Wladimir - die ganze Wahrheit
- Автор: Belkowski Stanislaw
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: mvg verlag
- ISBN: 978-3-86414-439-4
- Жанр: Биографии и мемуары
Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
Und dann stellt sich erst recht die Frage nach der Effektivität des Gazprom-Managements. Denn Milliarden aus dem Nichts zu zaubern, um sie danach geistlos zu verschleudern – das geht nicht. Die Privatisierung von Gazprom mit dem Verlust seiner Einflussmöglichkeiten auf die Transportmöglichkeiten innerhalb des Marktes bedeutet einen langsamen Tod für die derzeitige Leitungsebene unter Alexei Miller, dem ehemaligen Kassenwart von Putin. Miller & Co. wissen das nur zu gut, man kann also erwarten, dass sie sich bis zuletzt zur Wehr setzen werden.
Auch die Geschäfte von Gunvor sind im Aufwind. Während der sechs Jahre, die seit der »40-Milliarden-Dollar-Angelegenheit« vergangen sind, ist der Umfang der Energieträger, die das Unternehmen durchlaufen, um 70 Prozent gestiegen. Ob es wohl am gesteigerten Interesse des einflussreichsten Mannes in Russland liegen mag?
Surgutneftegas hat 2012 das erste Mal seit zehn Jahren seine Bilanzen nach internationalen Standards veröffentlicht (das erste und letzte Mal geschah dies 2001). Viele Zahlen in dieser Rechnungslegung sind nachvollziehbar und verständlich. Zum Beispiel lag der Reingewinn des Konzerns im Jahr 2012 bei 2 Milliarden Dollar.
Aber das Wichtigste und fast Einzige, was immer noch unverständlich bleibt, ist die Eigentümerstruktur des Energiegiganten. 67 Prozent der Aktien an Surgutneftegas unterliegen einem komplizierten Kontrollsystem gemeinnütziger Organisationen und nichtstaatlicher Rentenfonds. Als Manager all dieser juristischen Personen erscheinen Mitarbeiter des Konzerns, wobei diese nicht unbedingt hohe Positionen einnehmen – es gibt unter ihnen auch durchaus technisches Personal.
Aber der größte Witz liegt in etwas anderem. Nach der russischen Gesetzgebung teilen weder die gemeinnützigen Organisationen noch die nichtstaatlichen Rentenfonds ihre Gewinne unter ihren Gründern auf. Die Gründer wiederum haben keinerlei Recht auf eine Eigentümerschaft am Vermögen dieser Strukturen mit dem gegebenen juristischen Status. Das bedeutet, dass zwei Drittel der Aktien des drittgrößten Gasherstellers Russlands von irgendjemandem informell verwaltet werden. Dieser Jemand hätte schon längst die Aktien auf eigene Unternehmen umschreiben können, seien es russische oder ausländische. Aus irgendwelchen Gründen kann er es aber nicht. Noch nicht. Bis er von seinem Amt zurücktritt, wird sich daran auch kaum etwas ändern. Daher auch die verwirrenden und undurchsichtigen Besitzverhältnisse. Und was wird nach seinem Rücktritt sein? Wir werden sehen.
Auch das Motiv von Surgutneftegas, seine Bilanzen nach den International Financial Reporting Standards unerwartet zu veröffentlichen, macht einen nachdenklich. Warum war das jetzt notwendig, nach der elfjährigen Pause? Was hat sie dazu gebracht? Ist das nicht ein indirektes, aber sicheres Zeichen dafür, dass der Deal mit Rosneft in naher Zukunft zustande kommen wird? Und dann werden die vielzähligen gemeinnützigen Organisationen zusammen mit den nichtstaatlichen Rentenfonds etwa 20 Milliarden Dollar erhalten, und schalten und walten kann über sie nur …
Wie ein Sprichwort sagt, sind stille Wasser tief. Und wenn ein stilles Wasser fast so groß ist wie der Pazifik, dann kann man sich vorstellen, wie tief es ist und welche Überraschungen einen dort erwarten.
Lohnenswert ist außerdem ein genauerer Blick auf Rosneft, dessen Präsident 2012 Igor Setschin wurde – engster Mitstreiter von Putin noch im Bürgermeisteramt von St. Petersburg. Gerüchteweise wird behauptet, dass Russland solchen engen Mitstreitern die Entstehung der absolut ehrlichen Korruption zu verdanken hat.
Das finden Sie verwunderlich? Man muss dazu wissen, dass es Anfang der 1990er-Jahre in unserem Land üblich war, Bestechungsgelder in einem Koffer mit sich zu führen und die Präsente direkt in die Zimmer der Bürokraten oder zumindest in die Lobbys teurer Hotels zu bringen. Das Ergebnis war, dass sowohl die Empfänger von Bestechungsgeldern (Beamte) als auch die Geber (Geschäftsleute) nicht selten aufflogen: Konkurrenten hetzten ihnen die Rechtsschutzorgane auf den Hals, die an den entsprechenden Orten vorab Audio- und Videoüberwachungsgeräte für die Aufzeichnung des Korruptionsverbrechens installierten.
