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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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2000/2001 versenkte Russland die Raumfahrtstation Mir und schloss die Radaraufklärungsstationen auf Kuba und in Vietnam. Jelzin hatte sich nicht dazu entschließen können, und das nicht nur aufgrund seines Legitimitätsmangels im eigenen Lande.

Am 11. September 2001 war Putin der Erste (!), der den USA und Präsident Bush Junior sein Beileid hinsichtlich der Tragödie ausdrückte und seine Hilfe anbot. Als die USA beschlossen, dass an allem die afghanischen Taliban schuld seien (was bis heute nicht bewiesen ist!), die Osama bin Laden und El Kaida in Höhlen versteckten, öffnete Russland den Amerikanern voll und ganz den Korridor nach Afghanistan.

Es hatte den Anschein, als könne Putin mit seinen westlichen Kollegen eine gemeinsame und allgemein gebräuchliche Sprache finden, eine Sprache normaler Interessen, auch wenn die westlichen Politiker qua Geburt, Bildung oder Erziehung cooler waren als er. Daran lag es nicht. Die Politik, besonders die internationale Politik, zwingt einen manchmal, das Wort »Anständigkeit« zu vergessen.

Der erste Riss entstand 2003. Putin konnte drei Dinge beim besten Willen nicht verstehen:

•warum der Irak unbedingt Prügel beziehen musste, wenn es keinerlei Beweise für die Beteiligung Saddam Husseins an der Produktion von Massenvernichtungswaffen gab;

•warum man demonstrativ die Position nicht nur von Russland – na gut, wir sind die Kleinen –, sondern auch von Frankreich und Deutschland ignorierte;

•warum man sich nicht menschlich aufführen konnte und über den UNO-Sicherheitsrat agierte, statt gleich die Füße auf den Tisch zu legen.

Putin hatte also auf einmal die amerikanische politische Moral durchschaut: Russland & Co. sollten den USA alles geben, was sie hatten, doch was ihnen die USA gaben, war situationsabhängig, hing also davon ab, mit welchem Bein sie gerade aufgestanden waren. Von diesem Moment fing unser »normaler Kerl« an, sein Vorgehen ein wenig zu korrigieren. Nein, im Kern konnte er strategisch nichts verändern. Denn Putins Ziel war und blieb die Anerkennung Russlands, der russischen Elite und seiner selbst im Westen. Wenn also der moderne, erfolgreiche Russe nicht in Europa oder Amerika leben, arbeiten und Urlaub machen kann und seine Kinder dort nicht studieren dürfen, dann ist Putin gescheitert, vor allem als Mensch. Hinter den kilometerlangen Zäunen der soliden Datschas in geschützten Moskauer Vororten leben nur die kriminellen Anführer, die über das FBI gesucht werden oder aus einem anderen Grund keine Einreiseerlaubnis in alle westlichen Länder haben. Keiner kann besser als sie vom russischen Patriotismus erzählen und wie sie den Westen verachten. Aber nur sie, bitteschön.

Das heißt, strategisch war, ist und bleibt Putin ein Westler. Was aber seine Taktik anbelangt, tauchten neue Fragen, Zweifel und Bedenken auf. Diese Zweifel wurden durch die sogenannten »Blumenrevolutionen« im postsowjetischen Raum auf die Spitze getrieben. Die »Rosenrevolution« in Georgien (2003) hatte Russland noch übersehen. Erstens, weil man den gestürzten Eduard Schewardnadse nicht sonderlich schätzte, zweitens, weil Putin generell eine irrationale Abneigung gegenüber den Georgiern hegt, wofür seine schwierige Kindheit der Grund sein mag, wie wir weiter oben erläutert haben.

Selbst der Sturz von Adscharien im Mai 2004, das de facto unabhängig gewesen war, löste in Moskau keine übermäßige Erregung aus. Doch dann ging es auch in der Ukraine los, und das war für WWP weitaus wichtiger, und zwar nicht nur deshalb, weil es bereits Absprachen im wirtschaftlichen Bereich gab, zum Beispiel über die für Gazprom und andere russische Erdgasförderer lebenswichtige Übergabe des ukrainischen Pipelinesystems in einen Modus indirekter Kontrolle durch russische Wirtschaftsagenten, sondern auch aus persönlichen Gründen.

