Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Als Baronin Nädhernä bei uns lebte, war sie auch schonverarmt, trotzdem — wurde mir berichtet — wirkte sie vornehm wie eh und je. Und sie war es gewohnt, herrische Befehle zu erteilen. Aus ihrem Schloß in Janovice wurde sie zuerst von den Deutschen verjagt, dann hausten dort die Russen, schließlich bediente sich an der Einrichtung auch noch die tschechische Dorfbevölkerung. Die Baronin paßte in vielerlei Hinsicht zu uns. Sie wollte im zukünftigen tschechischen Kommunistenparadies allerdings nicht bleiben, wollte nach England auswandern, später eventuell nach Argentinien. Ihre Verarmung empfand sie aber auch als Erleichterung — ähnlich wie meine Damen. Sie brauchte sich endlich keine Sorgen mehr über den baulichen Zustand des Schlosses zu machen, die aufreibende Arbeit im Park und Garten fiel weg, bei Stürmen mußte sie wegen ihrer wertvollen Bäume keine Ängste ausstehen.
Als Baronin Nädhernä bei uns wohnte, war das Tantenkartell noch nicht vollständig. Wir waren noch nicht alle eingetroffen oder — wie ich — noch nicht geboren. Was das Liebesleben der Baronin angeht, gab sie sich, wie man weiß, alles andere als prüde. In dieser Hinsicht war sie bei uns auch passend untergebracht. Daß sie eine Zeitlang — rein formal gesehen waren es dreizehneinhalb Jahre — mit einem Verrückten verheiratet war, paßte zu uns ebenfalls hervorragend, denke ich. Ihr verrückter Gatte hieß Graf Thun und Hohenstein. In diesen dreizehneinhalb Jahren war unsere Baronin daher keine Baronin, sondern eine echte Gräfin. Und korrekt wie sie war, unterschrieb sie auch so. Und nicht zu vergessen — sie war zusätzlich noch Ehrendame des k. u. k. Damenstifts in Graz. Ihren Schmuck besaß sie größtenteils noch, ihr eigentlicher Schatz waren aber — wie schon berichtet — Kraus' Briefe, die sie in einem Koffer aufbewahrte. Diesen Koffer, der unter meinem zukünftigen Bett zwischengelagert worden war, übergab sie vor ihrer Flucht ihrem Anwalt Herrn Turnovsky. Den voluminöseren Teil ihrer Schätze — beispielsweise die Widmungsexemplare derBücher von Kraus, Rilke, Altenberg und einige besondere Ausgaben der» Fackel«- ließ sie in der Königlich Niederländischen Botschaft zurück. Meine Großmutter Lizzy Schornstein funktionierte dabei als eine der Vertrauenspersonen.
Wir besaßen zu meiner Zeit auch noch etwas Schmuck aus der Vorkriegszeit, Teile des vergoldeten Silberbestecks, kleine wertvolle Kunstgegenstände. Leider ging bei uns dauernd etwas verloren. Wir aßen grundsätzlich — und daran war nicht zu rütteln — auf fein gestärkten Tischdecken. Nach dem Essen und dem Abräumen des Geschirrs wurde die Tischdecke an den Ecken hochgezogen, zum Fenster getragen, um dort gründlich ausgeschüttelt zu werden. Es war eine praktische Gewohnheit und wegen der immer hungrigen Prager Spatzen außerdem einfach Pflicht. Dummerweise war unser deutscher Kronleuchter etwas schwachbirnig bestückt, und in Mutters Zimmer war es dadurch abends nie hell genug. Und unglücklicherweise legte meine Mutter beim Essen gern ihren Schmuck ab. Mit den vielen Krümeln und sonstigen Essenresten wurden auf diese Weise nach und nach Teile des Familienschmucks entsorgt, aber auch manche neu gekaufte Halsketten, Broschen und Armreifen. Nebenbei wanderten durch unsere Fenster die letzten Reste des Silberbestecks.
Gemeinsame Mahlzeiten der Großfamilie kamen praktisch nie zustande. Die Essenszeiten der einzelnen Damen waren zu unterschiedlich, die — leichten, versteht sich — Spannungen wechselten zu oft, und die vom Krieg oder Frieden geprägten Koalitionen blieben nie stabil. Aus dem Grund gab es in unserer Wohnung mehrere autonome Kochnischen. Letzten Endes machten aber vor allem verschiedene Überempfindlichkeiten der Damen gemeinsame Mahlzeiten allzu kompliziert, so daß man auf sie letztendlich verzichten mußte. Erna durfte wegen ihrer Platzangst nicht dort hingesetzt werden, wo sie schon einmal Engegefühle entwickelt hatte, oder dort, wo sie befürchtete, beim Essen und Bauchabfüllen wieder welche zu bekommen. Und wenn sie saß, wollte sie sich nach kurzer Zeit schon wieder umsetzen. Györgyi hatte Rheuma, und für ihr Empfinden zog es in der Wohnung überall — egal aus wie feinen Ritzen der weitentfernten Fenster. Einmal zog es aus einem schwach beheizten Nebenraum, ein anderes Mal aus einem undichten Kleiderschrank.