Völlig anders gestalten sich die »ehrlichen« Bestechungen. Das sieht dann folgendermaßen aus: Sie geben dem Beamten, der ehrlich ist, nichts. Sie nehmen nur für eine a priori überhöhte Summe (zum Beispiel 10 Millionen Dollar) die Dienste einer Rechtsanwaltskanzlei in Anspruch, die auf den ersten Blick nichts mit dem hochgestellten Bürokraten zu tun hat. Die Kanzlei bereitet dann derartig überzeugende Papiere vor, dass Sie einen Privatisierungswettbewerb einfach nicht verlieren können. Und das völlig gerecht und transparent. Daran ist nichts Verdächtiges, und man kann so viele Audio- und Videoaufzeichnungen machen, wie man will.
Oder es gibt die alternative Variante: Der Beamte gibt Ihnen, weil er Ihnen helfen möchte (denn die wichtigste Aufgabe jeglichen Beamten ist es, einem Bittsteller allein für sein staatliches Gehalt zu helfen), ganz beiläufig die Visitenkarte eines bestimmten, guten Antiquitätengeschäfts. Dieses gehört völlig zufällig einem, sagen wir, anderen guten Freund von Wladimir Putin – dem Petersburger Geschäftsmann Ilja Traber, genannt »der Antiquar«. Sie gehen dorthin und kaufen einen einzigartigen Tisch aus der Zeit der Zarin Katharina der Großen zum Katalogpreis von 1 Million Dollar. Wenn Sie allerdings zu Hause ankommen, stellen Sie fest, dass der Zarentisch eine Furnierschulbank aus sowjetischen Zeiten ist. Aber Sie machen sich nichts daraus. Denn nun ist es Ihnen beschieden, vom Bürgermeisteramt der Stadt St. Petersburg eine Erlaubnis zu bekommen, die ihnen ungleich viel mehr Einkünfte beschert, als Sie für die Schulbank ausgegeben haben.
Derartig schöne Vorgehensweisen gibt es also, um die sich der Überlieferung nach so manche Geheimnisse Putins, Setschins und ihresgleichen ranken. Deswegen sind diese Beamten nicht im Höllenfeuer der 1990er-Jahre umgekommen, sondern haben sich heute aus dem provinziellen Halbdasein zu nationalen Höhen aufgeschwungen.
Jetzt Rosneft. 2006 und 2007 schluckte diese einst unscheinbare und zweitrangige Ölfirma das ehemalige Imperium von Michail Chodorkowski und wurde zum größten Kohlenwasserstoffhersteller im Land. Die Operation selbst wurde allerdings technisch nicht sonderlich versiert ausgeführt. Sie geschah unter Hinzuziehung des nominellen Käufers Baikalfinansgrup, der die größte erdölfördernde Struktur von JUKOS, die offene Aktiengesellschaft Juganskneftegas, übernahm. Die Baikalfinansgrup war ein fiktives Unternehmen mit einem Stammkapital von 10 000 Rubeln (250 Euro), das sich kurz vor dem Deal in der kleinen Stadt Twer nordwestlich von Moskau registrieren ließ, in einem windschiefen Haus, in dem Journalisten nur eine Wodkakneipe mit dem charakteristischen, aussagekräftigen Namen »London« ausfindig machen konnte. Aber es gab ein Ergebnis – es war vollbracht.
2011 kaufte Rosneft der Alfa Group (Eigentümer: Michail Fridman) und der British Petroleum ihre gemeinsame Ölfirma TNK-BP ab. Für 60 Milliarden Dollar. Das war eine Operation, für die sich der Autor den Terminus »puting« ausgedacht hat – wenn der Verkäufer an dem Geschäftsabschluss mehr interessiert ist als der Käufer. Denn er wird seine Aktiva zu Bedingungen los, die der offene Markt nicht zu bieten hat. An die ersten und aufsehenerregendsten Abschlüsse dieser Art erinnern wir uns noch.
Es war das kleine Unternehmen Sewernaja Neft, das dem ehemaligen Ersten Stellvertreter des Finanzministers Andrei Wawilow gehörte und Anfang 2003 für 400 Millionen Dollar von Rosneft gekauft wurde. (Die Kritik an diesem Abschluss kam, wie wir wissen, Michail Chodorkowski teuer zu stehen.) Und es war der Erwerb von Sibneft beim Offshore-Unternehmen Milhouse für 13,1 Milliarden Dollar (Letzteres vertritt bis heute die Interessen von Roman Abramowitsch) durch Strukturen von Gazprom im Jahr 2005. Der Deal von Rosneft mit den Ex-Besitzern von TNK-BP ist also keine Ausnahme.
Dennoch erlangte Rosneft schließlich die unumstrittene Spitzenposition in Russland bei der Förderung von Erdöl (2,6 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2012) und bei der Anhäufung von Kapital (150 Milliarden Dollar). Sollten die Pläne für den Erwerb von Surgutneftegas und LUKOIL realisiert werden, mit denen sich die Mannschaft um Setschin trägt, dann wird daraus schließlich die größte Erdölfirma der Welt entstehen.