Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
So lagen wir beide auf dem Bett, in dem schon Baronin Nädhernä geschlafen hatte. Und wenn Karl Kraus vorbeigekommen wäre, hätte er sich über unsere zarte Symbiose sicher gefreut. Lizzys Nickerchen waren nie ausgedehnt, sie stand bald wieder auf und ging kochen oder nähen oder räumen. Ich konnte mich etwas ausstrecken. Ich hatte nie das Gefühl, viel im Leben für sie getan zu haben, sie schätzte meine gelegentliche Gastfreundschaft und meine kleinen Dienste, die ich mit der Zeit um das Servieren von ausgelöffeltem Grapefruitfleisch leicht erweitern konnte, aber trotzdem sehr hoch. Wenn sie krank war, ließ sie sich nicht gern von anderen bedienen, sie pflegte sich am liebsten allein — leise, unauffällig, sie klagte nie. Um ihre Genesung voranzubringen, badete sie so lange im heißen Wasser, bis sie im Gesicht rot wurde wie ein Krebs — und am nächsten Tag war sie in der Regel tatsächlich wieder gesund und voller Optimismus. Ihren Optimismus versuchte sie sowieso in jeder Lebenslage zu wahren. Auch ihr erster Eindruck von Auschwitz war seinerzeit — trotz einiger Auffälligkeiten — nicht der schlechteste. Nach einem kurzen Blick aus der Fensterluke sagte sie zu ihren Töchtern noch im Viehwaggon:
— Hier wird es gut sein.
er sparte sich im geheimen einen schätz zusammen
Wir hatten nie viel Geld, bei uns sah es immer etwas ärmlich aus, meine Tantendamen empfanden sich allerdings nie als arm. Sie konnten sich zwar nicht viel leisten, trotzdem gaben sie ihr Geld, wenn welches da war, liebend gern aus — mit dem befriedigenden Gefühl, anderen Menschen dadurch etwas zukommen lassen zu können. Die Fabrik, die einem Teil der Familie — im Grunde also uns allen — vor dem Krieg gehört hatte, war natürlich ein staatlicher Betrieb geworden, und wie wir alle wußten, gab es dort nur Chaos und die sozialismus-üblichen Produktions-, Qualitäts- und Lieferprobleme. Die ganze Frauenschar war überglücklich, mit diesem Dauerärgernis nichts zu tun zu haben. Meine Damen hatten sich nicht einmal unmittelbar nach dem Krieg — noch vor dem großen Zugriff des Volkes, also dem Massenraub von 1948 — bemüht, die Fabrik zurückzufordern. Dazu fehlten ihnen einerseits die Männer, andererseits wußte man, wie irrelevant bis lästig der immobile Besitz in Krisenzeiten sein kann. Die Damen forderten damals — Karl Marx stand bei uns lange hoch im Kurs — nicht einmal ihre (unsere!) prächtigen Mietshäuser zurück. Sie überließen sie der Allgemeinheit, ohne lange zu überlegen. Sie meinten zu wissen, wem die Zukunft gehören würde: dem Sozialismus natürlich. Daß ihm konsequenterweise später der Kommunismus folgen würde, hatte doch Karl Marx, unser zweitklügster Jude nach Jesus Christus, wissenschaftlich und zweifelsfrei bewiesen. Um uns herum gab es aber auch andere Stimmen.
— Glaubt ihr ernsthaft, daß dieser verbitterte Mensch mit Blut und Eiter am Anus der Menschheit wirklich Glückwünschen konnte? Ein Slawenhasser und Rassist war er obendrein.
Marx hin oder her: Meine Damen fühlten sich ausreichend reich — auch ohne Geld und ohne jegliche Ausbeutungsmöglichkeiten der Arbeiterklasse, einfach aus Gewohnheit. Und dieses Gefühl sollte sie nie verlassen. Die meisten von ihnen waren früher sogar sehr reich gewesen — besser gesagt: einer ihrer Nächsten war es tatsächlich. Und sie kannten es gar nicht anders. Außerdem wurden sie zur Noblesse erzogen und waren es gewohnt, sich in Gesellschaft immer zurückhaltend zu benehmen. Und vornehm, wie man war, protzte man mit dem Reichtum nicht wie ein Parvenu. Dabei blieb es dann auch ohne Besitz. Dazu fällt mir folgendes ein: Daß unsere Totenmaske von Karl Kraus bei Freunden in New York zwischengelagert worden war und dort nach dem Krieg auch blieb, schien für alle vollkommen in Ordnung zu sein — sie gehörte uns trotzdem weiter.
Weil in unserer Wohnung tatsächlich einige wertvolle Möbelstücke herumstanden, konnten sich dort meine Damen mit etwas Phantasie wie in einer traditionsreichen und für sie angemessenen Bleibe vorkommen — egal, wie abgeschabt, durchgewetzt oder beinschwach die Wohnungseinrichtung inzwischen war. Manche Einrichtungsgegenstände, Teppiche zum Beispiel, bekamen einige der Tanten von ihren ehemaligen Nachbarn tatsächlich wieder, das meiste, was bei uns nach der großen Kriegsrochade herumstand, stammte allerdings — wie berichtet — von vertriebenen Deutschen.
