Wladimir - die ganze Wahrheit
- Автор: Belkowski Stanislaw
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: mvg verlag
- ISBN: 978-3-86414-439-4
- Жанр: Биографии и мемуары
Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
Und warum kapitulierte Russland, das objektiv über alle Schalthebel eines politischen und wirtschaftlichen Einwirkens auf Georgien verfügte, voreilig vor dem ungeliebten Micheil Saakaschwili und zog in einer Hauruck-Aktion die Militärstützpunkte ab? Weil der Kreml in der Tiefe seiner Krämerseele tatsächlich nicht versteht, wozu er diese Stützpunkte eigentlich braucht.
Sehr geehrte Herrschaften der internationalen Kreml- und Putin-Forschung! Lassen Sie von den Büchern über Mussolini und Fidel Castro und holen Sie sich lieber aus einer Universitätsbibliothek die Biografie des philippinischen Ex-Präsidenten Ferdinand Marcos oder, sagen wir, des ehemaligen Herrschers von Zaïre mit Namen Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu wa za Banga, was so viel heißt wie »Allmächtiger Krieger, der kraft seiner Zähigkeit und seines unerschütterlichen Siegeswillens vieles erobert und dabei Brandstätten zurücklässt«. Und alles wird auf der Stelle klar.
Jeder hat seine Ambitionen und seine Schrullen. Bloß gut, wenn diese Schrullen auf Kosten des Staates gehen, besonders wenn es sich dabei um Russland handelt, das über ausreichende Reserven verfügt, solange der Weltpreis für Rohöl nicht unter 80 Dollar pro Barrel sinkt.
Im Herbst 2007 bat mich die Zeitung Die Welt um eine Einschätzung, wie reich der russische Präsident sei. Ich antwortete ihnen, dass Putin meinen Berechnungen zufolge zu den reichsten Menschen Europas gehört. Geht man von der begründeten Voraussetzung aus, dass er als Begünstigter 4,5 Prozent der Aktien von Gazprom kontrolliert, die Hälfte des Kontrollpakets an der Ölfirma Surgutneftegas sowie 50 Prozent der Aktien des weltweit viertgrößten Energiehändlers Gunvor, dann kann man das Vermögen des Kremlherrn auf 40 Milliarden Dollar schätzen.
Kurz danach im selben Jahr 2007 untersuchte der bekannte britische Journalist Luke Harding dasselbe Thema für The Guardian. Daraufhin untersagte man Herrn Harding die Einreise nach Russland – aber ich denke, das lag nicht am Material, sondern am gesteigerten Interesse des Journalisten am Fortgang der Bauarbeiten für die Olympiade 2014 in Sotschi und dem ausgiebigen Diebstahl auf diesen Baustellen. Dennoch glaube ich nicht, dass Luke die »Saga von den 40 Milliarden Dollar« bedauert. Allein auf der Website des Guardian haben fast 500 000 Menschen seinen Artikel gelesen.
Nach alldem kam es im ausklingenden Jahr 2007 noch zu einem grandiosen Skandal. In Russland wurde der Inhalt der Artikel aus Die Welt und The Guardian von fast allen bekannten Verlagshäusern neu publiziert, sogar von jenen, denen allein die Nennung meines Namens aus politischen Gründen verboten war. Journalisten, die mich anriefen, begannen ihre Fragen mit dem traditionellen: »Haben Sie das wirklich gesagt?« Nach einer bestätigenden Antwort kam es zu einer kleinen Pause: Man konnte nicht glauben, dass ein einfacher russischer Bürger so etwas öffentlich sagen konnte. Und viele meiner Freunde und Bekannten berührten mich in dieser Zeit bei Zusammenkünften vorsichtig mit dem Zeigefinger, als wollten sie sich davon überzeugen, dass ich es wirklich bin, dass man mich noch nicht umgebracht oder ins Gefängnis gesperrt hat.
Nach Auskünften der russischen politischen Wochenzeitschrift The New Times (2012), die dem Klassiker unseres unabhängigen Fernsehens, der Gründerin von RenTV Irena Lesnewskaja gehört, wurde im Kreml wegen der »40-Milliarden-Dollar-Angelegenheit« eine Besprechung unter Beteiligung der Bosse der staatlichen Nachrichtenpolitik und von Vertretern staatlicher Gewaltorgane abgehalten. Bei der Besprechung standen vor allem zwei Fragen auf der Tagesordnung:
•Wie kann man das Durchsickern von Informationen über die Aktiva des Präsidenten stoppen?
