Wladimir - die ganze Wahrheit
- Автор: Belkowski Stanislaw
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: mvg verlag
- ISBN: 978-3-86414-439-4
- Жанр: Биографии и мемуары
Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
Überdies hat der Kreml keinerlei Erfolge beim Schutz von Landsleuten im Ausland zu verzeichnen. Die Verfolgungen und Erniedrigungen, denen der übermäßig emotionale Türkmenbaşy die Russen aussetzte, scheinen unbemerkt geblieben zu sein. Die Diskriminierung der russischen Minderheit, die fast 40 Prozent der Bevölkerung Lettlands ausmacht, rief beim Kreml von Zeit zu Zeit ein heiseres Knurren hervor, aber es reichte nie für reale Sanktionen oder überhaupt für Druckmittel gegen Riga. Mehr noch: Im Schulterschluss mit seinen sorgfältig ausgewählten Anhängern rief Wladimir Putin sogar dazu auf, die »lettischen Freunde« nicht zu dämonisieren.
Schließlich verließen die russischen Soldaten gleichermaßen kontinuierlich und ruhmlos die Territorien ihres vormaligen militärpolitischen Einflussbereichs. Russland zog seine Stützpunkte aus Georgien innerhalb von drei Jahren und kostenlos ab, obwohl von elf Jahren und einer Kompensation von 500 Millionen Dollar durch die georgische Seite die Rede gewesen war.
Alles in allem ist nichts aus einer effektiven Geopolitik geworden. Und wer Putin kennen, verstehen und seine Motivationen analysieren will, wird es nur können, wenn er ein recht einfaches Prinzip durchschaut: Der zweite und später vierte Präsident der Russischen Föderation ist seiner Natur nach kein Politiker und erst recht kein Imperialist. Er ist ein typischer Unternehmer. Alle seine Entscheidungen und Handlungen sind ausschließlich der Logik großer Geschäfte unterworfen, die auf die Erzielung von Gewinnen abzielt.
Wenn es einen Bereich gibt, in dem Wladimir Putin im postsowjetischen Raum erfolgreich war, so ist es die Lobbysierung von Interessen einiger wichtiger russischer Unternehmer. Bei seinen zahlreichen Staatsbesuchen fing der Präsident der russischen Föderation mehrmals Gespräche damit an, dass man diesen oder jenen Aluminiumbetrieb Oleg Deripaska geben müsse, dieses Telekommunikationsunternehmen Michail Fridman und jenes Stahlwerk Alexei Mordaschow.
Putins Gesprächspartner klimperten dabei weise mit freundlichen Augen. Denn im Gegenzug brachte der reiche Gast aus Moskau politische und wirtschaftliche Gaben dar, die in ihrem Umfang die begehrten Objekte um ein Vielfaches überstiegen. Zum Beispieclass="underline" Wir verkaufen das Kombinat X von Severstal, und dafür werden die Anti-Dumping-Sanktionen durch Russland für alle Stahlwerke in besagtem Land aufgehoben.
Bei dieser Vorgehensweise – wenn russische Staatsressourcen als Kompensation für die Einhaltung rein privater Interessen angeboten werden – war Wladimir Putin nicht selten erfolgreich. Natürlich kann man das kaum als Fortschritt für das russische Kapital bezeichnen: Die ausländischen Aktiva, um die Putin bemüht war, wurden schließlich von Offshore-Unternehmen gekauft und keineswegs von lebendigen Subjekten der russischen Wirtschaft.
Dennoch muss man einräumen: Als Unternehmer hat Putin tatsächlich Talent. Das von ihm erdachte (oder abgesegnete, was dasselbe wäre) Schema der Nationalisierung in Russland muss man durchaus als genial anerkennen.
Das Schema ist schlicht wie alles Großartige. Die Unternehmen, die in den 1990er-Jahren bei Pfand- und sonstigen fiktiven Auktionen zu symbolischen Preisen verhökert worden waren, sollten vom Staat und staatlichen Unternehmen zurückgekauft werden, allerdings maximal teuer. Dabei kamen zwecks Erhöhung des Wertes der auf diese Weise nationalisierten Aktiva sogar die heiklen Mechanismen des Wertpapiermarkts zur Anwendung.
Putin ist sich dessen, was er tut, vollkommen bewusst. Wenn in Russland in überschaubarer Zukunft eine neue Macht auftauchen sollte, wird diese unausweichlich die Frage nach der Legitimation (also der Revision) der Ergebnisse der Privatisierung stellen – anders kann es gar nicht sein bei dem Übergang aus dem postsowjetischen Zustand eines Staatsgebildes in einen postpostsowjetischen nach dem Ende der langjährigen Kleptokratie. Wenn sich also diese Frage stellt, wird der Anrufbeantworter des ehemaligen Präsidenten eine entfernte und dumpfe Antwort geben: »Vergessen Sie es, liebe Kollegen, es gab keine Privatisierung, alles ist wieder staatlich, da gibt es nicht zu revidieren oder zu legitimieren.«
Das erste Riesengeschäft im Rahmen des vorgegebenen Schemas war der Verkauf von Sibneft an Gazprom. Dabei wetteiferten sowohl Käufer als auch Verkäufer um eine Erhöhung des Preises: Das Aktienpaket von Sibneft, das Roman Abramowitsch gehörte, verteuerte sich buchstäblich am Vorabend des Vertragsabschlusses von 12 Milliarden auf 13,1 Milliarden Dollar. Dabei war 1995 das Kontrollpaket an Sibneft bei einer Pfandauktion für 100,3 Millionen Dollar verkauft worden.
