Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
Murano war in den vergangenen Jahren zusehends gewachsen und würde auch weiterhin an Bevölkerungszahl zunehmen. Aber noch besaß es seinen ländlichen Charakter.
Leichtfüßig eilte Giannina an dem auf einem Hügel liegenden Anwesen Messer Celsis vorbei. Sie fürchtete sich nicht mehr vor dem hageren Teufel, wünschte aber auch nicht, ihm zu begegnen. Als sie vor ihrem Hause war, bemerkte sie Giovannis Vater im Nachbargarten. Er hatte das Bein weit von sich gestreckt und ließ sich von der Sonne bescheinen.
«Giannina, du bist es?» rief er, aufgeweckt durch ihre Schritte. «Da wird sich Giovanni freuen. Wie lange bleibst du?»
Das Mädchen wurde durch Ernestos Frage wieder an ihre traurige Mission erinnert. Sie setzte sich neben ihn auf die Bank und berichtete, was sich ereignet hatte. Ernesto überlegte lange, ehe er etwas erwiderte. Er konnte nur schwer begreifen, wie es möglich war, daß ein Mensch so spurlos verschwand. Und daß es ausgerechnet dem kräftigen Paolo geschehen war!
«Wie kann ich euch nur helfen?» fragte er. «Ich, mit meinem einen Bein…»
Wieder wollte die Bitterkeit in ihm aufsteigen. Aber als er Gianninas trauriges Gesicht sah, bezwang er sich.
«Marco schickt für Giovanni Kleider und Schuhe. Hier sind sie, Onkel Ernesto. Sie sind ihm zu klein geworden und könnten Giovanni passen, meint er.» «So!» In Ernestos Gesicht zuckte es. Giannina breitete die Herrlichkeiten auf der Bank aus. «Wenn nur Paolo erst wieder da wäre», sagte sie, «dann wäre alles gut… Seht nur, die schönen Schnallenschuhe!» «Packe alles wieder ein, Giannina», sagte Ernesto mit rauher Stimme. Giannina sah ihn überrascht an.
Ernesto strich ihr über das Haar. «Denkst du denn, Giovanni würde das annehmen, Giannina?» fragte er leise. Das Mädchen errötete.
«Er meint es doch gut, Onkel Ernesto», sagte sie zaghaft.
«Ich weiß, Giannina. Du mußt es trotzdem zurückgeben. Sag nur dem jungen Herrn, daß ich selbst Giovanni neue Kleider kaufen werde. Morgen schon! Sag es ihm so, daß er sich nicht verletzt fühlt! — Vielleicht wird er es verstehen», setzte er sinnend hinzu.
Giannina wußte nicht, was sie erwidern sollte. Und die Sorge um Paolo war wichtiger als alles andere und ließ die Kleidergeschichte schnell in den Hintergrund treten. Sie ging in das Haus ihrer Eltern und bereitete für sich und Ernesto ein kleines Frühstück. Während des Essens berieten sie gemeinsam, was zu tun sei. Giovannis Vater meinte, sie solle gegen Mittag zu Meister Benedetto gehen und dort nach der schwarzen Barke fragen. Etwas anderes könne er ihr nicht raten.
Schweren Herzens ging Giannina zu dem Freund. Sie wußte, wie sehr er an Paolo hing. Die Nachricht würde ihn schwer treffen. Aber es blieb ja nichts anderes übrig. Sie mußte ihm sagen, was geschehen war, je schneller, desto besser.
Als das Mädchen, unberührt von der Schönheit der Lagune, die kleine Bootswerft im Sonnenschein liegen sah, stand Giovanni gerade bei Meister Benedetto und empfing eine der weisen und lustigen Belehrungen. Der Meister, den erhobenen Zeigefinger noch in der Luft haltend, brach seine Worte plötzlich ab. «Aha», sagte er zu dem nichtsahnenden Giovanni, «die Windsbraut kommt. Na, dann lauf nur schnell zu ihr hin.» Sprach's und verschwand in seinem Schuppen.
Giovanni blickte überrascht auf. Wie sollte er das nun wieder verstehen? Was meinte der Meister nur? Da gewahrte er Giannina. Sie ging langsam dahin und kam ihm nicht wie sonst freudig entgegengesprungen.
Er wußte nicht recht, ob er lachen oder ernst sein sollte. Aber die Freude über Gianninas Kommen war stärker als der Arger über des Meisters Spott. Soll er nur sehen, daß Giannina meine Freundin ist, dachte er trotzig, alle können es sehen, meinetwegen.
