Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
Zwischen den dreien hatte es heute morgen einen Streit gegeben, weil Marco und Giovanni die Freundin nicht mitnehmen wollten. Sie meinten, es sei zu gefährlich für ein Mädchen, sie solle lieber zu Hause bleiben. Giannina hatte ihnen tüchtig die Meinung gesagt und sich nicht abweisen lassen. Bald sollte sich zeigen, wie recht sie gehabt hatte.
Sie standen nun in der Küche herum und wußten nicht, was sie anfangen sollten. Was sie sahen, war eigentlich dazu angetan, das anfängliche Herzklopfen zu beruhigen. Sie hatten sich den Empfang anders vorgestellt. Lucia war eine große, schöne Frau mit mütterlichem Gesicht, die ganz alltägliche Dinge verrichtete und auch eine ganz alltägliche Neugierde über den merkwürdigen Besuch an den Tag legte.
Giannina faßte als erste Mut. «Könnt Ihr den Kapitän nicht wecken?» fragte sie bittend, «es ist wirklich sehr wichtig, Ihr könnt es glauben.»
«Was wollt ihr nur von ihm?» Lucia putzte den Kupferkessel mit Sand und Essig blank, daß man sich darin spiegeln konnte. «Wenn ihr mir das erzählen würdet, könnte ich ihn vielleicht wecken…»
Marco warf Giannina einen warnenden Blick zu. Sie wandte sich entrüstet weg. Glaubte er vielleicht, daß sie ein Sterbenswörtchen verraten würde? Es war doch ausgemacht, daß sie mit keinem anderen, nur mit Kapitän Matteo sprechen durften.
«Ihr tut so geheimnisvoll», sagte Lucia, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, «und dann verlangt ihr, daß ich meinen Mann wecke. Hört ihr denn nicht, wie er schnarcht? Am besten ist's, ihr kommt gegen Mittag noch einmal wieder.» Aber die drei erklärten, in der Küche warten zu wollen, wenn die Frau es gestatte.
«Meister Benedetto aus Murano schickt uns nämlich», kam es aus Gianninas Munde. Sie sah triumphierend auf die beiden Jungen: Seht, wenn ich nicht mitgekommen wäre! Ihr steht ja da wie die Stockfische.
«So, der Meister Benedetto schickt euch! Und gleich drei Boten auf einmal!» Lucia unterdrückte ein Lächeln. Sie stellte den Kessel auf den Tisch und wischte sich die Hände ab.
«Dann werde ich versuchen, ihn wachzukriegen», sagte sie, entwaffnet durch die Beharrlichkeit. «Setzt euch solange!»
Schweigend saßen sie nebeneinander auf der Bank. Was würden die nächsten Augenblicke bringen? Erst jetzt kam ihnen wieder zum Bewußtsein, warum sie gekommen waren. Bald würden sie erfahren, was mit Paolo geschehen war.
Sie hörten, wie im Nebenzimmer eine dröhnende Baßstimme erstaunt fragte: «Drei Kinder? Deshalb weckst du mich?» Die Antwort der Frau war nicht zu verstehen.
«Wenn er nun nicht mit uns sprechen will?» flüsterte Giannina. Die Jungen sahen mit verschlossenen Gesichtern vor sich hin.
«Er muß!» preßte Marco zwischen den Zähnen hervor. «Sonst soll er mich kennenlernen!»
Nach einer Weile kam Lucia zurück. «Es war gar nicht einfach, ihn wachzukriegen. Wenn er schläft, dann schläft er. Aber nun habt ihr euren Willen. Geduldet euch noch einen Augenblick, er wird euch gleich rufen.»
Sie nahm wieder den Kupferkessel in die Hand, wischte mit einem Lappen den Putzsand ab und hielt ihn gegen das Licht.
«Ich bin gespannt, was ihr auf dem Herzen habt», sagte sie mit einem letzten Versuch, aus den Kindern etwas herauszulocken, «es muß ja wirklich eine wichtige Sache sein.» Sie sah sie erwartungsvoll an.
Die drei schwiegen. Jeder versuchte auf seine Weise, die zaghafte Hoffnung durch zuversichtliche Gedanken zu stärken. Aber es gelang ihnen nicht. Mit gespannten Sinnen lauschten sie auf die Geräusche im Nebenzimmer.
Auf dem Kaminsims stand ein Stundenglas. Unendlich langsam tropfte das Wasser in den unteren Glasbehälter. Giannina konnte den Blick nicht abwenden. Sie verfolgte, wie der Tropfen sich bildete, sich wie eine winzige Seifenblase ausweitete und schließlich von dem Glaszapfen löste.
Ewigkeiten schienen zu verrinnen.
Sie schrak zusammen, als sie plötzlich eine dröhnende Stimme hörte: «Kommt rein!»
