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Mephisto

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Mephisto
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Das waren bittere Wochen, die bittersten vielleicht, die er jemals durchgemacht hatte. Er sah keinen Menschen. Zwar wu�te er, da� einige seiner Bekannten in Paris eingetroffen waren, aber er wagte es nicht, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen. Was gab es zu sprechen zwischen ihm und jenen? Sie w�rden ihn enervieren mit pathetischen Ausbr�chen des Entsetzens �ber die deutschen Geschehnisse - die in der Tat immer toller, immer grauenerregender wurden. Gewi� hatten diese Leute schon alle Br�cken abgebrochen zu einer Heimat, deren Tyrannen sie so unvers�hnlich ha�ten. Sie waren schon Emigranten.,Bin auch ich einer?' - mu�te Hendrik H�fgen sich angstvoll fragen. Aber alles in ihm wehrte sich dagegen, dies zuzugeben.

Andererseits begann in den vielen einsamen Stunden, die er in seinem Hotelzimmer, auf den Br�cken, Stra�en, in den Caf�s der Stadt Paris verbrachte, ein dunkler Trotz in ihm zu wachsen - ein guter Trotz, das beste Gef�hl, das er jemals aufgebracht hatte.,Habe ich es n�tig, das Mordgesinclel um Verzeihung anzubetteln?' dachte er dann.,Bin ich denn auf sie angewiesen? Hat mein Name nicht schon internationalen Klang? Ich k�nnte mich �berall durchbringen - es w�rde wohl nicht ganz leicht sein, aber es m��te gehen. Welche Erleichterung, ja, welche Erl�sung w�rde es bedeuten: stolz und freiwillig sich zur�ckzuziehen von einem Lande, wo die Luft verpestet ist; mit lauter Stimme die Solidarit�t zu erkl�ren mit jenen, die k�mpfen wollen gegen das blutbefleckte Regime! Wie rein w�rde ich mich f�hlen d�rfen, k�nnte ich mich durchringen zu solchem Entschlu�! Was f�r einen neuen Sinn, welch neue W�rde bek�me mein Leben!'

Mit diesen Stimmungen, die sehr heftig und auf eine d�stere Art genu�reich waren, aber nie lange standhielten, stellte sich regelm��ig das Bed�rfnis ein, Barbara wiederzusehen und lange mit ihr zu sprechen - Barbara, die er seinen guten Engel genannt hatte: Wie dringend brauchte er sie gerade jetzt! Aber er war seit Monaten ohne Nachricht von ihr, er wu�te gar nicht, wo sie sich befand..Wahrscheinlich sitzt sie auf dem Gut der Generalin und k�mmert sich um nichts!' dachte er bitter.

,Ich habe es ihr ja vorausgesagt, sie werde noch dem faschistischen Terror interessante Seiten abgewinnen. So mu�te es kommen: Ich bin der M�rtyrer, ich irre durch die Stra�en dieser fremden Stadt; sie aller plaudert vielleicht gerade mit einem von diesen M�rdern und Folterknechten, wie sie mit Hans Miklas zu plaudern pflegte�' Da seine Einsamkeit anfing, ihm unertr�glich zu werden, spielte er mit dem Gedanken, Prinzessin Tebab aus Berlin nach Paris kommen zu lassen. Welche Erfrischung und Kr�ftigung w�rde es sein, ihr grollendes Lachen wieder zu h�ren, ihre starke Hand, deren Haut sich rauh anf�hlte wie die Rinde eines Baumes, wieder zu ber�hren! Deutschland den R�cken kehren und ein neues, wildes Leben mit Prinzessin Tebab beginnen: ach, wie sch�n und richtig w�re dies! Konnte es denn nicht sein? War es nicht im Bereich des M�glichen? Man brauchte nur nach Berlin zu telegrafieren, und am n�chsten Tage w�rde die Schwarze Venus eintreffen, mit ihren gr�nen Schaftstiefeln und der roten, geflochtenen Peitsche im Koffer. Hendrik hatte s��e und rebellische Tr�ume, in deren Mittelpunkt Prinzessin Tebab stand. In krassen und erregenden Farben malte er sich das Leben aus, das er gemeinsam mit ihr f�hren w�rde. Man k�nnte damit beginnen, als Tanzpaar in Paris, London oder New York sein Brot zu verdienen: Hendrik und Juliette, die zwei besten Step-T�nzer der Welt. Beim Tanzen jedoch w�rde es wahrscheinlich nicht bleiben. Hendrik erwog k�hnere M�glichkeiten. Aus dem Tanzpaar k�nnte ein Hochstaplerpaar werden - wie lustig w�rde es sein, die Rolle des mond�nen Kriminellen, die man so oft in Filmen oder Theaterst�cken verk�rpert hatte, auch einmal in der Wirklichkeit zu spielen, mit allen Gefahren, allen Konsequenzen! Seite an Seite mit dieser herrlichen Wilden, eine verha�te Gesellschaft, die nun im Faschismus ihr wahres, greuliches Gesicht enth�llte, zu betr�gen und zu br�skieren - was f�r eine bezaubernde Vorstellung! Mehrere Tage lang war Hendrik ganz besessen von ihr. Vielleicht h�tte er wirklich den ersten Schritt zu ihrer Realisierung getan und der dunklen F�rstentochter depeschiert - wenn nicht eine Nachricht bei ihm eingetroffen w�re, durch die seine Situation mit einem Schlage ver�ndert wurde.