«Da bist du mal wieder in Murano», sagte er, erstaunt über den Ernst in ihrem Gesicht. «Hat er dich gehen lassen?» Er verbesserte sich schnell. «Ich meine… Marco… läßt er was bestellen?»
Giannina beachtete seine Verwirrung nicht. In gleichförmigem Ton erzählte sie ihm, warum sie gekommen war. Mit hängenden Schultern stand sie vor ihm, als sie geendet hatte. Der Wind spielte mit ihrem Kleid, und die Sonne schien auf ihr dunkelglänzendes Haar. Die Axtschläge und das Klopfen der Hämmer drangen grell in ihr Bewußtsein.
Giovanni wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. «Etwas hineingeflogen», murmelte er und wandte sich ab. Das stach und biß in seinen Augen!
«Wir glauben nicht, daß Paolo ertrunken ist. Messer Bocco lügt!» sagte Giannina, um das lähmende Schweigen zu brechen.
«Natürlich lügt er», fuhr Giovanni sie an. «Warte mal, ich habe da etwas im Auge… So, jetzt ist es schon besser!»
Er erzählte ihr, daß er gestern die schwarze Barke gesehen habe.
Giannina stieß einen Freudenschrei aus, schlug sich aber gleich auf den Mund, weil sie sich sagte, daß mit der Existenz der Barke ja noch nicht bewiesen war, ob Paolo lebte oder nicht.
Sie dachten nach, was am besten zu tun sei. Giovanni hielt es für richtig, wenn sie Meister Benedetto die Geschehnisse von Anfang bis zu Ende erzählten. Sicher würde er ihnen dann die Wohnung Kapitän Matteos mitteilen. Giannina stimmte dem Vorschlag zu.
Meister Benedettos Gesicht sah ungewöhnlich ernst aus, als er den Bericht der zwei gehört hatte. Er dachte an den Besuch Kapitän Matteos und sah einige Dinge in anderem Licht: die beschädigte Barke, das zerschlagene Gesicht Matteos und auch dessen, wie er sich jetzt erinnerte, etwas gemachte Heiterkeit. Fragen bestürmten ihn. Hing das alles mit dem Verschwinden des Dieners Paolo zusammen? Hatte es einen Kampf zwischen den beiden gegeben, bei dem Matteo den Gegner über Bord geschleudert hatte?
Paolo war mit einer schwarzen Barke gefahren und nicht wieder zurückgekehrt.
Ein merkwürdiger Zufall hatte Kapitän Matteo nach Murano geführt. Jetzt standen der Junge und das Mädchen vor ihm und verlangten einen Rat.
Meister Benedetto kannte das Leben Kapitän Matteos. Der Freund war einer der geschicktesten Schmuggler, dem man aber, obwohl er sein Geschäft schon einige Jahre betrieb, noch nie das mindeste hatte nachweisen können. Das wußte Benedetto, und es war in seinen Augen kein Verbrechen. An diesem Geschäft beteiligten sich insgeheim auch die Herren, die im Großen Rat mit scheinheiligen Reden die strengste Bestrafung der Schmuggler forderten. Nur verstanden sie es, im Hintergrund zu bleiben.
Hatte sich Matteo zu einem Mord hinreißen lassen? Das war die Frage, die Meister Benedetto zu ernstem Nachdenken veranlaßte. Er konnte sich das nicht vorstellen; denn er wußte, daß Matteo sich trotz seines abenteuerlichen Lebens seine gutmütige Natur bewahrt hatte. Vielleicht war er angegriffen worden und hatte sich seiner Haut wehren müssen?
Er war den Kindern, die unruhig vor ihm standen, eine Antwort schuldig. Er durfte nicht länger schweigen. So entschloß er sich endlich, mit ihnen zu reden. «Kommt!» sagte er.
Giovanni und Giannina folgten ihm ins Freie. Das lange Schweigen des Meisters hatte besonders bei Giovanni ein beklemmendes Gefühl wachgerufen.
«Ich werde euch beschreiben, wo Kapitän Matteo wohnt», sagte Meister Benedetto. Mit der Fußspitze zeichnete er ihnen den Weg in den Sand.
«Geht zu ihm», sagte Meister Benedetto, noch immer mit dem gleichen ernsten Gesicht. «Am besten morgen früh. Heute abend werdet ihr ihn nicht mehr antreffen. Und bestellt, daß ich es war, der euch zu ihm geschickt hat. Sagt, ich wolle genau wissen, wie sich das alles verhielte. Und redet mit keinem darüber.»
Mit schleppenden Schritten ging er in den Schuppen zurück, suchte in den Holzspänen nach seinem Krug und trank einen Schluck.