Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Schlechte Laune verbreitete meine Mutter nur kurz vor ihrer Menstruation; das geschah aber nur alle vier Wochen und dauerte meist relativ kurz. Oft fiel der hormonelle Stimmungsabfall aber schwächer aus, und ihre Freude am Leben blieb äußerlich konstant. Dafür war sie immer wieder mal schwer depressiv. Dummerweise in vollkommen unregelmäßigen Abständen — und aus» völlig unerklärlichen Gründen «sowieso. In diesen Phasen brauchte und wollte sie absolute Ruhe, man mußte sie einfach nur von allen häuslichen Pflichten befreien. Meine Mutter wurde in eine Art psychohygienische Quarantäne geschickt. Auf ihren Wunsch gab es sie sozusagen gar nicht. Wir sollten mit ihr möglichst nicht sprechen. Ihre Ärzte, die bei uns sowieso als Heilige galten, hatten es so angeordnet und uns keine Regelverstöße erlaubt. Man überließ meine Mutter also ihren Qualen, ihr Zustand galt als leicht ansteckend. Ihr Stimmungsabfall sollte höchstens» mit Verständnis begleitet «und» respektiert «werden. Dabei konnten wir gar nicht wissen, was es in Mutters Innerem zu verstehen oder zu respektieren gab. Unsere Zurückhaltung schmeckte trotzdem ganz edel.
Aufgrund dieser zeitweiligen Abschottung blieb meine Mutter von allen üblichen Aufregungen verschont, und das tat ihr offenbar wirklich gut. Nach ihrer Rückkehr unter uns Gesunde war auf einen Schlag alles wieder in Ordnung, und ich sah wieder VIEL GLANZ IN IHREM AUGE. Unsere Begeisterungsstürme über die Welt konnten wieder ausbrechen und für eine Weile andauern. Letzten Endes war meine Mutter eine ausgesprochen starke Frau. Zum Glück! Ich brauchte sie so, wie sie war, ich brauchte ihre Kraft relativ lange. Sie selbst hatte prächtige genetische Grundlagen geerbt und hatte mir einiges davon abgegeben. Daß sie die Konzentrationslager überlebt hatte, lag keinesfalls nur an Zufall und Glück, meinte sie. Meine Mutter hatte — das sind ihre Worte — Vitalreserven eines Pferdes. Leider war sie gleichzeitig ein unangenehmer Gegner und kämpfte in ihrer Not auch mit ungewöhnlich üblen Mitteln. Wenn es sein mußte, setzte sie beispielsweise schamlos — ohne mit einer einzigen Arschbacke zu zucken — ihre Durchfälle ein.
Im Zusammenhang mit den Eigenarten meiner Mutter versuchte ich darüber nachzudenken, woher der Drang nachpositiven Erregungszuständen bei uns überhaupt herrührte. Religiös waren wir alle nicht, religiös waren auch alle Schornsteinbrüder und die anderen ihrer Generation nicht gewesen. Trotzdem empfand ich unseren Willen zur Entzückung als religiös, jedenfalls als eine an die Religion angelehnte Vorgabe fürs Leben, als eine Pflicht, sich auf der Welt um jeden Preis wohl zu fühlen. Irgendwo hier wurzelt vielleicht auch die kulturelle Ächtung jeglicher Jammerei — im Leben wie in der Kunst. Das Jammern über Schicksalsschläge, unverschuldetes Pech und Ähnliches stufte ich schon immer als unanständig ein, jedenfalls wirkte es auf mich zu jeder Tageszeit lästig und störend — als würden sich Niederlagen einfach nicht gehören.
Meine frauheit-zentrierten, aber auch sachwelt-orientierten Aufwallungen von Begeisterung mündeten bei mir — egal, wie kurzzeitig und punktuell sie waren — oft unmittelbar in Verliebtheiten. Dabei waren die Übergänge von diesen diffusen Gefühlsschüben zu den konkreteren starken Liebesgefühlen mehr als fließend. Ich konnte mich während völlig unterschiedlicher Phasen meines Lebens — bitte nicht lachen — in vollkommen gewöhnliche Eckhäuser verlieben, ich konnte mich in ganze Gebäudekomplexe verlieben, wenn mir dort etwas Beglückendes widerfahren war. Ich liebte beispielsweise fünf Jahre lang ein Krankenhaus, in dem man mir einmal eine so honigsüße Narkose verpaßt hatte — die schönste Narkose meines Lebens — , daß ich lange Jahre nach einem Vorwand für eine mögliche Folgeoperation suchte. Natürlich war es für mich absolut kein Problem, mich in ganze Ansammlungen, in stark durchmischte Zusammenballungen oder sogar Großgruppen von Frauen zu verlieben — ohne weiteres in alle auf einmal. Ein Liebesgefühl entwickelte ich zum Beispiel aber auch, wenn mir auf der Straße ein verwahrlostes junges Wesen mit ebenmäßigen Gesichtszügen — ein weibliches oder männliches — aufgefallen war. Ich verliebte mich nicht unbedingt indiesen konkreten Menschen, zum Vorschein kam eher mein Wunsch, daß derjenige, der für seine innere Vollkommenheit inzwischen etwas getan hatte, auch die ihm zustehende Zuneigung und Wertschätzung bekommen sollte — von wem auch immer. Diese Gefühle galten in demselben Moment vielen anderen Lebewesen, die ich aktuell zwar nicht vor Augen hatte und mit meinen guten Wünschen nicht unmittelbar erreichen konnte, die mich aber trotzdem — telepathisch blieben wir sowieso pausenlos verbunden — um eine Art Zuspruch baten.
