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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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«Was wird aber Giannina sagen, Eure Braut?» Sie richtete sich auf und strich mit dem Unterarm die blonden Haare aus der Stirn. Ihr Gesicht war gerötet. «Immer fallen mir die Haare ins Gesicht», sagte sie und lachte dabei.

«Was Giannina sagen wird?» fragte Paolo erstaunt. «Meine Braut?» Sie knetete den Brotteig und war ganz in ihre Beschäftigung vertieft.

«Nun ja», warf sie hin. «Ihr habt in Euren Fieberträumen so oft von Giannina gesprochen… Mir ist es ja gleich. Ich habe nur einmal gefragt.»

«So so», erwiderte Paolo, «ja, was wird sie wohl sagen?»

«Sie wird sehr traurig sein, meint Ihr nicht… Ach, da habe ich doch vergessen…» Sie lief in den Regen hinaus, ohne Tuch, mit dem Brotteig an den Händen. Nach einer Weile kam sie mit nassen Haaren zurück.

«Ein Wetter!» sagte sie.

Paolo sah wieder zum Fenster hinaus. Unaufhörlich fielen die Regentropfen auf das Wasser. Er dachte an Marco; er hatte Sorge, daß Messer Pietro Bocco etwas gegen ihn unternehmen würde. Für Giannina und Giovanni befürchtete er nichts, er war nur traurig, weil er sie wahrscheinlich lange Zeit nicht wiedersehen würde, vielleicht niemals mehr. Bevor er wegging, wollte er Dimitro bitten, daß er Marco einen Gruß übermittelte.

Giulia hatte ihn etwas gefragt und war in den Regen hinausgerannt. Jetzt stand sie wieder vor der hölzernen Mulde. Warum war er ihr die Antwort schuldig geblieben? «Ich sehe, daß Ihr traurig seid», sagte sie.

«Giannina ist nicht meine Braut», erwiderte er. «Aber Ihr habt recht, Giulia, sie wird sehr traurig sein, auch Giovanni und Marco…»

Giulias Gesicht wurde froh und traurig zugleich. Sie konnte sich vieles, was sie bewegte, nicht erklären. Ihre Hände steckten im Brotteig, und ihr Gesicht war über die hölzerne Mulde geneigt. «Auch ich werde traurig sein, wenn Ihr weggeht, Paolo», sagte sie.

Am nächsten Abend nahm Paolo Abschied von Venedig, von der schweigenden Gastfreundschaft der Fischer, von Dimitro, dem Hundertjährigen mit den jungen Augen in dem braunen, faltigen Greisengesicht.

Von Giulia.

«Vielleicht kommt Ihr einmal wieder?» sagte das Mädchen. Sie standen im Kreis um ihn herum. Es war dunkel. Die Füße in den groben Fischerschuhen standen im Sand. Das Wasser schimmerte fahl. «Ich danke euch allen», sagte Paolo.

Und zu Giulia: «Bestimmt komme ich einmal zurück, Giulia.»

Der Abschied war schwer. Er hatte eine neue Heimat gefunden und mußte sie schon wieder verlassen.

Ein Boot brachte ihn zum Festland. Die Fischer hatten Paolo ein Hemd, eine Jacke und Schuhe gegeben.

Da stand er nun auf der Landstraße, ein Leinensäckchen mit gedörrtem Fisch und Brot in der Hand, ganz allein auf sich gestellt, gesund und kräftig nach der langen Krankheit und mit einem frohen, freien Gefühl, das stärker war als der Abschiedsschmerz. Jetzt begann sein eigenes Leben, bisher hatte er nur für andere gelebt, war immer dagewesen, wenn man ihn brauchte, treu und zuverlässig, die eigenen Wünsche und Sehnsüchte tief im Herzen verborgen. Ein braves kleines Leben!

In der stürmischen Nacht, als er mit den Fäusten auf Kapitän Matteo losgegangen war, hatte etwas Neues begonnen.

Wie wird es weitergehen, Paolo? Vor ihm liegt die Landstraße, die nach Süden führt, durch Städte, deren Namen man mit Ehrfurcht nennt, über Hügel, Berge und Felsen, an der Meeresküste entlang, durch dichte Wälder und Olivenhaine.

Und Paolo wanderte über diese staubige Straße, arbeitete als Lastträger in einer kleinen Hafenstadt, trug in einer Bütte Erde den Berg hinan, die der Regen hinuntergespült hatte, half bei der Orangenernte am Golf von Gaeta, bettelte um Brot in der heiligen Stadt Rom, schlief in Ställen, Scheunen und Gasthäusern, wanderte, wanderte und träumte vom Canal Grande und einer Fischerhütte am Strande der Lagune.

Sein nächstes Ziel war Neapel, die Stadt am Fuße des Vesuvs, der düster aus dem blauen Meer aufsteigt.

