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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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Er lehnte sich an die grauen Steine eines Brunnens am Rande des Marktes, führte mit spitzen Fingern, über die das duftende Öl floß, den Fisch zum Mund und ließ ihn sich schmecken. Der Rauch der Holzfeuer stieg zum Himmel, auf Bänken und auf der Erde standen große und kleine Fässer mit eingesalzenem Fisch, gedörrte und geräucherte Fische hingen an Holzspeilern. In einem Wasserbehälter schwamm der Fang der vergangenen Nacht; die Hand des Verkäufers griff hinein, holte einen armlangen, zappelnden Fisch heraus und hielt den weißen Leib mit den silberglänzenden Schuppen gegen die Sonne.

«Frische Fischlein gibt es heute, kauft ihr Leute, frische Fischlein gibt es heute!» sang er in den höchsten Tönen. Die Adern an seinem Halse schwollen an vor lauter Anstrengung; aber es nützte ihm nichts, sein Gesang ging unter in dem vielstimmigen Anpreisen, Verhandeln, Schimpfen und Lachen.

Der Fischmarkt am Rialto: Sonne, Stimmen, ein buntes Menschengewoge und der Geruch nach Wasser, Fisch, Qualm und appetitanregendem Bratendunst.

Marcos Blicke blieben wie gebannt an einem breitschultrigen Matrosen haften, der sich gemütlich seinen Weg durch das Gewühl bahnte. Er überragte die Menschen um Haupteslänge. Marco wurde an Paolo erinnert. An dem kurzen Häuserschatten erkannte er, daß die Mittagszeit nahe war. Jetzt würden sie zu Hause ungeduldig werden. Ob der Oheim schon den Aufpasser geschickt hatte?

Es war wohl nicht alles richtig gewesen, was er Giannina in der Erregung gesagt hatte; wenn er nach Hause kam, würde er sich mit ihr noch einmal in aller Ruhe darüber unterhalten. Vielleicht hatte er auch Giovanni unrecht getan? Es konnte ja möglich sein, daß dieser wirklich nichts von den Kleidern gewußt hatte.

Der Matrose blieb neben einem Bratstand stehen und scherzte mit zwei Dienstmägden. Er bot sich wohl an, wie Marco an den Gebärden zu erkennen glaubte, die Körbe zu tragen, und erfuhr eine lachende Abweisung. Er breitete die Arme aus — wenn ihr nicht wollt, kann ich nichts machen — und ging wohlgemut weiter.

Marco folgte ihm mit abwesenden Blicken. Seine Gedanken weilten bei dem Freund. Giovanni baute Boote. Sein Vater hatte ein Bein verloren. Marco wußte, wie sehr Giovanni seinen Vater liebte. Er hatte nicht geklagt, sondern war zu Meister Benedetto in die Lehre gegangen. Nun träumte er davon, ein berühmter Schiffsbauer zu werden. Eigentlich war es richtig, wenn man das Leben so anpackte, nicht lamentierte, sondern mit zusammengebissenen Zähnen Zugriff.

Man durfte aber das Träumen nicht vergessen, dann kam die Freude von selbst zurück und besiegte die Traurigkeit. Menschen, die so wie Giovanni waren, ließen sich nicht gern etwas schenken, auch wenn es aus der Hand des Freundes kam.

Und er hatte gesagt: Ihr steckt alle unter einer Decke, der Oheim, Giovanni und du. In der Erregung sagt man manchmal Dinge, die oft nicht wiedergutzumachen sind.

Giannina sollte nun nicht etwa denken, daß er mit einer Verbeugung zu ihr käme: Bitte vielmals um Verzeihung. Nein! Es würde nicht schaden, wenn auch sie sich bemühte, ihn zu verstehen und weniger an Murano zu denken. Wir wollen nicht mehr über die vergangenen Dinge reden, würde er sagen. Das könnte ihr wohl genügen.

Der große Matrose ging eben in das Gasthaus. Zur Glocke. Dieses Haus, am Rande des Fischmarktes gelegen, brachte dem Eigentümer, einem reichen Tuchhändler, jährlich 900 Dukaten an Miete ein. Die Besitzer der Verkaufsläden im Erdgeschoß hatten 700 Dukaten und der Wirt des Gasthauses im ersten Stock 200 Dukaten zu zahlen. Bis die 200 Dukaten verdient waren, mußte viel Wein aus den Fässern fließen, manches Stück Fleisch am Spieß gebraten werden, um die Münzen aus den Börsen der Zecher in den eisenbeschlagenen Behälter des Wirtes wechseln zu lassen.

Der Matrose, der Marino hieß und Paolo ähnlich sah, setzte sich an den einzigen noch freien Tisch, der in der Mitte stand, umgeben von den anderen Tischen mit den trinkenden, essenden, schwatzenden Gästen.

