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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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«Laßt mich los», zischte Marco und wand sich unter dem festen Griff. Er sah die erhobene Hand und das verzerrte Gesicht, schnellte seinen Körper über den Tisch und befreite sich. Der Schlag, der seinen Kopf treffen sollte, fiel auf die Schulter nieder, begleitet von wütenden Schimpfworten.

Marco zog den Dolch; er wich in die äußerste Ecke zurück, bereit zu stechen, wenn der Oheim sich näherte.

Dieser bemühte sich, seine kalte Ruhe wiederzufinden. «Du bedrohst deinen Oheim mit der Waffe», sagte er. «Anderes habe ich von dir nicht — erwartet. Das wird dir teuer zu stehen kommen.»

«Wenn Ihr mich noch einmal schlagt, steche ich!» erwiderte Marco.

Pietro Bocco spürte, daß das keine leeren Worte waren. «Stecke deinen Dolch ein!» befahl er. «Du verläßt das Haus nur noch mit meiner Erlaubnis. Ich schicke einen Diener, der auf dich achtgibt. Im Frühjahr kommst du in ein Kloster. Hast es dir selbst zuzuschreiben.»

Einen Herzschlag lang fühlte sich Marco versucht, ihm das Wort «Schmuggler» ins Gesicht zu schreien, aber er erinnerte sich rechtzeitig an Kapitän Matteos Mahnung, mit keinem über diese Angelegenheit zu sprechen. Außerdem war es nur eine Vermutung von ihm. Bevor er eine Erwiderung gefunden hatte, war Pietro Bocco aus dem Zimmer verschwunden.

Marco sprang auf den Tisch zu, hob die Hand und stieß den Dolch in das Holz, riß ihn heraus und stieß ihn wieder hinein, immer wieder!

Als Giannina sicher war, daß Messer Pietro Bocco das Haus verlassen hatte, eilte sie mit Angst im Herzen zu Marco. Alles was vorher geschehen war, erschien ihr jetzt bedeutungslos. Sie verstand nicht mehr, warum sie hatte weglaufen wollen, den Freund im Stich lassen…

Der Dolch stak im Tisch, und Marco sah finster auf ihn nieder. Er tat so, als bemerke er Gianninas Kommen nicht. Seine Wut kühlte sich ab und machte nüchterner Überlegung Platz. Der Oheim wollte ihn im Frühjahr in eine Klosterschule stecken. Gut, daß er es wußte! Bis dahin war er über alle Berge. Er lachte kurz auf.

Die Anwesenheit des Mädchens übte eine beruhigende Wirkung auf ihn aus. Er hatte geglaubt, sie wäre weggerannt.

«Er hat mich geschlagen», sagte er. «Es war das letzte Mal, schwöre ich dir.»

«Hast du ihm etwas getan?» fragte Giannina mit einem Seitenblick auf die Waffe.

Marco nahm den Dolch aus der Tischplatte.

«Wenn er es noch mal wagt, ermorde ich ihn», sagte er. Ein wenig Stolz schwang im Ton seiner Worte. «Aber er wagt es nicht wieder. Hast du gesehen, wie er aus dem Zimmer gestürzt ist?» Giannina nickte.

«Vorhin dachte ich, du wärest weggelaufen», fuhr er nach einer kleinen Pause fort. «Bleib nur hier! Was sollst du auch dort? Wir sprechen noch einmal darüber, aber Giovanni will ich für das erste nicht sehen… Du siehst ja, daß ich es hier nicht leicht habe; mir genügt es, wenn mein Oheim mich beleidigt!»

Giannina, noch unter dem Eindruck der Geschehnisse, wagte nichts zu erwidern. Und als Marco bat, sie möge ihn allein lassen, ging sie an ihre Arbeit zurück. Sie nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit wieder mit jhm zu reden; wenn er dann nicht vernünftig mit ihr sprach, würde sie nach Murano zurückgehen.

Der Oheim hatte vor, ihm einen Aufpasser zu schicken. Marcos Widerstandswille erwachte. Sollte er nur kommen. Er würde keine große Freude erleben in diesem Hause. Vielleicht schickte er ihm den angstschlotternden Diener, mit dem Marco im Hausgang gesprochen hatte.

Der Oheim hatte ihm verboten, das Haus zu verlassen. Er dachte nicht daran, sich dem Verbot zu fügen. Nach der Auseinandersetzung war die geheime Furcht, die er bis jetzt vor Pietro Boccos kalten Augen empfunden hatte, beträchtlich geringer geworden. Er redete sich ein, daß er ihn mit seinem Auftreten in Furcht und Schrecken versetzt hätte. Dieses Hochgefühl trug mehr als alles andere dazu bei, ihn wieder unternehmungslustig zu machen und die schwachen, einsamen Minuten zu vergessen. Jetzt, da er wußte, was Pietro Bocco im Schilde führte, war jeder Augenblick kostbar. Marco holte seinen Mantel hervor und verließ das Haus, ohne Nachricht zu hinterlassen, wohin er gehe und wann er zurückkomme.

