmal Strümpfe anhatte. Und er hatte Mitleid mit ihm, empfand gute freundschaftliche Gefühle. Damals nahm er sich vor, dem Freund zu helfen… Freund?
Er wollte dieses Wort im Zusammenhang mit Giovanni nie mehr gebrauchen. Er suchte nach einem Ausdruck für seine Empfindungen, fand aber keinen.
Die heiße Zornesaufwallung begann sich abzukühlen; Traurigkeit und Selbstmitleid breiteten sich aus. Sie hatte die Kleider zurückgebracht und wieder in die Truhe getan, weiter war nichts geschehen. Ganz unten lagen sie. Er konnte sich gut vorstellen, wie die beiden miteinander gesprochen hatten. «Nimm die Kleider zurück, Giannina. Von ihm nehme ich keine Geschenke an. Wie kannst du das von mir denken.» — «Recht hast du, Giovanni. Ich lege sie einfach in die Truhe zurück, vielleicht merkt er es gar nicht.» — «Sage es ihm nur. Ich wünsche, daß er es merkt…»
Marco wanderte im Zimmer auf und ab; er wunderte sich, daß die Sonne schien, ging zum Fenster, öffnete es und steckte den Kopf hinaus. Welch ein schöner, klarer Tag! Die Luft kühlte sein Gesicht, ein Mann schritt auf das geöffnete Tor des gegenüberliegenden Hauses zu, zögerte ein wenig und ging hinein. Das Herz pochte ruhig. Er setzte sich an den Tisch und spielte zerstreut mit dem Federkiel.
Müdigkeit und Stille und Glockenklang! Jetzt wäre es gut, ein wenig zu schlafen. Dann wachst du auf und bist froh, daß alles nur ein Traum gewesen ist, gehst zu Giannina und sagst: Was ich da für ein Zeug zusammengeträumt habe? Ich kann es dir nicht einmal erzählen, sonst lachst du midi aus.
Das Herz klopfte wie in einem weiten, stillen Raum, ohne Aufregung. Es hallt wie Hammerschläge gegen eine dünne Bootswandung. Der Teppich ist dunkelrot, du hörst kein Geräusch, nur deine Atemzüge.
Auf dem Tisch steht der kleine Elefant, aus Elfenbein geschnitzt, ein Geschenk des Vaters. Die Mutter ist gestorben, es ist noch nicht so lange her, aber es scheint doch eine Ewigkeit zurückzuliegen.
Es wird nun Zeit, Vater, daß du kommst. Die Mutter siehst du nicht mehr, sie schläft auf San Michele. Aber ich bin noch da!
Ein Tor wird geöffnet, Schritte klappern über das Pflaster, hastige Mädchenschritte. Geh nur! Ich lasse ihn schön grüßen. Vergiß es nicht!
Als Giannina mit ihren wenigen Habseligkeiten das Haus verlassen hatte und um die Ecke biegen wollte, stieß sie mit einem hochgewachsenen Herrn zusammen. Verstört sah sie auf.
«Verzeiht, Messer Bocco!» rief sie und wollte an ihm vorbeieilen.
«Wohin willst du?» fragte er, mißtrauisch ihr Bündel betrachend.
«Eine Besorgung, Herr. Ich bin gleich wieder zurück», erwiderte sie schnell.
«Ist Marco im Hause?» «Ja, Herr, er ist in seinem Zimmer.»
Messer Bocco musterte sie mit finsterem Gesicht, ging dann weiter.
Giannina lief auf den Steg zu, der über den Kanal führte. Plötzlich blieb sie stehen, als hielte sie einer an der Schulter zurück. Wenn er jetzt zu Marco ging, mit diesem unheilverkündenden Gesicht. Was wollte er von Marco? Immer wenn er kam, gab es Zank und Aufregung. Sie setzte den Fuß auf den Holzsteg, ging bis zur Mitte und blieb abermals stehen. Unter ihr floß das Wasser. Kein Boot, kein Mensch war in der Nähe. Unschlüssig schwenkte sie ihr kleines Bündel, drehte sich in schnellem Entschluß um und lief in das Haus zurück. Sie konnte ihn jetzt nicht allein lassen. Er hatte ihr böse Worte gesagt im ersten Zorn, doch sie war im Innersten schon bereit, sie zu vergeben.
Messer Pietro Bocco, von Maria ängstlich begrüßt, ging ohne ein Wort an ihr vorbei auf Marcos Zimmer zu. Er riß die Tür auf und sagte, kaum hatte er sie geschlossen: «Da sitzt er, der junge Herr.» Kalt und schneidend klang seine Stimme. Er kam von Bruder Lorenzo und hatte erfahren, daß sein Neffe trotz ausdrücklicher Ermahnung wiederum nicht zum Unterricht erschienen war. Mit nervöser Bewegung faßte er in seinen Bart. «Steh auf, wenn dein Vormund kommt. Höflichkeit kennst du nicht, ich weiß. Aber ich werde dafür sorgen, daß man sie dir beibringt.»
Marco nahm ein Blatt in die Hand und rollte es zusammen. «Steh auf, sage ich!» wiederholte sein Oheim, etwas leiser, drohender. Marco stand auf. «Buon giorno, Oheim!»
Pietro Bocco glaubte, der Junge wolle ihn verspotten. Wütend eilte er auf ihn zu, packte ihn am Arm und zog ihn halb über den Tisch. «In eine Klosterschule stecke ich dich!» schrie er und hob die Hand zum Schlage.