Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
«Weine nicht», sagte Giovanni und legte den Arm um die Schultern des Mädchens.
Marcos Herz verschloß sich vor den vielen Gefühlen, die ihn bewegten.
Plötzlich wurde die Tür geöffnet, und Lucia trat in das Zimmer. «Ich hörte doch, daß jemand weint! Was hast du angerichtet, Matteo», sagte sie entrüstet und beugte sich über das Mädchen. «Warum weinst du denn?» Mütterlich besorgt sah sie Giannina an.
Kapitän Matteo drehte sich um. «Laß sie nur, Lucia», sagte er, «keiner hat ihr etwas getan. Sie hat wohl einen großen Schmerz erlebt, da ist es besser, wenn sie weint… Geh nur wieder in die Küche. Wir haben hier noch etwas zu bereden.»
Lucia sah ihn fragend an.
«Geh nur», wiederholte er. «Ich erzähle dir nachher, was geschehen ist.»
Kopfschüttelnd ging Lucia hinaus.
Giannina wischte sich die Tränen ab. «Ich weine nicht mehr», sagte sie, «bestimmt werde ich nicht mehr weinen.» Sie spürte am ganzen Körper einen feinen, ziehenden Schmerz, und in ihrem Kopf pulste aufgeregt das Blut durch die Adern. Jetzt hatte sie die Gewißheit gewonnen, daß sie eine böse Nachricht erhalten würden.
Auch in Giovannis Augen, die auf Kapitän Matteo gerichtet waren, dunkelte bange Furcht.
«Ich werde euch erzählen, wie alles geschehen ist», sagte Kapitän Matteo. «Vorher müßt ihr mir versprechen, mit keinem darüber zu reden, außer mit Meister Benedetto.»
Er sah sie der Reihe nach ernst und prüfend an.
Sie nickten schweigend. Eine tiefe summende Stille erfüllte den Raum. «Wer war denn eigentlich dieser Paolo?» fragte der Kapitän, bevor er die Geschichte erzählte. «Wie kam er zu Pietro Bocco? Er hat mir gut gefallen, euer Paolo, das könnt ihr mir glauben.»
«Ich habe ihn zu Pietro Bocco geschickt», erwiderte Marco leise. «Pietro Bocco ist mein Oheim, und Paolo dient in unserem Hause.» Eine Schuld wuchs wie ein Berg vor ihm auf.
Kapitän Matteo sah die Qual in Marcos Gesicht. Sein Groll, den er anfangs gegen ihn gehegt hatte, war verschwunden. «Du konntest ja nicht wissen, was geschehen würde», sagte er, «brauchst dir keine Vorwürfe zu machen.» «Paolo war unser Freund», sagte Giovanni.
«Er wäre auch mein Freund geworden.» Kapitän Matteo sah über die Köpfe der Kinder hinweg. «Oder glaubt ihr das etwa nicht?» fragte er. «Hier!» Er deutete auf sein Gesicht. «Das sind die Spuren seiner Fäuste. Trotzdem sage ich: Er wäre auch mein Freund geworden!» Fast bittend sah er in die Gesichter der drei. Er wünschte, daß sie seinen Worten Glauben schenkten.
«Aber so sagt uns doch, was geschehen ist!» rief Giannina verzweifelt. «Ihr sprecht von Paolo, als käme er nie mehr zurück. Lebt er denn noch, Kapitän Matteo? Ich weine doch nicht. Nein, ich weine nicht!»
Lautlos rannen die Tränen über ihre Wangen.
Kapitän Matteo setzte sich schwer auf die Bank und begann die Geschichte der stürmischen Nacht auf der Lagune zu erzählen, zögernd zuerst die Worte setzend, dann in Feuer geratend und die Rede mit Handbewegungen unterstreichend. Er verschwieg lediglich, daß er verbotenes Gut für Pietro Bocco befördert hatte. Da er aber die Wettfahrt mit der Schergenbarke geschildert hatte, konnte man sich die Zusammenhänge denken. Eine Frage, die Marco stellte, wehrte er mit einer müden Handbewegung ab. Er saß wie ein Angeklagter auf seiner Bank, die breiten Schultern vorgeneigt und den Kopf in die Hände gestützt.
In Marco regte sich wieder der Haß gegen seinen Oheim, der die Schuld an allem trug. Kapitän Matteo richtete sich auf. «Nun wißt ihr, wie es gewesen ist.» Er überflog mit einem schnellen Blick die Gesichter. Giovanni stand unbeweglich auf seinem Platz und ließ die Arme hängen. Es war ihm zumute wie damals, als die beiden Männer die Nachricht vom Unfall des Vaters gebracht hatten.
«Laß den Mut nicht sinken», sagte Kapitän Matteo zu ihm. Er beugte sich vor und sah ihn eindringlich an. «Du, mit deinen hellen Augen!»
