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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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— Georg, du wirst ein Mathematiker!

— Solche Leute brauchen wir! lallte und nickte dazu einer seiner Saufkumpane.WOZU hättet ihr meine mathematischen Fähigkeiten gebrauchen können, ihr Trottel? Zum Zählen eurer Biere und Schnäpse? Das frage ich meinen Vater und seine sicher auch schon längst toten Freunde bis heute.

Beim wärmenden Erwarten meiner Zukunft war es oftmals am klügsten, einige meiner früheren Gegenwarten — besonders die peinlichen — einfach abzuschreiben. Die bereits erwähnten sedimentierten Hinterlassenschaften lagen irgendwann wie kompakte Lehmschichten in Sicherheit, tief unter mir begraben. Die glücklicheren und viel dickeren Lagen ruhten friedlich dazwischen, von meiner starken frühen Urschicht, die wohlig vor sich hindampfte, ganz zu schweigen. Trotzdem war ich mehrmals nahe daran, meine Vergangenheit kurzerhand in ein Einzelstück zusammenzuknödeln, zusammensacken zu lassen — in der Hoffnung, sie irgendwann in einem amorphen Klumpen verkommen zu sehen. Wenn ich mich eines Tages nicht entschlossen hätte, über meine Vergangenheit zu schreiben, wäre es dazu sicher auch gekommen. Der Wunsch, meine Vergangenheit als eine Einheit gären zu lassen, blieb mir aber auf Dauer erhalten. Das Bild eines solchen nicht selektierbaren Haufens geisterte in mir jedenfalls immer wieder und roch verführerisch. Wer hätte sich in diesem Gemisch nicht gern mitauflösen lassen? Und vielleicht ist diese Wunschtendenz der Grund dafür, daß ich eine ähnliche Zusammenknödelungstendenz auch hinsichtlich meiner Zukunft entwickelt hatte. Als ein tschechisch sprechender Mensch bin ich sowieso vorvergangenheitslos aufgewachsen. Die Vorvergangenheit ist im modernen Tschechisch ausgestorben. So gibt es in meinem Land vor der Gegenwart praktisch nur eine einzige Vergangenheit, nach der Gegenwart im Grunde nur eine einzige Zukunft.

Dafür geht das Tschechische mit den Verben an einer anderen Stelle äußerst diffizil um. Und womöglich rettetemich diese andere und für Fremde fast unerlernbare Feinheit unserer slawischen Sprache davor, mich in einen menschlichen Komposthaufen zu verwandeln. Jedes Verb gibt es bei uns im Grunde zweimal, und jedes dieser Pärchen schleppt gewisse Anhängsel von Feinheiten, etliche Manipulationsmöglichkeiten mit Vorsilben mit sich; außerdem gewisse Spannungen, die den dazugehörigen sogenannten Aspektkorrelationen immanent sind. Jedes der jeweiligen Paare eignet sich nicht nur zur Erfassung der Wirklichkeit, sondern dient auch der Vorführung seiner eigenen problematischen Doppel- bis Mehrfachexistenz.

Lizzy

Meine wichtigste und konstanteste Bezugsperson wurde schon sehr früh meine Hauptgroßmutter Lizzy. Sie wurde es nicht nur wegen Mutters TBC und ihrer längeren Aufenthalte im Sanatorium, diese Rangordnung besiegelten nach und nach auch Mutters häusliche Abschottungskuren. Und meine Großmutter blieb mein eigentlicher Bezugspunkt bis zu ihrem Tod. Großmutter Lizzy war das stabilste Wesen aus der gesamten Frauenherde um mich herum, sie war außerdem diejenige, die auf uns Kinder, egal, was wir angestellt hatten, nie böse sein konnte. Ich durfte sie necken, soviel ich wollte — sie amüsierte sich mit. Ich konnte über sie lachen, wieviel ich wollte — sie freute sich, daß ich fröhlich war. Für mich und meine Cousinen war sie außerdem so etwas wie ein Abfalleimer für Apfelgriebse. Es war aber ihre eigene Schuld. Sie hatte uns verboten, jegliche Essensreste wegzuwerfen — so auch die Apfelinnereien. Außerdem behauptete sie wiederholt, nichts schmecke ihr besser als das Kerngehäuse.

— Die Schale und das Fruchtfleisch sind für euch Kinder gesund und wichtig, der Griebs ist für alte Leute eine Art Medizin.