Ich habe lange darüber gegrübelt, wieso keine meiner Damen über die Ärmlichkeit und Häßlichkeit unserer Behausung geklagt hat. Dabei war unsere relative Armut gut sichtbar, da und dort problemlos zu tasten — sogar an der Kleidung der einen oder anderen Dame, zum Beispiel an den mit Lacktropfen versiegelten Stellen, an denen dieLaufmaschen ihrer Strümpfe zum Stillstand gebracht worden waren. Einmal wollte ich Tante Erna auf dem verschneiten Bürgersteig stützen und rutsche mit meiner Hand durch den kaputten Pelz in ihre Achselhöhle. Ihr ausnahmsweise schuldbewußter Blick war unvergeßlich. Ganz nachfühlen konnte ich die bei uns sonst herrschende Gelassenheit nie wirklich. Zwischen den Tanten gab es in diesem Punkt aber offenbar keine großen Differenzen. Vielleicht spielte hier auch wieder der rauschbärtige Karl Marx eine Rolle. Die Damen dachten eventuell, der Sozialismus müsse — wie jedes aus dem Nichts auferstandene Unternehmen — häßlich, ärmlich und klein anfangen; erblühen könne er und würde er erst später. Die Tanten stolperten also in ihrer tadellosen Haltung über gefährlich zerklüftete und sich nach oben biegende Ränder der häßlichen Linoleumbahnen im Flur, blieben an irgendwelchen zersplitterten Kanten hängen und zerrissen sich dabei wiederholt ihre kunstvoll ausgebesserte Kleidung. An ihren Kostümen und Röcken sah man sowieso immer irgendwelche fadenscheinigen Stellen. Die Tanten ertrugen alle möglichen Ankleideprobleme meistens mit Gleichmut, die gemeinsamen Nähkränzchen waren sowieso beliebt. Und sie wußten sich auch anderweitig zu helfen: Sie beklebten beispielsweise — ohne Onkel ONKEL um Hilfe bitten zu müssen — besonders aggressive Stuhlkanten mit hautfarbenen Heftpflastern; außerdem entwickelten sie mit der Zeit bestimmte Abwehr- oder Vermeidetechniken. Im Flur wichen sie den schlimmsten Fußbodenfallen traumwandlerisch aus und beachteten diese Schandflecke einfach nicht mehr.
Das graue Linoleum im Flur war braun-gelb-rosa gesprenkelt. Der Schöpfer dieses fürchterlichen Musters konnte sicher nicht ahnen, daß sich später blutjunge Ästheten wie ich ausgerechnet über diejenigen Stellen freuen würden, an denen dieses Muster abgetreten und nicht mehr zu erkennen sein würde. Überall, wo das Linoleum gar nichtmehr vorhanden war, sah man breite und von früher stark durchgetretene Dielenbretter. Der schönen Holzmaserung konnte der eingefressene Dreck nicht viel antun — und ich liebte dieses Holz, das voller Echtheit war. Die Linoleumlöcher wurden größer und vermehrten sich natürlich auch dank meiner Mitarbeit. Ich knickte die rissigen Ränder dieses Belags gern um, brach die verhärteten, auf der Unterseite teerschwarzen Stücke aus und veränderte dadurch die Umrisse der einzelnen linoleumbefreiten Gebiete. Diese bekamen von mir allmählich sogar Eigennamen wie England oder Irland, das größte Loch hieß Australien. Die Tanten fühlten sich beim Betreten des ständig wachsenden Archipels nicht viel anders, als wenn sie über ein denkmalgeschütztes Parkett schweben würden und dabei höchstens irgendwelchen empfindlichen Intarsien ausweichen müßten. Wenn eine von ihnen wochenlang in irgendeiner unmöglich gemusterten Schürze herumlief, mußte erst ein Außenstehender andeuten, ihr Kostüm, das sie darunter trug, käme nicht genügend zur Geltung.
Eines Tages nahm sich der materialkampferprobte Onkel die Schande unseres Flurs vor und verlegte einen elastischeren, also fortschrittlicheren Fußbodenbelag. Da Onkel ONKEL farbenblind war — das heißt rotgrün-sehschwach — , mußte er sich um die farbliche Harmonisierung hinsichtlich der vielen roten, grünen (und mit ihnen verwandten) Farbtöne der Vorhänge nicht kümmern. Der Fußboden war jetzt immerhin einfarbig, leider penetrant hellblau. Dieses Linoleum hatte der Onkel einem Bekannten SEHR GÜNSTIG abgekauft. Die Ritzen zwischen den Bahnen vernagelte er mit berillten Aluminiumstreifen, die sich leider etwas wellten und bald zu neuartigen Stolperfallen mutierten. Es gäbe noch viel häßlichere Farben, meinte meine Großmutter Lizzy, die immer grundsätzlich versuchte, an jedem Reinfall oder Mißgeschick etwas Erfreuliches zu finden.