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Percy Jackson 05 - Die Letzte Gottin

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Percy Jackson 05 - Die Letzte Gottin
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Ethan zitterte. Schweißperlen traten auf seine Stirn. »Ich … ich weiß nicht, Majestät.«

»Doch, das tust du.« Kronos erhob sich von seinen Thron. »Als du Jackson angegriffen hast, ist etwas passiert. Irgendetwas stimmte nicht. Dieses Mädchen, Annabeth, ist dir in den Weg gesprungen.«

»Sie wollte ihn retten.«

»Aber er ist unverwundbar«, sagte Kronos gelassen. »Das hast du selbst gesehen.«

»Ich kann das nicht erklären. Vielleicht hatte sie es vergessen.«

»Sie hatte es vergessen«, wiederholte Kronos. »Ja, das muss es gewesen sein. Huch, da hab ich doch glatt vergessen, dass mein Freund unverwundbar ist, und deshalb das Messer für ihn abgefangen. Sag mal, Ethan, auf welche Stelle hast du gezielt, als du Jackson erstechen wolltest?«

Ethan runzelte die Stirn. Er schloss die Hand wie um ein Messer und mimte einen Stich. »Ich bin nicht sicher, Majestät. Das ist alles so schnell gegangen. Ich habe auf keine besondere Stelle gezielt.«

Kronos’ Finger trommelten auf die Klinge seiner Sense. »Aha«, sagte er eiskalt. »Wenn dein Gedächtnis sich bessert, erwarte ich …«

Plötzlich zuckte der Titanenherrscher zusammen. Der Riese in der Ecke löste sich aus seiner Erstarrung und das Stück Pommes fiel ihm in den Mund. Kronos taumelte rückwärts und ließ sich wieder auf seinen Thron sinken.

»Majestät?« Ethan sprang vor.

»Ich …« Die Stimme war schwach, aber für einen kleinen Moment war es die von Luke. Dann verhärtete sich Kronos’ Miene. Er hob die Hand und bewegte langsam die Finger, wie um sie zum Gehorsam zu zwingen.

»Schon gut«, sagte er und seine Stimme klang wieder stählern und kalt. »Ein kleines Unwohlsein.«

Ethan feuchtete sich die Lippen an. »Er wehrt sich noch immer, stimmt’s? Luke …«

»Unsinn«, fauchte Kronos. »Wiederhole diese Lüge, und ich schneide dir die Zunge heraus. Die Seele dieses Jungen ist zerschmettert worden. Ich passe mich nur den Grenzen seiner Gestalt an. Dazu ist Ruhe vonnöten. Das ist ärgerlich, aber nur eine vorübergehende Unannehmlichkeit.«

»Wie … wie ihr meint, Majestät.«

»Du!« Kronos zeigte mit seiner Sense auf eine Dracaena mit grüner Rüstung und grüner Krone. »Königin Sess, nicht wahr?«

»Ssssehr wohl, Majesssstät.«

»Kann deine kleine Überraschung jetzt losgelassen werden?«

Die Dracaena-Königin bleckte ihre Fangzähne. »Sssehr wohl, Majessstät. Eine überaussss reizende Überraschung.«

»Hervorragend«, sagte Kronos. »Sag meinem Bruder Hyperion, er soll unsere Hauptmacht nach Süden in den Central Park verlegen. Die Halbblute werden dermaßen durcheinander sein, dass sie sich nicht verteidigen können. Geh jetzt, Ethan. Arbeite an der Verbesserung deines Gedächtnisses. Wir reden weiter, wenn wir Manhattan eingenommen haben.«

Ethan verneigte sich und meine Träume wechselten ein letztes Mal den Schauplatz. Ich sah das Hauptgebäude im Camp, aber es war eine andere Zeit. Das Haus war rot gestrichen, nicht blau. Die Camper auf dem Volleyballplatz hatten Frisuren wie in den frühen neunziger Jahren, was sicher gut war, um Monster abzuschrecken.

Chiron stand neben der Veranda und sprach mit Hermes und einer Frau, die ein Baby auf dem Arm hatte. Chirons Haare waren kürzer und dunkler. Hermes trug wie immer seinen Trainingsanzug und die geflügelten Turnschuhe. Die Frau war groß und hübsch. Sie hatte blonde Haare, leuchtende Augen und ein freundliches Lächeln. Das Baby auf ihren Armen zappelte in seiner blauen Decke, als ob Camp Half-Blood der letzte Ort auf der Welt wäre, wo es sein wollte.

»Es ist eine Ehre, dich hier zu haben«, sagte Chiron zu der Frau, klang dabei aber nervös. »Hier ist schon lange keine Sterbliche mehr zugelassen worden.«

»Ermutige sie doch nicht auch noch«, knurrte Hermes. »May, das kannst du nicht machen!«

Mit einem Schock ging mir auf, dass ich May Castellan vor mir hatte. Sie sah überhaupt nicht aus wie die alte Frau, die mir begegnet war. Sie wirkte so lebhaft – wie ein Mensch, der lächeln konnte und in dessen Gegenwart sich alle wohlfühlten.

