Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
— Und ich stand daneben!
— Glaub' ich nicht.
Was die vom Onkel ONKEL ausgehenden bedrohlichen Signale angeht, wirkte sich leicht entschärfend aus, daß er so etwas wie ein Mensch des Neutrino-Blicks war. Er sah durch einen durch — manchmal jedenfalls — und sah dabei nichts. Er schien in diesen Augenblicken tatsächlich nichts zu erfassen, sein Blick besaß absolut keine energetische Ladung, wie es auch bei den Neutrinos der Fall ist. Die Funktion dieses Blicks war klar: Wenn er seine Privatheit auch außerhalb der Schrankburg bewahren wollte, mußte er andere Menschen in durchsichtige Luftfiguren verwandeln. In der schmalen Umgehungsgasse seines Raums mußte man sich, wenn er einem entgegenkam, an die Wand oder in die weicheren Vorhänge drücken, da man Angst haben mußte, von ihm angerempelt oder umgerannt zu werden.
Seine Sparsamkeit trug immerhin Früchte. Er verdiente gut und verwertete — wo und wie es nur ging — erfolgreich Materialien, die die VOLKSEIGENE Staatswirtschaft an allen Ecken und Enden aussonderte. Diese gab vieles tatsächlich als Abfall frei, ließ Brauchbares gammeln, fragmentierte und verschenkte sich in ihrer Trägheit höchstselbst. In diesem Zusammenhang von Diebstählen zu sprechen wäre absolut falsch. Fast alle Familienväter bedienten sich an den Überschüssen dieser changierenden Chaoswirtschaft. Jedermann wurde dadurch zwar nicht reich, mein Onkel wurde es doch. Aber er muß noch andere Quellen angezapft haben, schätze ich. Er wurde jedenfalls der einzig Reiche unter uns. Dieser grimmig-geheimnisvolle Mann sparte sich heimlich einen großen Schatz zusammen. Und ich weiß bis heute nicht genau, wie, wieso und wozu.
Daß mein Onkel entlarvt und auf dem von der fraulichen Einheitsfront errichteten Pranger noch gnadenloserfestgezurrt werden konnte, war meine Schuld. Als Onkel ONKEL einmal auf Dienstreise war, machten meine jüngere Cousine und ich uns daran, den heiligen Innenbereich seines Zimmers systematisch zu durchforschen. Wir stöberten dort so lange, bis wir beispielsweise einen Stapel an ihn gerichteter Liebesbriefe entdeckten. Es waren vorwiegend ältere Briefe von einer Frau, die es als seine Bekannte — oder nach wie vor doch etwas mehr? — aktuell noch gab. Wir kannten sie jedenfalls. Daß eine Frau diesen düsteren weiß-beinigen Fettklops überhaupt lieben konnte, überraschte mich maßlos. Aber noch mehr der implizite Rückschluß, daß offenbar auch Onkel ONKEL lieben konnte. Mir lieferte diese Entdeckung jedenfalls Stoff zum Nachdenken für mehrere Jahrzehnte. Damals waren wir mit diesem Fund absolut überfordert, nach solchen immateriellen Geheimnissen hatten wir im Grunde gar nicht gesucht. Die Peinlichkeit, die einen Menschen befällt, wenn er unerlaubterweise von Intimitäten eines anderen angehaucht wird, kenne ich aus dieser Zeit. Auch die Hemmung, die entlarvenden Nacktheiten gegen den Betroffenen zu nutzen.
Natürlich waren wir uns schon vor der Aktion sicher, daß es beim Onkel ONKEL viele interessante und aufregende Dinge zu entdecken geben würde. Onkels hussitische Wagenburg beherbergte ein seltsames Sammelsurium von Gegenständen, deren Zweck uns allzuoft schleierhaft war. Bevor wir auf die Briefe gestoßen waren, hatten wir beispielsweise hochwertige Gerätschaften fürs technische Zeichnen in der Hand, muffig riechende Massage-Utensilien aus rotem Gummi, die offenbar elektrostatisch aufgeladen werden konnten, weiter noch seltsam scharfkantige Karteikartenreiter aus dünnem Blech — Tausende davon in vielen flachen Schachteln; alle schon etwas angerostet, teilweise sogar ineinandergerostet. Mein Onkel sammelte bekanntlich alles, sprach über die vielen Einzelposten seiner Sammlung aber nie — so wie er über alles andere auch nichtsprach. Ihn gezielt auszufragen wäre einer glatten Provokation gleichgekommen. Dementsprechend wenig konnten ich und meine Cousine wissen, was uns bei unserer Tiefenexpedition erwartete. Onkel ONKEL hielt sich lange Stunden, ganze Abende, lange Nächte in seiner immer voller werdenden Burg auf, erklärte oft nicht einmal dann, was er trieb, wenn er uns alle mit unsäglichen Arbeitsgeräuschen störte. Manchmal legte er seinen Neutrino-Blick vollständig ab und glotzte so ungnädig hegemonial um sich, daß einem im Kopf alles zu Staub zerfiel, was man sich über ihn notdürftig zusammengereimt hatte.