Giovanni erwiderte nichts. Was sollte er auch antworten? Paolo war verschwunden, und keiner wußte, ob er noch lebte. Keiner wußte es. «Meint Ihr, daß er an Land gekommen ist?» fragte Marco.
Kapitän Matteo nickte. «Ich werde ihn suchen lassen, überall. Seid nicht mehr traurig. Eines Tages wird euer Paolo wieder auftauchen. Ihr könnt immer zu mir kommen, wenn ihr Lust habt.»
So endete der Besuch bei Kapitän Matteo. Giovanni, der allein nach Murano zurückfuhr, klammerte sich an diese Worte: Eines Tages wird euer Paolo wieder auftauchen. Sie gaben ihm die Kraft, den eigentümlichen Zustand der Gleichgültigkeit und Gedankenträgheit zu überwinden.
EINSAMKEIT
TAGE UND NÄCHTE VERGINGEN. EIN NOVEMBER-morgen brach an. Die Nebel lagen über Land und Wasser und krochen an Uferböschungen, Bäumen und Häusermauern empor. Immer weiter und durchsichtiger spannten sich ihre Schleier, die die Menschenwelt auf den Inseln der Lagune einhüllten, bis sie, von Sonnenstrahlen zerrissen, wie ein Spuk verschwanden.
Die Händler fuhren mit ihren Kähnen zu den Märkten. Dienstmägde und Kammermädchen bemühten sich um das Wohlergehen ihrer Herrschaften, die sich, ermüdet von den Unterhaltungen des Karnevals, schlecht gelaunt in ihren Betten rekelten. Ein neuer Tag!
Kein Zweig bewegte sich an dem Kastanienbaum im Hof, kein Blatt fiel zur Erde. Von Sonne überflutet, stand er bewegungslos, rings von dem Stein und Holz der Häuser umgeben, diese wieder durch Kanäle von anderen Häusern, Bäumen, Gärten abgetrennt. Eine kleine Insel zwischen den Inseln.
Der Herbst des Jahres 1268 hatte bisher nur wenig Stürme gebracht.
Marco befand sich allein in seinem Zimmer. Er war seit dem Besuch bei Kapitän Matteo oft allein. Giannina ging ihm aus dem Wege. Traf er sie einmal zufällig und wollte sich mit ihr unterhalten — er verspürte oft das Verlangen danach — hatte sie schnell eine Ausrede bereit. «Ich muß ja das Zimmer noch aufräumen» oder: «Entschuldige, die Wäsche!» und: «Ach, der Tisch muß gescheuert werden!» Er kannte jeden Zug ihres Gesichts, jede Bewegung ihres Körpers und wußte genau, was echt und unecht war in ihrem Mienenspiel. Sie lief dann in gespielter Geschäftigkeit davon, huschte zur Tür hinaus und — atmete auf, wenn sie endlich draußen war, wenn sie ihn nicht mehr anzusehen brauchte.
So war es!
Sollte sie ihm doch ehrlich sagen, wie ihr um das Herz war. «Laß mich in Ruhe, Marco. Ich will nichts mehr von dir wissen.» Das genügte ihm schon. Er würde es ihr nicht einmal übelnehmen. Eine Antwort hatte er sich schon viele Male zurechtgelegt: «Schön, daß du mir das sagst, Giannina. Vielen Dank auch dafür. Ich wunderte mich schon, daß du so geziert daherläufst, wenn ich in deine Nähe komme.» — An dieser Stelle würde er spöttisch lachen. — «Aber ich will dir einen Rat geben, einen freundschaftlichen Rat: Kümmere dich nicht mehr um mich. Ich habe jetzt sowieso an viele Dinge zu denken, die du nicht verstehst. Also mach nur deine Arbeit, Giannina; ich, für meine Person, werde dich nicht mehr belästigen. A rivederci!»
Diese Worte würde er in überlegenem Ton sagen und dann, schon an der Tür, noch großmütig hinzufügen: «Nach Murano kannst du jederzeit fahren, brauchst mich nicht zu fragen. Grüße auch Giovanni schön von mir.
Ein neuer Tag, der ebenso alltäglich und leer begann wie die anderen Tage nach Paolos Verschwinden.
Marco war ohne Gianninas Wissen noch zweimal bei Kapitän Matteo gewesen und hatte gefragt, ob er etwas Neues erfahren hätte. Nichts! Die schwarze Barke hatte inzwischen einen anderen, freundlichen Anstrich bekommen. Es sei eine Riesenarbeit gewesen, die schwarze Farbe abzukratzen, hatte Kapitän Matteo gemeint. Und Marco solle trotz allem nicht den Mut verlieren; denn nach den Erkundigungen, die Kapitän Matteos Schmugglerschar angestellt habe, sei nirgends eine Leiche an den Strand des Lido geschwemmt worden.