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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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Giannina verabschiedete sich von ihrem Freund. Obwohl sie nun endlich wußte, wo die schwarze Barke zu finden war, war ihr Herz nicht leichter geworden. Sie hatte Angst, daß sie morgen eine schreckliche Nachricht erfahren würden, wollte es aber Giovanni nicht merken lassen und sagte mit gespielter Munterkeit:

«Da werde ich jetzt gehen. Das Wichtigste haben wir ja erfahren.»

«Ja», erwiderte Giovanni, «geh nur zurück… Es ist wie im Sommer heute, man möchte den ganzen Tag im Freien sein.»

Als Giannina gegangen war, stand er lange gedankenverloren da und starrte vor sich hin.

Marco kam in den späten Abendstunden niedergeschlagen zurück. Maria ließ ihn ein.

«Messer Pietro Bocco ist hier gewesen», sagte sie. «Er kam von Bruder Lorenzo und schien sehr böse zu sein, weil Ihr nicht im Hause wart.»

Marco sah im Schein des Leuchters ihr verweintes Gesicht und unterdrückte eine heftige Bemerkung. Er wußte, wie sehr sie sich um Paolo grämte.

Kommt nur, Oheim, dachte er voll Zorn, ich werde Euch die richtige Antwort geben. Aber die Kampfbereitschaft, die er sich einreden wollte, war nicht echt. Das vergebliche Suchen lastete auf ihm. «Giannina schläft wohl schon?» fragte er. «Sie wartet auf Euch, junger Herr.» Langsam stieg Marco die Treppen hinauf.

Sie stand am Fenster, als er in die Stube trat. Auf den ersten Blick bemerkte sie, daß er nichts erreicht hatte.

«Endlich kommst du», sagte sie, froh, daß die Stunden des qualvollen Wartens vorbei waren und sie ihm eine gute Nachricht geben konnte. Die Kleider, die für Giovanni bestimmt gewesen waren, hatte sie zurückgebracht und wieder in die Truhe gelegt. Sie wollte in diesen Stunden nicht darüber reden. «Ich werde morgen weiter suchen», sagte Marco.

Das Mädchen trat schnell auf ihn zu. «Giovanni weiß, wo die schwarze Barke ist», sagte sie lebhaft. «Morgen gehen wir zu Kapitän Matteo, er ist der Besitzer der Barke.»

Marco konnte sich gar nicht so recht freuen.

Vielleicht war er zu müde dazu?

KAPITÄN MATTEO

DIE SCHWARZE BARKE LAG, VOR NEUGIERIGEN Augen geschützt, in der Ausbuchtung eines schmalen Wasserlaufes jenseits des Canal Grande. In dem Hause hinter einem Gärtchen wohnten zwei Familien: Kapitän Matteo mit seiner Frau Lucia und ein Terrazzoschläger mit drei großen Söhnen und einer fünfzehnjährigen Tochter. Das Haus gehörte wie viele andere der Republik. Die monatliche Miete war hoch; das Einkommen der Republik ar Mieten betrug jährlich fast eine Million Dukaten. Wer nicht rechtzeitig zahlte, wurde auf die Straße gesetzt. Kapitän Matteo hatte dem Terrazzoschläger mehr als einmal mit kleineren und größeren Summen ausgeholfei.

In dem ungepflegten Garten blühte zwischen wucherndem Unkraut eine hochstielige gelbe Blume. Unbekümmert um das herbstliche Sterben entfaltete sie ihre Blütenblätter mit jedem Tag schöner. Es war einer jener idyllischen Winkel, die den Eindruck eines stillen, weltabgelegenen Dörfchens inmitten des bewegten venezianischen Lebens erweckten. Das Haus, zu beiden Seiten von Wasser begrenzt, war nur mit dem Boot zu erreichen.

Kapitän Matteo lag auf dem Bett und wälzte sich stöhnend auf die andere Seite. Durch die Ritzen der Fensterläden schien die Sonne ins Zimmer. Er wollte versuchen, noch ein wenig zu schlafen. Seine Arbeit begann erst am Abend. Selten fuhr er tagsüber mit der Barke hinaus. Er überlegte sich, ob es nicht richtiger sei, den Anstrich der Barke wieder zu ändern. Der Vergleich Meister Benedettos, sie sähe einem Sarg mit Segeln ähnlich, hatte ihn sehr getroffen.

Seine Frau klapperte in der Küche mit dem Geschirr. Geräusche, die ihn sonst nicht störten, machten ihn jetzt unruhig und ärgerlich. Er ahnte, daß sein nächtliches Erlebnis die Ursache für seine Gereiztheit war, wollte es aber nicht zugeben. Es geschah in der letzten Zeit oft, daß er über sein vergangenes Leben nachdachte.

