Бесплатная библиотека
Читайте книгу на сайте или телефоне
Georgs Sorggen um die Vergangenheit - Читать Любимую Русскую Полную Книгу 👉 Read-E-Book.com

Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
1 ... 42 43 44 45 46 47 48 49 50 ... 141
Перейти на страницу:

Mit dem, was wir drinnen erblickten, handelten wir uns leider ein riesiges Problem ein — ein ähnliches, mit dem sich auch Geheimdienstler dauernd herumschlagen müssen. Sie dürfen allzuoft nicht offenbaren, was sie wissen. Und auf uns kamen Entscheidungsqualen zu, von denen wir bislang keinen blassen Schimmer gehabt hatten. Die Kassette war voller Geld. Sie war voll von grünen Hundertkronenscheinen, die wir im Alltagsleben nur manchmal und nur einzeln zu sehen bekamen. In unserem Alltag bedeutete schon eine Zehnkronennote sehr viel Geld. Als Taschengeld kannten wir nur Münzen.

— So sieht eine Million aus, sagte meine Cousine.

— Oder Hunderttausend. Davon könnte man Tausende Eistorten kaufen. Hunderte von Rollschuhen…

— Ein Auto.- Wir müssen es zählen. Das mit dem Scharnier — das mache ich nicht noch einmal. Das Stieleis» Nanuk «kostete damals eine Krone, das stiellose» Eskymo «fünfzig Heller, eine Kugel Eis siebzig Heller. Und die große Eistorte, der luxuriöse Höhepunkt der tschechischen Eisherstellungskunst, kam auf ganze dreizehn Kronen. Eine ganze Torte bekam ich persönlich nur ein einziges Mal geschenkt. Kino kostete drei, vier oder fünf, bei Überlänge maximal sieben Kronen. Onkels grüne Scheine waren gebündelt, ein kleines Bündel enthielt fünfzig, ein großes hundert Scheine — also jeweils fünftausend oder zehntausend Kronen. In der Kassette steckten demnach zweihundertsechzigtausend Kronen. Für uns war dieser Betrag unvorstellbar. Ich war dreizehn, meine kleine Cousine knapp zwölf. Die große Cousine hatte schon einen beachtlichen Busen, kam uns beiden zu vernünftig vor und war als Konspirationspartnerin nicht zu gebrauchen. Ich und meine kleine Verbündete verbrachten daraufhin ein ganzes Jahr mit Überlegungen, wie wir die Sache auffliegen lassen könnten, ohne dabei zu Schaden zu kommen. Der Onkel galt als die barbarischste Instanz, die wir kannten. Ein Riese, der zum Schlimmsten, zu den häßlichsten Strafen fähig war. Der Onkel schreckte uns wie ein Donnergott — und ein Donnergott hätte problemlos richten können, auch ohne einen zu berühren. Unser Gefühl, dieser Mensch hätte uns beispielsweise fernerwürgen können, war vielleicht nicht vollkommen falsch.

Für uns war es schon ein Problem, den düsteren Mann um harmlose Hilfestellungen zu bitten und dadurch unsere Abhängigkeit zu offenbaren. Schon ein kleines Verlangen war mit tiefen Angstgefühlen verbunden und kostete uns große Überwindung. Meistens ging es um einfache handwerkliche Eingriffe bei Reparaturen von Spielsachen oder um fachmännische Beratung — also um Anschubhilfe zur Selbsthilfe. Der Onkel war der einzige Mensch weit undbreit, der in diesen Dingen wirklich bewandert war. Mein Vater war ein handwerklicher Trottel erster Güte — und war sowieso nicht vorhanden.

— MUSS DAS JETZT GLEICH SEIN? fragte Onkel ONKEL gleich drohend zurück, wenn man ihn bescheiden — bescheidenst! — um Hilfe bat.

Die Frage war clever formuliert, ließ uns unsere Hilflosigkeit auf alle Fälle verstärkt spüren.

— MUSS DAS JETZT GLEICH SEIN?

— NEIN! riefen wir unisono zurück und logen dabei aus einem guten Grund.

Die Antwort» Ja «hätte bedeutet, daß wir eine Absage bis an unser Lebensende oder bis zum übernächsten Weihnachtsfest bekommen hätten. Bei» Nein «hatten wir gute Chancen, daß er uns half — und oft machte er sich tatsächlich sofort an die Arbeit. Dabei hätte — wirklich wirklich, lieber Onkel, lieber Vater — alles noch Zeit gehabt! Unser alberner Wunsch hätte — wirklich wirklich, lieber lieber Onkel, lieber lieber Vater — auf KEINEN FALL SOFORT befriedigt werden müssen! Wir hätten uns doch gern geduldet!