•Was soll man mit Belkowski machen?
Nach einer langen und ermüdenden Erörterung sprach Putin höchstpersönlich das letzte gewichtige Wort. Nach der Version der The New Times beantwortete er die zweite Frage mit der ihm von Zeit zu Zeit eigenen lapidaren Brutalität: »Geh er doch zum T…!« Wonach beschlossen wurde, keine weltumfassende Aktion zur Reinwaschung Wladimirs von der ihm lieb gewordenen Geschäftemacherei zu unternehmen.
Dazu möchte ich anmerken, dass weder vom Kreml noch von Putins Verwandten, weder von Gazprom noch von Surgutneftegas oder gar dem zanksüchtigen Unternehmen Gunvor (das gern für seinen Ruf vor Gericht zieht) eine Klage kam. Weder gegen mich noch gegen den Guardian oder Die Welt. Sie wollten tatsächlich nicht, dass ein Gerichtsverfahren zusätzliche Aufmerksamkeit im internationalen Maßstab auf diese Informationen zieht.
Wie steht es heute um das Geschäft und die Aktiva von Wladimir Putin? Auf dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise im Herbst 2008 sank der Wert der genannten Aktiva erheblich. Aber dieser Zeitpunkt liegt nun lange zurück, der Preis für Rohöl ist erneut auf 100 Dollar pro Barrel gestiegen, noch höher stehen auch die Finanzmärkte. Heute würden die in Die Welt genannten Aktiva bereits 60 Milliarden Dollar kosten. Und das ohne Berücksichtigung des Barbestands, der sich jedes Jahr auf den Konten von Gunvor anhäuft.
Übrigens ist Gunvor ein weiblicher Vorname, eine Figur aus der skandinavischen Mythologie. Nach verschiedenen Quellen heißt so die Mutter des wichtigsten legalen Partners von Gennadi Timtschenko, des Schweden Torbjörn Törnqvist. Auch wenn Timtschenko gewöhnlich stolz ist auf seinen längst vergessenen drittrangigen Posten in der sowjetischen Außenaufklärung, hat er die Staatsbürgerschaft von Finnland, das recht nah bei St. Petersburg liegt, und ist Deviseninländer der Schweiz, was ebenfalls angenehm ist zum Deponieren von Offshore-Einkünften.
Aber schlecht steht es um Geschäfte, die auf der Stelle treten und sich nicht entwickeln.
Im Jahr 2010 wurde Gennadi Timtschenko (der, wie er selbst sagt, nach 2000 ohne jede Hilfe von Putin und geradezu trotz seiner Freundschaft zu ihm zum Milliardär wurde – was wir ihm natürlich gern glauben) zum Miteigentümer des nach Gazprom zweitgrößten russischen Erdgasproduzenten Novatek. Von diesem Moment an verhielt sich Wladimir Putin ein wenig strenger gegenüber Gazprom und wurde den sogenannten unabhängigen Gasproduzenten gegenüber etwas loyaler. Aus dem Mund des »Anführers der Nation« wurden Ideen laut, die er kurz zuvor noch als umstürzlerisch bezeichnet hätte: dass man allen gasfördernden Unternehmen gleichberechtigten Zugang zur berüchtigten Pipeline (des Gastransportsystems von Russland, das es erlaubt, Gas zu allen Konsumenten zu transportieren, einschließlich der westeuropäischen, was am einträglichsten ist) verschaffen sollte oder sogar, dass man das GTS (Gastransportsystem) aus Gazprom ausgliedert, dem es derzeit gehört.
Es ist nicht auszuschließen, dass derartige Ideen, die im letzten Jahrzehnt in der Öffentlichkeit als potenziell skandalös, kompradorisch und antipatriotisch eingestuft wurden, in den kommenden Jahren zur Entscheidung reifen. Zum Beispiel vermittels der Übergabe der Pipeline von Gazprom an das Unternehmen Rosneftegas, das zu 100 Prozent dem russischen Staat gehört.
Der unterwürfige Diener hat auch bereits eine Vorgehensweise für diese Übergabe vorgeschlagen: Man tauscht das GTS gegen ein staatliches Aktienpaket der offenen Aktiengesellschaft Gazprom. In diesem Fall wird Gazprom wie das bereits erwähnte Novatek vollständig privat. Doch es verliert dabei den exklusiven Vorteil der Pipeline und die Möglichkeit, den Zugriff auf sie zu regulieren, und wird dann nur noch dem Umfang nach der größte russische Gasproduzent sein, mehr nicht.