Seine Bischöfliche Gnaden reiste von Neapel nach Rom. Papst Clemens IV. war vor einiger Zeit, am 29. November 1268, gestorben, und noch immer war kein Nachfolger gewählt worden. Da war es gut, des öfteren in Rom zu weilen. Der Bischof führte dreitausend Unzen mit sich, geborgen unter dem Sitz seiner Kutsche. Seine Bischöfliche Gnaden reiste mit bewaffneten Kriegsknechten; denn auf dieser Straße trieb ein Straßenräuber sein Unwesen, von dem man sagte, daß er den adligen Herren nicht wohlgesinnt sei.

Die Räder der Kutsche rollten über den Staub der Straße. Die ersten Januartage des neuen Jahres hatten Wind und Regen gebracht, heute aber war der Himmel blau, und die Sonnenstrahlen kündigten den Frühling an. Schon bedeckte sich das Land mit einem zartgrünen Schleier, und die Knospen begannen aufzubrechen. Rechts am schroffen Felsabhang hingen die Häuser eines jahrtausendealten Felsennestes, das nur auf schmalen Mulipfaden und über in den Fels gehauene Treppen erreicht werden konnte. Seine Bischöfliche Gnaden mußte genau hinsehen, wenn sie die grauen Häuser vom Grau der Felsen unterscheiden wollte.

über eine Treppe schritten zwei Frauen, hohe Tonkrüge frei auf den Köpfen tragend. Sie schritten wie Königinnen, stolz, mit edlen, unnahbaren Gesichtern, und verschwendeten keinen Blick an die auf der Landstraße Vorbeiziehenden.

Die Hufe der Pferde bewegten sich im leichten Trab. Die Kriegsknechte hatten die Hellebarden über die Schultern gelegt. Fünfundzwanzig ritten vor der Kutsche, fünfundzwanzig hinter der Kutsche — ein ganzer Hellebardenwald. Und in der Mitte Seine Bischöfliche Gnaden mit dreitausend Unzen Gold und einem Korb voll leckerer Speisen.

Die Räder rollten über den Staub der Straße. Die Sitze der Kutsche waren mit rotem Samt überzogen. Die Schuhe des Bischofs standen auf einem Teppich, kleine Schuhe an kleinen Füßen, die einen schweren Körper tragen mußten. Seine Bischöfliche Gnaden nahm einen Platz ein, der sonst für zwei gereicht hätte. Die Sonnenstrahlen schienen durch die Scheiben. Der Bischof zog die Vorhänge zu.

Er war den zweiten Tag unterwegs, nichts war bisher geschehen. Warum sollte nicht auch heute alles gut gehen? Er lehnte sich zufrieden und einigermaßen beruhigt in die Polster zurück. Noch immer war nicht entschieden, wer der Nachfolger des Heiligen Vaters werden würde. Könnte es nicht sein, daß man ihn in die engere Wahl zog? Seine Bischöfliche Gnaden gab sich längere Zeit diesem angenehmen Gedanken hin.

Die Kriegsknechte näherten sich einem Wald. Sie packten die Hellebarden fester. Einsam lag die Landstraße, kein Kaufmannszug, kein fahrendes Volk, kein Hund und keine Katze. Der Schatten des Waldes nahm sie auf, dichter Laubwald mit ersten, noch zusammengefalteten Blättern an den Spitzen der Zweige, von Sonne durchflutet, glatte und rauhe Stämme und Gestrüpp auf dem kühlen Waldboden.

Ein hochgewachsener, breitschultriger und hungriger Mann kam dem Bischofszug entgegen. Sie trafen sich an der Stelle, wo die Bäume links und rechts der Straße zurückwichen, als hätte die Natur sich hier einen Festraum geschaffen.

Paolo war es, der dem Bischof begegnete. Er wanderte nach Neapel und freute sich, weil die Sonne schien. Der Bischof reiste nach Rom und hatte die Vorhänge zugezogen. Paolo hielt den Hut in der Hand und trat zur Seite, um die Bewaffneten vorbeizulassen. Die Scheiben der Kutsche klirrten.

Seine Bischöfliche Gnaden verspürte Hunger und griff in den Korb, der ihm gegenüberstand.

Hinter den Bäumen wieherten Pferde, aber sie befanden sich in genügender Entfernung, so daß die Bewaffneten sie nicht hören konnten.

Angiolino, der König der Felder, stand hinter einem glatten Baumstamm und beobachtete, wie der Bischofszug sich der Mitte der Lichtung näherte. Es war sehr still im Wald, nur die Vögel zwitscherten oder flogen in den Zweigen umher.

Milchgesicht hatte, wie es in der letzten Zeit des öfteren geschehen war, einige Krüge Wein getrunken. Er rülpste laut. Angiolino warf ihm einen wütenden Blick zu.

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