»Ach, mach dir doch nicht solche Sorgen«, sagte May und wiegte das Baby. »Ihr braucht doch ein Orakel, oder? Wie lange ist das alte schon tot? Zwanzig Jahre?«

»Länger«, sagte Chiron düster.

Hermes hob verzweifelt die Hände. »Ich hab dir die Geschichte nicht erzählt, damit du dich bewirbst. Das ist gefährlich, Chiron, sag ihr das!«

»Stimmt«, sagte Chiron warnend. »Ich habe viele Jahre lang allen verboten, es zu versuchen. Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Die Menschheit scheint die Fähigkeit verloren zu haben, das Orakel zu beherbergen.«

»Wir haben das alles schon besprochen«, sagte May. »Und ich weiß, dass ich es kann. Hermes, das ist meine Gelegenheit, etwas Gutes zu tun. Und mir ist diese Seherinnengabe nicht ohne Grund gegeben worden.«

Ich wollte May Castellan anschreien, dass sie es lassen sollte. Ich wusste, was passieren würde. Nun begriff ich endlich, was ihr Leben zerstört hatte. Aber ich konnte mich nicht bewegen und nicht sprechen.

Hermes sah eher verletzt aus als besorgt. »Aber du kannst nicht heiraten, wenn du das Orakel wirst«, klagte er. »Du darfst mich dann nicht mehr treffen.«

May legte ihm die Hand auf den Arm. »Ich kann dich ohnehin nicht für immer behalten, oder? Du ziehst ja doch bald weiter. Du bist unsterblich.«

Er wollte widersprechen, aber sie legte die Hand auf seine Brust. »Du weißt, dass es so ist. Versuch nicht, meine Gefühle zu schonen. Außerdem haben wir ein wunderbares Kind. Ich kann Luke doch auch noch großziehen, wenn ich das Orakel bin, oder?«

Chiron hüstelte. »Ja, aber um fair zu sein, ich weiß nicht, wie das den Geist des Orakels beeinflussen wird. Eine Frau, die bereits ein Kind geboren hat – soviel ich weiß, ist das noch nie passiert. Wenn der Geist sich nicht niederlassen will …«

»Das wird er«, erklärte May überzeugt.

Nein, wollte ich schreien. Das wird er nicht.

May Castellan küsste ihr Baby und reichte Hermes das Bündel. »Ich bin gleich wieder da.«

Sie lächelte die beiden ein letztes Mal zuversichtlich an und stieg die Treppe hoch.

Chiron und Hermes liefen schweigend hin und her. Das Baby zappelte.

Ein grünes Glühen erhellte die Fenster des Hauses. Die Camper unterbrachen ihr Volleyballspiel und starrten zur Mansarde hoch. Ein kalter Wind fegte durch die Erdbeerfelder.

Hermes hatte es offenbar auch gespürt und rief: »Nein! NEIN!«

Er drückte Chiron das Baby in die Arme und rannte auf die Veranda zu. Aber noch ehe er die Tür erreicht hatte, wurde der sonnige Nachmittag von May Castellans entsetzten Schreien zerrissen.

Ich fuhr so plötzlich hoch, dass ich gegen einen Schild stieß.

»Au!«

»Tut mir leid, Percy.« Annabeth stand über mir. »Ich wollte dich gerade wecken.«

Ich rieb mir den Kopf und versuchte, die verstörenden Visionen zu vertreiben. Plötzlich ergaben viele Dinge einen Sinn: May Castellan hatte versucht, das Orakel zu werden. Sie hatte nichts von Hades’ Fluch gewusst, der verhinderte, dass der Geist von Delphi in ein anderes Medium einzog. Und Chiron und Hermes hatten es auch nicht gewusst. Ihnen war nicht klar gewesen, dass May, wenn sie versuchte, diesen Platz einzunehmen, in den Wahnsinn getrieben werden würde, gequält von Anfällen, bei denen ihre Augen aufglühten und sie Szenen aus der Zukunft ihres Kindes sah.

»Percy?«, fragte Annabeth. »Was ist los?«

»Nichts«, log ich. »Was … wieso bist du in Rüstung? Du solltest dich doch ausruhen.«

»Ach, mir geht’s gut«, sagte sie, obwohl sie noch immer blass aussah. Sie bewegte ihren rechten Arm kaum. »Nektar und Ambrosia haben geholfen.«

»Aber du kannst jetzt wirklich noch nicht wieder kämpfen.«

Sie reichte mir ihre gesunde Hand und half mir beim Aufstehen. Mein Schädel dröhnte. Der Himmel draußen war lila und rot.

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