Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
Jeden Morgen fuhren Gruppen von Arsenalarbeitern zum Lido, um die Befestigungsbauten zu verstärken.
Zur Sommerszeit lag das Meer oft unbewegt und wehrte sich, unwillig seufzend, gegen den schwachen Wind. Die Wellen leckten mit gläsernen Zungen an dem weißen Sand und spielten mit «Muscheln, Holzstücken und Wasserpflanzen. Viele hundert Segel in allen Größen und Formen belebten die schillernde unendliche Wasserfläche; und die Mönche des Benediktinerklosters gingen mit Sehnsucht im Herzen am Strand spazieren, ahnten die nahen Küsten Istriens und Dalmatiens und begaben sich zur vorgeschriebenen Stunde wieder voll geheimer Traurigkeit in ihre engen, einsamen Zellen.
Wenn der Sturm das Meer peitschte, lag der Strand wie ausgestorben da. Schiffe und Barken bemühten sich, noch rechtzeitig die schützenden Buchten und Häfen zu erreichen.
Marco kannte die Geschichte der Insel aus den Erzählungen Bruder Lorenzos. Sie hat große und kleine Feste gesehen. Schon im Jahre 998, als eine starke venezianische Hotte die Dalmatiner besiegt hatte, ordnete der Doge Pietro Orseolo an, daß zur Erinnerung hier jährlich ein großes Fest gefeiert werde.
Im Benediktinerkloster ruhen seit vielen Jahrzehnten die im ersten Kreuzzug erworbenen Reliquien des heiligen Nikolaus, und jedes Jahr findet eine Wallfahrt Tausender aus Venedig, Malamocco, Pisa, Padua und entfernteren Städten zum Grabe des Heiligen statt. Die Barcarolen, Bootsbesitzer und Reliquienhändler freuen sich mehr als die Wallfahrer auf diese Zeit, in der ihre Geschäfte blühen wie noch nie.
Lange war auch die Erinnerung an die Begegnung zwischen Papst Alexander III. und Kaiser Barbarossa im Jahre 1177 lebendig. Die Festlichkeiten, die aus diesem Anlaß durchgeführt wurden, fanden Tag und Nacht kein Ende und waren nicht mit Worten zu beschreiben.
1202 aber hatte sich der Lido in ein gewaltiges Kriegslager verwandelt. Das Klirren der Rüstungen und Waffen war stärker als das Brausen des Meeres. Fast vierzigtausend Kreuzfahrer warteten ungeduldig in der sengenden Hitze auf der schmalen, öden Insel, die zu dieser Zeit von den Venezianern gemieden wurde. Nach jahrelangen Verhandlungen mit den Anführern des Kreuzfahrerheeres gab endlich der schlaue Doge Enrico Dandolo das Zeichen zum Aufbruch, nicht nach Palästina, wie der Papst es wollte, sondern nach Zara und Byzanz, wie Venedig, die mächtige Republik von San Marco, es wollte.
Große und kleine Feste hat die Insel gesehen. Lang hingestreckt liegt sie zwischen Meer und Lagune und träumt wohl zuweilen von den vergangenen glanzvollen Zeiten, träumt wie die Herzöge und Arsenalarbeiter, Bettler und Bischöfe, Glasmacher und Senatoren von einem großen, funkelnden Fest, das an Reichtum, Glanz und verführerischer Schönheit selbst den Anblick des Meeres zur Zeit des Sonnenuntergangs überstrahlt.
Marco war im vorigen Jahr mit der Mutter nach San Nicolo gefahren und hatte an der Balestra, dem Armbrustschießen der Knaben nach Scheiben und hölzernen Figuren, teilgenommen. Auch mit Paolo war er dort gewesen. Immer wieder hatte ihn das Meer verzaubert.
Die Erinnerungen und Gedanken, angeregt durch die Weite des Wassers und das Gleiten des Bootes, stiegen und sanken. Hinter ihnen lag die Piazzetta mit dem Dogenpalast und die Riva della Schiavoni, rechts San Giorgia, und vor ihnen hoben sich die Inseln um San Nicolo aus dem Wasser.
Marco spähte über die glitzernden kleinen Wellen, die Fahrzeuge aller Art umspülten: Kauf fahrerschiffe, Galeeren, Schergenboote, Barken, Fischerkähne und bedeckte Boote, die schwimmenden Häuschen glichen. Alle trafen sich auf der breiten Schiffahrtsstraße, die zu beiden Seiten von Pfählen eingefaßt war.
Ein buntes, bewegtes Bild im Sonnenschein.