Wir sollten — mit dem Rest des Apfels in der Hand — immer zu ihr kommen und ihr den Griebs einfach in den Mund schieben. Sie zerkaute ihn vor unseren Augen bis auf den Stengel und schmatzte danach demonstrativ. Später konnte ich mich als bescheidener Helfer zum Glück revanchieren. Lizzv ließ sich von mir und nur von mir ihre zunehmend borstigen Härchen aus ihrem Kinn zupfen. Ich machte diese Arbeit gern, und irgendwann wurde ich unersetzbar — alle anderen trauten sich einfach nicht, ihr beim Ziehen ihrer Borsten weh zu tun. Und es tat ganz sicher weh, egal, wie Lizzy es bestritt. Die Tränen kullerten ihr aus beiden Augen, wenn ich mich an ihr zu schaffen machte. Sie lächelte dabei trotzdem liebevoll und beruhigte mich. Ihr leichtes Schnurrbärtchen ließen wir nach einer gründlichen Beratung allerdings lieber in Ruhe. Ihr Kinn säuberte ich dafür gründlichst, arbeitete mich auch noch weiter nach oben neben Lizzys Mundwinkel, auf dem Kinn entfernte ich auch alle feineren Härchen. Die starken Borsten, die immer unbedingt gezupft werden mußten, offenbarten tiefe, gut sichtbare Porenlöcher. Ich fand Lizzy trotz allem wunderschön, sie sah — mit oder ohne Kinnhärchen — sowieso immer wie eine kultivierte Dame aus und blieb es auch in ihren von ihr nicht wegzudenkenden Küchenschürzen. Sie war mir für meine Dienste sehr dankbar, freute sich über diese Verjüngungskuren regelmäßig — steigerte sich darin sogar. Und sie genoß einfach auch die Zeit, die wir miteinander auf diese Weise schmerz- und freude-intensiv verbringen konnten, körperlich so nah beieinander. Kurz nach der Entborstung ging sie zum Friseur und kam mit einem ondulierten Kopf wieder heim, oft hatte sie sich ihre grauen Haare sogar mit einer lila Tönung veredeln lassen. Sie wollte mir gefallen, und ich verriet ihr nicht, daß sie sich — was mich anging — den Friseur manchmal auch hätte sparen können. Ich umarmte sie und sagte, sie sei wunderschön mit ihren Wellen und ihrem lila Schimmer. Danach strahlte sie noch heller als sonst und war überglücklich. Viel mehr verlangte sie von mir nicht. In ihrer Selbstlosigkeit stellte sie nie besondere Forderungen, mein pures Ich war für sie als Geschenk des Himmels ausreichend.

Meine Mutter war meine Ernährerin und war ein ebenmäßiges Naturwunder, da sie aber — wie gesagt — zu oft pausierte und sich manchmal furchtbar tyrannisch benahm, konnte sie niemals ein wirklich schattenloses Liebesobjektabgeben. Ich hob meine Großmutter Lizzy auf diese vakant gewordene Stelle — mit einer gezückten Pinzette in der Hand, umsichtig und libidinös ungeschützt. Später begann ich zu ahnen, daß ich hier vielleicht nach der Erklärung für meine wildstreunende Begeisterung für die Schönheit älterer Frauen suchen könnte.

Manchmal kam Lizzy unverhofft zu mir und sagte, sie wolle sich kurz ausruhen. Ich lag oft auf meinem Bett — wenn es nicht zu kalt war, konnte ich dort am besten lesen. Da Lizzy Angina pectoris hatte, für Teile der Familie trotzdem pausenlos im Einsatz war und oft schwere Taschen oder Wäschepakete schleppen mußte, überkamen sie manchmal kleine Erschöpfungsanfälle. Beim Abendbrot kippte sie manchmal vor Müdigkeit plötzlich zur Seite. Sie hätte sich viel öfter ausruhen sollen, meinten alle. Wenn sie zu mir kam, um sich auszuruhen, war es mir eine Freude, sie zu empfangen.

— Leg dich ruhig hin, sagte ich und wußte genau, was sie vorhatte.

Sie wollte sich nur kurz zu meinen Füßen legen, quer über das Bettende — bei ihrer Kürze und mit ihrem etwas gekrümmten Rücken paßte sie ohne Probleme dorthin.

— Wie ein Hündchen, sagte sie selbst.

Sie legte sich hin, ich las weiter und bewegte mich nicht. Danach wurde es sehr still. Lizzy lag bequem und schön entspannt, sie zappelte nicht, rutschte nicht vom Rand, auch ihre Glieder machten sich nicht selbständig — und sie störte mich tatsächlich nicht. Ihr eigenes Bett, das bedeckt im gleichen Zimmer stand, blieb unberührt. Sie atmete in ihrer Embryonalstellung oft so leise, daß ich Angst um sie bekam, oft hörte ich aber bald schon ihr zartes Schnarchen und sah, wie sich ihre Gesichtsmuskulatur lockerte — sie glich eher einer Katze als einem Hund. Als Frau war sie schon eine Ewigkeit allein. Ihren Mann — sein familiärer Kosename war Papilla — hatte sie nie aufgehört zu liebenund ihn wie einen Halbgott zu verehren. Er war derjenige der drei Schornsteinbrüder, der auf uns pausenlos vom Himmel hinuntersah. Seine Brüder taten es seltsamerweise nicht. Papilla war noch in einer glücklicheren Zeit bei einer riskanten Abfahrt in den Alpen gestorben.

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