Aber Onkel ONKEL war bereits am werkeln, mühte sich für uns in atemberaubendem Tempo ab. Wunderbar! Und er war so geschickt dabei — er war gütig und unersetzlich. Er war der Größte und als ein solcher kurzzeitig ein liebenswerter Mensch.

baue keine bomben, spiele lieber fußball mit dem königssohn

Daß mein dicker Vater ein faules und lebensuntüchtiges Großmaul, ein Kettenraucher und Säufer geworden war, war die Schuld seiner zweifelhaften Freunde. Das behauptete jedenfalls seine Mutter Ludmila, eine meiner drei bis vier Großmütter. Analog dazu möchte ich für die Nachwelt festhalten, wer und was in meinem Leben an meiner ungesunden Radikalisierung — bei gleichzeitiger Ironisierung jeder Radikalität — schuld war: Es waren die Chinesen unter Mao Zedong, der damals noch» Tse-tung «transkribiert wurde. Es war die chinesische Propagandamaschinerie, die auch nach dem katastrophalen Scheitern des» Großen Sprungs nach vorn «weiterlief und in der glorreichen Kulturrevolution hochgefahren wurde. Es war aber nicht Mao allein, nicht nur Mao und seine Partei — ich möchte diesen Massenmörder gern etwas entlasten: An meiner Formung und Deformierung war noch eine junge Frau, nämlich die süße Nie Yuanzi, schwer mitschuldig. Es war die zarte» NIE«, die den kulturrevolutionären Massensturm von unten losgetreten und in vorderster Front vorangetrieben hatte. Die eigentliche große Mittäterin von Mao — seine Frau Qing Jiang — beeindruckte mich kaum, sie hielt sich sowieso eher im Hintergrund und war nicht besonders schön.

Auch wenn ich die Grundlagen für meine radikal ausgerichtete politische Bildung hauptsächlich von meiner Mutter bezog, war die chinesische Walze, die sich konsequent alle zwei Wochen erneuerte, nicht zu unterschätzen. Mein Weg zur Schule führte jahrelang an der chinesischen Botschaft vorbei, entlang eines langen gemauerten Zauns, an dem viele schmucke Glasvitrinen hingen. Sogar an dreiStellen — links und rechts von zwei Einfahrten und links und rechts des Personaleingangs. So ist für mich ein beachtlicher Teil meines geistig-politischen Unterbaus zwangsläufig mit den flachen Gesichtern und den niedlichen Strichaugen reizender Chinesinnen verbunden. Diese puppenartigen Geschöpfe durfte ich täglich auf stark vergrößerten Bildern bewundern, jeden Tag mindestens zweimal — und fast alle sahen dabei fast wie meine Favoritin Nie Yuanzi aus. Diese erotisch aufgeladene Variante der Indoktrination konnte bei mir auf keinen Fall ohne Folgen bleiben. Massenaufläufe ziehen mich seitdem magisch an. Wobei ich versichern muß, daß sie mich gleichzeitig auf die schlimmste Art und Weise abstoßen. Ich ekelte mich sowieso von klein auf vor jeglicher Gleichförmigkeit, für irgendwelchen kollektivistischen Freudentaumel ließ ich mich unter Zwang nie begeistern. Trotzdem konnte ich auch blind vor freiwilliger Entzückung werden, wenn mich — mich in meinen emotionalen Untiefen — die erotisch angehauchte Vorstellung packte, ich könnte in einer pulsgleich eruptierenden Masse aufgehen.

In meiner Kindheit war mir seitens meiner Nächsten so viel Bewunderung entgegengebracht worden, daß ich schon aus Selbstschutz nicht alles, was man ernst meinte und mir ernsthaft klarmachen wollte, ernst nehmen durfte. Diesen meinen Wohnungsnächsten brachten meine regelfeindliche Sturheit und meine ironische Gnadenlosigkeit später bittere Früchte ein — nicht unbedingt eruptionsartig, insgesamt aber reichlich. Meine Aushärtung und Aussturung könnte man eventuell auch mit meinem politischen Dasein im Zentrum Europas erklären, das künstlich ein sowjetischasiatisches Flair verpaßt bekommen hatte — könnte man sozusagen auf die Auswirkungen meines tektonisch unsicheren Standorts zurückführen, eines Standorts am Kontinentalriß zwischen Orient und Okzident, wer weiß. Ohne Sündenböcke präsentieren zu wollen, mußte ich irgendwann versuchen, mir darüber etwas Klarheit zu verschaffen — und dabei gleichzeitig mein zuhaus-hospitalisiertes Ich, meine Mutter mit ihrer ganzen Verwandtschaft und von mir aus auch das ewig gebeutelte russische Volk entlasten. Vielleicht treffe ich diesen Sachverhalt mit der folgenden Formulierung: Da ich im Schoß des Sowjetreiches wie gefangen war und dauerhaft mit einer Mentalität konfrontiert wurde, die durch mongolische Unterjochung, zaristisch-animaloide Menschenhaltung und leninistisch-stalinistische Massenschlachterei geprägt war, mußte ich — um mein historisch entrücktes und eher nach k.-k.-Gemütlichkeit gierendes Seelchen zu retten — mit eigensinniger Ironie arbeiten, mußte im Leben Brechstangengewalt anwenden, Brechmittel einsetzen, mit Stilbrüchen provozieren lernen. Wobei ich außerdem noch die kraftvolle Art der Millionen von schwimmenden oder trabenden Fahnenträger aus China in mein Dasein zu integrieren hatte.

1 ... 42 43 44 45 46 47 48 49 50 ... 141
Перейти на страницу:
0
Сюжет
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Атмосфера
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Главный герой
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Общее впечатление
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
Итоговая оценка: 0.0 из 10 (голосов: 0 / История оценок)