Hastig gingen die drei in das Nebenzimmer. Sie mußten sich an das dämmerige Licht gewöhnen. Vor dem kleinen Fenster, das zum Garten hinausführte, stand ein Pfirsichbaum, der trotz der vorgerückten Jahreszeit sein Laub noch trug. Dahinter war die Bordwand der schwarzen Barke zu sehen.
Kapitän Matteo stand in der Mitte des Zimmers. Giannina erschrak über die mächtige Gestalt mit dem verquollenen Gesicht. Er sah auch wirklich furchteinflößend aus. Das rechte Auge lugte durch einen schmalen Spalt hervor, boshaft blinzelnd, wie es den dreien schien.
Stirn, Augenbraue und Schläfe waren so bunt gefärbt wie die weinselige Knollennase. Die Jungen bemühten sich, die Furcht, die sie mit Krallenfingern packte, abzuschütteln.
Der erste Schreck legte sich, als Kapitän Matteo zu sprechen begann. Durch seine Worte schimmerte die ihm eigene Gutmütigkeit.
«Tretet nur näher!» forderte er sie auf. «Da ist ja ein hübsches Mädchen mitgekommen. Wie heißt du denn, mein Töchterchen?» «Giannina!» sagte sie und atmete befreit auf.
«Und ihr beiden Helden?» wandte sich Kapitän Matteo an die Jungen. Diese, überrumpelt durch die schnelle Frage, antworteten folgsam: «Marco.»
«Giovanni.»
«Giannina, Marco, Giovanni», wiederholte er, «nun kenne ich euch wenigstens. Aber jetzt sagt mir, warum ihr mich aus dem Bett herausgeholt habt?»
Er sah nachdenkend auf Giovanni und erinnerte sich, daß er das feine Gesicht des Jungen bei Meister Benedetto gesehen hatte. «Wir kennen uns doch», sagte er gemütlich. Der Besuch der drei bereitete ihm sichtlich Freude. Er konnte ja nicht ahnen, was für peinliche Fragen sie ihm bald stellen würden, sondern glaubte, daß sie irgendeine Botschaft von Murano brächten. Vielleicht hatte Meister Benedetto das Fäßchen Wein so gut gemundet, daß er ein neues wünschte. Ein behagliches Schmunzeln breitete sich auf seinen beweglichen Zügen aus.
Marco räusperte sich energisch. «Ihr seid der Kapitän Matteo?» fragte er.
Matteos Zyklopenauge vergrößerte sich; Spott funkelte darin. «Hoho», erwiderte er, «du fragst wie Seine Durchlaucht vom höchsten Gericht, mein Sohn.» Er verbeugte sich leicht. «Ich bin der Kapitän Matteo. Was steht zu Diensten?»
Giannina mußte trotz der ernsten Situation lächeln, wurde aber gleich wieder ernst.
«Und die schwarze Barke gehört Euch?» fragte Marco unberührt weiter.
Kapitän Matteos Blick wurde nachdenklich. Er trat an Marco heran und legte die Hand auf seine Schulter. Eine breite, kräftige Hand, die die Partie vom Hals bis zum Oberarmansatz umschloß.
«Nun sag schon, was du willst, mein Junge. So redet man nicht mit Kapitän Matteo, selbst wenn man feine Kleider trägt.»
Marco wollte aufbrausen. Die breite Hand drückte ein ganz klein wenig; und das kluge, ruhige Auge sah ihn väterlich-verständnisvoll an. Nicht aufregen, mein Junge, schien es sagen zu wollen. Marco blieb ruhig.
Alles macht er verkehrt, dachte Giannina. Und Giovanni steht da und sagt kein Wort.
«Kapitän Matteo», sagte sie, «wir sind doch so in Sorge… und Meister Benedetto meinte auch…» Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Schluchzend sprach sie: «Sagt uns doch, wo Paolo geblieben ist!»
Giannina konnte nicht weitersprechen, sie hatte nicht einmal die Kraft, das tränenüberströmte Gesicht mit den Händen zu verdecken. Der ganze Schmerz der vergangenen Tage floß mit den Tränenperlen über ihre Wangen.
Kapitän Matteo trat ans Fenster. Seine Gestalt verdeckte es.
Dämmerlicht erfüllte das Zimmer. Unmerklich bewegten sich draußen die Zweige des Pfirsichbaumes. Der Sohn des Terrazzoschlägers pflückte die gelbe Blume ab und pfiff dabei ein Lied.
Giannina schluchzte lauter und verbarg das Gesicht. Die Haare fielen auf ihre Hände, die weiß durch das glänzende Schwarz leuchteten.
Das ist es also, dachte der Mann am Fenster. Sie wollen wissen, was aus Paolo geworden ist. Ja, wenn ich das wüßte! Warum ist er ins Wasser gesprungen? Er trommelte mit den Knöcheln gegen die Scheibe.