Auf dem Hintergrund derartig gigantischer Abschlüsse verlieren sich fast die Nachrichten über den Ankauf der Vereinigten Maschinenbetriebe durch die dem Unternehmen Gazprom angegliederten Strukturen oder über die Pläne von Rosoboronexport, bei privaten Eigentümern gewisse Aktiva an Stahlwerken aufzukaufen. Aber sowohl die großen als auch die kleinen Operationen passen in diesen genialen Gesamtplan. Dabei dürfen wir nicht davon ausgehen, dass die Kreml-Herren von den Verkäufen Honorare erhalten, die in der Umgangssprache OTKAT (Cashback) genannt werden: Was sollen diese Leute damit, denen schon bald für ihre eigenen, vorerst 30 Prozent der Aktien an Surgutneftegas 10 Milliarden Dollar überwiesen werden? Das reicht für den besten Hafer für Pony Pedro sowie sieben Generationen seiner Nachkommen.
Also, die Nationalisierung nach Putin wurde zu einer Form der fast legalen Ausfuhr von 50 bis 70 Milliarden Dollar aus dem Land. Dieses Geld kam auf die Konten von Privatpersonen – den Gewinnern der großen Privatisierung von Jelzin und Putin (deren Lebenszyklus im russischen politisch-wirtschaftlichen Raum auf diese Weise endet).
Für Russland jedoch werden diese Milliarden zu Schulden innerhalb der staatlichen Strukturen, die der russische Steuerzahler zusammen mit den Gaskonsumenten zu tilgen hat. Also die Bevölkerung, die bereits 2007 für den »hellblauen Brennstoff« 50 Prozent mehr zahlen musste als heute. Die zynischen Kreml-Propagandisten haben die Gelegenheit, dem Land und der Welt zu erklären, dass die Nationalisierung im Interesse des Staates und des Volkes ist. Naive Zuhörer haben das Recht, ihnen zu glauben.
Das Businessgenie Wladimir Putin und seine Gefährten nehmen sich besonders grell auf dem Hintergrund der Schwachheit und Talentlosigkeit anderer slawischer Staatsoberhäupter aus, vor allem im Vergleich mit Viktor Juschtschenko. Der Präsident der Ukraine hat den größten Stahlproduzenten des Landes Kryworischstal für 800 Millionen Dollar in das Staatseigentum zurückgeführt und es gleich darauf bei einem transparenten Wettbewerb für 4,8 Milliarden Dollar an einen indischen Investor verkauft. Dabei verdiente er für seinen Staat auf einen Schlag 4 Milliarden Dollar (fast 20 Prozent des ukrainischen Staatshaushalts von 2005). Das ist doch nicht dumm, oder?
Wenn Juschtschenko bei Putin in die Lehre gegangen wäre, hätte er es genau andersherum gemacht: Er hätte den Staat gezwungen, den Privatisierern der ersten Stunde Rinat Achmetow und Viktor Pintschuk, die Kryworischstal im Juni 2004 für 800 Millionen Dollar besaßen, das Unternehmen für eben 4,8 Milliarden Dollar abzukaufen. Und das ordentliche Sümmchen wäre dann zwischen den drei Personen geteilt worden, im Namen von Landesfrieden, Einverständnis und Stabilität. Es ist kein Zufall, dass der Kreml seinen offiziellen und inoffiziellen Vertretern untersagt hat, den Wettbewerb um Kryworischstal zu kommentieren.
Verstehen Sie jetzt, warum sich der Kreml nicht für die Russen in Turkmenien einsetzte? Weil ihm das Gasgeschäft mit Türkmenbaşy unvergleichlich wichtiger ist. Warum ist er nicht für seine Landsleute in Lettland eingetreten? Weil bereits 2005 auf den Konten der lettischen Banken fast 4 Milliarden Dollar ruhten, die den Vertretern der politisch-wirtschaftlichen Elite des modernen Russland gehörten. Und eine Verbreitung der Information über diese Konten wäre für die wandelnden Symbole der Putin’schen Stabilität tödlich gewesen. Übrigens werden gerade Verhandlungen über den Kauf des lettischen Öltransitunternehmens Ventspils Nafta durch ein verehrtes russisches Unternehmen über eine deutsche Investitionsbank geführt. Wäre es etwa angebracht, in einer solchen Situation von den lieben lettischen Freunden noch mehr zu verlangen?