Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
Die Umstehenden schlugen sich vor Vergnügen auf die Schenkel und spornten den Zungenfertigen zu gepfefferten Erwiderungen an. Das Wortgefecht, auf beiden Seiten mit heftigen Armbewegungen und komischen Entsetzensschreien begleitet, nahm erst ein Ende, als die Stimmen heiser waren und Umberto dem «Gelehrten» bestätigte, daß er kein Hundefänger sei, aber eine entfernte Ähnlichkeit mit einem Vogelhändler habe, der in Malamocco sein Geschäft betrieb und ihm, Umberto von Zeit zu Zeit einige Bündel Drosseln zum Verspeisen brachte.
Der Zungenfertige wiederum gab zu, daß der antike Kopf, betrachte man ihn von der Seite, denke man sich an Stelle der breiten eine gebogene Nase und stelle man sich die Stirn etwas höher vor, zwar nicht Gajus Gracchus, aber vielleicht sein Bruder Tiberius sein könne.
So endete der Streit zu allseitiger Zufriedenheit. Die beiden Kampfhähne schieden ohne Groll voneinander, und auch die Umstehenden verliefen sich bald danach.
Marco trat an Umbertos Stand heran. Der Trödler stellte die Büste wieder an ihren Platz und wandte sich dem Knaben zu.
«Seid gegrüßt, junger Herr. Womit kann ich dienen? Seht, was ich alles habe! Ein Schiff aus indischem Elfenbein mit der Zauberschrift der Ungläubigen am Bug oder hier: eine kupferne Schale vom Hofe des Sultans…»
«Nein, Umberto», unterbrach Marco den Redestrom, «ich will nichts kaufen! Eine Auskunft wünsche ich von Euch!»
«Eine Auskunft?» Des Trödlers Gesicht, eben noch vor Eifer gerötet, nahm einen bedauernden Ausdruck an. Marco warf ihm einige Quattaroli zu.
«Habt Ihr in der Nacht, die dem gestrigen Tage vorausging, eine schwarze Barke im Hafen gesehen?» fragte Marco gespannt.
Umberto dachte nach. Sein braunes Gesicht und die feingliedrigen Hände, die in einsamen Augenblicken liebevoll über die Schnitzarbeiten der Matrosen strichen, sahen wie die Oberfläche eines Schinkens aus, der im Rauchfang hing. Der ständige Qualm des Holzfeuers trug wohl die Schuld daran. Marcos Blicke hingen voll Ungeduld und Erwartung, in die sich schon leise Enttäuschung mischte, an den nachdenklich gewordenen Augen des Trödlers.
«Das war in der stürmischen Nacht?» fragte Umberto. «Giulio hör mich, Giulio», schrie er, plötzlich wieder lebhaft werdend, dem Nudelmacher zu.
Giulio nahm die Holzkelle aus dem Kessel und wischte die Hände an der einst weißen Schürze ab.
«Hast du in San Nicolo schon eine schwarze Barke gesehen?» fragte der Trödler.
Marco ahnte, wie die Antwort ausfallen würde, und wunderte sich nicht, als der dickbäuchige, wortkarge Nudelmacher den Kopf schüttelte und gleich wieder in dem Teig herumrührte, den er für kleine Münze an Hafenarbeiter, Schiffer und Herumlungerer verkaufte.
Marcos Hoffnungen waren beträchtlich gesunken. Wenn Umberto nichts wußte, der Hinke, Allgegenwärtige, wer konnte ihm dann noch Auskunft geben? Marco sagte sich, daß die Fahrt nach San Nicolo vergeblich gewesen sei. Es war ein schwieriges Unterfangen, unter den ungezählten Barken, die Venedigs Gewässer belebten, ausgerechnet die herauszufinden, mit der Paolo gefahren war. Er begann in seiner ersten Mutlosigkeit sogar an den Worten des Dieners von Pietro Bocco zu zweifeln. Hatte der ihm die Wahrheit gesagt oder aus Furcht vor seinem Herrn gelogen, nur um den lästigen Frager loszuwerden? Gab es überhaupt diese geheimnisvolle schwarze Barke?
Fragen und quälende Zweifel! Aber Marco war nicht von der Art, daß er die Suche etwa einstellte. Je größer die Hindernisse, um so mehr stärkte sich sein Wille.