Er ging dorthin, wo das Herz Venedigs schlug: zum Campo di Rialto, wo mit Gold, Perlen, Schiffen, Besitzungen, Schuldscheinen und Waren aus den entferntesten Erdteilen gehandelt wurde, wo in den Bogengängen und Gassen Hunderte von Goldschmieden das edle Metall formten und mit feinen Sticheln bearbeiteten, wo die von der Republik zugelassenen Wechselbanken bayrische Schillinge gegen venezianische Lire di grossi oder alexandrinische Münzen tauschten, wo sich Läden und Magazine befanden.

Er wollte hinaus aus der Enge der dumpfen Stube, Wasser, Schiffe, Menschen sehen, die Gerüche von Mehl, Fisch, Ambra, Moschus und Gewürzen einatmen.

An der Ponte della moneta mußte er warten, weil die beiden mittleren Teile, die an Ketten hingen, gerade hochgezogen wurden, damit ein Schiff hindurchfahren konnte. Der Canal Grande war an dieser Stelle von Hunderten Booten und Barken belebt, die so dicht aneinander vorbeifuhren, daß man gerade noch die Handflächen dazwischenhalten konnte. Es summte von tausend Stimmen, schrie aus Barken und Verkaufsständen, sprach italienisch, deutsch, spanisch, arabisch, französisch und russisch.

Stolz schritten die Beamten der Ufficiale sopra Rialto durch das Gewühl der buntgekleideten Menschen. Sie trugen als Vertreter der obersten Behörde des Rialto das Schwert an der Seite wie die Caposestieri und die Räte des Dogen; sie hatten für die öffentliche Sicherheit auf dem Rialto zu sorgen, überwachten die Versteigerungen der Schiffe und Waren und achteten darauf, daß die Statuten und Vorschriften für die Schiffahrt und den Handel eingehalten wurden.

Marco stand eingezwängt zwischen den vielen Menschen auf der Brücke und wartete, bis das Schiff vorbeigefahren war und die Brückenteile wieder heruntergelassen wurden. Immer von neuem packte ihn die Erregung, wenn er die Nähe des Campo di Rialto spürte, dieses engen, von Bogengängen umgebenen Platzes vor der alten Kirche San Giacometta, auf dem tagsüber Geschäfte riesigen Ausmaßes getätigt wurden.

Er vergaß seine persönlichen Sorgen, ließ sich an der Stagiera publica vorbeitreiben, wo die Waren gewogen und die Abgaben in Rechnung gestellt wurden, und ging auf der Fondamente entlang dem Fischmarkt zu.

Er sah schon von weitem den Dunst, der aus den Bratküchen aufstieg, und roch das brutzelnde Öl. Auf dem anderen Ufer lag Schiff neben Schiff vor dem Fondaco der Deutschen, die hier wohnten und ihre Waren lagerten. Schon mancher Kaufmann, der in jungen Jahren von Augsburg oder Nürnberg nach Venedig gereist war, hatte hier sein Glück gemacht und war als reicher Mann zurückgekehrt. Auch einige deutsche Handwerker gab es in den engen Gassen, vor allem Schuster, die schon ein Menschenalter hier wohnten und die venezianische Mundart so gut beherrschten, daß man sie von den Einheimischen kaum unterscheiden konnte.

Vom Fondaco der Deutschen aufwärts lagen die Weinschiffe und Ölschiffe, zogen sich zu beiden Seiten des Kanals die Gewölbe der Kaufleute hin, wuchsen die Bauten der Magazine empor, überragt vom Getreidemagazin, in dem nach einem Beschluß des Senats jährlich 80 000 Scheffel Getreide vorrätig sein mußten. Verantwortlich für die Herbeischaffung, die Festsetzung der Preise und den Verkauf des Getreides war die Camera del frumento, gleichzeitig das wichtigste Geldinstitut der Republik. Benötigte die Regierung Geld für große Unternehmungen, so lieh sie es von reichen Privatleuten und verpflichtete die Camera del frumento, es zurückzuzahlen. Die Frist betrug meist sechs Monate.

Marco kaufte sich einen knusprig gebratenen Fisch. In der freien Atmosphäre des Rialto war sein Appetit zurückgekehrt. Die bösen Erlebnisse der vergangenen Stunden sollten ihn nicht wieder unterkriegen. Alles in allem genommen hatte er doch richtig gehandelt. Der Oheim war sich nun hoffentlich darüber klar, daß man ihn nicht wie einen kleinen Jungen behandeln konnte.

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