— Dieser Schrank ist voller kalter Luft!
Györgyi spürte alle kühlen Luftbewegungen einzeln, schien sogar ihre Vektorstärken und — richtungen zu erkennen. Sie fühlte sich durch die winzigsten Strömungen (»… hier aus dem Parkett!«) regelrecht bedroht. Sie flüchtete oft nach kurzer Zeit in ihr gut abgedichtetes und überheiztes Zimmer. Dort wußte sie genau, wo die erkaltete Luft am brutalsten zu Boden fiel, und hielt sich meist in der Raummitte auf. Ihr Bett stand genau fünfundzwanzig Zentimeter von der Wand entfernt. Das gemeinsame Essen wurde aber noch durch andere Verwicklungen verhindert. Urtante Bombe durfte nie mit dem Rücken zur Tür sitzen, bei Gewitter oder starkem Wind nicht mit dem Rücken zum Fenster — und auch nicht zur Tür. So saßen wir abends am Tisch meistens zu dritt oder zu viert. Großmutter Lizzy, ich und meine Mutter Anna. Die vierte war, wenn ihr die Abendbrotflucht gelang, Onkels Frau Eva.
Zum unvermeidlichen und doch gesamtfamiliären Ritual gehörte der gegenseitige Tausch der Kochüberschüsse und diverser Essenreste (»Ich kann das nicht zum vierten Mal…«). An der pausenlosen Tauschbörse nahmen alle teil — also auch die separatistischen Selbstversorger — , egal, ob es momentan irgendwelche Auseinandersetzungen gab oder nicht. Verwertet wurde alles, was einigermaßen eßbar war, nichts durfte weggeworfen werden, selbst wenn es schon leicht schimmelte. Einmal versuchte Lizzy sogar einen Flaschenkorken zu essen — genauer gesagt einzelne brotkrümelähnliche Stücke, die von einem Korken stammten. Onkels Frau aß abends oft zweimal — zuerst mit ihrem Mann, mit ihm im Grunde aber nur pro forma und wenig. Danach kam sie zu uns, brachte etwas mit und aß hübsch weiter, um nicht noch dünner zu werden.
Der sparsame Onkel ONKEL kochte unglücklicherweise gern — und» gut «hieß bei ihm billig. Eine bestimmte Sorte Blutwurst war damals sehr billig. Das, was er in seinen Töpfen aufbewahrte, sah immer undefinierbar aus und roch nach Tod. Der zusätzliche Zweck seiner genußfeindlichen Kocherei war vielleicht aber auch, jegliche Zuschauer und alle potentiellen Mitesser zu vertreiben. Er aß am liebsten allein, und alle ließen ihn gern allein. Uns Kindern machte sowieso große Angst, WIE verbissen er aß. Ich konnte den Anblick kaum ertragen, trotzdem schaute ich ihm beim Essen nach Möglichkeit doch immer wieder zu. Er schmiß sich die Essenhappen ganz schnell in den Mund und kaute sie dann extrem lange — kräftig, wütend, erbarmungslos. Dabei wölbten sich seine Schläfen ungewöhnlich stark, pulsierten so gewaltig, daß ich an ihnen mit den Augen regelrecht haftenblieb. Solche Bewegungen, solche sprechenden Schädelaktivitäten kannte ich von keinem anderen Erwachsenen und fühlte mich durch Onkels Zermalmungsorgien regelrecht bedroht. Ich sah die rhythmischen Bewegungen seiner Kiefer, stellte mir das Aufeinanderprallen seiner Backenzähne vor und phantasierte, daß er dort problemlos auch meine Körpermasse hätte in Mus verwandeln können. Trotz dieser ausufernden Kauübungen schien Onkels oft stummer Mund mit der Zeit immer kleiner zu werden, zog sich infolge seiner Verbitterung immer mehr zu. Und da Onkel ONKEL insgesamt sehr wenig sprach, reichten ihm beim Kommunizieren im Grunde nur einige Standardsätze. Einer davon war: GLAUB' ICH NICHT.- Aber ich habe das selbst gesehen!