— Du siehst so erschöpft aus, Georg — was war heute los?
Das seltsame Pflichtgefühl, die erotisch-ästhetische Ausstrahlung eines jeden Menschen als einen Heiligenschein anzusehen und zu ehren, wurde zweifellos im Sog der Aura unserer Wohnung geformt. Auch die dort siedelnden Frauen verausgabten sich andauernd, speisten alle Bedürftigen mit einer Kraft, die woanders eher bei der Gartenarbeit verschwendet wurde. Wenn bei uns ein Handwerker zugange war, verließ er die Wohnung mit dem Lächeln eines Verliebten. Für mich waren dabei nicht nur diese Männer mit ihren affenhaft behaarten Armen immer ein Erlebnis, auch das gesprächsbedingte Aufblühen der einen oder anderen Tante zu beobachten bedeutete so etwas wie eine Übung im Menschenmögen. Ich bewunderte notgedrungen die verschiedensten Lebewesen — die agierenden wie die empfangenden — für ihren Lebensmut, und dies unabhängig davon, ob ihnen beim Glücklichwerden zu helfen war oder nicht. Oft waren sie leider dabei, mangels Weitblick eher auf ihren eigenen Untergang zuzusteuern — lieben wollte ich sie trotzdem. Häßliche Menschen liebte ich nicht unbedingt, Leichen auch nicht und Haufen von KZ-Leichen schon gar nicht. Wenn es mir sehr gut ging, gab es für mich allerdings überhaupt keine Häßlichkeit auf der Welt, gar keine abstoßenden Mißgeburten. Und wenn diese Mißgeburten sogar von innerem Leuchten erfüllt waren…So etwas wie Liebesregungen überkamen mich auch bei ungewöhnlichen Lichtverhältnissen oder beim Anblick ästhetisch anmutender, wenig beachteter Details auf den Bürgersteigen — also vergessener und an Menschen wie mich gerichteter Signalsedimente. Ich agierte lange wie ein Vorschulkind, dessen Augen notgedrungen eher Nahziele auf der Erdoberfläche anvisieren und in der Bodennähe pausenlos etwas finden. Das irgendwo am Anfang meines Lebensberichts erwähnte Erlebnis mit dem Elektrokabel fand ich seinerzeit schon, jedenfalls recht bald, etwas abnorm — ohne daß mir bei dieser Erkenntnis jemand beistehen mußte. Und es berührt mich bis heute so seltsam peinlich, daß ich jedem nur raten kann, solche Abnormitäten lieber niemandem anzuvertrauen — geschweige denn sie aufzuschreiben.
Ich näherte mich unserem Haus und sah am Zaun in einer Nebenstraße eine hochgewachsene Frau stehen, sie hatte wunderschöne lange Haare. Es dämmerte etwas. Ich wich von meinem Weg ab, machte einen Bogen, um der geheimnisvollen, am Zaun so elegant wartenden Erscheinung näher zu kommen. Ich war schon fast dabei, zu dieser Frau so etwas wie Liebe zu empfinden, bis ich feststellte, daß es dort gar keine Frau gab. Eben nur das blöde, am Zaun hängende Starkstromkabel. Ein Glück — das möchte ich an dieser Stelle anführen — , ein Glück, daß mein Vater diesen Text nicht mehr wird lesen können. Ich sehe seinen unbeirrbarironischen Augenausdruck vor mir, der mich jederzeit zum Weichkäse hätte degradieren können. Zusätzlich dachte mein Vater über mich dauernd Dinge, die von Grund auf nicht stimmten. Und seine Urteile waren so boden- und bezugslos, daß es sowieso unmöglich gewesen wäre, gegen sie anzugehen. Wenn er um besondere Ernsthaftigkeit bemüht war, irrte er besonders grotesk.