Marco, der beobachtet hatte, wohin der Matrose gegangen war, befreite sich von seinen Gedanken, zumal er ja zu einem gewissen Abschluß in seinen Überlegungen gekommen war, und meinte, daß die Zeit zum Handeln gekommen sei. Er war nicht ohne Absicht zum Rialto gegangen. Als er die Stufen zum Gasthaus hinaufstieg, kostete es ihn einige Anstrengung, das innere Widerstreben zu überwinden. Er besuchte zum erstenmal allein ein Gasthaus, nahm sich vor, mit gelangweiltem Gesicht über die Gäste hinwegzusehen und geradewegs auf den Tisch zuzugehen, an dem der Matrose saß. Das übrige würde sich dann von selbst ergeben.

Die Gäste nahmen von seinem Eintritt keine Notiz; sie lachten, erzählten, schlugen mit den Fäusten auf den Tisch und hoben die Gläser; nur der Wirt warf einen kurzen Blick auf den Jungen mit dem ernsten Gesicht. Befriedigung erfüllte Marco, als er den Matrosen, eine Hühnerkeule in der Hand haltend, sitzen sah.

Ihr erlaubt?» fragte er und ließ sich, ohne die Antwort abzuwarten, nieder. Bis dahin war alles gut verlaufen. Er trommelte mit den Händen auf den Tisch. Der Matrose nagte an seinem Knochen und schob ein Stück Brot in den Mund. Er war von langsamer Art, ein Mensch, der eins nach dem anderen tat: Jetzt esse ich meine Hühnerkeule, dann spüle ich mit einem Schluck Wein nach, und dann werde ich mir das Knäblein genauer betrachten.

Die erste Schwierigkeit ergab sich, als der Wirt kam und fragte, was der junge Herr wünsche. «Zitronenlimonade?» Nein, die gäbe es in seinem Gasthaus nicht, da müsse der junge Herr zum Limonadiere auf der Gasse gehen. «Vielleicht ein leichtes Weinchen?»

Der Matrose lachte in sich hinein und leckte sich genießerisch die Finger ab.

«Bringt mir Wein, Wirt», sagte Marco prahlerisch, «guten Wein!» Er hoffte, daß der Matrose in dem dämmerigen Licht nicht bemerkt hatte, wie rot er geworden war.

Der Wirt brachte den Wein und eine große Karaffe Wasser. Marco runzelte ärgerlich die Stirn. Hatte er denn Wasser bestellt? Aber er sagte nichts. Er führte das Glas an die Lippen und nahm einen tüchtigen Schluck. Es war nicht der erste Wein, den er trank, allerdings hatte er ihn sonst nur zum Essen und stark mit Wasser verdünnt getrunken.

Der Matrose warf den Knochen auf die Tischplatte und wischte sich die Hände an der Hose ab. Zufrieden lehnte er sich zurück, musterte ungeniert sein Gegenüber, sagte aber nichts. Nach einer Weile trank er einen Schluck.

Marco fühlte sich verpflichtet, es ihm gleichzutun. Da er glaubte, auf dem Gesicht des Matrosen wohlwollende Zustimmung zu lesen, leerte er sein Glas bis zur Hälfte und wagte ein Lächeln. Der Wein schmeckte ihm übrigens nicht besonders gut.

Der Matrose lachte. Irgend etwas — Marco erriet nicht, was es sein könnte — schien ihn ungemein zu erheitern. Als er sich nach einer Weile beruhigt hatte, sagte er noch immer nichts.

Marco meinte, daß es am besten sei, einen dritten Schluck zu nehmen. Danach wollte er den Matrosen anreden.

Er leerte in kühnem Entschluß das Glas. Es schmeckte, wenn man es so schnell hintereinander trank, schon etwas besser. Die Gedanken wurden leicht, schwebten wie auf Flügeln dahin und gaben ihm die Worte ein, nach denen er vorher vergeblich gesucht hatte.

«Ein gutes Weinchen, Matrose, was meint Ihr dazu? Würde mich interessieren, wie Ihr heißt. Mein Name ist Marco Polo.»

Wieder wurde der Matrose von der Marco unverständlichen Heiterkeit ergriffen, bequemte sich aber endlich, den Mund zur Erwiderung zu öffnen.

«Marino nennt man mich!» Er setzte die Worte langsam. «Du heißt also Marco. Wie alt bist du denn?»

Marco war der Ansicht, daß es in diesem Falle angebracht sei, ein. paar Jährchen mehr zu sagen.

«Siebzehn!» schwindelte er.

Der Matrose wiegte den Kopf und hielt das leere Glas hoch. Marco tat das gleiche.

Der Wirt kam geschwind gelaufen und nahm sie ihnen ab. Bald standen sie gefüllt wieder vor ihnen.

Sehr gesprächig war Marino nicht. Da saß er schon wieder und schwieg. Als er mit den Mägden scherzte, war sein Mundwerk schneller gewesen. Aber Marco sagte sich, daß er aus ihm herausholen werde, was er wissen wollte. Er geriet in einen Zustand heiterer Beschwingtheit und konnte plötzlich verstehen, warum der Matrose so gelacht hatte. Der Wein war es gewesen!

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