Was uns zu unserer Aktion angetrieben hatte, war klar: Alles, was wir über den Onkel und Vater zusätzlich in Erfahrung bringen konnten, hätte für das Miteinander mit ihm vorteilhaft sein können. Jeder, der es schaffen würde, in diesen Mann kurz hineinzulugen, hätte ihn sicher besser verstehen, folglich sich vor ihm auch zielgerichteter in acht nehmen können. Während ich die aufregenden, für meinen damaligen Geschmack allerdings unvorstellbar schamlosen Briefe las (»… laß Dein Pimmelchen meine Lippchen aufknöspeln…«- so ungefähr, ich paraphrasiere hier natürlich nur), wühlte sich meine hausfraulich begabte Cousine weiter und tiefer in die Wäschekommode ihres Vaters hinein. Sie war vorsichtig, legte die sortiert aufbewahrten Pullover, Flanellhemden und Unterhosen stapelweise zur Seite, um sie platzgleich wieder zurücklegen zu können. Als sie sich in die hinterste Ecke vorgearbeitet hatte, entdeckte sie ein verschnürtes Säckchen.
— Hier ist etwas.
— Was?
— Etwas Größeres.
Das stimmte. In dem Sack steckte eine Blechkassette. Diese war etwas größer als ein Band des Großen Konversationsbrockhaus, nur viel leichter. Die Kassette war natürlich verschlossen. Beim Schütteln konnte man darin etwasPapierenes vermuten. Wir tippten auf Pornographie, meinten damit allerdings so etwas wie Fotos nackter Frauen auf Hochglanzpapier, also kunstvoll beleuchtete Akte in Schwarzweiß. Es hätten dort aber auch Fotos diverser, uns vollständig unbekannter Geliebter des Onkels lagern können. Mit dem Wort» Neugier «wäre unser heißer Erregungszustand vollkommen falsch beschrieben, ich war jedenfalls außer mir. Wir waren vielleicht nah dran zu erfahren, welche Frauen sich zu diesem Mann hingezogen fühlten, sich als passend zu ihm empfanden, passender als seine Frau Eva, also meine drahtige Tante der sieben Fremdsprachen. Meine Cousine zitterte leicht, ich war ratlos und als Verantwortlicher dieses Kommandounternehmens von einem Schüttelfrostanfall auch nicht weit entfernt. Mit Schlössern kannte ich mich damals noch nicht aus, hatte beispielsweise die relativ einfachen Innereien von einem Schloß mit Hakenfalle noch nie nackt gesehen. Grobe Gewalt anzuwenden kam natürlich nicht in Frage. Und mit den auf dem Fußboden liegenden und noch nicht ganz durchgesehenen Briefen vor Augen fühlten wir uns beide so unwohl, daß es nicht in Frage kam, die geheimnisvolle Kassette hinauszutragen und bei der Frauenschar abzuliefern. Mir kam bald eine rettende Idee, die meine Karriere als Bastler und Gelegenheitshandwerker begründen sollte. Mir fiel ein, daß ich beim letzten kleinen Ausflug in Onkels Wagenburg Spezialwerkzeuge entdeckt und bewundert hatte und ich wußte noch, in welchem Regal sie lagerten. Ich zog Onkels große Hebammentasche hervor, öffnete sie, starrte auf deren Inhalt und wartete auf irgendeine rettende Idee. Anschließend untersuchte ich noch einmal gründlich die Blechkassette und prüfte mögliche Schwachstellen. Auf den ersten Blick hatte sie leider keine. Alle Kanten und Ecken waren mit zusätzlichen Formteilen aus verziertem Blech verstärkt und fest vernietet, die Schloßumgebung war sogar mit einer Messingplatte abgedeckt. Die beiden Scharnierleisten abzuschrauben war auch nicht möglich. Sie waren mit Nietenköpfen übersät. Daß ich die magische Kassette am Ende doch noch knacken konnte, macht mich — wenn ich an die vielen Nieten denke — bis heute stolz. Mir fiel auf, daß der Deckel mit dem unteren Teil zwar mit einem durchgehenden und massiven Scharnier verbunden war, der Verbindungsstift, der durch die einzelnen Ösen führte, im Grunde aber nur aus einem einzigen langen Draht bestand. Dieser Stift war links und rechts nicht abgesichert, ragte auf einer Seite sogar über das Ende des Scharniers hinaus. Ich holte mir eine langgriffige, vorn sich verengende Flachzange, faßte das eine lose Ende des Stifts, drückte fest zu — und zog. Meine Cousine hielt dabei die Kassette fest zwischen ihren aufgeregt heißen Schenkeln. Beim ersten Versuch rutschte ich mit der Zange noch ab. Das nackte Drahtende bekam dabei leichte Kratzer. Beim zweiten Versuch gelang mir der Zugriff, und der Stift setzte sich in Bewegung. Ihn anschließend mit der Zange großflächiger zu fassen und ganz herauszuziehen war kein großes Problem mehr.