Der bedeutungsvolle Brief Avar von der kleinen Angelika Siebert - wer h�tte gedacht, da� gerade sie, die von Hendrik stets grausam-hochm�tig �bersehen worden Avar, noch einmal eine so entscheidende Funktion in seinem Leben haben sollte!

Angelika berichtete in ihrem Brief, da� sie in Berlin sei, ein bi�chen filmen d�rfe, und da� es ihr leidlich gut gehe. Ein erfolgreicher junger Regisseur habe es sich in den Kopf gesetzt, sie zu heiraten. �Aber nat�rlich denke ich nicht daran�, schrieb sie, und Hendrik mu�te l�cheln, als er es las: Ja, so war sie - spr�de und ablehnend gegen Werbungen und Angebote, mochten sie noch so verlockend sein; eigensinnig versessen auf das Unerreichbare, und ihr Gef�hl immer dorthin verschwendend, wo es �bersehen und mi�achtet wurde. - Bei den Aufnahmen zu einem gro�en Biedermeier*-Lustspiel hatte sie die Bekanntschaft der Aktrice Lindenthal gemacht - ebenjener Dame, die in Jena Erste Sentimentale, gleichzeitig aber die Freundin eines nationalsozialistischen Fliegeroffiziers geAvesen war. Hendrik, der die deutschen Ereignisse mit Gier und Ha� in den Zeitungen verfolgte, Avu�te, da� der Fliegeroffizier zu den M�chtigsten des neuen Reiches geh�rte. Also Avar auch Lotte Lindenthal eine einflu�reiche Person geworden. Bei ihr hatte sich Angelika Siebert mit Erfolg f�r Hendrik verwendet.

In schw�rmerischen T�nen schilderte der Brief den �berlegenen Charme, die Klugheit, Sanftmut und W�rde der Lindenthal. Man durfte - nach Angelikas Meinung - sicher sein, da� diese herzensgute und liebliche Dame ihren m�chtigen Freund in jeder Hinsicht auf das g�nstigste beeinflussen Averde. Sie tat es jetzt schon, besonders in allen Dingen, die das Theater betrafen. Der gro�e Mann hatte ein huldvolles Interesse f�r Schauspiel, Operette und Oper. Seine Geliebten - oder die Damen, denen seine besondere Verehrung galt - waren meist B�hnenk�nstlerinnen vom �ppigen und sentimentalen Typ. Ihnen tat er gerne jeglichen Gefallen, solange es sich um nichts Ernsthaftes handelte, sondern nur um heitere Nebens�chlichkeiten, wie etwa um die Karriere eines Schauspielers. - Lotte Lindenthal war von der kleinen Siebert darauf aufmerksam gemacht worden, da� Hendrik H�fgen in Paris sitze und sich nicht nach Deutschland traue. Hier�ber hatte die Favoritin des Gewaltigen gutm�tig lachen m�ssen. Was f�rchtete dieser Mensch? - wollte sie wissen und machte naive Augen. H�fgen war doch kein Jude, vielmehr ein blonder Rheinl�nder, und einer Partei hatte er niemals angeh�rt. �brigens war er ein bedeutender K�nstler - Fr�ulein Lindenthal hatte ihn als Mephisto gesehen. �Leute wie ihn k�nnen wir gar nicht entbehren�, sagte die kostbare Frau, und sie versprach, noch am gleichen Tage mit ihrem m�chtigen Freund �ber den Fall zu reden. �Manne1 ist doch durch und durch liberal�, versicherte die Erste Sentimentale aus Jena, die es wissen mu�te - und alle Anwesenden sp�rten einen ehrf�rchtigen Schauer, weil sie sich dazu herbeilie�, von dem gef�rchteten Riesen auf so traulich-intime Alt zu reden. �Er ist auch gar nicht nachtr�gerisch. Mag dieser H�fgen sich fr�her allerlei Extravaganzen und kleine Torheiten geleistet haben - f�r so was bringt Manne Verst�ndnis auf, wenn es sich um einen K�nstler von Qualit�ten handelt. Hauptsache ist schlie�lich der gute Kern�, sprach Lotte ein wenig sinnlos, aber mit herzhafter Betonung. Und sie tat, wie sie verhei�en hatte. Als der M�chtige seine Abendvisite machte, bettelte sie: �Manne, sei lieb!� Sie habe sich's nun mal in den Kopf gesetzt: in dem Lustspiel, mit dem sie am Berliner Staatstheater deb�tieren solle, m�sse Hendrik H�fgen ihr Partner sein. �Keiner eignet sich so f�r die Rolle wie er�, schwatzte die Sentimentale.

�Schlie�lich liegt doch auch dir daran, da� ich einen netten Partner habe, wenn ich das erstemal hintrete vor die Berliner Volksgenossen!� Der General erkundigte sich, ob H�fgen ein Jude sei. Da er erfuhr, da� es sich, ganz im Gegenteil, um einen garantiert blonden Rheinl�nder handelte, versprach er, �diesem Burschen� solle nichts geschehen, was immer er auch fr�her angestellt haben mochte.

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