Sosehr Marco auch seine Augen anstrengte, konnte er nirgends eine schwarze Barke sehen. Aber gerade das machte ihm Mut. Gab es wirklich diese seltsame Barke, so mußte sie doch zu finden sein. Er überlegte schon im voraus, was er in San Nicolo beginnen würde.
Der Barcarole schmetterte unbekümmert sein Lied über das Wasser; mühelos, wie es schien, handhabte er das lange Ruder. Er freute sich über das gute Geschäft. Selten nur gab es einen Fahrgast, der bis zum Lido wollte. Meistens mußte er sich begnügen, im Gewirr der Kanäle von Rialto umherzufahren. Nachher würde er sich wieder auf den Boden seines Bootes legen und den Himmel, das Wasser und die Mädchen besingen.
Schön war das Leben!
Eine Gruppe Lastträger und Seeleute kauerte auf dem Kai und beobachtete gespannt, wie drei Würfel über die schmutzigen Steine rollten. Nichts anderes interessierte sie. Zwei große Schiffe mit hohen Masten und ungezählte Boote und Barken lagen in der Hafenbucht. Hinter dem Mastenwald und den Tauen schimmerte das Wasser. Istrische Matrosen, die im Dienst der venezianischen Flotte standen, schlenderten durch die Gassen.
Marco sprang an Land und befahl seinem Barcarole zu warten. Er wollte einen Trödler aufsuchen, der mit Altertümern handelte und seinen festen Platz in der Nähe des Hafens hatte. Dieser kannte alle Ereignisse, die im Hafen passierten. Es machte ihm nichts aus, die ganze Nacht aufzubleiben, wenn er mit seiner feinen Nase eine Neuigkeit witterte. Da er mit den Matrosen, wenn sie von weiter Fahrt in den Hafen zurückkehrten, einen schwunghaften Handel trieb, erfuhr er manches, was gewöhnlichen Sterblichen verborgen blieb. Und seine flinke Eidechsenzunge sorgte dafür, daß jedes Ereignis schnell herumgetragen wurde. Wenn je eine schwarze Barke im Hafen von San Nicolo angelegt hätte, dann wüßte es Umberto, der Trödler.
In einer Gasse, neben dem riesigen Kessel eines Teigmachers, eingehüllt von den Rauchwolken des Holzfeuers, befand sich Umbertos Stand, ein einfaches Holzgestell, auf dem Merkwürdigkeiten aus aller Herren Länder ausgebreitet waren. Marco hörte die Worte des Trödlers, die wie aus der Armbrust geschossen hervorschnellten. Sieben, acht Männer verdeckten die kleine Gestalt mit dem braunen, faltigen Gesicht und den aufgeregten Armbewegungen. Marco sah auf den ersten Blick, daß er Geduld aufwenden mußte, bis es so weit sein würde, daß er Umberto allein sprechen könne.
Er trat näher an die Gruppe heran und wurde Zeuge eines wütenden Wortgefechtes zwischen Umberto und einem zungenfertigen Käufer. Es handelte sich um eine antike Büste, der Umberto den Namen des berühmten römischen Senators Gajus Gracchus, der vor etwa 1400 Jahren gelebt hatte, zulegte. Er schwor bei allen Heiligen, daß er den Kopf von einem Gelehrten erworben habe, der ihn verkaufen mußte, weil er Geld für seine Rückreise nach Neapel brauchte.
«Gajus Gracchus», höhnte der andere. «Wer glaubt Euch das? Ich kenne die römische Geschichte…» Er schlug sich vor die Brust. «Mich könnt Ihr nicht dumm machen, bin selber ein Gelehrter…»
«Ein Gelehrter, hört Ihr es, Brüder? Ein Gelehrter will er sein und erkennt nicht einmal das Gesicht des edlen Römers. Jedes Kind weiß es besser als er. Seht doch, diese feinen Züge, die Löckchen, die hohe Stirn…»
«Eine breite zerquetschte Nase hat Euer Kopf, seht Ihr das denn nicht? Die Kinder der Cornelia aber hatten gebogene Nasen», fiel der Zungenfertige ein.
Die Umstehenden, die nie etwas von Gajus Gracchus oder Cornelia gehört hatten, nickten zustimmend mit den Köpfen. «Wahr ist's, was er sagt», meinte einer und brachte den Trödler vollends in Wut.
Umbertos Stimme überschlug sich fast, als er antwortete: «Seht Euch nur Eure Nase an! Wo hat es so etwas schon gegeben, einen antiken Kopf nach der Nase beurteilen zu wollen? — Ein Hundefänger seid Ihr und kein Gelehrter!» Verächtlich lachend barg er die Büste an seiner Brust, als wolle er sie vor den entwürdigenden Reden des anderen schützen.