Ideologe und Architekt der Wahlkampagne in der Ukraine war der Leiter der Administration des damaligen Präsidenten Leonid Kutschma – Putins Vetter Viktor Medwedtschuk. An Kutschma, der schon nach 150 Zentilitern Wodka die Kontrolle über sich verlor, verschwendete Putin keine ernsthafte Aufmerksamkeit. Das war eher Jelzins Klientel – ewiges Besäufnis und Liedgesang in einer Mischsprache aus Ukrainisch und Russisch, die man Surschyk nennt. Ganz anders verhielt es sich mit Medwedtschuk, zumal völlig klar war, dass er, der ein gewitzter Bürokrat, studierter Rechtsanwalt und von seiner Mentalität her Geschäftsmann war, unter Präsident Viktor Janukowitsch, dem offiziellen Nachfolger von Kutschma, zum eigentlichen Herrscher des Landes werden würde. Damals hatten – im Gegensatz zu Putin und Medwedtschuk – noch nicht alle Einblick in das intellektuelle Niveau von Janukowitsch.

Auch wenn Putin die internationale »Anständigkeit« auf seiner Seite neu bewertet hatte, verstand er dennoch einige Aussagen der Weltpolitik nach wie vor allzu wörtlich. Wenn zum Beispiel Präsident Bush Junior versprach, dass die USA in keiner Weise den legitimen Sieger der Präsidentschaftswahlen in der Ukraine daran hindern würden, Präsident zu werden, hieß das für Putin, sie würden es nicht tun. Was hätte es hier noch zu deuteln geben können? Und dennoch hat sich zwischen den Zeilen das Wort »legitim« verloren, und das ist in Bushs Aussage das Schlüsselwort. Denn kaum hatte sich Janukowitsch zum Sieger des zweiten Wahlgangs erklärt (22. November 2004), wurde klar, dass alles ungesetzlich und gefälscht war.

Hunderttausende gingen auf die Straßen von Kiew, vor allem auf den zentralen Platz der Unabhängigkeit. Eine Revolution! Wohl hatte man versprochen, es werde keine geben, und man hatte auch nicht an sie geglaubt, aber nun war sie da. Das Zureden von Putins Beratern, es drohe eine Kältewelle und alles würde sich in Nichts auflösen, brachte nichts mehr: Es war klar, dass »unser« Janukowitsch im Begriff war zu verlieren. Und dann lud man in dieser Situation auch noch den jämmerlichen polnischen Präsidenten als Vermittler ein, den ehemaligen Komsomol-Mitarbeiter Aleksander Kwaśniewski, ohne auch nur im Traum an den russischen zu denken.

Putin glaubt jedoch nicht an die Zufälligkeit oder Spontaneität ­einer Revolution oder daran, dass alles von selbst geschieht unter dem Druck der erniedrigten, gebildeten Bürgerschaft. Sein Bewusstsein ist genauso konspirativ, wie es sich für einen (wenn auch glücklosen) Zögling der Geheimdienste ziemt, egal, um welche Geheimdienste es sich handelt. Wenn es eine Revolution gibt, dann muss eine dominante Macht dahinterstehen. Und eine solche Macht gibt es in der Welt heute nur eine – die USA. Man hatte ihn also erneut betrogen.

Dann stellte sich auch noch heraus, dass der überaus abstoßende Beresowski über Julia Timoschenko 38 Millionen Dollar auf dem Majdan verpulvert hatte – und nun es ging los. Die kirgisische »Tulpenrevolution« 2005 mit dem Sturz des stillen Akademiemitglieds und Alkoholikers Askar Akajew, die ebenfalls mit Geld aus Russland und von Beresowski realisiert wurde, konnte das Bild qualitativ kaum noch ändern. Tiefe Kränkung machte sich in Putins Herz breit.

Er erlebte sie auch in Kananaskis, wo er übrigens zum ersten Mal zugab, dass sich sein »Kopf sogar vor einer einzigen Fernsehkamera abschaltet« (und das hieß, WWP ist kein öffentlicher Politiker, er liebt die Macht nicht als öffentliche Funktion und findet seine PR-Verpflichtungen lästig). Und in Heiligendamm. Die Kränkung fand ihren Höhepunkt bei der Münchner Rede (2007), die viele Analytiker geradezu als Erklärung eines neuen kalten Krieges auffassten. Heilige Einfalt! Die Münchner Rede war nur eine Anklage gegen Onkelchen Westen wegen dessen Ungerechtigkeiten. Wir legen euch unsere Seele zu Füßen, sagte Putin, mit riesigen Investitionen, mit geopolitischen Zugeständnissen, die die Welt noch nicht gesehen hat, und ihr … benutzt sie als Fußabtreter, als müsse das so sein.

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