Die Hafengasse war vom Geschrei der Händler und Passanten erfüllt. Die Häuser, zum größten Teil aus Holz gebaut und mit Stroh gedeckt, standen so eng, daß zwei nebeneinanderstehende Männer mit ausgebreiteten Armen die Wände berühren konnten. Zwischen den Fenstern waren Stricke gespannt, an denen weiße und bunte Wäsche aufgehängt war. Das eine Ende der Gasse mündete in den Hafen, das andere führte in ein Labyrinth verschlungener Pfade. Dünste von gebratenem Fisch, Fleisch und gerösteten Kastanien stiegen auf. Menschen aus den verschiedenen Ländern, meistens Seeleute, bewegten sich in der Gasse: Griechen, Mohammedaner, Mohren, Deutsche, Spanier in ihren bunten Trachten. Maultiere, hochbeladen mit allen möglichen Lasten, schritten gemächlich durch den Staub; Gaukler und Sänger versuchten die Aufmerksamkeit Vorübergehender zu erregen; zwei ältere Mönche schauten wohlwollend lächelnd einer Schar spielender und schreiender Kinder zu — und über allem war ein schmales Stück Himmel zu sehen, von dem die Sonne ihre Strahlen in diese enge Gasse sandte, die eine Seite in grelles Licht tauchte und die andere Seite in kühlem Schatten ruhen ließ.
Dieses ganze bewegte, ärmliche Leben brandete an Marco vorbei. «Ich muß weiter suchen!» sagte er entschlossen. «Ich kann erst nach Hause gehen, wenn ich sie gefunden habe.» Was soll sonst Giannina denken, fügte er in Gedanken hinzu.
In Umberto regte sich die Neugierde. «Eine schwarze Barke, sagtet Ihr? Warum sucht Ihr sie?» Seine listigen Augen funkelten.
Marco gab eine ausweichende Antwort und verabschiedete sich von dem Trödler.
Da breitete sich vor ihm das Meer in seiner Schönheit aus, ein riesiger schimmernder Edelstein, der die Augen blendete mit der märchenhaften Pracht seiner Farben. Am Strande, vor den Dünen, waren Netze gespannt, zwei alte Fischer knüpften die zerrissenen Fäden zusammen. Frauen kochten im Schutz eines Sandhügels in einem Kupferkessel Suppe und brieten Fische am Spieß. Sie sangen bei ihrer Arbeit, bis zum Abend würden sie singen, immer die gleiche eintönige sehnsüchtige Melodie, die die Fischer zu rufen schien. Erst wenn das Echo vom Meer zurückkam und die Boote zu sehen waren, erstarb der Gesang.
Die Frauen und Mädchen des Lido sangen.
Und Marco lief über den feuchten Sand, unmittelbar neben den Wellen, und hinterließ die Spur seiner Schritte. Der Wind und der Meeresatem wehten ihn an. Bis nach Malamocco kam er, überall seine seltsame Frage stellend in Fischerhäusern, Schenken, Kanzleien, Lagerhäusern; selbst die Arbeiter der Salzsiedereien, die wie jeden Abend müde nach Hause gingen und sich kaum um die Schiffe und Barken kümmerten, fragte er.
Spät erst kehrte er nach San Nicolo zurück. Schon ging die Sonne unter und tauchte Meer und Himmel in feurige Glut. Die Silhouette eines Baumes mit trauernden Zweigen hob sich von dem erglühenden Hintergrund ab. «Fahrt mich nach Venedig!» rief Marco dem Barcarole zu, der träumend im Boot lag.
Als Giannina die Erde Muranos betrat und den Geruch der Wiesen und Felder und des wie einen Teppich hingebreiteten Laubes einatmete, milderte sich der Schmerz um Paolo und machte einem zuversichtlichen Gefühl Platz. Es war, als riefe ihr jemand zu: Keine Angst, Giannina, nun wird alles gut werden.
Wenn ich nach Venedig zurückkomme, ist Paolo vielleicht schon wieder da und lächelt über die Sorge, die wir uns um ihn gemacht haben, dachte sie.
Murano war weiter und freier als das enge, verwinkelte, laute Venedig. Wohl wurde in letzter Zeit auch in Murano immer mehr gebaut, so daß die Häuserflecken auf der Insel gleichsam zusammenzurücken schienen, aber doch war es im Vergleich zur Rialtoinsel noch weiträumig und erweckte den Anschein kleiner verlorener Dörfer in einer stillen Landschaft.
Der Senat beriet ein Gesetz, das vorsah, alle Glashütten, die sich noch auf der Rialtoinsel und den umliegenden kleineren Inseln befanden, nach Murano zu verlegen. Murano, das die meisten Glashütten besaß, sollte der Hauptsitz der venezianischen Glasherstellung werden. Fremde Abgesandte und Spione interessierten sich für die Kunst der Glasbläser und bezahlten hohe Bestechungssummen, um hinter die Herstellungsmethoden zu kommen. Sie bemühten sich, in ihren Ländern die Glasbläserei zu entwickeln, um von den venezianischen Glashändlern unabhängig zu werden.
Es gab Glasmacher, die den Verlockungen nicht widerstanden und heimlich Venedig verließen. In fremden Diensten, besonders in Böhmen und Frankreich, wandten sie dann die erworbenen Kenntnisse an und bildeten Lehrlinge und Gesellen aus. Deshalb wollte der Senat die gesamte Glasindustrie nach Murano verlegen, um eine bessere Kontrolle durchführen zu können. Gleichzeitig sollten den Glasmachern größere Rechte eingeräumt und höhere Löhne gezahlt werden.