Wirst du alt, Kapitän Matteo? fragte er sich.

Er schloß die Augen und sank in einen Dämmerzustand. Und wieder tauchten die Bilder der Vergangenheit auf.

Als er achtzehn Jahre alt war, verließ er zum erstenmal seine Vaterstadt. Er war Matrose auf einem Kauffahrerschiff. Sie segelten um Sizilien und hielten Kurs auf die französische Küste. Der Schiffszwieback bekam ihm gut, und die schwere Arbeit erledigte er spielend. Schon damals wagte keiner, mit ihm anzubinden, und er selbst suchte keinen Streit. Sie lagen acht Tage im Hafen von Massilia und segelten von dort in die spanischen Gewässer. Ein furchtbarer Sturm, der heiß und gewaltig vom schwarzen Erdteil her wehte, warf das Schiff gegen die Felsen der Steilküste. Nur zwei kamen mit dem Leben davon: Matteo und der Steuermann. Der junge Matrose wanderte durch Spanien und wurde nach mancherlei abenteuerlichen Begebenheiten Soldat in der Leibgarde des spanischen Königs.

Eigentlich war vieles gegen seinen Willen geschehen oder, ehrlicher gesagt: Er hatte sich treiben lassen, jedes Abenteuer freudig begrüßt und nicht lange nachgedacht, obwohl sein Verstand besser arbeitete als der vieler Gefährten, die er unterwegs kennenlernte. Hinzu kamen seine körperlichen Kräfte, die ihm unbemerkt viele Hindernisse aus dem Wege räumten.

Sein Leben war nicht so gewesen, daß er Grund hatte, sehr zufrieden damit zu sein. Er hatte eigentlich nichts Besonderes geleistet. Die strenge Ordnung und der eintönige Dienst als Soldat des spanischen Königs gefielen ihm nicht. Er war jung und unruhig, und seine Heimatstadt hieß Venedig. Ihr Name war in aller Munde. In Venedig lebten seine Eltern. Der Vater war als Sohn eines Bauern in seiner Jugend von der Terra ferma in die Stadt gezogen und hatte nach mühevoller Arbeit und durch eine gute Heirat eine kleine Kunstschmiedewerkstatt erworben. Er schmiedete Gitter für Vorgärten und für öffentliche Zisternen. Und im Nachbarhaus wohnte die blonde Lucia, die noch ein Kind gewesen war, als Matteo in die weite Welt reiste. An alles das mußte Matteo denken, als er in der bunten Uniform steckte. Und so kam es, daß dem spanischen König eines Tages ein stattlicher Soldat fehlte.

Matteo kehrte nach Venedig zurück. Als der Vater starb, verkaufte er die Werkstatt und erwarb eine Warenbarke.

Lucia wurde seine Frau.

Wie lange lag das alles zurück, und wie hell lebte es noch in der Erinnerung! Hatte er wirklich nichts Besonderes geleistet? Im Seekrieg gegen Genua, als sich die Republik in höchster Gefahr befand, war er einer der tapfersten Matrosen gewesen, der die Soldaten auf den feindlichen Schiffen in Furcht und Schrecken versetzt hatte.

Die Gedanken eilten durch die Vergangenheit, erklommen steile Gipfel und verweilten in grauen Niederungen.

Wer war er denn heute? Einer, der sich Kapitän nennen ließ, der im Alter eitel geworden war? Fünfzig Jahre war er alt, noch immer stark und gewandt, über eine Schar von Schmugglern gebietend, geschützt durch die Gunst hoher Herren, die seine Dienste in Anspruch nahmen.

Der Kapitän Matteo!

Draußen schien die Sonne. Die schwarze Barke ruhte in der engen Bucht, und eine gelbe Blume blühte zwischen üppig wucherndem Unkraut.

Was hatte ihn gehindert, Kapitän auf einer stolzen venezianischen Fregatte zu werden? Verstand er nicht mehr von der Seefahrt als mancher, der sich Kapitän nannte?

Ja, wenn er der Sohn eines reichen Patriziers gewesen wäre! Doch es lohnte sich nicht, darüber nachzudenken. Zum Teufel damit!

Ein traumloser, fester Morgenschlaf vertrieb die Gedanken und Erinnerungen.

Als Lucia die Tür öffnete und seinen Namen rief, tönte ihr als Antwort ein lautes Schnarchen entgegen. Sie ging in die Küche zurück und zuckte bedauernd mit den Schultern.

«Ihr müßt euch noch etwas gedulden», sagte sie zu Marco, Giovanni und Giannina, die eben gekommen waren und erklärt hatten, daß sie unbedingt Kapitän Matteo sprechen müßten, es handele sich um eine wichtige Angelegenheit.

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